Wütend-traurige Fragen zum Gräuel der Taliban in Afghanistan: ein pazifistischer Einwurf

Woher die Waffen?

Jedes dieser Bilder von bärtigen Sandalen-Soldaten auf Mopeds oder zivilen Fahrzeugen, die stolz ihren Status mit überdimensionierten Maschinengewehren allerorten demonstrieren, macht mich unendlich traurig. Die erste Frage lautet, die in all den zahlreichen Reportagen und Analysen kaum gestellt wird: Mit welchem Geld kauften sich die Taliban die Waffen? Ihre Hauptunterstützung erhielten sie über Saudi Arabien, das einer Machterweiterung einer militant sunnitischen Richtung nicht abgeneigt ist. Damit soll auch die Macht der Schiiten – vor allem dem Iran gegenüber – eingedämmt werden. Heute können sich die Taliban als militärisch bestausgerüstete islamistische Organisation sehen, weil sie auf die Kriegsgüter der afghanischen Armee zurückgreifen können, die in den letzten Jahren mit Milliardenbeträgen von den USA finanziert worden ist. Die Frage stellt sich nun weiters: Und woher hat Saudi Arabien so viel Mittel, um die Taliban zu finanzieren? Saudi Arabiens Reichtum liegt in den Ölexporten. In den heimischen Tanks der Benzin- und Dieselautos steckt daher letztlich immer auch der Krieg und die Unterstützung terroristischer Extremismen. Der hohe Ölverbrauch führt nicht nur zur Erderhitzung, sondern spielt auch den Terrorbanden der Taliban die Waffen in die Hände.

Damit sind wir zweitens bei den Waffen und Kriegsgeräten. Es ist nicht anzunehmen, dass die Waffen in Afghanistan oder gar von den Taliban selbst gebaut werden. Im Gegenteil: Die größten Profiteure sind stets die Produzenten und Händler von Kriegsmaterialien – aus Europa, China, den USA oder Russland. Die so einfache Rechnung lautet: Würde endlich der internationale Waffenhandel verboten, würde die Produktion von Kriegsmaterialien eingestellt – es gäbe keine kriegerischen Auseinandersetzungen mehr. Die verbliebene Bereitschaft zu Gewalttätigkeiten könnte durch polizeiliche Maßnahmen eingedämmt werden.

Militär bringt keinen Frieden

Allein die USA hat in den letzten 20 Jahren bis zu 4 Billionen US-Dollar in Afghanistan und den beiden benachbarten Ländern Pakistan und Iran für ihre militärischen Maßnahmen ausgegeben. Die indirekten Kosten, die damit verbunden sind, Zahlungen für Kriegsveteranen, wirtschaftliche Verluste oder vor allem die hohen Zinslast, sind damit nicht eingerechnet. Es ist eine Zahl mit 12 Nullen. Unvorstellbar. Wie viel wurde investiert, um zivile Fachkräfte für den Demokratieaufbau zu engagieren, für entwicklungspolitische oder vertrauensbildende Maßnahmen? Jeder getötete Zivilist in Afghanistan hat das blindwütige Treiben der Taliban nur genährt. Schätzungen zufolge kamen in diesen Kriegen mehr als 360 000 Menschen ums Leben, darunter 225 000 Soldaten und 137 000 Zivilisten. Fast acht Millionen wurden zudem vertrieben. Daraus kann kein Frieden wachsen.

Wesensmitte des Islam

Es bräuchte endlich den weltweiten Aufschrei in der islamischen Welt – viel lauter als bisher. Das Wüten der Taliban ist ein Verrat am Islam. Jede Gewalt an Frauen, jedes öffentliche Auspeitschen oder gar eine Steinigung, jede abgehackte Hand eines Diebes, jede Exekution, jede Diskriminierung von Homosexuellen ist im Widerspruch zum friedlichen Charakter des Islam. Wann wird endlich der saudische Schutzschirm über die Taliban abgebaut und wann findet das saudische Königshaus Worte und Taten, die eine Kurskorrektur im Nahen und Mittleren Osten einläuten könnte.

Nothilfe

Heute aber – in dieser Schreckenszeit, mit all den Bildern von verzweifelten Flüchtlingen – sind vor allem die Regierungen und internationale Organisationen herausgefordert, zu helfen zu helfen zu helfen. Das betrifft auch Österreich und seine Einbindung in die EU. Noch findet die türkise Regierungsmannschaft keine anderen Töne, als an einer möglichen Abschiebepraxis nach Afghanistan festzuhalten. Das macht mich zornig und wütend.

Klaus Heidegger, 17. August 2021

Kommentare

  1. Gute Analyse zum Hintergrund von Bewaffnungen. Und immer wieder die Feststellungen zur Rolle von Saudiarabien.
    Dort ist auch eine Niederlassung des deutschen Rüstungskonzerns „Rheinmetall“ , und es wird aus dieser Quelle in „alle Welt“ geliefert. Es ist auch die Frage nach der Verflochtenheit Pakistans mit den westlichen Staaten , den NATO- Ländern, auch der BRD.
    Ja, die alte Forderung der Friedensbewegungen nach dem Stopp aller Waffenlieferungen und der Billionen verschlingenden Waffenproduktionen über mindestens ein Jahrhundert muss immer wieder aktuell aufrecht erhalten bleiben. Unsere am Abgrund stehende Welt ist erst recht nicht durch immer mehr und hochtechnisierte Waffen zu retten…

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