Bergwelten zwischen Lüsens und Franz Senn Hütte: Schafgrübler, Rinnenspitze, Lisenser Spitze

Die Bergwelt hinten im Lüsenstal ist mir von den Skitouren im Winter vertraut; vor allem der Lüsener Fernerkogel mit seiner Mauer und dem Gletscherbecken dahinter, auf dem ich auch in diesem Winter mehrmals unterwegs war. An diesem Sommer-Wochenende habe ich Gelegenheit, mit einer Gruppe vom Alpenverein Hall einmal ohne winterliche Pracht und ohne Tourenski diese Gegend zu erleben. Das Wetter verspricht eine Mischung von sicherem Wetter am ersten Tag und einem Wettereinbruch am darauffolgenden Tag. Auf den ersten Metern wird klar: wir sechs sind eine starke Gruppe, die zusammenpasst und mit guter Führung ist, die sich spontan auf die Wetter- und Bergverhältnisse sowie die Gruppe einlässt. Ich fühle mich in dieser Gruppe wohl.

Von Lüsens geht es auf steilem Steig zunächst über Bergwiesen und dann Geröll und Schutt hinauf zum Horntalerjoch (2812). Am Joch angekommen, sehen wir nun die andere Seite, das Oberbergtal mit dem Parkplatz in Oberiss und den Bergkamm im Süden der Franz-Senn-Hütte. Einmal donnern Steine von der mächtigen Hohen Villerspitze. Da möchte ich sicher nicht hinauf. Der Schafgrübler ist mir lieber. Der Steig hinauf über den Ostgrat ist gut markiert und ohne Schwierigkeiten. Auf 2922 Meter steht ein durchlöchertes wackeliges Holzkreuz. Es erinnert an das Pektorale von Bischof Hermann und ich merke, wie sich in mir die philosophisch-theologischen Geistesmühlen wieder drehen. Die Löcher im Kreuz, so hat es damals Bischof Hermann erklärt, stehen für die Verwundungen in unserem Leben und das Fragmentarische, auch dafür, dass sich Gott ganz besonders in den Verwundungen der Lebenswelten zeigt. Das Blau des Himmels schimmert heute durch die Löcher des Kreuzes. Die schweren Rucksäcke mit dem Hochtourenequipment ließen wir am Joch. Mit Blick auf die Lüsener Bergriesen lassen sich Ziele für die morgige Hochtour ausmachen. Danach den Steig hinunter in südlicher und westlicher Richtung. Ein fettes Murmeltier lässt sich von uns kaum stören. Viel mehr gefährdet sind die Murmeltiere durch die Klimaveränderung. Wenn es zu heiß ist, müssen sie in den Bau zur Kühlung und haben zu wenig Zeit, um sich Futterreserven für den Winter anzulegen. Die Bergblumen sind einzigartig. Fauna und Flora sind an diese Hochgebirgsregion angepasst. Manchmal lasse ich beim Gehen meine Hände von den Halmen streicheln. Besonders schön blühen momentan blau-violett die Glockenblumen. Am ausgeprägtesten und kräftigsten wuchern teils recht hohe Disteln.

Kurz vor der Franz-Senn-Hütte, es ist schon später Nachmittag, entscheiden wir uns noch zu zweit auf die Rinnenspitze zu gehen. Die Einsamkeit, die wir am Schafgrübler hatten, ist verschwunden. Dutzende Menschen kommen uns entgegen. Es ist gut, dass wir so spät dran sind – so wird uns der Gipfel fast allein gehören. Vorbei am Rinnensee, hinauf in die steiler werdenden Schotterfelder und dann auf den Grat hinaus. Unter uns liegt der Lüsener Ferner und die Berge dahinter mit Hinterer Brunnenkogel und Lüsener Fernerkogel sind ganz nahe. Ausgesetzt aber gut versichert mit Haken, Klammern und Stahlseil an den schwierigen Passagen geht es zum Gipfelkreuz. (3003 M) Eine Stunde und 15 Minuten brauchten wir von der Sennhütte weg, insgesamt waren es heute fast 2100 Höhenmeter. Dankbar für das 360-Grad-Bergpanorama und den Blick hinunter auf den tief-türkis-grünen Rinnensee und hinüber zum Alpeiner Ferner und den mächtigen Gipfel der Ruderhofspitze und des Schrankogels, dankbar besonders auch für gemeinsames Unterwegssein.

Die Franz-Senn-Hütte (2147m) ist mehr schon Großhotel als Hütte, auch wenn sie von außen die klassische Form einer Alpenvereinshütte hat. Im Bach dahinter mit dem Gletscherwasser noch kurzes Kneipen. Das Bier, das Essen, das Zimmer – inmitten der Bergwelt, die Gemeinschaft und Freundschaft – und dann die Sterne – reich beschenkt, lässt vergessen die Tragödien, die es in dieser Welt gibt, und die unerfüllten Träume und die Heimatlosigkeiten.

Regentropfen begrüßen uns gleich am Sonntag-Morgen. Wolkenverhangen sind die Berge. Wir haben gut und bereits um halb sechs gefrühstückt. Es geht hinauf zum Rinnensee, der heute mehr Aufmerksamkeit erhält als gestern. Die Alpeiner Berge spiegeln sich im türkisen Wasser. Eine Kröte zeigt, dass selbst hier, auf 2648 M, Leben möglich ist. Es geht dann – immer steiler werdend – hinauf zum Rinnenieder (2899), einem direkten Übergang zum Lüsener Ferner, der knapp darunter liegt. Nebelschwaden und feucht-kalter Wind bläst da oben. Am Ferner ziehen wir die Steigeisen an. Unser Ziel ist die Lisenser Spitze. Es ist ein Gefühl, als würde der Gletscher unter dir zusammenschmelzen. Unzählige kleine Wasserläufe rinnen über das grau-braun gefärbte Gletschereis, manche sind schon zu kräftigen Bächen geworden, die Eisskulpturen in die Eismasse geformt haben. Der Regen wird kräftiger. Der Gipfel (3230) ist nach einem steilen Firnfeld und leichter Kletterei über loses Schuttwerk und jetzt nasse Felsen aber schnell erreicht. Sicht haben wir keine, aber das alleine zählt ja nicht.

Wieder zurück über den Gletscher, über die kleinen Gletscherbäche und Wasserläufe zum Gletscherabbruch und zum Abstieg über die Mauer, die von der Kante bis zum Fernauboden 1000 Meter hoch ist. Es ist kaum 100 Jahre her, da war diese markante Wand noch mit Eis bedeckt. Einen Teil über den Gletscherschliff gehe ich gleich zweimal auf der Suche nach dem verlorenen Pickel. Der Pfad auf so manchem Moränenrücken und durch grasige Steilflanken hinunter ist gut markiert – es heißt vorsichtig gehen, weil die Nässe alles aufgeweicht und rutschig gemacht hat. Ohne Markierungen wäre es wohl schwer, überhaupt einen Durchstieg zu finden. Eine neue Steiganlage mit Hängebrücke, Leitern und Seilversicherungen führt dann entlang von einem Wasserfall hinunter nach Lüsens. Auf der anderen Seite des Sellraintales ragt der Weissstein und der Rosskogel zwischen den Wolken heraus. Es ist kaum zwei Monate her, da stand ich auch mit einer AV-Hall-Gruppe auf diesen Gipfeln. Die Bedienung im Gasthaus in Lüsens ist freundlich, der Kaffee ist super – und Gemeinschaft klingt aus. Die Umarmung von Bergen schenkt heilende Umarmung.

 

 

Kommentare

  1. Lieber Klaus, du hast unser gemeinschaftliches Wochenende in schönen und authentischen Worten zusammengefasst – wunderbar geschrieben – danke! Können wir diesen Touren Erich in Kurzfassunf für die nächste AV-Zeitung verwenden? Ganz liebe Grüße, Maria

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