{"id":10028,"date":"2024-03-26T05:10:09","date_gmt":"2024-03-26T05:10:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=10028"},"modified":"2026-02-02T20:18:33","modified_gmt":"2026-02-02T20:18:33","slug":"gnadenhaftigkeit-inmitten-von-erbsuendenhaftigkeit-zum-fest-mariae-verkuendigung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=10028","title":{"rendered":"Gnadenhaftigkeit inmitten von Erbs\u00fcndenhaftigkeit: Zum Fest Mari\u00e4 Verk\u00fcndigung"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Der 25. M\u00e4rz und der Beginn einer Schwangerschaft<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Datum, der 25. M\u00e4rz, erinnert daran: In 9 Monaten wird Weihnachten sein. Da die Geburt Jesu biologisch gesehen kein medizinisches Wunder ist, ist 9 Monate davor eben das Ereignis, in dem seine Mama Mirjam aus Nazareth schwanger wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Textkritische Ann\u00e4herung an die lukanische Verk\u00fcndigungsgeschichte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kaum eine Stelle im Evangelium ist so bedeutsam und zugleich so voller Fragen und birgt so viel Potenzial f\u00fcr Widerspruch und Missverst\u00e4ndnisse wie die Verk\u00fcndigungsszene aus der Kindheitsgeschichte des Lukasevangeliums. Wie wurde Maria schwanger? Was bedeutet das Dogma der Jungfr\u00e4ulichkeit in diesem Kontext?<\/p>\n\n\n\n<p>Eine erste Hilfe, um sich mit Logik, Vernunft und zugleich Lebenserfahrung dieser Stelle zu n\u00e4hern, ist eine exegetische Textkritik. Die Kindheitsgeschichte bei Lukas will kein historischer Bericht sein, sondern ist eine mythisch-legendarische Glaubensgeschichte mit einem besonderen historischen Kern, der in Bilder und Symbole verpackt ist und mit Codes versehen wurde, die es zu entschl\u00fcsseln gilt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sozialhistorische Verankerung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Historisch ist die Tatsache, dass Jesus mit seinen J\u00fcngerinnen und J\u00fcngern eine Bewegung ausgel\u00f6st hat, in der begreifbar wurde, wie das im Judentum erwartete messianische Reich funktionieren k\u00f6nnte: Indem die Armen und Verarmten in den Mittelpunkt gestellt werden und ein gro\u00dfes Teilen beginnt, indem die Kranken durch menschliche N\u00e4he Heilung erfahren, indem Feinde nicht mehr bek\u00e4mpft, sondern zu Freunden gemacht werden, indem den M\u00e4chten der Gewalt widerstanden wird und auf g\u00f6ttliche Kraft gesetzt wird. All dies wurde nach dem Tod und in der Zeit der Abfassung der Evangelien im Urchristentum erfahren. Diese Erfahrung wiederum wird gekleidet in Bilder und Symbole, die in der damaligen religi\u00f6sen und politischen Sprache g\u00e4ngig waren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Maria und ihre Jungfr\u00e4ulichkeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nur wenn wir die Bezeichnung \u201eJungfrau Maria\u201c in einem biologischen Sinne missverst\u00fcnden und damit die theologische Bedeutsamkeit von diesem Mythos nicht erkennen w\u00fcrden, h\u00e4tten wir Probleme damit, dem Josef und der Maria auch weitere Kinder zuzugestehen. Dann w\u00e4ren wir verleitet, dem leib-, eros- und sexualfeindlichen Trend zu folgen, Maria als \u201ereine Magd\u201c zu sehen und diese \u201eReinheit\u201c als biologische Jungfr\u00e4ulichkeit zu definieren. Dann aber folgten wir dem apokryphen Narrativ, uns Josef als alten Mann vorzustellen, der aus einer fr\u00fcheren Ehe schon Kinder mit in die neue Beziehung mit Maria gebracht habe. Nichts von dem aber steht in den Evangelien. Es scheint, dass sich gerade mit Blick auf die Familiengeschichte Jesu das apokryphe Jakobusevangelium, das das Narrativ vom alten Josef erfunden hat, weiterhin mehr im Volksglauben festgemacht hat, als eine von Leibfeindlichkeit befreite historisch-kritische Exegese der Evangelien, die gerade in Bezug auf die ersten Lebensjahre Jesu und die Kindheitsgeschichten selbst schon wieder theologisch verpackte und gef\u00e4rbte Historie sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Auslegungstradition, Maria in ihrer biologischen Jungfr\u00e4ulichkeit zu konstruieren, ist lange. Da sind die einen, die die Worte Marias in der Verk\u00fcndigungsszene \u201ewie soll dies geschehen, da ich keinen Mann erkenne\u201c in einer Weise interpretieren, dass Maria immer schon biologisch-jungfr\u00e4ulich leben wollte. Dies w\u00fcrde jedenfalls ideal zur gnostisch-manich\u00e4ischen Leibfeindlichkeit passen, wohl nicht aber zur hohen Wertsch\u00e4tzung einer ganzheitlichen j\u00fcdischen Ehe. Eine bewusst gew\u00e4hlte Ehelosigkeit als Lebensform war im Judentum keine religi\u00f6se Lebensform.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine andere Interpretation deutet die Jungfr\u00e4ulichkeit \u2013 auch in ihrer sexuellen Dimension \u2013 als Art und Weise, wie sich Maria so ganz f\u00fcr die Hingabe an Gott entschieden h\u00e4tte. Das entspricht jener Denkrichtung, die auch zu Begr\u00fcndungen f\u00fcr das Z\u00f6libat f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Blick auf die Erfahrungen von liebender Partnerschaft, auf die wechselseitigen ganzheitlichen Erfahrungen in auch sexuell und erotisch gelebten st\u00e4rkenden Beziehungen \u2013 k\u00f6nnen wir heute wohl zuerst formulieren, was \u201eHingabe an Gott\u201c bedeutet: Wo sich zwei Menschen in Liebe und gegenseitiger Hingabe \u2013 verstanden als Dienst \u2013 begegnen, dort geschieht gerade auch die Hingabe an Gott, wenn dieses G\u00f6ttliche nicht mehr in eine fern-jenseitige Himmelswelt projiziert und transzendiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der uralte Mythos vom Gottessohn<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Mythos von der Geburt eines Gottessohnes aus einer Jungfrau war besonders im religi\u00f6sen Umfeld zur Zeit der Abfassung der Evangelien gel\u00e4ufig. R\u00f6mische Kaiser \u2013 unter anderem Kaiser Augustus \u2013 sollen unter jungfr\u00e4ulichen Bedingungen geboren worden sein. Dasselbe wurde auch bei \u00e4gyptischen Pharaonen gesagt. Wenn nun in den Evangelien von \u201eJungfrau\u201c gesprochen wird, dann wollen sie sagen: Dieser Jesus ist Gottes Sohn. Die Jungfrauschaft Marias verweist auf Jesus. Mit anderen Worten: Maria ist so bedeutsam, weil dies Jesus war.<\/p>\n\n\n\n<p>Darin liegt zugleich eine radikale Herrschaftskritik: Nicht der m\u00e4chtige Kaiser Augustus ist der legitime Herrscher und Beherrscher der Welt, sondern der messianische Neubeginn liegt in Jesus und seiner Bewegung. Daher beginnt die legendarische Geburtsgeschichte Jesu auch mit den Einleitungsworten \u201eIn der Zeit, als Kaiser Augustus \u2026\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Jesus und seine \u201eGeschwister\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nicht weil es zun\u00e4chst in der Bibel steht, sondern weil es menschlich-physisch-psychologisch und soziokulturell-historisch sowie religi\u00f6s-theologisch begr\u00fcndbar ist, d\u00fcrfen wir uns vorstellen, dass Maria und Josef als typisches j\u00fcdisches Paar, die sich liebten, die sich wertsch\u00e4tzten, die f\u00fcreinander Sorge trugen, auch noch mehrere Kinder gemeinsam gehabt haben k\u00f6nnten. Es sei hier als M\u00f6glichkeit in den Raum gestellt, nicht aber als apodiktische Behauptung. So ist es nicht verwunderlich, wenn sowohl im Markusevangelium (Mk 6,3) als auch im Matth\u00e4usevangelium (Mt 13,55f) Jakobus, Joseph, Judas und Simon als Br\u00fcder Jesu namentlich genannt und weitere Schwestern erw\u00e4hnt werden. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte auch argumentiert werden, dass im Orient der Gebrauch von \u201eadelphoi\u201c (Br\u00fcder) sich auch auf Cousins oder andere Verwandte beziehen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Jungfr\u00e4ulichkeit als Mythos und nicht als biologisches Konstrukt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir es also wagen, uns Josef als jungen Mann vorzustellen, der Maria liebte, und nicht im Stande des Konstrukts einer \u201eJosefsehe\u201c, in der es keine geschlechtliche Liebe gibt, dann beginnen wir Sexualit\u00e4t als Geschenk des G\u00f6ttlichen integral zu sehen und dies auch mit dem Leben und der Botschaft Jesu in Verbindung zu bringen. Wenn wir uns Josef als knapp Zwanzigj\u00e4hrigen, nicht aber als Siebzigj\u00e4hrigen vorstellen, dann m\u00fcssen wir nicht herumt\u00fcfteln, ob die im Evangelium genannten Br\u00fcder nun Cousins von Jesus waren oder Br\u00fcder in einem geistigen Sinne oder eben Halbbr\u00fcder Jesu aus einer vorherigen Ehe des Josef.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir ist ein anderer Blickwinkel entscheidend. Vielleicht hat Jesus gerade von Josef und seiner Mutter Maria und in deren ganzheitlicher Verbindung gelernt und erfahren, was Liebe ist \u2013 und daher auch, was g\u00f6ttliche Gegenw\u00e4rtigkeit bedeutet. So kann der Mann Josef in seiner ganzen M\u00e4nnlichkeit, aus der die Sexualit\u00e4t nicht weggedacht wird, als Liebhaber, als z\u00e4rtlicher Vater und starker Rebell, als Erzieher seiner Kinder, als Fl\u00fcchtling und gesetzestreuer Jude ganz neue Bedeutung gerade f\u00fcr M\u00e4nner und Burschen bekommen. Er wird zum Patron f\u00fcr Verliebte wie f\u00fcr Ehem\u00e4nner bei ihrem Versuch, in ihren z\u00e4rtlichen Beziehungen und Partnerschaften ein St\u00fcck des Himmels zu erfahren und zu leben. Vielleicht freilich eignet sich Josef dann weniger als Identifikationsfigur f\u00fcr z\u00f6libat\u00e4r lebende M\u00e4nner, die zu sehr das Lehramt der Kirche in den vergangenen Jahrhunderten pr\u00e4gten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vier Dogmen \u00fcber Maria<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Laufe des Kirchenjahres gibt es in der katholischen Kirche die vier gro\u00dfen Marienfeste, die jeweils eine andere Lehraussage beinhalten, die doch wieder aufeinander bezogen sind: am 1. J\u00e4nner wird Maria als \u201eMutter Gottes\u201c gefeiert. Am 25. M\u00e4rz die Verk\u00fcndigung. Maria als \u201eJungfrau\u201c. Am 15. August die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel. Am 8. Dezember das Fest der \u201eunbefleckten Empf\u00e4ngnis Marias\u201c, also die Glaubensaussage, wie Anna, die Mutter Marias, schwanger wird und damit ein radikaler Neubeginn geschehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Unbefleckt Empfangene<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auch das Hochfest der \u201eunbefleckt empfangenen Jungfrau und Gottes Mutter Maria\u201c will keine biologische Ansage sein. Wenn Maria als \u201eunbefleckt Empfangene\u201c verehrt wird, dann bedeutet dies, dass mit ihrem Engagement und ihrer Liebe und mit Josef an ihrer Seite eine andere Welt m\u00f6glich gemacht wurde, dass wir mit Gottes Hilfe ausbrechen k\u00f6nnen aus den teuflischen Spiralen, dass wir uns befreien k\u00f6nnen von den Zw\u00e4ngen, dass Gewalt nicht mit Gewalt zu beantworten ist, dass Feindschaft mit Vergebung und Vers\u00f6hnung aufgel\u00f6st werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Leiblich in den Himmel aufgenommen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Begriff Leib weist uns auf die Einheit von K\u00f6rper \u2013 Seele \u2013 Geist hin, weil Leib immer mehr besagt als eine k\u00f6rperlich-materielle Seite. Alle drei Dimensionen des Personseins werden in ihrer Bezogenheit aufeinander angesprochen. Im Dogma von der leiblichen Aufnahme hat die katholische Kirche damit dem Leiblichen \u2013 und eben damit auch dem K\u00f6rperlichen \u2013 eine hohe Wertigkeit zugesprochen. Das ist ein so notwendiger Kontrapunkt zu den Jahrhunderten von k\u00f6rper-, leib- und erosfeindlichen Positionen, die sich durch bestimmte griechisch-r\u00f6mische Philosophien in der Lehre und Praxis der Kirchen breit gemacht hatten. Der ganze Leib \u2013 damit auch der K\u00f6rper und wesentlich damit auch die Sexualit\u00e4t \u2013 wird in ein himmlisches Heilsgeschehen mithineingenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als in den Himmel Aufgenommene \u00f6ffnet Maria den Blick in die Himmel, ohne diese Welt zu vergessen. Das Aufgenommen-in-den-Himmel lenkt nicht ab vom Irdischen, sondern l\u00e4sst die Himmel im Hier und Heute erkennen, l\u00e4sst danach sehnen, dass ein St\u00fcck des Himmels auch lebendig wird, wo ich lebe. Mit Haut und Haaren \u2013 so hei\u00dft es im Dogma \u2013 mit der ganzen Leiblichkeit. Zu Maria passt kein manich\u00e4isches Trennen von Geist und Leib, kein gnostisches Verachten all dessen, was mit K\u00f6rper verbunden ist. Das Fest der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel ist daher auch eine Ansage gegen leibfeindliche Interpretationen der anderen Mariendogmen und taugt als politisches Programm gegen all die Vertr\u00f6stungen und Weltfl\u00fcchte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Befreiter Eros<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mag sein, dass meine Positionierung etwas deutlicher ausf\u00e4llt, weil ich so oft in Alltagsgespr\u00e4chen und davor als Religionslehrer mit den Vorurteilen konfrontiert wurde, die katholische Kirche sei gegen Sexualit\u00e4t und w\u00fcrde die erotischen Kr\u00e4fte verteufeln. In regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden wird diese Sichtweise durch Meldungen leider auch bekr\u00e4ftigt. Da denke ich an die Verrenkungen, die sich rund um die kirchlichen Positionierungen zur Homosexualit\u00e4t geschehen. Um es mit einem Wort von Martin Lintner zu sagen: Es ist in vielerlei Hinsicht notwendig, dass in kirchlicher Verk\u00fcndigung der Eros \u201eentgiftet\u201c wird und vielmehr auch als Geschenk des G\u00f6ttlichen begriffen werden kann: auch am Fest Mari\u00e4 Verk\u00fcndigung.<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Heidegger, zum Hochfest Mari\u00e4 Verk\u00fcndigung, 25.3.2024<\/p>\n\n\n\n<p>\ufeff<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der 25. M\u00e4rz und der Beginn einer Schwangerschaft Das Datum, der 25. M\u00e4rz, erinnert daran: In 9 Monaten wird Weihnachten sein. Da die Geburt Jesu biologisch gesehen kein medizinisches Wunder ist, ist 9 Monate davor eben das Ereignis, in dem seine Mama Mirjam aus Nazareth schwanger wird. 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