{"id":10193,"date":"2024-05-16T11:25:04","date_gmt":"2024-05-16T11:25:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=10193"},"modified":"2026-01-30T15:34:35","modified_gmt":"2026-01-30T15:34:35","slug":"beten-und-kaempfen-mit-beten-der-gewalt-begegnen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=10193","title":{"rendered":"\u201eBeten UND K\u00e4mpfen\u201c: Mit Beten der Gewalt begegnen"},"content":{"rendered":"\n<p>A<strong>nlass f\u00fcr einen differenzierten Diskurs \u00fcber das Gebet<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eK\u00e4mpfen oder beten f\u00fcr den Frieden: Soldatin trifft Pazifist in \u201aBrennpunkt \u00d6sterreich\u2018\u201c. So lautet die \u00dcberschrift in einem Artikel im STANDARD vom 16. 5. 2024. So k\u00f6nnten auch einige Aussagen gedeutet werden, die in dieser Reportage meinem Impuls, f\u00fcr den Frieden zu beten, entgegnet werden. Die Sendung selbst bietet da keinen Raum, um sich differenzierend \u00fcber das Wesen des Gebetes auszutauschen. In einem ORF-Teaser zur Sendung wird die Frage gestellt: \u201eUnd reichen Gebete, um Konflikte zu l\u00f6sen?\u201c Eine Ukrainerin sagt in einem Gespr\u00e4ch, das in der Sendung vorkommt: \u201eGebet hilft uns nicht\u201c und meint zugleich \u201ewir brauchen viel mehr Waffen\u201c. Und \u00e4hnlich formulierte es die Milizsoldatin Lisa, dass wir \u00d6sterreich nicht mit Gebet verteidigen k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gebet als weltfremde und naive Wunderwaffe?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Meist wird im herrschenden Diskurs sowohl von fundamentalistischen Kr\u00e4ften in den Religionen als auch von jenen \u2013 sich als aufgekl\u00e4rt gebenden Personen \u2013 das Gebet und Beten wie ein Verlassen auf magisch g\u00f6ttliche Kr\u00e4fte gesehen, die fern von menschlichem Tun zu wirken beginnen. Es ist eine Gebetsinterpretation, die darauf gr\u00fcndet, dass man einen Gott anbete, der kraft seiner Allmacht selbst naturgesetzliche Gegebenheiten sprengen k\u00f6nnte. Man schafft sich gedanklich einen Gott, den man nur fest bitten m\u00fcsste, damit er die \u00dcbelt\u00e4ter in die Schranken weise. Mit solchem ideologischen Hintergrund \u00e4u\u00dfern sich gebetsskeptische Menschen entweder in bei\u00dfendem Zynismus oder verst\u00e4ndnisloser Ironie, wenn ich die Kraft des \u201eBetens f\u00fcr den Frieden\u201c ins Gespr\u00e4ch bringe. In einem mangelnden Verst\u00e4ndnis, was in einem aufgekl\u00e4rten Verst\u00e4ndnis Gebet bedeutet und bewirkt, hei\u00dft es dann plakativ und plump: \u201eBeten oder k\u00e4mpfen!\u201c Mit solcher Dichotomisierung, die letztlich auf einem mangelnden Verst\u00e4ndnis von der Natur des Gebetes aufbaut, f\u00fchlt man sich dann moralisch leicht auf der Seite der K\u00e4mpfenden besser, wenn es gilt, gegen Unrecht und Unterdr\u00fcckung aufzustehen und Gewalt in die Schranken zu weisen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gebet als Kraftquelle f\u00fcr gewaltfreien Einsatz gegen Gewalt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das \u201eBeten f\u00fcr den Frieden\u201c sieht anders aus und erlebe ich so anders und weit vielschichtiger. Ich k\u00f6nnte auf die Lebenszeugnisse aller gro\u00dfen Vorbilder der Gewaltfreiheit verweisen und k\u00e4me immer zum gleichen Ergebnis: Weil Abraham in seiner v\u00e4terlichen Verzweiflung zu JAHWE betete, befreite ihn JAHWE von dem Wahn, eine Gewalttat an seinem eigenen Sohn zu begehen. Weil Hagar in ihrer \u00e4u\u00dfersten Not zu El-Roi, zu \u201cGott, die sieht\u201c flehte, sch\u00f6pfte sie wieder Mut aufzustehen. Erst aus der Begegnung von JAHWE und in der Erfahrung des brennenden Dornbusches sp\u00fcrte Mose die Kraft, in Verhandlungen mit dem Pharao zu treten und dann gemeinsam mit seiner Schwester Mirjam den Ausbruch aus dem Sklavenhaus zu wagen. All diese Verdichtungen f\u00fchren zu Jesus, der aus der Kraft des Gebetes heraus bis zum Tod am Kreuz die von ihm proklamierte Feindesliebe durchhielt. Die ganze Welt kennt den erfolgreichen antikolonialen Kampf Gandhis. Weniger vertraut ist es, dass Gandhi immer wieder davon schrieb, im und durch das Gebet die Quelle f\u00fcr seinen Satyagraha-Kampf zu finden. Hunderte Zitate lie\u00dfen sich hier anf\u00fchren. So schrieb Gandhi:&nbsp; \u201cBut God does not come down in person to relieve suffering. He works through human agency. Therefore, prayer to God to enable one to relieve the suffering of others must mean a longing and a readiness on one&#8217;s part to labour for it.\u201d Dass Gebet kein billig-passives Die-H\u00e4nde-in-den-Scho\u00df-Legen und kein faules Abwarten ist, zeigt uns Martin Luther King und die B\u00fcrgerrechtsbewegung. Wer so wie MLK betete, hatte Kraft, sich an Sit-ins zu beteiligen, hatte Mut zum Busboykott oder beteiligte sich an den gro\u00dfen Demonstrationen: \u201eEternal God, out of whose mind this great cosmic universe, we bless you. Help us to seek that which is high, noble and good.&nbsp;Help us in the moment of difficult decision.&nbsp;Help us to work with renewed vigor for a warless world, a better distribution of wealth, and a brother\/sisterhood that transcends race or color.\u201d Ich k\u00f6nnte nun auf all die Glaubenszeuginnen und Glaubenszeugen in der Schreckensherrschaft des Zweiten Weltkrieges verweisen, die betend im Widerstand gegen den Nationalsozialismus waren, die wie Franz J\u00e4gerst\u00e4tter aus dem Gebet heraus den Fahneneid verweigerten oder wie Sophie Scholl dem \u00fcberm\u00e4chtigen Naziregime trotzten. In ihrer so einfachen und klaren Sprache schrieb sie immer wieder \u00fcber die Kraft, die sie aus dem Gebet erhielt: \u201eIch habe mir vorgenommen, jeden Tag in der Kirche zu beten, damit Gott mich nicht verlasse. Ich kenne Gott ja noch gar nicht und begehe sicher die gr\u00f6\u00dften Fehler in meiner Vorstellung von ihm, aber er wird mir das verzeihen, wenn ich ihn bitte. Wenn ich ihn von ganzer Seele lieben kann, dann werde ich meinen schiefen Blick verlieren. Wenn ich die Menschen um mich herum sehe, und auch mich selbst, dann bekomme ich Ehrfurcht vor dem Menschen, weil Gott seinetwegen herabgestiegen ist.\u201c Legend\u00e4r wurden die Friedensgebete in den 80er Jahren in den St\u00e4dten der DDR. Vom Gebet in den Kirchen von Leipzig oder Dresden gingen die Montagsdemonstrationen aus. Am Ende stand der Fall der Berliner Mauer. Dicke B\u00fccher k\u00f6nnte ich jedenfalls f\u00fcllen mit all den Beispielen, wie Gebet die Welt ver\u00e4ndern kann, wie es Kraft gibt, der Gewalt gewaltfrei zu begegnen. Wer behauptet, Beten helfe nur den Unterdr\u00fcckern, wer Beten als Flucht vor der Wirklichkeit bezeichnet, wer Beten und K\u00e4mpfen als widerspr\u00fcchliche Haltungen definiert, hat oder will nicht verstehen, was Gebet wirklich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>An all diesen Erfahrungen kann ich auch in meiner eigenen Friedensarbeit ankn\u00fcpfen. Als wir in den 80er-Jahren in den Zeiten der NATO-Nachr\u00fcstung mehrmals ein Hungerfasten durchf\u00fchrten, verbanden wir dies mit dem Gebet. Viele Jahre bildeten wir w\u00f6chentlich in der Innsbrucker Altstadt vor dem Goldenen Dachl einen Schweigekreis gegen Krieg und Militarismus. Es war ein schweigendes Gebet im \u00f6ffentlichen Raum mit klarer politischer Botschaft. Immer wieder konnte ich in meiner Zeit in Wien \u2013 vor allem in der Kirche des Helvetischen Bekenntnisses in der Wiener Innenstadt &#8211; Friedensgebete organisieren: gegen die beiden Kriege am Golf, gegen die kriegerischen Auseinandersetzungen. Es waren Gebete, um angesichts der Kriegswirklichkeiten nicht zu verzagen, um selbst aktiv zu werden. So konnte ich beispielsweise mit einer kroatisch-serbischen Friedensgruppe in einem Luftschutzbunker beten, w\u00e4hrend drau\u00dfen Luftalarm war.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Friedensgebet im Geiste des Heiligen Franz von Assisi dr\u00fcckt aus, worin der Sinn des Friedensgebetes besteht. Indem ich mich auf das Gebet einlasse, werde ich selbst zum \u201eWerkzeug\u201c eines absolut gewaltfreien Engagements:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHerr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,<br>dass ich liebe, wo man hasst;<br>dass ich verzeihe, wo man beleidigt;<br>dass ich verbinde, wo Streit ist;<br>dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;<br>dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;<br>dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung qu\u00e4lt;<br>dass ich Licht entz\u00fcnde, wo Finsternis regiert;<br>dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt. (\u2026)\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Heidegger, 16.5.2024<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anlass f\u00fcr einen differenzierten Diskurs \u00fcber das Gebet \u201eK\u00e4mpfen oder beten f\u00fcr den Frieden: Soldatin trifft Pazifist in \u201aBrennpunkt \u00d6sterreich\u2018\u201c. So lautet die \u00dcberschrift in einem Artikel im STANDARD vom 16. 5. 2024. So k\u00f6nnten auch einige Aussagen gedeutet werden, die in dieser Reportage meinem Impuls, f\u00fcr den Frieden zu beten, entgegnet werden. 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