{"id":10210,"date":"2024-05-21T12:42:56","date_gmt":"2024-05-21T12:42:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=10210"},"modified":"2024-05-22T13:04:17","modified_gmt":"2024-05-22T13:04:17","slug":"pazifistische-und-militaerische-welten-das-making-of-einer-orf-dokumentation","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=10210","title":{"rendered":"Pazifistische und milit\u00e4rische Welten: Das Making-of einer ORF-Dokumentation"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/brennpunkt-adler.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"460\" height=\"259\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/brennpunkt-adler.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10211\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/brennpunkt-adler.jpg 460w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/brennpunkt-adler-300x169.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 460px) 100vw, 460px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Das Sendeformat von \u201eBrennpunkt \u00d6sterreich\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Durch Beten kann man leider keine Kriege l\u00f6sen&#8220;. So stellt sich Lisa im Intro der Reportage \u201eBrennpunkt \u00d6sterreich\u201c vor, die auf ORF 1 am Mittwoch, 15. Mai 2024, ausgestrahlt worden ist und weiterhin in der ORF-TV-Thek abrufbar bleiben wird. Als \u201egl\u00e4ubiger Pazifist\u201c wurde ich vorgestellt. Und so war auch das Drehbuch dann angelegt. Zwei kontr\u00e4re Welten sollten in Person von Lisa und mir aufeinandertreffen. Auf der einen Seite das Leben einer jungen Milizsoldatin, die milit\u00e4rischen Argumente f\u00fcr eine bewaffnete Verteidigung, f\u00fcr das Bundesheer, f\u00fcr die Miliz, f\u00fcr ein Auf- und Nachr\u00fcsten des heimischen Heeres, f\u00fcr das R\u00fcsten gegen den Krieg; auf der anderen Seite ich als Pazifist, die Ablehnung von milit\u00e4rischer Gewalt als Mittel der Konfliktl\u00f6sung, die Argumente f\u00fcr Abr\u00fcstung, f\u00fcr Konzepte einer zivilen und nichtmilit\u00e4rischen Verteidigung. Vier Tage lang wurde gefilmt. Zwei Tage in Innsbruck und Umgebung, zwei Tage in Amstetten bzw. Wien. 40 Minuten Sendezeit im Hauptabendprogramm blieben dann \u00fcbrig. \u00dcber das Nichtgezeigte, \u00fcber das Nichth\u00f6r- und Nichtsichtbargewordene k\u00f6nnte ich ein Buch schreiben. Oftmals wurde ich im Anschluss an die Sendung auf einzelne Aussagen angesprochen, die einer n\u00e4heren Erkl\u00e4rung bed\u00fcrften. Ein wenig nur m\u00f6chte ich differenzierter die Argumente bringen und um sie besser zu verstehen, nun auch das in den Blick zu nehmen, was gek\u00fcrzt wurde, mehr noch aber das, was ungesagt blieb und nicht ins Bild gebracht wurde, weil es in eine Tiefe gehen w\u00fcrde, die dem ORF-Format von Brennpunkt \u00d6sterreich nicht entspricht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zwei Drehtage in Innsbruck und Umgebung: Lisa in Kampfuniform<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Treffpunkt mit Lisa am Bergisel war von der Regie vorgegeben. Meine erste \u00dcberraschung, dass Lisa im Tarnfleck auftreten wird, war nicht gespielt. Aber ich h\u00e4tte es schon wissen k\u00f6nnen. Die Uniform sollte in den Drehtagen ein Statement schon ohne Worte sein. Der Film zeigt nun eine freundliche Begegnung zwischen mir und Lisa: ich als jemand, der mit dem Rad kommt und vom Bergisel einen Blick auf Innsbruck wirft, Lisa als Soldatin in Kampfuniform. \u201eSt\u00f6rt dich die Uniform \u2026?\u201c, fragte mich Lisa. Nicht im Film kommt vor, was ich antwortete. Dass mich jede milit\u00e4rische Uniform zun\u00e4chst politisch herausfordert. Sie ist nicht einfach irgendeine Kleidung. Hinter ihr, und das ist letztlich Absicht jeder Uniformierung, tritt das Individuum zur\u00fcck. Ja, da w\u00e4re schon von Beginn an eine Menge Diskussionsstoff gewesen. Warum wohl hat das Bundesheer erst vor wenigen Jahren die milit\u00e4rische Kollektion gewechselt? Das helle gr\u00fcn-orange-braun-wei\u00dfe Fleckmuster l\u00e4sst sich von den Kampfuniformen der NATO-Armeen nicht mehr unterscheiden. Lisa also in Kampfuniform, worauf sie stolz ist, was ihr Identit\u00e4t und Zugeh\u00f6rigkeit gibt. Auf ihrer Tarnjacke prangt das Zeichen, das sie als Frau Wachtmeister ausweist. Der Staat \u00d6sterreich hat Lisa einen Platz zugewiesen. Ihr wird gesagt, was zu tun ist. Der Staat hat ihr eine Kleidung zugewiesen. Ihr wird gesagt, wie sie sich zu kleiden hat. Bereitschaft f\u00fcr das Gefecht. Der Staat hat ihr einen milit\u00e4rischen Grad zugewiesen. Lisa ist Frau Wachtmeister der Miliz. Ihr wird gesagt, wem sie als Unteroffizierin Befehle geben kann und wer ihr Befehle geben kann. An ihren F\u00fc\u00dfen sind die schwarzen Soldatenstiefel, am Kopf ein oliv-gr\u00fcnes Barett, wie es \u2013 das erfahre ich im Gespr\u00e4ch \u2013 f\u00fcr Mitglieder eines Jagdkommandos vorgesehen ist. Lisa ist als Kombattantin sofort erkennbar \u2013 jederzeit bereit f\u00fcr den Notfall und der Notfall, der ist Krieg. Eine Uniform freilich darf Lisa als Milizsoldatin laut Gesetz au\u00dferhalb von milit\u00e4rischen \u00dcbungen auch nur dann tragen, wenn es von \u201emilit\u00e4rischem Interesse\u201c ist. Brennpunkt \u00d6sterreich hat also auch \u201emilit\u00e4risches Interesse\u201c. Ich m\u00f6chte dies zur Sprache bringen, aber die ORF-Vorgabe ist: Keine Politik. Ein wenig kommt mir ein Lied von Wolf Biermann, das bei Friedensveranstaltungen in der 80er-Jahren so oft gespielt wurde, in den Sinn:<br>\u201eSoldat, Soldat in grauer Norm<br>Soldat, Soldat in Uniform<br>Soldat, Soldat, ihr seid so viel<br>Soldat, Soldat, das ist kein Spiel<br>Soldat, Soldat, ich finde nicht<br>Soldat, Soldat, dein Angesicht \u2026<br>Soldat, Soldat wo gehst du hin<br>Soldat, Soldat wo ist der Sinn<br>Soldat, Soldat im n\u00e4chsten Krieg<br>Soldat, Soldat gibt es kein Sieg<br>Soldat, Soldat die Welt ist jung<br>Soldat, Soldat so jung wie du<br>Die Welt hat einen tiefen Sprung<br>Soldat, am Rand stehst du \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die Geschichte von diesem Lied kennt Lisa als 24-J\u00e4hrige nicht und es soll zun\u00e4chst \u2013 und vielleicht \u00fcberhaupt nicht \u2013 bei dieser Sendung um eine politische Diskussion gehen, die ich so gerne f\u00fchre. In mir spulen die Gedanken ab, w\u00e4hrend wir \u00e4u\u00dferlich \u00fcber \u00c4u\u00dferlichkeiten reden. Ich denke mir: Die Uniform als allt\u00e4glich umgebende Wirklichkeit ist in den letzten Jahren jedenfalls in \u00d6sterreich wieder angekommen. Das Kriegerische ist zur Alltagswirklichkeit geworden. Mit Schaudern denke ich an die Corona-Zeit zur\u00fcck, in der \u00fcber einige Monate lang ein Offizier in Kampfuniform als Mitglied der Covid-Task-Force der \u00f6sterreichischen Nation die Ma\u00dfnahmen erkl\u00e4rte.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr und mehr gelingt es mir, die Person Lisa hinter der Uniform zu sehen, die Jusstudentin und begeisterte Fu\u00dfballerin, die junge Frau mit ihrem Mostviertler Dialekt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bergisel-Umgebung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Location war vom Drehteam gew\u00fcnscht. Der Bergisel ist f\u00fcr mich kein Wohlf\u00fchlort, eher ein Gruselort. Beherrscht wird der Platz von der \u00fcberdimensionalen Bronzefigur von Andreas Hofer. \u201eF\u00dcR GOTT, KAISER, VATERLAND\u201c steht am Sockel des monumentalen Denkmals. Die Tafel ist von Waffen umrankt. Schwert, S\u00e4bel und Stutzen. Ich sage Lisa \u2013 und das bleibt im Film: \u201eEs sind Dinge, mit denen wurden Menschen get\u00f6tet, mit denen wurden Menschen erstochen, erschossen oder ihnen wurde der Sch\u00e4del abgeschlagen.\u201c F\u00fcr Gott? F\u00fcr mich ist Andreas Hofer kein Held. Und auch Speckbacher nicht. Und Pater Haspinger k\u00f6nnte ich mit einem Islamisten vergleichen, der in einem religi\u00f6sen Wahn die Gegner niedermetzeln l\u00e4sst. Gegen\u00fcber vom Hofer-Denkmal ist das Kaiserj\u00e4germuseum. Ich rede mit Lisa dar\u00fcber. Es wird nicht gesendet. Ich erz\u00e4hle von den Kriegsverbrechen der Kaiserj\u00e4ger an der Isonzofront im Ersten Weltkrieg, von dem Stellungskrieg im Gebirge, der so nutzlos Zehntausenden das Leben kostete \u2013 und heute an den Stellungskrieg in der Ukraine erinnert. Wie sinnlos ist doch diese Kriegerei! Ich erz\u00e4hle Lisa auch etwas die anderen Geschichten, von Pater Franz Reinisch, auf dessen Grab wir vom Bergisel hinunterblicken k\u00f6nnen, jener Priester, der als einziger Priester in der Nazischreckenszeit den Fahneneid auf den F\u00fchrer verweigerte, als er h\u00e4tte eingezogen werden sollen. Daf\u00fcr hat er mit dem Leben bezahlt. Ich schaue hin\u00fcber auf die A12 und A13, wo \u2013 wie jeden Tag \u2013 sich die Lkw- und Autokolonnen stauen. \u201eLisa, im Klimanotstand liegt die eigentliche Bedrohung f\u00fcr \u00d6sterreich und die Welt. Gegen diese Bedrohung k\u00f6nnen wir uns aber nicht mit milit\u00e4rischen Mitteln wehren. Es br\u00e4uchte eine klare Priorisierung der Bedrohungsbilder \u2013 und das Milit\u00e4r lenkt nur von den wirklichen Bedrohungen ab \u2013 ja, es verschlimmert sie sogar.\u201c Weder Lisa, noch die Regie noch das Kamerateam scheinen mich zu verstehen. Da n\u00fctzt es auch nichts, dass ich auf die j\u00fcngste Copernicus-Studie verweise, demnach die globale Durchschnittstemperatur um 2,06 Grad gestiegen ist, also weit \u00fcber dem Wert, der bei der Klimakonferenz in Paris als anzustrebendes Ziel vorgegeben wurde, damit es nicht zu den katastrophalen Folgen kommt, wenn die Kipppunkte \u00fcberschritten werden. Ich erz\u00e4hle mit Blick auf den tobenden Verkehr am Ausgangspunkt der Sillschlucht, wie wichtig mir die Aktivit\u00e4ten der Letzten Generation geworden sind: Hier wird auf die wirklich wichtigen Bedrohungen aufmerksam gemacht, hier wird auch gelernt und in den Aktionen des Zivilen Ungehorsams einge\u00fcbt, wie sich Menschen gewaltfrei gegen Bedrohungen einsetzen k\u00f6nnen. Solche Worte werden nicht in die Sendung finden. Vielmehr aber wird es filmreif sein, wenn ich Lisa in meiner Wohnung zu einer veganen W\u00fcrsteljause mit frischem Gem\u00fcse, Salat und Vinschgerl einlade.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Landhausplatz, das Befreiungsdenkmal und die Menora<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In meinem Religionslehrerberuf ist mir der Landhausplatz in Innsbruck wichtig geworden. Hier verdichtet sich so viel an Friedens- und Kriegsgeschichte. H\u00e4tte ich w\u00e4hlen k\u00f6nnen, h\u00e4tte ich am liebsten Lisa hier getroffen. Gedreht wird am Nachmittag dennoch dort, in die Sendung schaffte es dieser Teil leider nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe w\u00e4hrend des Drehs ein wenig Zeit, Lisa von diesem Platz zu erz\u00e4hlen, zugleich versuche ich, nicht belehrend zu sein. Das Landhaus mit seiner imperial-faschistischen Architektur war ab 1939 das Prestigegeb\u00e4ude f\u00fcr Gauleiter Hofer und die NSDAP. Aktuell gibt es dort die Ausstellung \u201evom Gauhaus zum Landhaus\u201c. Hier an diesem Platz war ich gerade vor kurzem wieder, als der Demozug von Fridays for Future hier endete. Auch die gro\u00dfe Kundgebung gegen den Demokratieabbau ist noch ganz lebendig in meiner Erinnerung. So geht mein Gespr\u00e4ch hin und her, verkn\u00fcpfe ich Vergangenheit mit Gegenwart und Gegenw\u00e4rtiges mit Vergangenem. \u201eHeute ist die Demokratie durch den aufkommenden Rechtspopulismus wieder gef\u00e4hrdet.\u201c Auch das ein Satz, der in das Sendeformat nicht passen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;\u201eDen f\u00fcr die Freiheit \u00d6sterreichs Gestorbenen\u201c, steht in gro\u00dfen Lettern am oberen Querbalken des Denkmals, das die Mitte des Platzes einnimmt. Ich m\u00f6chte Lisa die Namen jener 124 Personen zeigen, die an den beiden Schmalseiten des Denkmals in Aluminiumbuchstaben zu finden sind. Unter den widerst\u00e4ndischen Menschen gegen den Naziterror finden sich etliche Wehrdienstverweigerer und Deserteure. Wieder taucht dabei auch der Name Franz Reinisch auf, an dessen Erinnerungsst\u00e4tte im Wiltener Friedhof wir zuvor vorbeigekommen sind. Unter den Namen steht auch \u201eAndreas Hofer\u201c \u2013 allerdings ist damit nicht der Sandwirt aus dem Passeiertal gemeint. Der Andreas Hofer, der am Befreiungsdenkmal genannt wird, war in der Nazizeit im Widerstand. Er besorgte f\u00fcr Wehrmachtssoldaten, die nicht an die Front wollten, fiebertreibende Mittel, damit sie als wehruntauglich galten. Wegen Wehrkraftzersetzung wurde Hofer erschossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einer meiner ehemaligen Sch\u00fcler ist gerade dort. Wie viele Jugendliche skatet er \u00fcber die betonerne leicht h\u00fcgelige und futuristische Landschaft, die heute den Landhausplatz auszeichnet. Er ist auch eine Gedenklandschaft zwischen dem T\u00e4terbau, dem Widerstandsdenkmal und dem Opfermahnmal. Auch dorthin f\u00fchre ich Lisa. Wir legen die Hand auf die stilisierten Scherben am Sockel der Menora. Sie erinnern an die Reichspogromnacht in Innsbruck und die Vertreibung und die Ermordung der J\u00fcdinnen und Juden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Besuch im Waldh\u00fcttl der Vinzenzgemeinschaft<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich wollte Lisa einen besonderen Ort zeigen, in dem zum einen ein St\u00fcck der Widerstandsgeschichte gegen Krieg greifbar wird und in dem zugleich heute Solidarit\u00e4t gelebt wird mit jenen, die im Leben zu kurz kommen. Jussuf und Vroni Windischer zeigen uns diesen Ort, der am Stadtrand von Innsbruck liegt. Hier leben gegenw\u00e4rtig vor allem Romas in einfachen Mehrbettzimmern und einem gro\u00dfen Gemeinschaftsraum. Rund um das Haus sind Gartenanlagen \u2013 Gemeinschaftsg\u00e4rten, die auch von Menschen betreut werden, die das Projekt Waldh\u00fcttl unterst\u00fctzen. Zwei Esel und eine Schafherde z\u00e4hlen auch zum Projekt. Im Eingang sind Bilder, die an die Widerstandsgruppe erinnern, die im Waldh\u00fcttl zur Zeit der Naziherrschaft t\u00e4tig war. Als wir dort sind, kommen gerade Romas von ihrer Arbeit als Stra\u00dfenzeitungsverk\u00e4ufer zur\u00fcck. Sie haben kaum Geld. Hier aber haben sie einen Ort, der ihnen W\u00fcrde zur\u00fcck gibt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kriegsdienstverweigerung als Option<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich sollte von meinem Leben erz\u00e4hlen, wurde mir w\u00e4hrend des Drehs immer wieder gesagt. Ich wollte \u00fcber Friedenspolitik reden, dar\u00fcber, wie Wege jenseits der Grausamkeit der Kriege gefunden werden k\u00f6nnen und wie Kriegslogik durch eine Friedenslogik ersetzt werden k\u00f6nnte. Das Vomper Loch \u2013 ein schluchtartiges Seitental im Karwendel n\u00f6rdlich von Vomp \u2013 erz\u00e4hlt eine mir ganz wichtige Geschichte. Hier harrten am Ende des Zweiten Weltkrieges in einem Unterschlupf versteckt \u00fcber viele Monate einige M\u00e4nner aus, die sich einem Einsatz bei der Wehrmacht entzogen. Matthias Breit, der wohl gegenw\u00e4rtig beste Kenner dieser Geschichte, begleitet uns hinein ins Vomper Loch und stellt Br\u00fccken zwischen damals und heute her. Ich frage Lisa, ob sie auch bereit w\u00e4re, unter bestimmten Umst\u00e4nden in einem Kriegseinsatz zu desertieren. Ihre erste Antwort lautet: \u201eNein! Im Heer muss man immer die Befehle befolgen.\u201c Ich erz\u00e4hle ihr dann auch vom Taufpaten meines Vaters, in gewisser Weise ein Gro\u00dfonkel von mir. Auch er, Joachim Nairz, hatte sich gegen Kriegsende lange Zeit in einer H\u00f6hle versteckt gehalten. Als der Krieg aus war, wurden allerdings \u00fcberall jene M\u00e4nner gew\u00fcrdigt, die im Krieg als Helden gefallen sind. Joachim Nairz galt als Sonderling am Rande der Dorfgemeinschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Kontext erinnerte ich an den friedenspolitischen Spruch \u201eStell dir vor es ist Krieg und niemand geht hin \u2026\u201c \u201eDann kommt der Krieg zu uns \u2026\u201c, antwortete Lisa. Diese Argumentation war mir vertraut und w\u00e4re ich nicht in dieser Gespr\u00e4chssituation gewesen, wo unter uns der Vomperbach lautstark war und bei der ich kurz und knackig Wesentliches formulieren sollte, w\u00e4re ich also bei einer Podiumsdiskussion oder noch lieber bei einem Vortrag gewesen, dann h\u00e4tte ich die Hintergr\u00fcnde dieses Satzes aufzeigen k\u00f6nnen. Erstens n\u00e4mlich, dass die militarisierten Form \u201edann kommt der Krieg zu uns\u201c gar nicht auf die Intention von Bertold Brecht zur\u00fcckgeht. Dieser sprach n\u00e4mlich von einem Arbeitskampf und nicht von Krieg. \u201eWer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt, und l\u00e4\u00dft andere k\u00e4mpfen f\u00fcr seine Sache, der mu\u00df sich vorsehen: Denn wer den Kampf nicht geteilt hat, der wird teilen die Niederlage. Nicht einmal Kampf vermeidet, wer den Kampf vermeiden will, denn er wird k\u00e4mpfen f\u00fcr die Sache des Feindes, wer f\u00fcr seine eigene Sache nicht gek\u00e4mpft hat.&#8220; Worauf sich der friedensbewegte Satz \u201estell dir vor \u2026\u201c bezieht ist ein Satz von Carl Sandburg. Dieser schrieb ein Gedicht, in dem ein kleines M\u00e4dchen beim Vorbeiziehen einer Truppenparade eine hypothetische Aussage trifft: \u201eSometime they\u2019ll give war and nobody will come\u201c. F\u00fcr mich bleibt diese so einfache Sichtweise, die naiv sein mag, doch ein Schl\u00fcssel, um jedem Krieg und jeder Kriegsvorbereitung den Boden zu entziehen. Niemand soll mehr in den Krieg ziehen \u2013 dann gibt es wirklich keinen Krieg mehr! Es ist jedenfalls nicht richtig, wenn die Aussagen von Dichtern verf\u00e4lscht und missbraucht werden. Zitate m\u00fcssen in einen Zusammenhang gestellt und darauf untersucht werden \u2013 und sollen nicht manipulativ verdreht werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Im Kloster der Tertiarschwestern in Hall.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit Schwester Notburga treffe ich regelm\u00e4\u00dfig zusammen. Bei den Aktionen der Letzten Generation oder den Demonstrationen von Fridays for Future, bei Aktionen f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge oder gegen den Abbau von Demokratie. Mit Lisa und dem Fernsehteam besuchen wir Schwester Noturga im Kloster. Bei Kaffee und Kuchen sitzen wir unter einem Bild des Hl. Franz von Assisi. \u201eMan m\u00fcsse doch den Feind bek\u00e4mpfen, man d\u00fcrfe das B\u00f6se nicht gew\u00e4hren lassen \u2026\u201c, so dr\u00fcckt es Lisa wieder aus. Notburga und ich erz\u00e4hlen vom Heiligen Franz, wie er den Wolf nicht t\u00f6tete, sondern sich mit dem Wolf vers\u00f6hnte, und wie er den Sultan in \u00c4gypten traf, der als gr\u00f6\u00dfter Gegner der Kreuzzugsritter galt. In der Gestalt des Heiligen, der zum Vorbild der Tertiarschwestern wurde, wird auch sichtbar, wie Solidarit\u00e4t mit den \u00c4rmsten und Gewaltfreheit, wie Friedensarbeit und Gerechtigkeitsarbeit untrennbar zusammenh\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Beim Friedensgebet von Sant\u2018 Egidio<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend des Drehtags fand gerade das Friedensgebet in der Spitalskirche statt. Es wird monatlich von der Gemeinschaft Sant\u2018 Egidio vorbereitet und f\u00fcr Pax Christi konnte ich auch diesmal wieder einen Beitrag beisteuern. Als Schluss- und Segensgebet hatte ich geschrieben und vorgetragen:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Man fragt, wie der Feind vernichtet werden k\u00f6nnte und fragt kaum, warum ist der Feind Feind. Die Welt w\u00e4re so anders und man w\u00fcrde den Frieden ersp\u00fcren, fragten die Feinde sich selbst, warum sind wir uns feind, was k\u00f6nnten wir tun, um uns zu verstehen, wie k\u00f6nnten wir Schritte setzen, um Dialoge zu pflegen \u00fcber das, was Menschen zu Feinden macht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Heilige Geistkraft, lass uns selbst immer wieder neu die Worte der Bergpredigt im Herzen und im Geiste bewahren und tatkr\u00e4ftig danach leben. Die Worte Jesu m\u00f6gen gelten: \u201eLiebt eure Feinde. Tut Gutes denen, die euch hassen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Man zieht sich zur\u00fcck in Kriegskabinette und tagt in den war rooms und beschlie\u00dft die Vernichtung der Feinde. Dort lassen sich M\u00e4chtige von Gener\u00e4len beraten. Milit\u00e4rische Experten erkl\u00e4ren uns die Waffen und wie Kriege gemacht werden, doch wer erkl\u00e4rt uns, wie Frieden gemacht wird ohne die Waffen? Die Welt w\u00e4re so anders, man w\u00fcrde den Frieden ertasten, w\u00fcrden jene, die \u00fcber den Frieden forschen, und jene, die bereit sind die l\u00e4ngst erprobten und erfolgreichen Strategien der gewaltfreien Intervention und Verteidigung anzuwenden, das politische Handeln bestimmen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Heilige Geistkraft, schenke uns den Mut, jeden Tag wieder neu, Friedensstifterinnen und Friedensstifter zu werden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Man r\u00fcstet nach und r\u00fcstet auf mit Milliarden, die in anderen politischen Bereichen dann fehlen, und die Welt wird mit jeder neuen Waffe, mit jedem neuen Panzer, mit jeder neuen Rakete nur noch unsicherer. Die Welt w\u00e4re so anders, w\u00fcrden Millionen in den Aufbau gewaltfreier Verteidigungskonzepte gesteckt; w\u00fcrden Tausende zu Friedensfachkr\u00e4ften ausgebildet werden, w\u00fcrden die Staaten nicht kriegstauglich und kriegsf\u00e4hig gemacht, sondern Gesellschaften und Individuen auf Friedensf\u00e4higkeit hin orientiert werden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Heilige Geistkraft, lass uns gewaltfrei, widerspenstig und widerst\u00e4ndisch sein in einer Welt voller Kriege und Gewalt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das Filmteam drehte leider w\u00e4hrend des Gebetes nicht. Daf\u00fcr konnte die andere Seite, jene der Legitimation von milit\u00e4rischer Gewalt in einem Fall der Verteidigung in einem Gespr\u00e4ch mit zwei ukrainischen Frauen artikuliert werden. \u201eWir brauchen viel mehr Waffen \u2026\u201c, sagte die Ukrainerin in die Kamera. Ich erinnerte an Papst Franziskus und seine Botschaft von der \u201ewei\u00dfen Fahne\u201c, die alles andere als feige Kapitulation sei. Vera Mark erinnerte an die Arbeit von Sant\u2018 Egidio, bei der es weltweit immer wieder erfolgreiche Vermittlungen in kriegerischen Auseinandersetzungen gab. Und wieder kamen diese Argumente aber nicht in die Sendung. So bleibt der schale Nachgeschmack, dass man am Ende doch letztlich immer Waffen br\u00e4uchte, um sich vor Aggressoren zu sch\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Besuch in der Ostaricchi Kaserne in Amstetten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kasernenbesuche hat es in meiner Biographie schon etliche gegeben. Meist waren sie hochpolitisch und hatten in den Augen des Milit\u00e4rs einen provokanten Charakter. Einmal verteilten wir als SORG \u2013 Selbstorganisation der Wehrdienstverweigerer \u2013 bei der Stellungskommission Informationsbl\u00e4tter an die Wehrpflichtigen zum Zivildienst. Schlie\u00dflich gab es damals, in den 80er-Jahren, kaum Infos zur Wehrdienstverweigerung. Zudem gab es eine Zivildienstkommission, die jungen M\u00e4nnern auf ihrem Weg der Verweigerung das Gewissen abfragte. Ein andermal st\u00f6rten wir eine Angelobung in der Andreas-Hofer-Kaserne in Absam. Am Rollfeld in Graz Thalerhof drangen wir auf die Landebahn und spielten dort Fu\u00dfball, um die Landung der ersten Kampfflugzeuge f\u00fcr das \u00f6sterreichische Bundesheer zu verhindern. Vor der St. Georgs-Kathedrale der Maria-Theresien-Kaserne in Wiener Neustadt hielten wir eine Mahnwache ab, weil wir uns gegen die Weihe eines eigenen Milit\u00e4rbischofs stellten.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal werde ich kameragerecht willkommen gehei\u00dfen. Die Kaserne ist die Welt von Lisa. Hier ist sie nicht allein. Offiziere begleiten uns nun auf Schritt und Tritt und Lisa wei\u00df, was sie tun darf. Offiziere wissen, was nicht gesagt werden soll. Ich darf also mit Lisa Bettenbauen. Mit Blick auf das wei\u00dfe Leintuch bemerke ich \u2013 Kamera aus \u2013 dass sich der wei\u00dfe Stoff gut eignen w\u00fcrde f\u00fcr das Gefechtsfeld. Es sollte also ein St\u00fcck davon in die Tasche jedes Soldaten kommen, um damit zu einem wechselseitigen Waffenstillstand einzuladen. Die Ironie meiner Bemerkung zu dem pedantisch aufger\u00e4umten Kleiderkasten wird wohl nicht ganz verstanden. \u201eWo soll der Teddyb\u00e4r Platz finden \u2026\u201c, frage ich nach. Was ich damit meine, wird nicht verstanden. Hat das Individuum noch einen Platz in der Kaserne? Das wollte ich fragen. Man erwartet sich, dass ich die vorbereitete Uniform anziehe. Ich habe Gelegenheit zur Verweigerung. Ein Wehrpflichtiger w\u00fcrde ab nun wohl in Schwierigkeiten kommen. Selbst ein Maschinengewehr und eine Pistole k\u00f6nnte ich ausfassen, um es so probieren zu k\u00f6nnen. Auch diesmal wieder \u2013 ein klares Nein, das tief aus meinem Inneren kommt \u2013 und ich denke an all die Kriege in dieser Welt. Wenn ich da die Glock-Pistole in der Hand von Lisa sehe, schweifen meine Gedanken in die vielen Kriegs- und Krisengebiete dieser Welt, in denen die Handfeuerwaffe Made in Austria auch von B\u00fcrgerkriegsparteien reichlich gen\u00fctzt wird. \u00d6sterreich ist trotz seiner Neutralit\u00e4t \u00fcber die Waffenproduktion im weltweiten Handel mit Kriegsg\u00fctern fest verankert. Die zweite Waffe, mit der es dann auf das Schie\u00dffeld geht, ist das Sturmgewehr 77. Auf dem Weg zum \u00dcbungsplatz frage ich Lisa, ob es noch Pappkameraden g\u00e4be, auf die geschossen w\u00fcrde. Der Begleitoffizier verneinte sofort, weil er den Hintergrund meiner Frage verstand. Nein, es g\u00e4be nur mehr Zielscheiben ohne Menschenfigur, bei denen es galt, in die Mitte eines Herzens zu treffen oder einen gezielten Kopfschuss zu setzen. Eine Zielscheibe ist da wohl weniger angreifbar. Trotzdem zucke ich dann bei Lisas \u00dcbungssch\u00fcssen jedes Mal zusammen. \u201eIch m\u00f6chte dein Feind nicht sein \u2026\u201c kommentiere ich die perfekten Ergebnisse von Lisas Sch\u00fcssen. \u201eDer Feind oder ich \u2026\u201c, so die milit\u00e4rische Logik von Lisa.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ostaricchi-Kaserne ist in einem Topuzstand. Neue Kasernengeb\u00e4ude vor denen hypermoderne Mannschaftswagen stehen. Sichtbar wird, was in den letzten Monaten von Seiten der \u00f6sterreichischen Politik immer wieder propagiert wurde. Es soll aufger\u00fcstet werden \u2013 im Milit\u00e4rjargon hei\u00dft es \u201enachr\u00fcsten\u201c. &#8222;Noch nie in der Geschichte \u00d6sterreichs wurde so viel in das Bundesheer investiert wie jetzt &#8230; &#8222;, meinte die Bundesministerin f\u00fcr Landesverteidigung vor kurzem. Um 1,8 Milliarden werden 225 neue Pandurpanzer angekauft \u2013 eine Summe in der H\u00f6he des j\u00e4hrlichen \u00f6sterreichischen Entwicklungshilfeprogramms. Eine Vertragsunterzeichnung \u00fcber den Ankauf neuer Fliegerabwehrkanonen mit Rheinmetall wird vor laufender Kamera inszeniert. Das heimische Milit\u00e4rbudget steigt st\u00e4ndig. Zus\u00e4tzlich soll es in den n\u00e4chsten Jahren ein Budget von 11 Milliarden f\u00fcr neue R\u00fcstungsma\u00dfnahmen geben. \u201eMission vorw\u00e4rts\u201c wird zur missionarischen Kriegsbef\u00e4higung. Tats\u00e4chlich spricht Klaudia Tanner offen von der \u201eKriegsf\u00e4higkeit\u201c, die es zu entwickeln gelte. Weltweit, so hat gerade das schwedische Friedensforschungsinstitut SIPRI geschrieben, hat die Kriegsmaterialien-Wirtschaft um 6,2 Prozent gegen\u00fcber dem Vorjahr zugelegt. Der weltweite Handel mit Kriegsger\u00e4t betr\u00e4gt bereits 2,6 Billionen Dollar. Du kleines \u00d6sterreich spielst da stolz mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Das offizielle \u00d6sterreich hat unvergleichlich mehr Kontakte mit R\u00fcstungsh\u00e4ndlern als mit Vertretern der OSZE. Die Zusammenarbeit mit Nato-Organisationen wie Skyshield hat mehr Bedeutsamkeit als eine Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen. Es herrscht eine fast einseitige Orientierung an milit\u00e4rischer Logik &#8211; und wer sich auf diese Logik einl\u00e4sst, wird versuchen, milit\u00e4risch m\u00f6glichst stark zu sein. Argumente aus der Vergangenheit der Kriege werden neu aufgelegt. So wird auch der Ankauf der Pandurpanzer damit gerechtfertigt, dass damit Arbeitspl\u00e4tze im R\u00fcstungsbereich geschaffen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Kasernenbesuch, allein im Hotel, f\u00fchle ich mich mit meinen Gedanken sehr alleine und ich h\u00f6re die Nachrichten und h\u00f6re von Kriegen und lese die Zeitungen und lese von Kriegen. Hoffentlich werde ich nicht tr\u00e4umen von all diesen Kriegen und meinem Besuch in der Kaserne und den Waffen, die ich so hautnah sah. Um mich etwas zu l\u00f6sen von den Gedanken beginne ich wie so oft zu schreiben:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>KRIEGERisches<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>KRIEG<br>und immer neu<br>und immer wieder<br>und immer noch<br>KRIEG<\/p>\n\n\n\n<p>AngriffsKRIEG<br>VerteidigungsKRIEG<br>StellungsKRIEG<br>Abn\u00fctzungsKRIEG<br>AtomKRIEG<\/p>\n\n\n\n<p>KRIEGsindustrien<br>KRIEGsbudgets<br>KRIEGsger\u00e4te<br>KRIEGsgedr\u00f6hne<br>KRIEGsberichte<br><br>sie KRIEGEN Waffen<br>sie beKRIEGEN sich<br>sie KRIEGEN nie genug<br>KRIEGEN sie DICH zum KRIEGEN?<br>sie werden mich nicht KRIEGEN!<\/p>\n\n\n\n<p>ich sage FRIEDEN und nicht Krieg<br>ich sage GEWALTFREIHEIT und nicht Gewalt<br>ich sage VERS\u00d6HNUNG und nicht Vernichtung<br>ich weigere mich zu denken<br>dass Kriege m\u00fcssen sein f\u00fcr immer<\/p>\n\n\n\n<p>A<strong>nlass f\u00fcr einen differenzierten Diskurs \u00fcber das Gebet<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eK\u00e4mpfen oder beten f\u00fcr den Frieden: Soldatin trifft Pazifist in \u201aBrennpunkt \u00d6sterreich\u2018\u201c. So lautet die \u00dcberschrift in einem Artikel im STANDARD vom 16. 5. 2024. So k\u00f6nnten auch einige Aussagen gedeutet werden, die in dieser Reportage meinem Impuls, f\u00fcr den Frieden zu beten, entgegnet werden. Die Sendung selbst bietet da keinen Raum, um sich differenzierend \u00fcber das Wesen des Gebetes auszutauschen. In einem ORF-Teaser zur Sendung wird die Frage gestellt: \u201eUnd reichen Gebete, um Konflikte zu l\u00f6sen?\u201c Eine Ukrainerin sagt in einem Gespr\u00e4ch, das in der Sendung vorkommt: \u201eGebet hilft uns nicht\u201c und meint zugleich \u201ewir brauchen viel mehr Waffen\u201c. Und \u00e4hnlich formulierte es die Milizsoldatin Lisa, dass wir \u00d6sterreich nicht mit Gebet verteidigen k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gebet als weltfremde und naive Wunderwaffe?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Meist wird im herrschenden Diskurs sowohl von fundamentalistischen Kr\u00e4ften in den Religionen als auch von jenen \u2013 sich als aufgekl\u00e4rt gebenden Personen \u2013 das Gebet und Beten wie ein Verlassen auf magisch g\u00f6ttliche Kr\u00e4fte gesehen, die fern von menschlichem Tun zu wirken beginnen. Es ist eine Gebetsinterpretation, die darauf gr\u00fcndet, dass man einen Gott anbete, der kraft seiner Allmacht selbst naturgesetzliche Gegebenheiten sprengen k\u00f6nnte. Man schafft sich gedanklich einen Gott, den man nur fest bitten m\u00fcsste, damit er die \u00dcbelt\u00e4ter in die Schranken weise. Mit solchem ideologischen Hintergrund \u00e4u\u00dfern sich gebetsskeptische Menschen entweder in bei\u00dfendem Zynismus oder verst\u00e4ndnisloser Ironie, wenn ich die Kraft des \u201eBetens f\u00fcr den Frieden\u201c ins Gespr\u00e4ch bringe. In einem mangelnden Verst\u00e4ndnis, was in einem aufgekl\u00e4rten Verst\u00e4ndnis Gebet bedeutet und bewirkt, hei\u00dft es dann plakativ und plump: \u201eBeten oder k\u00e4mpfen!\u201c Mit solcher Dichotomisierung, die letztlich auf einem mangelnden Verst\u00e4ndnis von der Natur des Gebetes aufbaut, f\u00fchlt man sich dann moralisch leicht auf der Seite der K\u00e4mpfenden besser, wenn es gilt, gegen Unrecht und Unterdr\u00fcckung aufzustehen und Gewalt in die Schranken zu weisen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gebet als Kraftquelle f\u00fcr gewaltfreien Einsatz gegen Gewalt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das \u201eBeten f\u00fcr den Frieden\u201c sieht anders aus und erlebe ich so anders und weit vielschichtiger. Ich k\u00f6nnte auf die Lebenszeugnisse aller gro\u00dfen Vorbilder der Gewaltfreiheit verweisen und k\u00e4me immer zum gleichen Ergebnis: Weil Abraham in seiner v\u00e4terlichen Verzweiflung zu JAHWE betete, befreite ihn JAHWE von dem Wahn, eine Gewalttat an seinem eigenen Sohn zu begehen. Weil Hagar in ihrer \u00e4u\u00dfersten Not zu El-Roi, zu \u201cGott, die sieht\u201c flehte, sch\u00f6pfte sie wieder Mut aufzustehen. Erst aus der Begegnung von JAHWE und in der Erfahrung des brennenden Dornbusches sp\u00fcrte Mose die Kraft, in Verhandlungen mit dem Pharao zu treten und dann gemeinsam mit seiner Schwester Mirjam den Ausbruch aus dem Sklavenhaus zu wagen. All diese Verdichtungen f\u00fchren zu Jesus, der aus der Kraft des Gebetes heraus bis zum Tod am Kreuz die von ihm proklamierte Feindesliebe durchhielt. Die ganze Welt kennt den erfolgreichen antikolonialen Kampf Gandhis. Weniger vertraut ist es, dass Gandhi immer wieder davon schrieb, im und durch das Gebet die Quelle f\u00fcr seinen Satyagraha-Kampf zu finden. Hunderte Zitate lie\u00dfen sich hier anf\u00fchren. So schrieb Gandhi:&nbsp; \u201cBut God does not come down in person to relieve suffering. He works through human agency. Therefore, prayer to God to enable one to relieve the suffering of others must mean a longing and a readiness on one&#8217;s part to labour for it.\u201d Dass Gebet kein billig-passives Die-H\u00e4nde-in-den-Scho\u00df-Legen und kein faules Abwarten ist, zeigt uns Martin Luther King und die B\u00fcrgerrechtsbewegung. Wer so wie MLK betete, hatte Kraft, sich an Sit-ins zu beteiligen, hatte Mut zum Busboykott oder beteiligte sich an den gro\u00dfen Demonstrationen: \u201eEternal God, out of whose mind this great cosmic universe, we bless you. Help us to seek that which is high, noble and good.&nbsp;Help us in the moment of difficult decision.&nbsp;Help us to work with renewed vigor for a warless world, a better distribution of wealth, and a brother\/sisterhood that transcends race or color.\u201d Ich k\u00f6nnte nun auf all die Glaubenszeuginnen und Glaubenszeugen in der Schreckensherrschaft des Zweiten Weltkrieges verweisen, die betend im Widerstand gegen den Nationalsozialismus waren, die wie Franz J\u00e4gerst\u00e4tter aus dem Gebet heraus den Fahneneid verweigerten oder wie Sophie Scholl dem \u00fcberm\u00e4chtigen Naziregime trotzten. In ihrer so einfachen und klaren Sprache schrieb sie immer wieder \u00fcber die Kraft, die sie aus dem Gebet erhielt: \u201eIch habe mir vorgenommen, jeden Tag in der Kirche zu beten, damit Gott mich nicht verlasse. Ich kenne Gott ja noch gar nicht und begehe sicher die gr\u00f6\u00dften Fehler in meiner Vorstellung von ihm, aber er wird mir das verzeihen, wenn ich ihn bitte. Wenn ich ihn von ganzer Seele lieben kann, dann werde ich meinen schiefen Blick verlieren. Wenn ich die Menschen um mich herum sehe, und auch mich selbst, dann bekomme ich Ehrfurcht vor dem Menschen, weil Gott seinetwegen herabgestiegen ist.\u201c Legend\u00e4r wurden die Friedensgebete in den 80er Jahren in den St\u00e4dten der DDR. Vom Gebet in den Kirchen von Leipzig oder Dresden gingen die Montagsdemonstrationen aus. Am Ende stand der Fall der Berliner Mauer. Dicke B\u00fccher k\u00f6nnte ich jedenfalls f\u00fcllen mit all den Beispielen, wie Gebet die Welt ver\u00e4ndern kann, wie es Kraft gibt, der Gewalt gewaltfrei zu begegnen. Wer behauptet, Beten helfe nur den Unterdr\u00fcckern, wer Beten als Flucht vor der Wirklichkeit bezeichnet, wer Beten und K\u00e4mpfen als widerspr\u00fcchliche Haltungen definiert, hat oder will nicht verstehen, was Gebet wirklich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>An all diesen Erfahrungen kann ich auch in meiner eigenen Friedensarbeit ankn\u00fcpfen. Als wir in den 80er-Jahren in den Zeiten der NATO-Nachr\u00fcstung mehrmals ein Hungerfasten durchf\u00fchrten, verbanden wir dies mit dem Gebet. Viele Jahre bildeten wir w\u00f6chentlich in der Innsbrucker Altstadt vor dem Goldenen Dachl einen Schweigekreis gegen Krieg und Militarismus. Es war ein schweigendes Gebet im \u00f6ffentlichen Raum mit klarer politischer Botschaft. Immer wieder konnte ich in meiner Zeit in Wien \u2013 vor allem in der Kirche des Helvetischen Bekenntnisses in der Wiener Innenstadt &#8211; Friedensgebete organisieren: gegen die beiden Kriege am Golf, gegen die kriegerischen Auseinandersetzungen. Es waren Gebete, um angesichts der Kriegswirklichkeiten nicht zu verzagen, um selbst aktiv zu werden. So konnte ich beispielsweise mit einer kroatisch-serbischen Friedensgruppe in einem Luftschutzbunker beten, w\u00e4hrend drau\u00dfen Luftalarm war.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Friedensgebet im Geiste des Heiligen Franz von Assisi dr\u00fcckt aus, worin der Sinn des Friedensgebetes besteht. Indem ich mich auf das Gebet einlasse, werde ich selbst zum \u201eWerkzeug\u201c eines absolut gewaltfreien Engagements:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHerr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,<br>dass ich liebe, wo man hasst;<br>dass ich verzeihe, wo man beleidigt;<br>dass ich verbinde, wo Streit ist;<br>dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;<br>dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;<br>dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung qu\u00e4lt;<br>dass ich Licht entz\u00fcnde, wo Finsternis regiert;<br>dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt. (\u2026)\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/brennpunkt-adler.jpg' class='thumbnail' \/>Das Sendeformat von \u201eBrennpunkt \u00d6sterreich\u201c &#8222;Durch Beten kann man leider keine Kriege l\u00f6sen&#8220;. So stellt sich Lisa im Intro der Reportage \u201eBrennpunkt \u00d6sterreich\u201c vor, die auf ORF 1 am Mittwoch, 15. Mai 2024, ausgestrahlt worden ist und weiterhin in der ORF-TV-Thek abrufbar bleiben wird. Als \u201egl\u00e4ubiger Pazifist\u201c wurde ich vorgestellt. Und so war auch das&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":10211,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[182],"tags":[1830,200,1829,203,1833,1501,1002,1828,1835,1832,1834,1831],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10210"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10210"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10210\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10219,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10210\/revisions\/10219"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/10211"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10210"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10210"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10210"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}