{"id":10342,"date":"2024-06-27T08:36:13","date_gmt":"2024-06-27T08:36:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=10342"},"modified":"2026-02-03T07:22:49","modified_gmt":"2026-02-03T07:22:49","slug":"siebenschlaefergedanken","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=10342","title":{"rendered":"Siebenschl\u00e4fergedanken"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Siebenschl\u00e4fertag<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am 27. Juni ist Siebenschl\u00e4fertag. Was hinter dieser Bezeichnung steht, wei\u00df kaum jemand mehr. Bei Siebenschl\u00e4fer denken die meisten eher an ein nachtaktives Nagetier mit gro\u00dfen schwarzen Augen, einem maus\u00e4hnlichen grauen Fell und einem eichk\u00e4tzchen\u00e4hnlichen buschigen Schwanz. Um sie geht es an diesem Tag aber nicht. Der Hintergrund ist eine alte Legende aus der Fr\u00fchzeit des Christentums.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Legende als verdichtete Wahrheit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Meinen Kindern, als sie noch klein waren, habe ich gerne diese Legende erz\u00e4hlt und immer wieder habe ich sie auch in meinen Religionsunterricht eingebaut. In ihr steckt so viel bleibende Weisheit. Allerdings gilt es zun\u00e4chst den Charakter der Legenden richtig zu verstehen. Die Textkritik weist sie als metaphorische Erz\u00e4hlungen auf. Um einen Kern von wahren Tatsachen ranken sich bildliche Ausgestaltungen, die die Wahrheit noch verst\u00e4rken. Legenden sind nicht Ausdruck von einem irrationalen Aberglauben, sondern verdeutlichen mit ihren Bildern das, was auch rational begreifbar ist. Somit stehen sie der Ratio nicht entgegen, sondern korrelieren mit ihr.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Siebenschl\u00e4fer-Legende<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte aus der wohl bekanntesten Legenden\u00fcberlieferung, der Legenda Aurea, geht so: Am H\u00f6hepunkt der Christenverfolgung, im Jahr 251 unter Kaiser Decius, gab es in der Stadt Ephesus sieben christliche S\u00f6hne aus vornehmem Haus, die sich weigerten, das befohlene Opfer f\u00fcr die G\u00f6tter zu vollbringen. Wer dies nicht tat, wurde mit Marter und Tod bestraft. Der Plan der sieben widerspenstigen Christen war es, sich in einer H\u00f6hle zu verstecken. Ihr Glaube war ihnen so wichtig, dass sie nie und nimmer vor dem Kaiser in die Knie gehen w\u00fcrden. Er gew\u00e4hrte ihnen zun\u00e4chst eine Frist, um sich zu entscheiden. Allerdings n\u00fctzten sie diese Zeit f\u00fcr einen anderen Plan. Zun\u00e4chst verteilten sie ihr Verm\u00f6gen unter den Armen. Als Bettler verkleidet ging einer von ihnen in die Stadt, um Essen zu erbitten. Am Ende der Frist, die ihnen der Kaiser gesetzt hatte, waren sie wieder beim Mahl in ihrer H\u00f6hle. Da, so Gottes Wille, fielen sie in einen tiefen Schlaf. Der Kaiser erfuhr vom Versteck der Sieben und lie\u00df den Eingang zur H\u00f6hle zumauern, damit sie ebendort verhungern sollten. Zwei christliche Sympathisanten brachten dort eine Tafel an, um auf dieses Ereignis aufmerksam zu machen. Fast 200 Jahre sp\u00e4ter lie\u00df ein B\u00fcrger der Stadt Ephesus auf g\u00f6ttliche Eingebung den Eingang der H\u00f6hle wieder freimachen. Das weckte die Sieben auf. Sie glaubten, nur eine Nacht geschlafen zu haben. Als sie hinaustraten, wunderten sie sich sehr. Nun gab es in dieser Stadt Kreuze und Kirchen und \u00fcberall konnte man frei und ohne Angst von Jesus Christus sprechen. Einer der Sieben wollte mit einer l\u00e4ngst veralteten M\u00fcnze Brot kaufen. Daraufhin wird er zum Herrscher gef\u00fchrt. Dies wird als Beweis f\u00fcr die Auferstehung von Leib und Seele gewertet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Legende als christlich-muslimische Br\u00fcckengeschichte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Legende von den sieben Schl\u00e4fern ist eine der vielen Br\u00fccken im christlich-islamischen Dialog. Wir finden die Legende von den sieben Schl\u00e4fern in \u00e4hnlicher Form auch im Koran. Die 18. Sure tr\u00e4gt den Titel \u201edie H\u00f6hle\u201c. Liebevoll wird dort geschildert, wie Gott ihre K\u00f6rper immer wieder wendet, damit die Leiber nicht verwesen, und wie ein Hund vor der H\u00f6hle Wache h\u00e4lt. Als sie nach 300 Jahren auferweckt werden, verk\u00fcnden sie den Glauben an den einen Gott.<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts der Feindschaften, die von fundamentalistischen Richtungen in beiden Religionen ges\u00e4t werden, tut es gut, auch am Beispiel dieser Legende Gemeinsames zwischen Christentum und Islam zu pflegen. Deswegen wurde vor einiger Zeit in der Siebenschl\u00e4ferkirche Vieux-Marche in Frankreich eine christlich-muslimische Wallfahrt angeregt. Goethe hat im west-\u00f6stlichen Divan vor allem die islamische Tradition der Sieben-Schl\u00e4fer aufgegriffen und in genialer Weise gezeigt, wie sich in diesem \u201eStoff\u201c das allgemein Humanistische und Religionenumfassende verdichtet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Legende als die zu lesende Trostgeschichte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Christenverfolgungen gab es nicht nur zur Zeit von Kaiser Decius. In vielen Staaten dieser Welt werden heute Christinnen und Christen diskriminiert, bedroht und verfolgt. Weltweit sind bis zu 100 Millionen Christen betroffen und die Tendenz ist steigend. Kirchen sind immer wieder Ziel islamistisch-terroristischer Anschl\u00e4ge \u2013 wie vor kurzem auch in der Republik Dagestan.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Recht auf Religionsfreiheit als grundlegendes Menschenrecht wird weiterhin verletzt und eingeschr\u00e4nkt. Am Siebenschl\u00e4fertag ist es notwendig auf den Wert der menschenrechtlich garantierten freien Religionsaus\u00fcbung hinzuweisen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Siebenschl\u00e4fer und der Wert der Gewissensentscheidung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die legendarischen Siebenschl\u00e4fer widersetzen sich dem Befehl des Kaisers und seiner Gehilfen. Sie folgen nicht einer f\u00fcr sie als falsch empfundenen staatlichen Anordnung, sondern der inneren \u00dcberzeugung von dem, was f\u00fcr sie als richtig ist. Wenn es in der Legenda aurea sowie im Koran dann hei\u00dft, dass die Gewissenstreuen am Leben blieben, so kann es so gedeutet werden: Wer sich selbst mit seinem eigenen Leben f\u00fcr Wahrhaftigkeit einsetzt, wird letztlich \u201ef\u00fcr immer leben\u201c. Alles, was ein Mensch an Gutem getan hat, kann aus der H\u00f6hle genommen werden und aufwachen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aus der H\u00f6hle treten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die H\u00f6hle, so hat es Plato vor vielen Jahrhunderten beschrieben, ist der Ort, indem wir alles nur wie Schatten wahrnehmen und es ist daher notwendig, ins Licht zu treten, um die wirkliche Welt zu sehen. In der Aufkl\u00e4rung ist das Verlassen der H\u00f6hle die Illumination, mit der wir ins Licht der Vernunft treten und den Aberglauben bzw. die Verschw\u00f6rungsmythen hinter uns lassen. Mit Adorno k\u00f6nnen wir davon sprechen, dass die H\u00f6hle die kapitalistische Scheinwelt ist, die gesamte Daseinsform, die durch die kapitalistische Produktionsform verdorben ist. Die H\u00f6hle ist die objektivierte Verblendungsform und, wie es Adorno formulierte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tiefenpsychologisch-pers\u00f6nlicher Aspekt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Befreiende an dieser Geschichte ist der leib-seelische Auferstehungsaspekt. Auferstehung ist verbunden mit einem Begleitetwerden in der Dunkelheit und Abgesperrtheit der H\u00f6hle &#8211; die Schlafenden werden g\u00f6ttlich gewendet. Auferstehung ist ein Befreitwerden durch eine \u00e4u\u00dfere Kraft, einen Menschen, der die Schlafenden herausholt. Auferstehung hat mit Leib und Seele zu tun. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Siebenschl\u00e4fer-Auftrag<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Tradition der Siebenschl\u00e4fer m\u00f6chte ich selbst leben. Mit dem Mut, stets dem eigenen Gewissen zu folgen, selbst wenn dies mit Unverst\u00e4ndnis oder Kritik verbunden ist. F\u00fcr mich bedeutet es ein Nein zu allen Kriegen und Kriegsvorbereitungen und ein Nein zur Zerst\u00f6rung der \u00f6kologischen Lebensbedingungen. Was den Siebenschl\u00e4fern Kraft zum Widerstand gab, lag vor allem auch in der Gemeinschaft. Sie waren letztlich zu siebt. So konnten sie sich st\u00e4rken. Wo solcher Widerstandsgeist und Mut und Gemeinschaft zu finden ist, werden wundersame besch\u00fctzende g\u00f6ttliche Kr\u00e4fte sp\u00fcrbar. Da verfaulen die Leiber nicht, sondern werden gewendet, um neu und frisch in die Welt hinaustreten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Heidegger, 27. Juni 2024<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Siebenschl\u00e4fertag Am 27. Juni ist Siebenschl\u00e4fertag. Was hinter dieser Bezeichnung steht, wei\u00df kaum jemand mehr. 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