{"id":10371,"date":"2024-07-04T09:18:40","date_gmt":"2024-07-04T09:18:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=10371"},"modified":"2026-02-03T07:21:11","modified_gmt":"2026-02-03T07:21:11","slug":"wo-freie-kunst-zur-befreiung-des-ganz-menschlich-leiblichen-fuehren-koennte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=10371","title":{"rendered":"Wo freie Kunst zur Befreiung des ganz Menschlich-Leiblichen f\u00fchren k\u00f6nnte"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die gek\u00f6pfte Marienstatue im Linzer Mariendom<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Kunstraum des Linzer Mariendoms wurde im Rahmen der Reihe \u201eK\u00fcnstlerische Positionen zur Heiligen Familie\u201c das Kunstwerk \u201eCrowning\u201c ausgestellt. Die Idee stammt von der Tiroler K\u00fcnstlerin Esther Strau\u00df und wurde von der M\u00fchlviertlerin Theresa Limberger umgesetzt. Maria wird in der geschnitzten Holzfigur als Geb\u00e4rende dargestellt. Auf einem Stein sitzend hat sie ihre nackten Beine gespreizt und in ihrer Vulva wird bereits der Sch\u00e4deldeckel des Jesuskindes dargestellt. Sie scheint wie eine Krone oder wie ein Heiligenschein den Kopf des Kindes zu umschlie\u00dfen. Es ist der Moment, der im Englischen mit dem vieldeutigen Begriff \u201eCrowning\u201c bezeichnet wird, jener Augenblick, in dem der Kopf des Kindes durchbricht. Das ist der Kr\u00f6nungsmoment der Natur. Weit ge\u00f6ffnet sind die blauen Augen von Maria, die himmelw\u00e4rts blickt. Auf ihrem Kopf ist ein goldener Kranz \u2013 Heiligenschein und Krone zugleich. Um sie herum liegen die Kleider in den ikonographisch typischen rot-wei\u00df-blauen Farben der Maria. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar Tage nachdem die Skulptur in der Kunstkapelle im Mariendom ausgestellt worden war, wurde ihr von einem unbekannten T\u00e4ter der Kopf abges\u00e4gt (1.7.2024). Eine &#8222;Kriegserkl\u00e4rung an das Weibliche&#8220; urteilte dar\u00fcber &#8222;rau&#8220; in seiner Glosse im STANDARD (8.7.2024) und weiter &#8222;es ist nackte ungesch\u00f6nte Gewalt. Diese Gewalt ist nun ebenso ungefiltert dem Auge des Betrachters ausgesetzt worden wie die Geburt selbst.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Solch deutliche Worte h\u00e4tte ich mir wohl auch von Seiten der Kirchenleitung erwartet. Haben sie den Kairos verpasst, deutlich zu sagen, auf welcher Seite sie hier stehen, n\u00e4mlich auf der Seite jener, die in einer Geburt nichts Schmutziges, nichts Anst\u00f6\u00dfiges, nichts Be\u00e4nstigendes sehen, sondern einen auch in religi\u00f6ser Hinsicht wohl bedeutsamsten heiligen Akt, dem Beginn neuen Lebens, der mit weiblicher Kraft zu tun hat und dass, wie Hans Rauscher zurecht schreibt, solches Geschehen gerade im Raum der Kirche seinen Platz haben darf und muss?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Von der Freiheit auch religi\u00f6ser Kunst im kirchlichen Raum<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Kunstwerk emp\u00f6rt vor allem die katholisch fundamentalistische Seite. Die Kirchenleitung der Di\u00f6zese Linz wird von diesen Kritikern massiv angegriffen. Das ultrakonservative Internetforum kath.net nimmt es zum Anlass, um katholische Fundi-Ideologie zu verbreiten. In einem auf kath-net ver\u00f6ffentlichten Videoblog wird der T\u00e4ter als \u201emutiger Mensch\u201c bezeichnet, der \u201eRespekt verdient\u201c, weil er dem ganzen Treiben ein Ende setzte. Respekt f\u00fcr die Enthauptung einer Marienstatue? Jene mit einer weltabgewandten und damit auch meist sexualfeindlichen, frauenfeindlichen und jenseitsorientierten Ideologie rufen zum Widerstand auf, rechtfertigen die Tat, die allein schon durch die Symbolik der Enthauptung h\u00f6chst diskriminierend ist. F\u00fcr die ultrakonservativen Fundis ist die Crowning-Statue ein Ausdruck \u201efeministischer Ideologie\u201c \u2013 so der ehemalige Pr\u00e4fekt der Glaubenskongregation. Auf kath-net finden wir auch unzensuriert Stellungnahmen wir folgende: \u201eGott segne den, der dieses Machwerk zerst\u00f6rt hat und sein Zorn komme auf jene herab, die derlei herstellen, aufstellen und dulden. Letztlich ist dieses abartige Bildnis ein Ausweis daf\u00fcr, wie abartig jene sind, die es im Dom aufstellen, und wie weit sie sich vom Glauben entfernt haben. Den Ortsbischof und das Domkapitel schlie\u00dfe ich da ausdr\u00fccklich mit ein. Wer die Bibel kennt, wei\u00df, dass derlei zu den ganz schlimmen S\u00fcnden z\u00e4hlt und dass sie Gott mir harter Hand straft. Linz wird das zu sp\u00fcren bekommen. Die Linzer Gl\u00e4ubigen bitte ich, den Dom nicht mehr zu betreten. Er ist entweiht, solang nicht ein Bu\u00dfritus vollzogen wird und die Schuldigen Gott um Vergebung bitten. Geben Sie nicht nach und betreten Sie dieses Gotteshaus nicht mehr &#8211; es ist kein heiliger Ort mehr.\u201c Auch in weiteren Kommentaren wird der Kopfabschneider als \u201eHeld\u201c gewertet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer in die argumentativen Abgr\u00fcnde der Gegner der Marienstatue geht, entdeckt dann sofort auch ein Argument, das sich durchzieht: Maria wird auch in einem biologischen Sinne als Jungfrau gesehen \u2013 und sie soll selbst bei der Geburt Jungfrau geblieben sein. Weil Maria von der Erbs\u00fcnde befreit gewesen sei, h\u00e4tte sie auch nicht \u201eunter Schmerzen\u201c geboren, so eine Interpretation von Seiten der Petrusbruderschaft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ikonographie des Weiblich-Leiblichen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mirjam ben Jeschua, Mariam ibn Ischa, Maria von Nazareth \u2013 sie ist durch und durch Frau. Nicht die weltabgehobene unbefleckt Empfangene, sondern die irdische-weibliche Person. Die Crowning-Statue dr\u00fcckt f\u00fcr mich mehr aus, wie Maria ist, als eine der Abermillionen wei\u00df-blass-bl\u00e4ulichen Fatimafiguren, wo Maria z\u00fcchtig gekleidet, mit zum Himmel gefalteten H\u00e4nden, schiefem Kopf und verkl\u00e4rten Augen dargestellt und verehrt wird. Die gek\u00f6pfte Marienstatue dr\u00fcckt vor allem auch aus, was die zentralste Erfahrung des christlichen Glaubens ist: dass G\u00f6ttliches Mensch wird, dass besonders in Jesus von Nazareth durch die Geburt von einer Frau Gott Menschengestalt angenommen hat. Die K\u00fcnstlerin verdeutlicht, was bei jedem Sonntagsgottesdienst im Glaubensbekenntnis gesprochen wird: &#8222;Geboren von der Jungfrau Maria &#8230;&#8220; Die evangelische Theologin Maria Katharina Moser schreibt dazu: &#8222;Zum Be- und Ergreifen des Menschlichen geh\u00f6rt die Geburt. Menschen fallen nicht vom Himmel oder sprie\u00dfen wie Pilze aus dem Boden. Menschen werden geboren. Von einer Frau.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ja zur Crowning-Skulptur im Linzer Mariendom<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aus theologischer Sicht brauchen wir gerade im Kontext der Kirche \u2013 und nicht in Galerien und s\u00e4kulare Kunstr\u00e4ume verdr\u00e4ngt \u2013 Werke wie jenes von Esther Strau\u00df. Erstens weil es die Wirklichkeit der Inkarnation, das hei\u00dft der Menschwerdung, in aller Radikalit\u00e4t zur Darstellung bringt. Zweitens weil wir den Kontrapunkt brauchen zu den kitschigen Marienfiguren, in denen jede Weiblichkeit und K\u00f6rperlichkeit und vor allem jede Sexualit\u00e4t verdr\u00e4ngt wird. Drittens schlie\u00dflich, weil die Geschichte der Kirche bis zum heutigen Tag auch eine Verdr\u00e4ngung des Weiblichen kennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kunst muss nicht allen gefallen und man kann sich politisch klug gegen dieses Kunstwerk stellen mit dem Hinweis auf mangelnde k\u00fcnstlerische Qualit\u00e4t. Dann m\u00fcsste man auf der Basis einer solchen Argumentation viele Kirchen von fast unertr\u00e4glichem Herz-Schmerz-Kitsch befreien. Wichtiger scheint mir hingegen, auf die theologische und damit immer auch befreiungstheologische und feministische Relevanz des Kunstwerkes einzugehen und die dahinterliegende Botschaft wahrzunehmen. Ich greife zwei Zitate heraus, dir mir in diesem Kontext wichtig sind: Die K\u00fcnstlerin Esther Strau\u00df sagte zur Enthauptung, dass es zeige, \u201edass es immer noch Menschen gibt, die das Recht von Frauen an ihrem eigenen K\u00f6rper in Frage stellen.\u201c In einem Standard-Interview zieht sie die Parallelen zwischen Femiziden und der symbolisch aussagekr\u00e4ftigen Enthauptung als Ausdruck einer \u201epatriarchalen Gewaltbereitschaft\u201c. \u00c4hnlich sieht es Maria Katharina Moser: &#8222;Wenn die Statue im Mariendom durch rohe Gewalt zerst\u00f6rt wird, wird auch die W\u00fcrde des geb\u00e4renden Frauenk\u00f6rpers verletzt.&#8220; <\/p>\n\n\n\n<p>Meinen Beitrag m\u00f6chte ich mit einer Aussage der Linzer Theologin Maria Resch schlie\u00dfen, die auf den Punkt bringt, was ich selbst beim Anblick empfinde:  \u201eDie Skulptur von Esther Strau\u00df ist eine sehr poetische Arbeit, die die nat\u00fcrliche Geburt Jesu zeigt. Maria wird in ihrer Ausgesetztheit aber auch in ihrer Kraft gezeigt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Heidegger, 4.7.2024 (aktualisiert und korrigiert am 8.7.2024)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die gek\u00f6pfte Marienstatue im Linzer Mariendom Im Kunstraum des Linzer Mariendoms wurde im Rahmen der Reihe \u201eK\u00fcnstlerische Positionen zur Heiligen Familie\u201c das Kunstwerk \u201eCrowning\u201c ausgestellt. Die Idee stammt von der Tiroler K\u00fcnstlerin Esther Strau\u00df und wurde von der M\u00fchlviertlerin Theresa Limberger umgesetzt. Maria wird in der geschnitzten Holzfigur als Geb\u00e4rende dargestellt. 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