{"id":10478,"date":"2024-08-03T13:47:39","date_gmt":"2024-08-03T13:47:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=10478"},"modified":"2024-08-03T14:35:53","modified_gmt":"2024-08-03T14:35:53","slug":"schlafes-bruder-und-schmerzlich-verstoerende-sittenbilder-einer-gewaltdurchtraenkten-gesellschaft-und-sie-reproduzierenden-kirche-und-theologie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=10478","title":{"rendered":"&#8222;Schlafes Bruder&#8220; und schmerzlich-verst\u00f6rende Sittenbilder einer gewaltdurchtr\u00e4nkten Gesellschaft und sie reproduzierenden Kirche und Theologie"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Rattenberg-1-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Rattenberg-1-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10483\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Rattenberg-1-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Rattenberg-1-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Rattenberg-1-1152x1536.jpg 1152w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Rattenberg-1-1536x2048.jpg 1536w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Rattenberg-1-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>&#8222;<strong>Schlafes Bruder&#8220; in Rattenberg<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In den n\u00e4chsten Wochen werde ich kaum R\u00e4ume f\u00fcr Sport und Berge, f\u00fcr Klettern und Rennradfahren haben. Dankbar bin daf\u00fcr, mich Kultur-R\u00e4umen zu \u00f6ffnen. Ein besonderes Kultur-Highlight waren auch diesmal wieder die Rattenberger Schlossspiele. Das ist ein ganzheitliches Ereignis, bei dem nicht nur das St\u00fcck z\u00e4hlt, sondern genauso die Location und die Art und Weise, wie hier Theater gespielt wird. Besonders ist der Ort der Freilichtb\u00fchne bei den mittelalterlichen Burgruinen oberhalb der mittelalterlichen Kleinststadt. Zur Kulisse des Schauspiels z\u00e4hlen der Turm der Ruine und die alten B\u00e4ume im Burggraben, aber auch die Sterne im Nachthimmel. Besonders ist das bem\u00fchte Team der Schlossspiel-Gemeinschaft. Hier werkeln nicht professionelle Schauspielerinnen und Schauspieler, sondern begeisterte Menschen aus der Mitte der lokalen Bev\u00f6lkerung. Die Unterinntaler Dialekt ist in vielen Dialogen heraush\u00f6rbar. Es ist kein hochsubventionierter Kulturbetrieb, sondern professionelle Laienhaftigkeit. Da geschieht viel mehr, als nur ein St\u00fcck zur Auff\u00fchrung zu bringen. Die vielen Menschen, die \u00fcber viele Monate an diesem Projekt arbeiten, werden zur Gemeinschaft. Besonders ist die Fledermaus, die w\u00e4hrend des St\u00fcckes mehrmals \u00fcber der B\u00fchne flattert, und das Rattern der Z\u00fcge unter dem Schlossberg.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;<strong>Schlafes Bruder&#8220; deckt auf und verdeckt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Regisseur hat eine Adoption der Theateradaption von Robert Schneiders bekanntem Roman \u201eSchlafes Bruder\u201c gemacht. Der Inhalt des Klassikers passt zu Rattenberg, passt zur Auseinandersetzung mit den Schattenseiten eines Lebens in alpenl\u00e4ndischen und von der r\u00f6misch-katholisch Kirche gepr\u00e4gten Milieus. Schneider hat die Themen eines von den Pflegeeltern nicht geliebten Kindes, von sozialem Mobbing in einem Dorf, von gewaltdurchtr\u00e4nkten Beziehungsgeschichten, von der Doppelmoral der Kirche mit einem absto\u00dfenden Gottesbild, von psychischen und k\u00f6rperlichen Krankheiten, von Depression und Inzest, von Verzweiflung und Liebesdurchtr\u00e4nktheit, von Alkoholkonsum und prek\u00e4ren Lebensverh\u00e4ltnissen, von Selbstmord und Geschwisterstreit, von unerf\u00fcllter Liebe und homoerotischen Gef\u00fchlen und dem Erwachsenwerden in lebensfeindliche Zusammenh\u00e4nge in eine Geschichte verpackt. Die Bez\u00fcge zu realen Vorgaben sind offensichtlich. Im Theaterst\u00fcck selbst wird diese Themenf\u00fclle noch klischeehafter und stets hart am Rande peinlicher \u00dcbertreibung in Szene gesetzt. Mein theologisch gepr\u00e4gtes Denken und meine kirchliche Verbundenheit wird vor allem durch die Art und Weise herausgefordert, welches Bild von Kirche und ihren Glaubens\u00fcberzeugungen hier den Rahmen bildet. Neben der Gestalt der Hauptperson Elias Johannes ist es vor allem die Person des Pfarrers Johannes, der cholerisch und verschroben im Dorf seine Spuren hinterl\u00e4sst. Nicht nur Elias geht auf seine sexuellen Abenteuer mit den Frauen des Dorfes zur\u00fcck, sondern es ist seine Art, die sexuellen Triebe an den Frauen auszulassen. Hinter all dem steht ein r\u00e4chender und doch weltferner Himmelgott, der in Abh\u00e4ngigkeiten zwingt und doppelmoralisches Verhalten zu legitimieren scheint. Selbst die Liebe von Elias zu seiner angebeteten Elsbeth schenkt keinen Ausweg aus dem dystopisch-destruktiven Beziehungsgeflecht. Einzig die Musik ist es, mit denen er die T\u00fcren des Himmels einen Spalt weit \u00f6ffnen kann.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schlafes Bruder und Crystal Meth-Labor im Pfarrhof<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die H\u00e4me, mit der der Pfarrer und sein z\u00f6libat\u00e4res Sexualleben charakterisiert wird, scheint selbst bei dem wohl durchwegs katholischen Publikum auf zustimmende Resonanz zu sto\u00dfen. Man muss schon aufpassen, um nicht in die generalisierende Falle zu tappen und sich zu denken: &#8222;So sind sie sie halt, die scheinheiligen Pfaffen.&#8220; Als der Vorarlberger Romancier seine erfolgreiches Erstlingswerk vor mehr als 30 Jahren schrieb, war kirchlicher Missbrauch noch kaum ein Thema. Inzwischen ist das Bild der Kirche und ihrer Pfarrer im kollektiven Bewusstsein stark besch\u00e4digt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei muss ich unwillk\u00fcrlich an einen anderen Fall denken, der gerade medial hochgespielt wird und schon wieder einen Stoff bieten w\u00fcrde f\u00fcr einen Roman mit dem Titel \u201eDrogenlabor im Widum\u201c. Was bleibt und wohl alle Kirchenfeinde nun aus diesem Einzelfall von einem Pfarrer in einer abgelegenen Gemeinde im Waldviertel ziehen: &#8222;So sind sie \u2013 den Pfarrern ist nicht \u00fcber den Weg zu trauen, die kochen sich sogar in ihren Pfarrr\u00e4umlichkeiten Crystal-Meth.&#8220; Kirchenfeinde und Religionskritiker k\u00f6nnen sich schadensfroh die H\u00e4nde reiben. Birgitt Wittstock schreibt dazu treffend in der Wochenendausgabe vom STANDARD: \u201eDer Fall des Pfarrers k\u00f6nnte als eine vergleichsweise kleine Nummer in die Statistik der Suchtmittelkriminalit\u00e4t eingehen, w\u00e4re die Fallh\u00f6he f\u00fcr den Geistlichen nicht anders bemessen. Ein Blick ins Netz zeigt: Wenn die Kirche \u00fcber die eigene Selbsterh\u00f6hung stolpert, sorgt das f\u00fcr H\u00e4me und Schadenfreude.\u201c (DER STANDARD, 3. 8. 2024)<\/p>\n\n\n\n<p>Wo einzelne Vertreter der Kirche gegen die hohen eigenen Anspr\u00fcche versto\u00dfen, braucht es Kritik bzw. entsprechende rechtliche Vorgangsweisen, egal ob es im Sexualverhalten einzelner Geistlicher liegt oder eben im Umgang mit Drogen. Aber: Nicht \u201edie Kirche\u201c ist so. Und: Nicht \u201edie Geistlichen\u201c sind so. Vor allem aber gilt: Es ist die Religion selbst, die sich entfalten m\u00f6chte, um Menschen aus Gewalt und Abh\u00e4ngigkeiten zu befreien. Wahre Religion dient nie der Repression, sondern einem Leben in F\u00fclle. G\u00f6ttliches wird erfahrbar nicht in einem fernen tyrannischen Himmelsvater als Produkt menschlicher Phantasie, sondern als Liebeskraft zwischen Menschen. Solches Denken ist aber weder der Verst\u00e4ndnishorizont in Schlafes Bruder noch in der Art und Weise, wie heute \u00fcber den Crystal-Meth-Pfarrer aus dem Waldviertel geschrieben wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Heidegger, 3. August 2024<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Rattenberg-1-768x1024.jpg' class='thumbnail' \/>&#8222;Schlafes Bruder&#8220; in Rattenberg In den n\u00e4chsten Wochen werde ich kaum R\u00e4ume f\u00fcr Sport und Berge, f\u00fcr Klettern und Rennradfahren haben. Dankbar bin daf\u00fcr, mich Kultur-R\u00e4umen zu \u00f6ffnen. Ein besonderes Kultur-Highlight waren auch diesmal wieder die Rattenberger Schlossspiele. 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