{"id":10503,"date":"2024-08-08T11:26:19","date_gmt":"2024-08-08T11:26:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=10503"},"modified":"2024-08-08T12:49:18","modified_gmt":"2024-08-08T12:49:18","slug":"zerbrochnes-auf-der-buehne-bei-den-telfer-volksschauspielen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=10503","title":{"rendered":"Zerbrochnes auf der B\u00fchne bei den Telfer Volksschauspielen"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/krug-2.png\"><img loading=\"lazy\" width=\"913\" height=\"443\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/krug-2.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-10504\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/krug-2.png 913w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/krug-2-300x146.png 300w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/krug-2-768x373.png 768w\" sizes=\"(max-width: 913px) 100vw, 913px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Keine klassische Theaterkritik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich ein Theaterst\u00fcck oder einen Film sehe oder ein literarisches Werk lese, ist es meine Schreibart nicht, zu den vielen Kritiken oder Rezensionen eine neue Kritik hinzuzuf\u00fcgen. Mir geht\u2019s viel mehr darum, das Gesehene als Schl\u00fcssel zu sehen, um Welt und Mensch, um Politik und Privates, um Gott und Religion, um Philosophie und Theologie mit neuen Blickwinkeln zu verstehen. Das in diesem Theatersommer in Tirol am besten beworbene, seit Wochen ausverkaufte und meist diskutierte St\u00fcck konnte ich bei den Telfer Volksschauspielen besuchen: Der zerbrochne Krug von Heinrich von Kleist, ein Klassiker aus Schultagen, das lange in den Lehrpl\u00e4nen f\u00fcr Deutsch vorgesehen war als Beispiel f\u00fcr eine Dichtung aus der Zeit der Romantik.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patriarchale Gewalt wird aufgedeckt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am Tag nach dem Theaterbesuch wird in einer Tageszeitung von einer neuen Studie \u00fcber sexualisierte M\u00e4nnergewalt geschrieben: Statistisch gesehen ist \u00d6sterreich weit oben bei den Femiziden. Patriarchale Strukturen in Verbindung mit psychopathischen Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen seien die wesentliche Ursache dahinter, fand die Leiterin der Studie heraus. Um das Aufdecken sexueller \u00dcbergriffe von M\u00e4nnern an Frauen ging es vor mehr als 200 Jahren schon Heinrich von Kleist. MeToo-Stoff in der Sprache der Romantik. Kleist hat sein \u201eLustspiel\u201c dabei sehr einfach gestrickt und diese fast plumpe Einfachheit wird in Telfs von den Schauspielprofis \u00fcberdeutlich gespielt. Allen voran brilliert Tobias Moretti, der eine toxische M\u00e4nnlichkeit so richtig entfalten kann. Die Heldinnen sind aber die Frauen: Die deutsche Schauspielerin Corinna Harfouch l\u00e4sst sich als Gerichtsbeauftragte in Cowboy-Outfit nicht korrumpieren und abwimmeln, sondern ist interessiert an dem, was rechts von der B\u00fchne auf einem Balkon des Hauses am Eduard-Walln\u00f6fer-Platz in gro\u00dfen Lettern steht: JUSTICE. Dort h\u00e4ngt jene Frau, die sp\u00e4ter als Zeugin den T\u00e4ter entf\u00fchrt, wassertriefende wei\u00dfe W\u00e4sche auf.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hineinverwoben in die Strukturen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Opfer-T\u00e4ter-Dynamik ist vordergr\u00fcndig schnell aufgedeckt. Die Sympathie aller geh\u00f6rt dem Opfer Eve, die aufgrund der herrschenden Patriarchiatsstruktur unterdr\u00fcckt und sexuell missbraucht werden konnte. Heinrich von Kleist hat in seinen Versen Tiefgr\u00fcndiges hinein verstrickt. Jeder Mann muss sich bewusst sein, ein St\u00fcck der Schuld Adams in sich zu tragen. Wohl nicht von ungef\u00e4hr w\u00e4hlte Kleist \u201eAdam\u201c als Name f\u00fcr den Dorfrichter und gleich zu Beginn spricht der Kleist-Adam den bekannten Satz: \u201e\u2026 zum Straucheln brauchts doch nichts als F\u00fc\u00dfe. \/ Auf diesem glatten Boden, ist ein Strauch hier? \/ Gestrauchelt bin ich hier; denn jeder tr\u00e4gt \/ Den leid&#8217;gen Stein zum Ansto\u00df in sich selbst.\u201c Treffend bringt Kleist damit das Erbs\u00fcnden-Dilemma auf den Punkt. Doch gibt es auch Erl\u00f6sung, die im Streben nach Gerechtigkeit und Recht liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Erlebnis von Theater in Open-Air-Atmosph\u00e4re auf dem gro\u00dfen Platz in der Mitte von Telfs \u00f6ffnet den Raum, sich als in das Geschehen hinein verstrickt zu erleben. Was Kleist dichtete, findet \u00fcberall statt, an vielen Orten Tirols wohl auch, findet heute statt. So wird das Publikum anfangs gleich gefragt, ob es der Kl\u00e4ger ist. Der riesige Container-Laster, mit dem Tobias Moretti ins Geschehen donnert, wird zur B\u00fchne f\u00fcr das Geschehene, das doch auch im Heute zu finden ist. Eve ist das Opfer und emanzipiert sich aber dann doch, dass sie am Ende des St\u00fcckes nicht l\u00e4nger schweigt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Befreiendes<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Macho wird enttarnt, der Teufel mit dem Klumpfu\u00df ist entmachtet, die Liebe zwischen Eve und Ruprecht kann nun sein, die Justiz hat sich den Raum geschaffen. Anders als bei der Erstauff\u00fchrung von \u201eDer Zerbrochne Krug\u201c unter der Regie von Johan Wolfgang von Goethe in Leipzig, wo das St\u00fcck von Publikum und Kritik v\u00f6llig kritisiert worden ist, gab es am Walln\u00f6fer-Platz in Telfs viel Applaus: Wohl nicht nur f\u00fcr das grandiose Schauspieler-Ensemble und die kreativen Einf\u00e4lle der Inszenierung, sondern auch f\u00fcr die kollektiv empfundene Freude, wenn Unrecht aufgedeckt &nbsp;und Gerechtigkeit geschaffen wird, wenn L\u00fcge entlarvt wird und Wahrheit sich Raum schafft. Um einen zerbrochnen Krug ging es am Beginn des St\u00fcckes. Er wird zur Nebensache. Zerbrochen werden nun die Macht von L\u00fcge und Gewalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Heidegger<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/krug-2.png' class='thumbnail' \/>Keine klassische Theaterkritik Wenn ich ein Theaterst\u00fcck oder einen Film sehe oder ein literarisches Werk lese, ist es meine Schreibart nicht, zu den vielen Kritiken oder Rezensionen eine neue Kritik hinzuzuf\u00fcgen. Mir geht\u2019s viel mehr darum, das Gesehene als Schl\u00fcssel zu sehen, um Welt und Mensch, um Politik und Privates, um Gott und Religion, um&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":10504,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1917,183],"tags":[1933,1934],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10503"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10503"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10503\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10508,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10503\/revisions\/10508"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/10504"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10503"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10503"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10503"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}