{"id":10869,"date":"2024-11-24T16:29:05","date_gmt":"2024-11-24T16:29:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=10869"},"modified":"2024-11-24T16:29:05","modified_gmt":"2024-11-24T16:29:05","slug":"kuenstlerische-einheitserfahrungen-mit-bildern-von-marc-chagall","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=10869","title":{"rendered":"K\u00fcnstlerische Einheitserfahrungen mit Bildern von Marc Chagall"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/Chagall-2-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/Chagall-2-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10870\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/Chagall-2-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/Chagall-2-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/Chagall-2-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/Chagall-2-1536x1152.jpg 1536w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/Chagall-2-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Wenn ich gefragt werden w\u00fcrde, wer meine Lieblingsmaler sind, so ginge ich mit dem Antworten wohl zun\u00e4chst von mir aus, meinem Sein und Streben, meinen Gedanken und Empfindungen, die stets in Interaktion zueinander sind. Dann w\u00fcrde ich auf solches Fragen sofort eine Antwort parat haben: Marc Chagall. Eine gro\u00dfe Ausstellung in der Albertina schenkt mir Gelegenheit, die Welt um mich und mich selbst in Chagalls Bildern wiederzufinden und staunend zu verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gedanken bleiben h\u00e4ngen bei dem, was im Zentrum vieler seiner Bilder ist: Der Einheit von Mann und Frau, von M\u00e4nnlichem und Weiblichem, der Liebe zwischen beiden, die befreit und tanzen l\u00e4sst, selbst in einer Welt, die von Krieg und Zerst\u00f6rung gepr\u00e4gt ist. Diese Liebe malt Chagall mit kr\u00e4ftig bunten lebensfrohen Farben, kr\u00e4ftigem Rot oder Blau, Farben des Lebens und des Himmels, die sich abheben vom Schwarzgrau destruktiver Kr\u00e4fte der Trennungen und des Todes.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Chagall gibt es auch nicht mehr die Trennungen zwischen den Religionen. Die zentralen Grunderfahrungen des j\u00fcdischen Volkes klingen ein mit den zentralen Grunderfahrungen des christlichen Glaubens. Der Exodus aus \u00c4gypten und der Kreuzestod des Juden Jesus werden als gemeinsame Grunderfahrungen dargestellt. Der Jesus am Kreuz wird vom Juden Chagall als j\u00fcdischer Messias dargestellt, zugleich \u00fcberspringt Chagall jede fundamentalistisch vereinnahmende Interpretation beider Religionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Welt ist nicht grau in grau, sondern voll kr\u00e4ftiger Farben, die zwar nicht miteinander verschmelzen, und doch zusammen ein harmonische Ganzes inmitten von Disharmonien ergeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Bild \u201eder Ring\u201c sitzen sich ein Mann und eine Frau an einem Tisch gegen\u00fcber. Die Frau h\u00e4lt gedankenversunken einen Apfel in der Hand \u2013 wie Eva, der Mann pfl\u00fcckt sich vom Blumenstrau\u00df vor ihm eine rosarote zarte Rose, so als w\u00fcrde er sie der Frau gleich schenken. Sie blicken beide in sich, in eine Zukunft, die Neues und zugleich Unbekanntes verspricht. Da ist eine Einheit greifbar, ohne dass sie schon da w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Chagall brachte seine eigenen Liebeserfahrungen ins Bild \u2013 und zugleich sind es Erfahrungen, die sich im Leben von uns allen ereignen k\u00f6nnen, die in Abertausenden Liedern besungen, in Gedichten verdichtet und in Kunstwerken eine bleibende Wirklichkeit erhalten haben. Im Bild \u201eErste Begegnungen\u201c sind Mann und Frau miteinander verschmolzen \u2013 und bleiben doch eins, jedes Wesen mit seiner eigenen Aussagekraft und St\u00e4rke, ja, die Begegnung von beiden st\u00e4rkt die Farbe des je anderen. Bella, die gro\u00dfe Geliebte von Chagall, hat selbst zum Bild ihres K\u00fcnstlergatten geschrieben, wie ich in der Tafel neben dem Gem\u00e4lde lesen kann: \u201ePl\u00f6tzlich f\u00fchle ich mich wie von der Erde weggehoben, du st\u00f6\u00dft dich mit einem Bein vom Boden ab. Dein Kopf dreht sich, dazu verdrehst auch den meinen, schmiegst dich hinter meine Ohren und fl\u00fcsterst mir etwas zu. Vereint schweben wir \u00fcber dem geschm\u00fcckten Zimmer, kommen zum Fenster, wollen hindurch.\u201c Hinter der liegenden Frau wird ein wei\u00dfer Fl\u00fcgel sichtbar, so als w\u00e4re sie ein Engel. In ihrer Hand h\u00e4lt sie eine z\u00e4rtliche Blume, die sie wohl gerade von ihrem blauen Geliebten erhalten hat. Die beiden K\u00f6rper schmiegen sich zusammen. Die H\u00e4nde bleiben offen. Sie umklammern nicht. Die Nasenspitzen ber\u00fchren sich. Im rechten Bildrand unten sieht ein bunter Hahn dem Liebespaar zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder und wieder bleibe ich vor einem Bild stehen, fasziniert, staunend, dankbar. Eine Person schmiegt sich auf einen Hahn. So wird metaphorisch die Trennung von Natur-Mensch aufgehoben. Im gleichen Winkel neigt sich weit dahinter auf einem See ein Liebespaar einander zu. Sie sitzen in einem kleinen Ruderboot auf einem See. Chagalls Liebesbilder sind kr\u00e4ftig, und doch ohne Kitsch, sind z\u00e4rtlich, und doch kr\u00e4ftig, sind klar und doch bleibt das Ergebnis offen, weil es immer wieder neu gelebt werden will.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die Bilder mit tiefreligi\u00f6sen Motiven will ich diesmal nicht schreiben. Dazu habe ich viel mit meinen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern gearbeitet: \u00dcber den Jesus am Kreuz, der zugleich mit einem j\u00fcdischen Gebetsschal seine Scham bedeckt; \u00fcber den Rabbiner, der sich an seine Torrolle klammert, w\u00e4hrend hinter ihm sein Gschtettl brennt; \u00fcber die Geigenspieler, die in die K\u00e4rglichkeit der j\u00fcdischen Ghettos den Tanz bringen. Wenn ich an den Krieg in der Ukraine denke, dann wird mir nochmals verst\u00e4rkt bewusst, wie zeitlos Chagall gemalt hat. Eines seiner Bilder zeigt den Schrecken des Krieges, den Chagall gleich doppelt erlebt hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Das letzte Bild der Ausstellung ist wie eine Zusammenfassung. Chagall hat sich selbst auf eine schwarze Tafel gemalt, wie Jesus am Kreuz. Doch blickt er zugleich nicht wie ein Gemarterter. Sein Augen blicken klar in eine bestimmte Richtung, in der es hell ist. Seine Hand ist gel\u00f6st vom Querbalken. Die Welt au\u00dferhalb der Staffelei ist hell und bunt. Chagall \u2013 als Jude und als Fl\u00fcchtling, als jemand, dessen Bilder von den Nazis als entarte Kunst erkl\u00e4rt wurden und dann verbrannt wurden, hat sich selbst zugleich befreit von dem Vergangenen, hat nie aufgegeben, hat wieder Heimat gefunden. Er ist durch seine Kunst zu einer erl\u00f6senden Gestalt geworden, die befreiend bis ins Heute wirkt. Eine Tafel gegen\u00fcber bringt noch ein Zitat. Chagall: \u201eNennt mich nicht einen Phantasten, ich bin Realist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>klaus.heidegger, 24.11.2024<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/Chagall-2-1024x768.jpg' class='thumbnail' \/>Wenn ich gefragt werden w\u00fcrde, wer meine Lieblingsmaler sind, so ginge ich mit dem Antworten wohl zun\u00e4chst von mir aus, meinem Sein und Streben, meinen Gedanken und Empfindungen, die stets in Interaktion zueinander sind. Dann w\u00fcrde ich auf solches Fragen sofort eine Antwort parat haben: Marc Chagall. 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