{"id":10872,"date":"2024-11-24T18:24:15","date_gmt":"2024-11-24T18:24:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=10872"},"modified":"2026-02-03T07:11:10","modified_gmt":"2026-02-03T07:11:10","slug":"wenn-gier-und-dummheit-die-menschheit-in-den-abgrund-reisst-koenig-lear-im-heute","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=10872","title":{"rendered":"Wenn Gier und Dummheit die Menschheit in den Abgrund rei\u00dfen. K\u00f6nig Lear oder Christk\u00f6nig"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDann tritt ein, dass Menschheit sich als Raubtier selbst zerfleischt wie Monstren aus der Tiefe.\u201c Das ist nur eines der starken Zitate aus &#8222;King Lear&#8220; von Shakespeare. Seine tiefschwarze Trag\u00f6die ist der gro\u00dfe Klassiker der Weltliteratur und des Theaters. Sie wird im Spieljahr 2024\/25 im Burgtheater in Wien aufgef\u00fchrt. Am Beginn des Christk\u00f6nigsonntags war ich dort. <\/p>\n\n\n\n<p>Um zu sehen, wie autorit\u00e4re F\u00fchrer die Welt in Kriege verstricken, m\u00fcsste ich nicht ins Theater gehen. Um zu verstehen, warum dies geschieht, kann der Blick in die klassische Weltliteratur helfen. Schon Shakespeare hat die politischen und sozialpsychologischen Mechanismen aufgedeckt, die ihre zerst\u00f6rerische Dynamik f\u00fcr Beziehung, f\u00fcr Familien und f\u00fcr Gesellschaften mit sich bringen. Von den mimetischen Zirkeln &#8211; dem destruktiven nachahmenden Begehren, das seine Opfer fordert &#8211; sprachen meine Lehrer an der theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Innsbruck.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Theaterabend in einer der bedeutendsten B\u00fchnen Europas ist an sich schon ein Erlebnis &#8211; ganz unabh\u00e4ngig von dem St\u00fcck, das gerade aufgef\u00fchrt wird. &#8222;Die Burg&#8220; mit ihrer imposanten Fassade fl\u00f6\u00dft von au\u00dfen Respekt ein und der Ruf der Burg eilt jeder real-analogen Ann\u00e4herung voraus. Auf der anderen Seite des Universit\u00e4tsrings hat der Christkindlmarkt am Rathausplatz ge\u00f6ffnet und die Metropole liegt im Fieber der &#8222;Black Week&#8220;. In den Stra\u00dfen und auf den Pl\u00e4tzen dr\u00e4ngen sich die Menschen. In der Eingangshalle und den Foyers im Theater geht es ruhig zu. Man schreitet ehrf\u00fcrchtig die alten Marmorstiegen unter den Lampen hinauf, die konkurrenzlos jedes Retrogesch\u00e4ft in den Schatten stellen w\u00fcrden und jedes Antiquarit\u00e4ten-Gesch\u00e4ft in Wien \u00fcberf\u00fcllen k\u00f6nnten. Die Tapeten an den W\u00e4nden erinnern an den Stil l\u00e4ngst vergangener Zeiten. In den G\u00e4ngen und Fluren der Burg ist Geschichte zuhause. <\/p>\n\n\n\n<p>Mir f\u00e4llt es einerseits schwer, die komplizierten Handlungsf\u00e4den des St\u00fcckes von &#8222;K\u00f6nig Lear&#8220; auch nur ann\u00e4hernd zu begreifen und gebe es dann w\u00e4hrend der Dreieinviertelstunde auch auf. Wer ist da mit wem im Streit? Wer integriert da gegen wen? Erschwerend kommt wohl auch hinzu, dass M\u00e4nnerpersonen von Frauen gespielt werden und dass einige der Schauspielenden zugleich mehrere Rollen spielen. Verwirrend ist weiters, dass im Shakespeare-St\u00fcck selbst zwei Familiengeschichten parallel erz\u00e4hlt werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Theater wirkt aber als ganzheitliches Ereignis die B\u00fchne schon f\u00fcr sich und die Geschichte wird durch die Darstellung begreifbar. Das st\u00e4rkste Bild wird mir am besten in Erinnerung bleiben. K\u00f6nig Lear wird zu Beginn des St\u00fcckes von einer Plattform auf die B\u00fchne gebracht, die von einer Schar schwarzgekleideter gehorsamstreuer Ritter getragen wird. Die Macht des K\u00f6nigs wird gest\u00fctzt von Menschen, die ihre Individualit\u00e4t aufgegeben haben, wo einer dem anderen gleicht, die sich zu reinen Befehlsempf\u00e4ngern erniedrigt haben. Sie tun das, was der K\u00f6nig befiehlt; sie geben seine Stimmungen wieder. Das Bild erinnert mich an die autorit\u00e4ren F\u00fchrer im Heute, an Putin, wie er sich mit Vasallen umgibt, an die Soldaten Nordkoreas, die nun als Kanonenfutter in die Schlacht geworfen werden. Shakespeare deckte auf, wohin Rache und Vergeltung f\u00fchren \u2013 und wir k\u00f6nnen es sehen im Heute, wohin die milit\u00e4rischen Vergeltungsschritte f\u00fchren, die im Namen der Selbstverteidigung geschehen. Ein Ausstieg aus diesen destruktiven Eskalationen w\u00e4re m\u00f6glich. Im St\u00fcck von Shakespeare ist es die j\u00fcngste Tochter von K\u00f6nig Lear, in der Gegenwart sind es wohl die Wehrdienstverweigerer und Deserteure, die nicht mehr mitspielen in diesem grausamen wechselseitigen Abschlachten. Was im St\u00fcck von Shakespeare das Ausstechen der Augen ist, sind heute die Bomben, mit denen Menschen get\u00f6tet oder zu Invaliden geschossen werden, und es sind die Antipersonenminen, die aktuell von den USA an die Ukraine geliefert werden. Die Duelle im Heute sind wesentlich grausamer als die Duelle, wie sie Shakespeare vor 400 Jahren im Blick hatte. \u00dcber die Jahrhunderte geht es in der Weltpolitik darum, sich mit Gewalt gegen andere durchzusetzen. Die gewalttrunkene Sprache bei &#8222;K\u00f6nig Lear&#8220; findet zugleich ihre Fortsetzung in den Parolen von FP\u00d6-Politikern, die am liebsten die geplante Ampelkoalition &#8222;an die Ohrwaschl&#8220; ziehen w\u00fcrde oder es anstreben, dem politischen Gegner eine &#8222;ordentliche Watschn&#8220; zu geben. An diesem Wahlwochenende in der Steiermark wird nicht K\u00f6nig Lear auf einer Plattform bejubelt, sondern die K\u00f6nige Kickl und Kunasek. <\/p>\n\n\n\n<p>Damit wohl ist eine weitere Br\u00fccke \u00fcber 400 Jahre zwischen Shakespeare und dem Jetzt gespannt. Die Tragik um K\u00f6nig Lear nimmt seinen Lauf durch seine ausgepr\u00e4gt narzisstischen Z\u00fcge. Er will umschmeichelt werden &#8211; vor allem von seinen drei T\u00f6chtern. Zwei der T\u00f6chter wiederum streiten sich darum, welcher wohl die K\u00f6niginnenw\u00fcrde zukommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur gut, dass es da bei all den narzisstischen Machtspielen die anderen Stimmen gibt, die bei Shakespeare und in der h\u00f6fischen Theaterwelt als Narren bezeichnet werden. Doch es sind jene prophetischen Stimmen, die die Wahrheit aufzeigen und Wege aus Krieg und Zerst\u00f6rung vorschlagen. In den letzten Szenen der Auff\u00fchrung am Burgtheater kommt der K\u00f6nig, unterst\u00fctzt von seiner mutigen Tochter Cordula, wohl zur sp\u00e4ten Erkenntnis und wird selbst irre. Der T\u00e4ter sieht sich nun als Opfer und tritt mit einer Art Dornenkrone und merkw\u00fcrdig rotem Mantel auf. Der einst um Ruhm Besorgte sieht sich nun als der Verspottete. <\/p>\n\n\n\n<p>Damit unsere Welt nicht in der d\u00fcster dystopischen Welt von \u201eK\u00f6nig Lear\u201c endet, wo am Ende nur Tod sein wird, braucht es jedenfalls die anderen Kr\u00e4fte, br\u00e4uchte es Licht und Farben, die es weder bei Shakespear`s Lear noch beim Blick auf die gegenw\u00e4rtigen Kriegsdynamiken gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Andersk\u00f6nig wird an an diesem letzten Wochenende des kirchlichen Kalenderjahres gefeiert. Er ist die Alternative zur Gewalt, die aus den mimetischen Verirrungen entsteht. Der Christk\u00f6nig setzt seine Herrschaft nicht auf Kosten der anderen durch, sondern lebt mit den Menschen auf Augenh\u00f6he. Er l\u00e4sst sich nicht von Marionetten-Menschen tragen, sondern ben\u00fctzt den Esel als prophetisch-messianisches Symbol. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDann tritt ein, dass Menschheit sich als Raubtier selbst zerfleischt wie Monstren aus der Tiefe.\u201c Das ist nur eines der starken Zitate aus &#8222;King Lear&#8220; von Shakespeare. Seine tiefschwarze Trag\u00f6die ist der gro\u00dfe Klassiker der Weltliteratur und des Theaters. Sie wird im Spieljahr 2024\/25 im Burgtheater in Wien aufgef\u00fchrt. 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