{"id":10936,"date":"2024-12-08T17:56:40","date_gmt":"2024-12-08T17:56:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=10936"},"modified":"2026-02-03T07:09:53","modified_gmt":"2026-02-03T07:09:53","slug":"make-love-not-war-gedanken-zum-fest-mariae-empfaengnis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=10936","title":{"rendered":"Make love not war \u2013 Gedanken zum Fest Mari\u00e4 Empf\u00e4ngnis"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Notre-Dame von Marc Chagall<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Hochfest von der \u201eunbefleckten Empf\u00e4ngnis Mariens\u201c \u2013 kurz \u201eMari\u00e4 Empf\u00e4ngnis\u201c z\u00e4hlt zu meinen Lieblingsfesten, weil es auch von meiner eigenen Sehnsucht nach einer Welt erz\u00e4hlt, die nicht beherrscht ist von Kriegen und Zerst\u00f6rungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um mich der Bedeutung des Festes anzun\u00e4hern, w\u00e4hle ich aus aktuellen Gr\u00fcnden eine Lithographie von Marc Chagall. Soeben wurde in Paris die Kathedrale Notre-Dame wieder er\u00f6ffnet. Das wichtigste Nationalmonument Frankreichs wurde vor f\u00fcnf Jahren durch einen Brand massiv zerst\u00f6rt. Notre-Dame ist auch eine Geschichte der Marienverehrung. Ihre Er\u00f6ffnung geschah deswegen bewusst an einem der wichtigsten Marienfeiertage.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Erst vor kurzem sah ich die gro\u00dfe Chagall-Ausstellung in der Albertina in Wien und lie\u00df mich \u201eberauschen\u201c von der bildgewordenen theologischen Dichte des K\u00fcnstlers. Chagall nahm zentrale christliche Elemente in seine Kunst auf, weil er J\u00fcdisches und Christliches stets in Verbindung miteinander dachte. Maria, die Mutter Jesu, war deswegen auch eines seiner Motive. Das Bild &#8222;M\u00e8re et enfant devant Notre-Dame&#8220; (Maria und das Kind vor Notre-Dame) stammt aus dem Jahr 1952. Die filigrane Zeichnung zeigt die Kathedrale Notre-Dame, die Maria gewidmet ist. Maria vor den bekannten T\u00fcrmen der Kathedrale wird von Chagall in ihrer ganzen Nat\u00fcrlichkeit gemalt. Keine Kleider bedecken sie. Sie h\u00e4lt Jesus in ihrem Arm. Die t\u00fcrkisblauen und gelbgr\u00fcnen Farbkreise dr\u00fccken Harmonie und F\u00fcrsorge aus. Oft hat Chagall auch den Hahn als franz\u00f6sisches Nationalsymbol in seine Bilder gebracht. Chagalls Mariendarstellungen sind voll nat\u00fcrlicher und erotischer Sinnlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sinnliche Empf\u00e4nglichkeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Fest \u201eMari\u00e4 Empf\u00e4ngnis\u201c wurde immer wieder in einer Weise interpretiert, dass die junge j\u00fcdische Frau Mirjam von Nazareth quasi entmenschlicht und \u00fcberirdisch stilisiert wurde. Dabei diente der Festtag mit seinem sperrigen Dogma dazu, das Sinnlich-Erotische aus der jungen j\u00fcdischen Frau zu nehmen. Das oft falsch verstandene mythische Bild von der Jungfrauschaft, das in das \u201eHochfest von der ohne Erbs\u00fcnde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria\u201c hineinverstrickt worden ist, ist mehrfach missverst\u00e4ndlich. Mit Blick auf eine wertsch\u00e4tzende Haltung gegen\u00fcber dem Leiblichen kann es dysfunktional wirken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nicht l\u00e4nger sexualfeindlich!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Zahl jener, die hinter dem Fest am 8. Dezember vermuten, dass es um Jesu Empf\u00e4ngnis ginge \u2013 was sich rein biologisch bei einer durchschnittlich neunmonatigen Schwangerschaft und einer Geburt, die rund 14 Tage sp\u00e4ter liegt, nicht ausginge \u2013 wird gr\u00f6\u00dfer. Sinnentleerter wird so auch das Fest. Der Begriff \u201eunbefleckte Empf\u00e4ngnis\u201c tut das seine dazu, um sexuelle Konnotationen zu wecken im Sinne des Narrativs, die Kirche w\u00fcrde mit Sexualit\u00e4t ein Beflecken verbinden. Hinzu kommt noch die Kombination mit \u201eErbs\u00fcnde\u201c. Dann sind wir eben bei dem Konstrukt: Jungfrau \u2013 unbefleckt \u2013 ohne Erbs\u00fcnde: Achtung Sexualit\u00e4t!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Jungfrau ist theologischer Mythos<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Tatsache ist jedoch erstens, dass der Titel Jungfrau mit Bezug auf Maria nicht im Sinne einer biologischen Jungfr\u00e4ulichkeit zu verstehen ist. Mit dem Weihnachtsfest verbinden wir die zentrale theologischen Aussage, dass Gott* ganz Mensch wird. Das wiederum bedeutet die so notwendige Aufwertung des Menschlichen schlechthin. Im Menschlichen realisiert sich das G\u00f6ttliche. Das Christentum ist somit keine Abkehr von der Welt und vom Menschen mit all seinen Dimensionen, sondern die radikale Hinwendung. Wir sehen dies auch sinnf\u00e4llig formuliert in einem anderen Mariendogma: Der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel. \u201eWas Maria so anziehend macht, ist ihre Menschlichkeit\u201c, schrieb Erzbischof Christoph Sch\u00f6nborn in einem seiner Kommentare zum Festtag Mari\u00e4 Empf\u00e4ngnis in der Kronenzeitung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erbs\u00fcnde bedeutet s\u00fcndhafte Verstrickungen in Strukturen des B\u00f6sen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens handelt es sich bei der Erbs\u00fcnde nicht um eine sexuelle Dimension, sondern vielmehr um die Urs\u00fcnde, die bereits im Adam-Eva-Mythos als S\u00fcnde von Rivalit\u00e4t und Gewalt beschrieben wird. Es geht also um s\u00fcndhafte Verstrickungen in Strukturen und Mechanismen des B\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit wird aber deutlich, worum es beim Fest Mari\u00e4 Empf\u00e4ngnis geht: Um die Grunderfahrung \u2013 die sich in diesem Dogma verdichtet \u2013 dass es m\u00f6glich ist, wie Maria auszubrechen aus den Teufelskreisen von Gewalt und Gegengewalt, L\u00fcge und Versteckspiel, Feindschaft und Unvers\u00f6hnlichkeit. Unbefleckt kann heute hei\u00dfen: Die Freiheit und den Mut in sich zu sp\u00fcren, Gewalt nicht mit Gegengewalt zu beantworten, Feinde zu Freunden zu machen, Unvers\u00f6hntes in Vers\u00f6hnung zu f\u00fchren. Wir haben die Wahl, entweder mitzumachen im Untergang dieser Welt oder durch ein anderes Leben diese Welt zu retten. Niemand zwingt mich, bei einem Onlineriesen steuerbefreit einzukaufen oder ein umweltfeindliches Produkt zu erwerben. Ich bin frei, \u00f6kologisch-nachhaltig Schritte zu setzen und so die Luft und die Erde weniger mit Abgasen und M\u00fcll zu be-FLECKEN. Jeder und jede von uns ist frei, Nahrungsmittel zu w\u00e4hlen, die nicht mit der Ausbeutung und dem Leid von Tieren verkn\u00fcpft sind, ist frei, auf Autofahrten weitestgehend zu verzichten und umweltfreundliche Fortbewegungsmittel zu w\u00e4hlen. Wir alle k\u00f6nnen heute beginnen, einem Menschen, der mich angrantelt, mit einem l\u00e4chelnden Blick zu begegnen<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erw\u00e4hlt zur Befreiung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der evangelische Superintendent von Tirol, Olivier Dantine, weist mit Bezug auf Dietrich Bonhoeffer auf einen wichtigen Aspekt im Zusammenhang mit der Interpretation von der Befreiung von der Erbs\u00fcnde hin. W\u00e4re Maria schon von der Empf\u00e4ngnis an \u201eerbs\u00fcndenfrei\u201c gewesen, dann w\u00e4re ihr Befreiungswerk wohl weniger radikal gewesen. Sie h\u00e4tte gar nicht anders handeln k\u00f6nnen. Es w\u00e4re auch, was die ontologische Qualit\u00e4t der Erbs\u00fcnde betrifft, gar nicht m\u00f6glich und w\u00fcrde ihr widersprechen. Daraus folgt, dass die Gr\u00f6\u00dfe Mariens darin besteht, dass sie sich eben nicht \u201eanstecken\u201c l\u00e4sst von dieser Erbs\u00fcnde, dass es ihr gelingt, ankn\u00fcpfend an die ganze j\u00fcdische Tradition, an die Erzeltern Sarah und Abraham, an die Prophetinnen und Propheten des Alten Bundes, durch ihre Beziehung zur Mutter Anna, zu Elisabeth und all den Frauen und M\u00e4nnern, mit denen sie unterwegs war, vor allem aber auch durch ihren Sohn Jesus, den s\u00fcndhaften Strukturen und Mechanismen zu widersagen.<\/p>\n\n\n\n<p>In den orthodoxen Kirchen wird daher das Fest von der Empf\u00e4ngnis Mariens weniger missverst\u00e4ndlich \u201eFest der Erw\u00e4hlung Mariens\u201c genannt. Bibeltheologisch gesehen geschieht die Berufung Mariens durch den Engel Gabriel im Lukasevangelium wie eine typische Prophetenberufung. Da ist der Ruf Gottes, die Auserw\u00e4hlung, dann das Erschrecken \u00fcber diese Berufung und schlie\u00dflich die Zusicherung, dass Gott* sie auf diesem Weg unterst\u00fctzen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Gott* erw\u00e4hlt nicht nur Maria von ihrer Empf\u00e4ngnis an zu einem Leben in Freiheit, zum Widerstand gegen Ungerechtigkeit sowie zu radikaler N\u00e4chstenliebe, sondern wir alle k\u00f6nnten \u201eunbefleckt\u201c auf g\u00f6ttlichen Wegen wandeln.&nbsp;Dann entdecke ich die bleibende Dynamik hinter dem Fest \u201eMari\u00e4 Empf\u00e4ngnis\u201c in all jenen Bewegungen und Personen, die heute authentisch klimafreundlich leben, die heute beginnen, Reicht\u00fcmer zu teilen, damit es ein gutes Leben f\u00fcr alle gibt, die heute nicht um sich kreisen, sondern die N\u00f6te ringsherum wahrnehmen und handeln. Es ist m\u00f6glich!<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Heidegger, Nachdenken \u00fcber das Fest Mari\u00e4 Empf\u00e4ngnis<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Notre-Dame von Marc Chagall Das Hochfest von der \u201eunbefleckten Empf\u00e4ngnis Mariens\u201c \u2013 kurz \u201eMari\u00e4 Empf\u00e4ngnis\u201c z\u00e4hlt zu meinen Lieblingsfesten, weil es auch von meiner eigenen Sehnsucht nach einer Welt erz\u00e4hlt, die nicht beherrscht ist von Kriegen und Zerst\u00f6rungen. 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