{"id":11156,"date":"2025-04-13T20:29:49","date_gmt":"2025-04-13T20:29:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=11156"},"modified":"2025-04-14T04:41:11","modified_gmt":"2025-04-14T04:41:11","slug":"paradoxe-intervention-vor-dem-pessachfest-das-evangelium-zum-palmsonntag-historisch-kritisch-gedeutet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=11156","title":{"rendered":"Paradoxe Intervention vor dem Pessachfest: Das Evangelium zum Palmsonntag historisch-kritisch gedeutet"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Wer hat gejubelt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Esel-Palmsonntag-1-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Esel-Palmsonntag-1-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-11157\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Esel-Palmsonntag-1-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Esel-Palmsonntag-1-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Esel-Palmsonntag-1-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Esel-Palmsonntag-1-1536x1152.jpg 1536w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Esel-Palmsonntag-1-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich denke an Predigten und Schriftauslegungen zum Evangelium vom triumphalen Einzug Jesu in Jerusalem. Sie sind oft gepr\u00e4gt vom Narrativ, dass das Volk zuerst \u201eHosianna\u201c rief und Jesus als Friedensk\u00f6nig freudig begr\u00fc\u00dfte, um dann sp\u00e4ter zu rufen \u201eans Kreuz mit ihm\u201c. Wendeh\u00e4lse \u2013 so seien sie gewesen \u2013 \u201edie Juden\u201c. Stimmt nicht, sagt uns die Forschung: Jene, die Jesus als Befreier bejubelten und ihn in der messianischen Tradition sahen, waren Menschen aus den Provinzen, vor allem auch aus Galil\u00e4a, die anl\u00e4sslich des Pessachfestes nach Jerusalem gekommen waren. Beim Einzugsjubel war die j\u00fcdische Lokalaristokratie, die als Kollaborateure der r\u00f6mischen Besatzungsherrschaft in der Hauptstadt wohnten, nicht dabei. Auch die Bewohnerinnen und Bewohner Jerusalems, die abh\u00e4ngig waren vom \u00f6konomischen Ausbeutungssystem, das sich rund um den Tempel gebildet hatte, den Jesus im Kontext des Evangeliums bei der so genannten \u201eTempelreinigung\u201c mit dem prophetischen Begriff \u201eR\u00e4uberh\u00f6hle\u201c bezeichnet hatte, d\u00fcrften keine Palmzweige gewedelt haben. Sie konnten vielmehr, so die Logik in der Passionsgeschichte, ben\u00fctzt werden und sich gut gebrauchen lassen, um dann \u201eans Kreuz mit ihm\u201c zu rufen. Die jesuanische Bewegung hingegen st\u00f6rte die herrschende \u00f6konomische Ordnung und das politische Ausbeutungssystem. \u201eHosianna!\u201c riefen all jene, die sich \u2013 ganz in der Tradition des Pessachfestes \u2013 nach Befreiung von Unterdr\u00fcckung und Besatzung sehnten und in denen die messianische Hoffnung lebte. Ihr Hosianna haben sie auch am Karfreitag sicher nicht aufgegeben, als Jesus verurteilt und grausam hingerichtet worden ist. Daher noch einmal: Die \u201eHosianna\u201c-Rufer und die \u201eAns-Kreuz-mit-ihm\u201c-Rufer waren kontr\u00e4re Gruppen zur Zeit Jesu. Wenn dies nicht beachtet wird, dann k\u00f6nnten allzu schnell antijudaistische Denkmuster und Stereotype weiterwirken, die den Kellernazis unserer Zeit gefallen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Was wurde gerufen? Der Hosianna-Ruf<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBewahre uns vor dem Jubel!\u201c, h\u00f6rte ich einmal einen Priester predigen, ganz in der Logik des vorher genannten falschen Narrativs. Das Gegenteil will uns das Evangelium am Anfang der Passionsgeschichte sagen: Wer unterdr\u00fcckt wird, wer die Unfreiheiten sp\u00fcrt, wer sich nach messianischer Befreiung sehnt, soll laut rufen: Hosianna, das hei\u00dft \u201eHerr hilf\u201c. Es ist der Hilferuf, den ich bei Aktionen wie \u201eExtinction Rebellion\u201c h\u00f6re. Angesichts der multiplen Krisen in unseren Welt kann nicht laut genug \u201eHosianna\u201c gerufen werden. Hilf, Herr! Es ist weiters heute auch der Hilferuf angesichts der vielen Kriege auf der Welt! Hilf, Herr!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der st\u00f6rrische Esel und der Gewaltverzicht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Palmsonntags-Evangelium liest sich wie ein Musterbeispiel einer Aktionsform aus dem breiten Feld des gewaltfreien Widerstands bzw. des zivilen Ungehorsams. Man k\u00f6nnte es auch als paradoxe Intervention bezeichnen. Paradox, weil zum einen bewusst ein k\u00f6niglicher Anspruch wahrgenommen wird, zugleich aber dieses K\u00f6nig-Narrativ konterkariert wird mit dem Reiten auf dem Fohlen einer Eselin. Ein K\u00f6nig, so war doch die g\u00e4ngige Meinung, m\u00fcsse mit Gewalt kommen, aber nicht auf dem Reittier der armen und verarmten Bev\u00f6lkerungsmehrheit. Das ist wohl etwas vergleichbar mit Papst Franziskus, der zu Beginn seines Pontifikats vor 12 Jahren einen geschenkten Fiat 500 einem monstr\u00f6sen Dienstfahrzeug der Luxusklasse vorzog. Die Einzugsgeschichte ist im Kontext der Evangelien nur zu verstehen, wenn sie mit der Aktion der Tempelreinigung in Beziehung gesehen wird. Die Art und Weise, wie Jesus kritisiert, dass der Tempel zur \u201eR\u00e4uberh\u00f6hle\u201c geworden ist und seine eigentliche Aufgabe l\u00e4ngst verraten hat, ist das Vorzeichen, um den Einzug zu begreifen. Die Pilgerinnen und Pilger in Jerusalem wussten schon vor der Eselaktion, was die messianische Bewegung im Sinn hatte. Sie wussten es vor allem auch, weil sie in den Schriften der Hebr\u00e4ischen Bibel beheimatet waren. Sie kannten die Bibelstelle aus dem Buch des Propheten Sacharja, der einen Friedensk\u00f6nig verhei\u00dfen hatte, der auf dem Fohlen einer Eselin ins Zentrum der Macht einziehen wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Extinction Rebellion im Spiegel des Palmsonntags<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In mehrfacher Hinsicht erinnert mich der bejubelte Einzug Jesu in Jersualem an die Aktionen der radikalen Klimaschutzbewegung \u201eExtinction Rebellion\u201c. Sie geschehen aus einer radikalen Notlage heraus \u2013 f\u00fcr Jesus war es die Verelendung der Bev\u00f6lkerung verbunden mit den Gewaltspiralen, f\u00fcr Extinction Rebellion sind es die Kipppunkte im Prozess der Erderhitzung. Ihre provokanten Aktionen geschehen absolut gewaltfrei. Sie geschehen im \u00f6ffentlichen Raum: Die Jesusbewegung w\u00e4hlte bewusst das Zentrum der damaligen j\u00fcdischen Macht, den Tempel und die Stadt Jerusalem, f\u00fcr Extinction Rebellion sind es die R\u00e4ume, in denen die Zerst\u00f6rung des Planeten manifest wird: Die Anlagen der \u00d6lindustrie, die Konzernetagen der \u00d6lmultis oder der Firmen, die krude Gesch\u00e4fte mit Seltenen Erden machen. Aktionen geschehen zu wichtigen Zeiten. Jesus w\u00e4hlte die Woche vor dem Pessachfest, die Aktionen von Extinction Rebellion beginnen oft zum Start von Konferenzen wichtiger internationaler Wirtschafts- oder Verteidigungsb\u00fcndnisse. Die Aktivistinnen und Aktivisten von Extinction Rebellion nehmen Nachteile und Unbilligkeiten auf sich. Zugleich sind ihre Aktionen bestens vorbereitet. Auch die Palmsonntagsaktion war, so k\u00f6nnen wir allen vier Evangelien entnehmen, minuti\u00f6s vorbereitet. Jesus und seine Freundinnen und Freunde wussten genau, wo dieses Eselsfohlen zu finden war, was zugleich aber bis in den innersten Kreis noch ein Geheimnis blieb, um dann wie bei einem \u00dcberraschungscoup \u2013 als solches mussten es wohl die siegessichere Herrscherclique empfinden \u2013 die Aktionsform zu setzen. Vieles deutet daraufhin, dass die Pilgerinnen und Pilger in der Stadt schon durch Mundpropaganda vorinformiert gewesen sind. Was dann geschah, liest sich wie ein Drehbuch zu einem gewaltfreien Umsturz.<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Heidegger, Palmsonntag 2025<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Esel-Palmsonntag-1-1024x768.jpg' class='thumbnail' \/>Wer hat gejubelt? Ich denke an Predigten und Schriftauslegungen zum Evangelium vom triumphalen Einzug Jesu in Jerusalem. 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