{"id":11295,"date":"2025-06-09T19:07:49","date_gmt":"2025-06-09T19:07:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=11295"},"modified":"2025-06-09T19:07:49","modified_gmt":"2025-06-09T19:07:49","slug":"wie-geht-es-dir-eine-daseinsfrage","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=11295","title":{"rendered":"\u201eWie geht es Dir?\u201c, Eine Daseinsfrage"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/0-ibk-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/0-ibk-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-11296\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/0-ibk-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/0-ibk-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/0-ibk-1152x1536.jpg 1152w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/0-ibk-1536x2048.jpg 1536w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/0-ibk-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>&#8222;Wie geht es dir?&#8220;, so werde ich gefragt, und auf diese h\u00f6flich oder empathisch oder manchmal auch nur beil\u00e4ufig gemeinte Frage wei\u00df ich dann oft nicht zu antworten, weil ich die Frage nicht als Floskel oder Beil\u00e4ufigkeit sein lassen m\u00f6chte, sondern in die existenzielle Tiefe ebensolcher Frage hineingerate, selbst wenn sie vom Fragenden nicht im Eigentlichen als existenziell gedacht war. Am liebsten w\u00fcrde ich dann ausf\u00fchrlich mit philosophischen und religi\u00f6sen Verst\u00e4ndnisformeln antworten oder mit Hinweisen auf mein Sein in all den vielen politischen, sozio-\u00f6konomischen oder kirchlichen und vor allem auch famili\u00e4ren und freundschaftlichen Einbindungen und Beziehungsebenen, in die ich geworfen bin, eben, um es mit einem Wort von Martin Heidegger zu sagen, in mein Geworfensein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mit Heideggerschen Kategorien gedacht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>So versuche ich es einmal hier zun\u00e4chst schriftlich, das \u201eWie geht\u2019s?\u201c als Daseinsfrage mit der seinsphilosophischen Hermeneutik von Martin Heidegger zu beantworten und damit auch eine Erkl\u00e4rung zu geben, warum ich \u2013 &nbsp;wohl unh\u00f6flich oder gar ignorant wirkend \u2013 auf die simple \u201eWie-geht\u2019s-Frage\u201c oftmals eine Antwort schuldig bleibe. Wenn ich im Folgenden den Namen \u201eHeidegger\u201c verwende, so beziehe ich mich auf das Denken von Martin Heidegger. Meine Namensverwandtschaft mit dem Philosophenk\u00f6nig ist dabei mehr als eine Zuf\u00e4lligkeit, weil die Zuf\u00e4lligkeit als solche schon in sich Sinnhaftigkeit wird, indem ich sie als Ansto\u00df nehme. Die Philosophin Ariadne von Schirach schrieb einmal, dass es mit Heidegger gelingen kann, die eigene Existenz besser zu verstehen; er sei es, der die Metaphysik vom Himmel auf die Erde holte. Ich schreibe also, das hei\u00dft, ich m\u00f6chte \u2013 wie es Heidegger sagte \u2013 \u201emit der Sprache durch die Sprache durchgehen, dorthin wo das Wesen west\u201c. Ich erlebe mich selbst als jemand, der gerne und viel schreibt, der es sch\u00e4tzt, sich in seinem Blog anderen mitzuteilen, am liebsten mit Gedichten ohne Satzzeichen, weil ebendiese mir einengend vorkommen, schon gar nicht in Reimen, weil sich mein Leben doch nicht reimt, und wer diese Texte l\u00e4se und verstehen wollte, w\u00fcsste eine Antwort auf \u201ewie geht\u2019s dir? \u201eDie Sprache ist das Haus des Seins\u201c, so Heidegger. Meine Texte werden zum Haus meines eigenen Seins. Dankbar bin ich jenen Menschen, die mich in diesem Haus besuchen, das mir so viel mehr bedeutet als die eigene Wohnung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Von Versuchen im Eigentlichen zu sein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWerde, der du bist \u2026\u201c, diesen Grundansatz hat Heidegger von der griechischen Philosophie genommen; das m\u00f6chte auch ich: werden, der ich bin, und merke zugleich, wie schwer dies ist in all den Kontexten, in die ich geworfen bin. Der Anspruch ist gro\u00df, den eigenen Tr\u00e4umen zu entsprechen: Dann m\u00f6chte ich so leben, dass mein \u00f6kologischer Fu\u00dfabdruck m\u00f6glichst klein bleibt, dass ich selbst m\u00f6glichst wenig fossile Rohstoffe f\u00fcr mein Leben in Anspruch nehme \u2013 und merke zugleich immer wieder die konfliktive Unm\u00f6glichkeit, damit im Zusammensein mit mir lieben Menschen solchem Sinnen in allen Aspekten gerecht zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lebendiges Dasein durch Mitsein und im F\u00fcrsorgesein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Heidegger spricht vom \u201eMiteinandersein\u201c oder \u201eMitsein\u201c \u2013 und ich bin so dankbar f\u00fcr Menschen, bei denen mein Dasein ein liebendes Miteinandersein sein kann. In meinem Leben ist das Mitsein wohl das wichtigste, das Erleben eines f\u00fcrsorglichen Mitseins in meinen verschiedenen Rollen. Am wichtigsten freilich sind jene Augenblicke, wo das eigene Dasein in seiner Eigentlichkeit sich ganz treffen kann im Dasein eines lieben Menschen, wenn sich zwei Daseins zu einem Einssein ereignen, ohne dass die beiden Daseins sich deswegen aufgeben w\u00fcrden oder dass sich ein Dasein dem anderen unterordnete.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in meinem Dasein erfahre ich das f\u00fcrsorgliche Sein \u2013 als einspringende wie als vorausspringende F\u00fcrsorge, eine Unterscheidung, die von Heidegger stammt: mit einspringend meint er jene Sorge, die in Notf\u00e4llen notwendig ist, weil der andere allein nicht mehr weiterkann, vorausspringende F\u00fcrsorge wiederum ist jene Sorge, die den anderen sein l\u00e4sst und nur dann sich als aktive zeigt, wenn der andere es selbst nicht mehr schaffen kann. Im Mitsein und F\u00fcrsein erfahre ich selbst den Sinn des Lebens, der mein Dasein als wertvoll erfahren l\u00e4sst. Dabei sind mir Erkenntnisse wie jene von Viktor Frankl wichtig, die frei formuliert so lauten: Nicht du gibst dem Leben einen Sinn, sondern das Leben gibt dir einen Sinn. Auch das dr\u00fcckt aus, was und wie ich leben m\u00f6chte: Offen sein f\u00fcr die Menschen, die mir besonders nahe sind, f\u00fcr sie dasein, oder manchmal auch f\u00fcr Menschen, die mir zuf\u00e4llig auf meinen Wegen begegnen und mehr als Zuf\u00e4lle sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In-der-Welt-Sein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Noch mehr Lebenszeit verwende ich seit meinem Sein au\u00dferhalb der Schule und den T\u00e4tigkeiten rundherum f\u00fcr das recherchierende Nachdenken \u00fcber den Zustand der Welt. Das wiederum be\u00e4ngstigt mich und ich lasse mich betreffen von den schier unendlichen Kaskaden kriegerischer Entwicklungen und den multiplen Zerst\u00f6rungen der Lebenswirklichkeiten. Mein Schreiben ist zum einen ein Versuch, dem Grauen Worte zu geben, um ihm so rational zu begegnen. Zugleich erscheint das Bem\u00fchen, das Grauen stoppen zu wollen, dann doch so kl\u00e4glich, als m\u00fcsste ich \u2013 frei nach einer Anekdote des Heiligen Augustinus &#8211; mit einem Suppenl\u00f6ffel das Meer ausl\u00f6ffeln. Mein Denken und Schreiben ist so fern vom weltbeherrschenden Mainstream und der Machtpolitik der M\u00e4chtigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Berge br\u00f6ckeln, die Gletscher schmelzen, Extremwettereignisse nehmen zu, Feuersbr\u00fcnste \u00fcberziehen von Hitze und Trockenheit ausgetrocknete Landstriche und die Masse der Menschen lebt weiterhin so, als g\u00e4be es all das nicht, als w\u00e4ren sie nicht mitschuldig an der Zerst\u00f6rung der Welt, als k\u00e4me es nicht auf jede einzelne Tat an. Dann sp\u00fcre ich Einsamkeit in meinem In-der-Welt-sein, das zu Entfremdungen f\u00fchrt von Menschen, mit denen mich freundschaftliche F\u00e4den verbinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Da g\u00e4be es in der Welt der Philosophie und Literatur und Theologie \u2013 wobei alle drei Ebenen meist zutiefst miteinander verstrickt sind \u2013 noch andere Ankn\u00fcpfungspunkte, um die \u201eWie geht\u2019s-Frage\u201c mit klassischer Weltliteratur und Weltphilosophie und Welttheologie in Verbindung zu bringen. Da habe ich auch meine \u201eLieblinge\u201c, weil ich mich in deren Denken und Schreiben wiederfinde. Ein paar m\u00f6chte ich noch nennen und merke zugleich, wie sehr sie selbst die Philosophie von Heidegger gepr\u00e4gt hat oder aus dieser Philosophie hervorgegangen sind. Was sie eint, ist der Ausgangspunkt stets in der Wahrnehmung des Realen zu leben, in den Ph\u00e4nomenen, wie sie sich uns geben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eLasst euch nicht verf\u00fchren \u2026\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Denke ich an die Welt und mein In-der-Welt-Sein, so muss ich an ein Gedicht von Bertold Brecht denken, das er vor 100 Jahren, im Jahr 1925, schrieb. Der Titel: \u201eGegen Verf\u00fchrung\u201c. Da denke ich heute an die Kriegssituationen in der Ukraine im Sudan, in Gaza, im Jemen; an die Massenausrottung von Tier- und Pflanzenarten und das Sterben der Gletscher und die Erw\u00e4rmung der Ozeane; an die Atomkriegsuhr, die nur wenige Sekunden vor der atomaren Vernichtung steht. \u201eDie Nacht steht vor den T\u00fcren\u2026\u201c, dichtete es Bertold Brecht und hatte wohl die Erfahrung des Ersten Weltkriegs und die Vorbereitungen f\u00fcr einen noch gr\u00f6\u00dferen im Blick. Trotz allem ermuntert Brecht uns, \u201edas Leben in vollen Z\u00fcgen zu schl\u00fcrfen\u201c, weil es keine Vertr\u00f6stung mehr geben soll. Es ist eine Daseinsbejahung, wie ich sie selbst leben m\u00f6chte. Als Theologe bedeutet es mir auch deswegen viel, weil ich mich l\u00e4ngst von all den eschatologischen Heilslehren verabschiedet habe, die von einem r\u00e4umlich-zeitlichen Jenseits sprechen und das Hiersein-Jetztsein damit ihrer Werthaftigkeit berauben. Nein, ich will und brauche keine Vertr\u00f6stungen. Sie sind mir zuwider. \u201eDen Himmel \u00fcberlassen wir den Pfaffen und den Spatzen\u201c, so hat es Heinrich Heine ganz im Geist der Aufkl\u00e4rung genannt. Er w\u00fcrde heute von der selbstgerechten Anti-Wokeness-Kampffront wohl attackiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vernunftbestimmtes Leben<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ich diese Zeilen schreibe, als m\u00fcsste ich den Protest und die Verzweiflung aus mir herausschreiben, wird das Pfingstfest in all seinen Ambivalenzen gelebt. Es ist das Fest des \u201eGeistes\u201c, der sch\u00f6pferischen g\u00f6ttlichen Kraft, des Logos, der Vernunft, der ratio, der Rationalit\u00e4t, der menschlichen F\u00e4higkeit, sich rational den vorgefundenen Realit\u00e4ten zu stellen. Da k\u00f6nnte ich mit Aristoteles beginnen und mich und meine Mitwelt als vernunftbegabte Wesen zumindest theoretisch definieren, ich k\u00f6nnte mit Descartes daran festhalten, dass wir das Wahre vom Falschen unterscheiden k\u00f6nnten \u2013 womit entschieden ist, dass es eben nicht postmodern egal ist, was wir tun und denken. Eine andere KI ist mir wichtiger, als jene KI, die mehr und mehr unsere Lebenswelten diktiert, von der wir uns abh\u00e4ngig machen. Es ist der Kategorische Imperativ von Kant, den auch ich mir als Leitmotiv vorgeschrieben habe, so zu handeln, dass mein Handeln zugleich zur Richtschnur f\u00fcr alle werden kann, oder, um es mit Gandhi zu formulieren, sei du die Ver\u00e4nderung, die du f\u00fcr die Welt willst.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fremdsein in einer Zerst\u00f6rungswelt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>H\u00f6re ich aber die Nachrichten des Pfingstwochenendes, so bietet sich mir eine Welt dar, die von Irrationalit\u00e4t und Dummheit beseelt ist und manchmal auch von ignorantem Egoismus. Dann stimme ich ein in ein prophetisches Klagen \u2013 nicht jene optimistische Sicht des Joel, auf die die Lesung des Pfingstfestes verweist, wo die Alten Tr\u00e4ume und die Jungen Visionen haben. Vielmehr wird mir t\u00e4glich neu bewusst, wie egal es den Massen ist, dass l\u00e4ngst schon die meisten planetaren Grenzen \u00fcberschritten wurden. Man \u2013 und hier passt dieses Heideggersche \u201eman\u201c exakt \u2013 denkt nicht an das Gemeinwohl, sondern den Spa\u00df, den man haben will, und damit sich die Spa\u00dfgef\u00fchle auch einstellen, gibt es die Bes\u00e4ufnisse von den Apres-Ski-Lokalen in den winterlichen Festzeiten bis zum pfingstlichen Bes\u00e4ufnis in Lignago. Massenhaft gelebte Ignoranz.<\/p>\n\n\n\n<p>Kilometerlange Staus gab es zu Pfingsten wieder auf allen Durchzugsrouten von Nord nach S\u00fcd. Verkehrsberichterstatter reden vom \u201eVerkehrsinfarkt\u201c. Das Mansein gebiert sich so, als g\u00e4be es keine planetarischen Grenzen, als h\u00e4tte jeder das Recht, \u00fcber sein Ma\u00df hinaus zu leben. Die Autot\u00fcren sind wie postmoderne Scheuklappen, damit die Autofahrenden nicht mitbekommen, wie die Welt um sie herum leidet und kaputt gemacht wird. Das Gehirn der Autofahrenden scheint nicht zu funktionieren, weil die eingebaute KI im Auto nichts von Erderhitzung wei\u00df, nichts von den Treibhausgasen und den Feinpartikeln aus den Verbrennungsmotoren und vom Abrieb der Reifen, nichts vom L\u00e4rm, nichts von den Offshore-Bohrungen nach den begrenzten Ressourcen, nichts von den R\u00fcstungsk\u00e4ufen aus den lukrativen Petrodollars, nichts von den Massen, deren Lebensgrundlagen aufgrund der Erderhitzung und folgender Katastrophenereignisse zerst\u00f6rt wird. Wenn ich vern\u00fcnftig dar\u00fcber nachdenke, all die Fakten zusammenlegend, dann merke ich in mir auch ganz viel Wut und Entt\u00e4uschung, Angst und Emp\u00f6rung, Einsamkeit und Fremdheit, in dieser Welt zu leben. Erst vor zwei Tagen sah ich ein gro\u00dfes Transparent bei einem der Bergrestaurants auf der Zillertaler H\u00f6henstra\u00dfe. Es zeigte ein monstr\u00f6ses Motorrad mit dem Schriftzug: \u201eF\u00fcr richtige M\u00e4nner.\u201c Von Petromaskulinit\u00e4t spricht die Neurowissenschaftlerin Maren Urner und legt damit einen Erkl\u00e4rungsimpuls f\u00fcr das massensuizidale Verhalten vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich f\u00fchle mich fremd in den politischen Zusammenh\u00e4ngen, wo mehr und mehr jener Grundsatz verlassen wird, demnach die Politik dem Recht zu folgen hat, konkret, wo sich politisches Handeln an den Menschenrechten orientiert. Wenn der heimische Bundeskanzler, unterst\u00fctzt sogar von SP-Politikern, ein \u00dcberdenken der Europ\u00e4ischen Menschenrechtskommission im Zusammenhang mit dem Asylrecht andiskutieren m\u00f6chte, so wird, um es mit Walter Obwexer zu sagen, leicht eine \u201eB\u00fcchse der Pandora\u201c ge\u00f6ffnet. Jene Gedanken zur Dritten Republik, in der das Recht der Politik zu folgen hat, verbreitet weiterhin ihre giftigen Gedanken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich f\u00fchle mich fremd in einem Supermarkt, wenn ich auf den Einkaufswagen einer anderen Person in der Schlange vor mir blicke. Zwei Kartons mit je 24 Dosen, Plastikflaschen und in Plastik verschwei\u00dfte Fleischprodukte. Mit was wurden die Schweine gef\u00fcttert, deren Reste sich nun im eisernen Geflecht des Wagens befinden? Sind die intelligenten Schweine zuvor auf Spaltb\u00f6den aufgem\u00e4stet worden? Ich denke an die heutige Zeitungsmeldung, die von einer massiven Steigerung im Abholzen der Regenw\u00e4lder spricht. Es braucht eben die Futtermittel f\u00fcr die Massentierhaltungen in europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Woher kommen die Rohstoffe f\u00fcr die Dosen? Was ist mit dem giftigen Schlamm, der beim Bauxitabbau entsteht?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sei zu \u201emoralisch\u201c, wird mir gesagt. In der Welt gibt es zu wenig Moral, denke ich mir. Beide Statements passen da so gar nicht zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem aber bewegt mich die Kriegsrationalit\u00e4t, die doch nur scheinbar rational ist, weil sie letztlich zutiefst irrationalen Mustern von Rache und Vergeltung folgt. Mehr als 600 Tage Vernichtungskrieg, Kriegsverbrechen und V\u00f6lkermord in Gaza; mehr als drei Jahre Krieg von Russland gegen die Ukraine \u2013 und eine milit\u00e4rische Gegenwehr, die nur zu t\u00e4glich neuem Sterben, Leid und Zerst\u00f6rungen f\u00fchrt; kriegsbedingte Hungerkatastrophen in L\u00e4ndern wie Somalia, Sudan oder Jemen; Aufr\u00fcstungs- und Abschreckungsspiralen in Europa \u2013 und dagegen regt sich so wenig Widerstand. Was bewirkt schon das Segelboot mit den 28 Aktivistinnen und Aktivisten, darunter Greta Thunberg, die Kurs nach Gaza genommen hatten. Sie wurden von den israelischen Sicherheitskr\u00e4ften gefangen genommen und dann abgeschoben. Die Waffenh\u00e4ndler haben freies Geleit. Der Protest Thunbergs unter ihrer Mitstreiterinnen und Mitstreiter ist wie eine winzige M\u00fccke auf einem riesigen Ungeheuer, das gewaltt\u00e4tig auf dem Planeten w\u00fctet und von der Masse der Menschen noch gef\u00fcttert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Vergleich zu vielen Millionen Menschen auf diesem Planeten bin ich in ein Luxusleben geworfen. Wenn ich das k\u00fchle Wasser aus einem Brunnen trinke, der so selbstverst\u00e4ndlich am Rande des Trails liegt, ist mir zugleich eine andere Wirklichkeit nahe: Menschen in Gaza haben so gut wie kein sauberes Trinkwasser mehr. Kinder m\u00fcssen sich ihre geschw\u00e4chten und oftmals verletzten K\u00f6rper mit Salzwasser waschen. In jedem Gesch\u00e4ft, in das ich gehe, kann ich mir jedes erdenkbare Lebensmittel kaufen, w\u00e4hrend an anderen Orten dieses Planeten eine Hungersnot herrscht. Solche Gegens\u00e4tzlichkeit halten mein Geist und Gem\u00fct kaum aus und ich f\u00fchle zu meiner Ohnmacht auch die Wut und die Dankbarkeit f\u00fcr Organisationen wie \u201e\u00c4rzte ohne Grenzen\u201c, des Roten Kreuzes oder verschiedener UN-Organisationen, die sich professionell den \u00c4rmsten der Armen widmen. Wenn der Geist im Neuen Testament als \u201eTr\u00f6ster\u201c bezeichnet wird, so ist das der Trost, den ich meine.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fremdsein und Angenommensein in der Kirche<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Pfingsten gilt als Geburtstag der Kirche \u2013 und ich blicke auf meine r\u00f6misch-katholische Kirche, in der ich mich in vieler Hinsicht fremd f\u00fchle, wenn ich an manche Strukturen und Haltungen denke, die klerikal-patriarchal, jenseitsfixiert und lustfeindlich sind. Zugleich merke ich meine eigene Ambivalenz: Da gibt es auch jene hoffnungsvollen Aussagen des neuen Papstes, der sich engagiert f\u00fcr Frieden, Gerechtigkeit und Sch\u00f6pfungsverantwortung einsetzt. Und es braucht die starken, eindeutigen, weltumgreifenden zivilen Organisationen, die sich dem Wahn der Kriege entgegensetzen k\u00f6nnen. Ich denke an so viele Projekte von katholischen Einrichtungen und Organisationen, die von den kleinen Einheiten einer Pfarre bis zu internationalen Aktivit\u00e4ten ganz konkret eine Option f\u00fcr und mit den Armen leben. Insofern bin ich gerne katholisch. Zugleich f\u00fchle ich mich abgesto\u00dfen von Organisationen, in denen Frauen diskriminiert werden und in der nicht jede homophobe Gesinnung hintangestellt wird.&nbsp; Solange es keine Gendergerechtigkeit gibt, solange es nicht ein Denken \u201ejenseits der Verbote\u201c \u2013 so der Titel des neuen Buches zur katholischen Sexualmoral von Martin Lindner \u2013 gibt, solange werde ich mich in \u201emeiner Kirche\u201c fremd und damit einsam f\u00fchlen. Meine vielen haupt- und ehrenamtlichen kirchlichen Funktionen, die ich im Laufe der letzten Jahrzehnte seit Studienzeiten von der Pfarr- bis zur Bundesebene hatte, sind mit zwei kleineren Ausnahmen beendet, womit meine direkten Mitgestaltungsm\u00f6glichkeiten eingeschr\u00e4nkt sind. Pax Christi als Friedensbewegung der Kirchen und eine KA-Arbeitskreis sind mir als Aktionsfeld geblieben, wo meine politisch-religi\u00f6se Beheimatung noch mit den wenigsten Ambivalenzen gelebt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ratio und Emotion, Politik und Liebe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich nehme nochmals die Frage nach dem \u201eWie geht\u2019s?\u201c auf und entdecke jene Befindlichkeiten, bei denen ich mit \u201egut\u201c oder \u201esehr gut\u201c antworten k\u00f6nnte. K\u00f6nnte ich die Sorgen ausklammern, die mit politischen und \u00f6konomischen Aspekten zu tun haben, also meine pers\u00f6nlichen und physischen Aspekte betrachten, so w\u00e4re es eben die positive Antwort. Da sp\u00fcre ich Dankbarkeit f\u00fcr die Menschen, die mir sehr wichtig geworden sind, die st\u00e4rkend und begleitend sind, f\u00fcr die Br\u00fccken, die zwischen uns bestehen. Es geht mir gut, wenn in meinem Leben Ratio und Emotion zu einer Einheit finden k\u00f6nnen, wenn das, was mir geschieht und was ich tun kann, mit Herz und Hirn \u00fcbereinstimmen. Mir geht es gut, wenn ich mich eins mit der Natur f\u00fchle, bin eben deswegen so gerne auf den Bergen unterwegs, f\u00fchle mich auch eins mit dem Wasser, das mich beim Schwimmen sowohl tr\u00e4gt wie mir Widerstand und Fortbewegung erm\u00f6glicht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie geht\u2019s?\u201c Damit habe ich ein wenig diese einfache Frage beantwortet, deren Beantwortung doch nicht so einfach ist, und die noch andere Tiefendimensionen in sich tr\u00e4gt, von denen hier nicht geschrieben wird. Deswegen umarme ich den Augenblick mit Dankbarkeit und dem unbest\u00e4ndigen Willen eines Weltenb\u00fcrgers, diese Welt zu verbessern und so zu leben, dass es sich richtig anf\u00fchlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Pfingstsonntag 2025<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/0-ibk-768x1024.jpg' class='thumbnail' \/>&#8222;Wie geht es dir?&#8220;, so werde ich gefragt, und auf diese h\u00f6flich oder empathisch oder manchmal auch nur beil\u00e4ufig gemeinte Frage wei\u00df ich dann oft nicht zu antworten, weil ich die Frage nicht als Floskel oder Beil\u00e4ufigkeit sein lassen m\u00f6chte, sondern in die existenzielle Tiefe ebensolcher Frage hineingerate, selbst wenn sie vom Fragenden nicht im&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":11296,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11295"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11295"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11295\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11297,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11295\/revisions\/11297"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/11296"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11295"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11295"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11295"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}