{"id":11471,"date":"2025-08-17T07:54:27","date_gmt":"2025-08-17T07:54:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=11471"},"modified":"2026-02-03T06:52:24","modified_gmt":"2026-02-03T06:52:24","slug":"die-frohe-botschaft-von-individueller-und-struktureller-barmherzigkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=11471","title":{"rendered":"Die frohe Botschaft von individueller und struktureller Barmherzigkeit"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Der barmherzige Samariter im Bild von Vincent van Gogh<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als ich mit meinen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern \u00fcber biblische Stellen arbeiten konnte, begann ich f\u00e4cher\u00fcbergreifend oft mit Bildern gro\u00dfer Meister, die wie ein Schl\u00fcssel zum besseren Verst\u00e4ndnis dienen. Vincent van Gogh hat sein Bild zum Gleichnis vom barmherzigen Samariter im Jahr 1889 zwei Monate vor seinem Tod gemalt. Er war damals in einem psychiatrischen Krankenhaus in der Provence. Der K\u00fcnstler hat eine 40 Jahre alte Vorlage eines bekannten Bildes von Eug\u00e8ne Delacroi verwendet und auf seine Weise neu interpretiert. Das Bild l\u00e4sst sich in die Kunstepoche des Impressionismus einordnen, die von 1860 bis 1920 dauerte. Es stellt so etwas wie ein Verm\u00e4chtnis des Malers dar, ein letzter Wille sozusagen. Er war bekannt f\u00fcr sein soziales Handeln und tr\u00e4gt die Z\u00fcge des barmherzigen Samariters. Van Gogh selbst war sehr religi\u00f6s und wollte ganz in der Nachfolge Christi leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Ort, in dem Van Gogh die Szene malt, k\u00f6nnte die Wadi-Kelt-Schlucht von Jerusalem nach Jericho sein, dort, wo laut Lukasevangelium das Gleichnis verortet sein k\u00f6nnte. Es zeigt zum einen den ausgeraubten und verwundeten Juden, seine aufgebrochene Schatztruhe, den vorbeigehenden Priester und Leviten und den Samariter bei der entscheidenden Szene, in der er m\u00fchsam den Verletzten auf sein Pferd hebt. Die aufrichtende Kraft und die erschlaffende Last des Verletzten kontrastieren in der Mitte des Bildes. Van Gogh stellt also den Samariter zusammen mit dem Verletzten und dem Pferd in den Mittelpunkt des Geschehens, die zusammen eine Art Kreis bilden. Typisch f\u00fcr Gogh sind die geschwungenen Linien, die Dynamik und Dramatik in das Bild bringen. Die Linien finden wir als Umrisse f\u00fcr das Gebirge, den Weg und die Wiese und sie lenken den Blick auf das Bildzentrum. Dieses wurde von Gogh gro\u00dffl\u00e4chig gemalt \u2013 sowohl das Gewand des Samariters und des Opfers sowie das Pferd. Auch dies ist ein Stilmittel, um die Aufmerksamkeit auf das Zentrum zu erh\u00f6hen. Der Maler verwendete vor allem helle Blau- und Gelbt\u00f6ne. Erstere wirken kalt und die Gelbt\u00f6ne eher warm. Auffallend ist, dass das Gewand des Samariters goldgelb ist, der Weg wiederum korn-gelb. Die ge\u00f6ffnete Kiste im Hintergrund ist gr\u00fcn-blau durchsetzt. Der Samariter und der verwundete Mann haben dieselbe blaue Hosenfarbe an. Der Priester und der Levit sind in Grau gehalten. Am wichtigsten ist aber sicherlich die K\u00f6rpersprache des Samariters. Er wird kr\u00e4ftig dargestellt. Er hebt den Verwundeten auf sein Pferd. Beim Hochheben fasst er ihn mit seiner rechten Hand an dessem linken Unterarm. Der Samariter dreht sein Gesicht dem Opfer zu, der seine Augen geschlossen hat. Der Verwundete h\u00e4ngt halb auf dem Pferd. Er st\u00fctzt sich an der Schulter des Samariters und schlingt den rechten Arm um dessen Hals, um zus\u00e4tzlich Halt zu finden, und krallt die Finger in dessen rechte Schulter. Das Gesicht des Verwundeten ist knapp vor dem des Helfers.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Exegese von Lk 10,25-37<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist eine der bekanntesten Erz\u00e4hlungen Jesu im Neuen Testament. Es wird nur im Lukasevangelium tradiert und geh\u00f6rt zu seinem \u201eSondergut\u201c \u2013 jener Quelle, aus der Lukas Texte bringt, die sonst kein anderer Evangelist hat. Literarkritisch gesehen ist es kein Gleichnis, sondern eine Beispielerz\u00e4hlung, weil sie eine nicht allt\u00e4gliche Begebenheit darstellt. Zu Beginn dieser Erz\u00e4hlung wird von einem Schriftgelehrten an Jesus die Frage gestellt, was wichtig sei, damit das Leben gelingt. Jesus fragt zun\u00e4chst nach, was dazu in der Tora stehe. Der Schriftgelehrte zitiert das Schma Jisrael. Das ist das zentrale j\u00fcdische Glaubensbekenntnis (Dtn 6,5; Lev 19,18). Jesus betont die untrennbare Verbindung von Gottes- und N\u00e4chstenliebe, wie sie in der Tora \u00fcberliefert wird: \u201eH\u00f6re Israel, der Ewige ist Gott, der Ewige ist einzig. Gepriesen sei Gottes ruhmreiche Herrschaft immer und ewig! Darum sollst du den Ewigen, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.\u201c (Dtn 6,5) \u201eDu sollst dich nicht r\u00e4chen, auch nicht Zorn halten gegen die Kinder deines Volkes. Liebe deinen N\u00e4chsten, wie du dich selbst liebst. Ich, der Ewige.\u201c (Lev 19,18) Und bei Lukas hei\u00dft es nun: \u201eDu sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen N\u00e4chsten sollst du lieben wie dich selbst.\u201c (Lk 10,27) Nach diesem Schriftverweis fragt der Schriftgelehrte Jesus, wer denn sein N\u00e4chster sei. Daraufhin entfaltet Jesus die Beispielerz\u00e4hlung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mann geht durch die W\u00fcste von Jerusalem nach Jericho hinunter. Dabei ger\u00e4t er unter die R\u00e4uber, die ihn auspl\u00fcndern und schwer verletzt liegen lassen. Sowohl der vorbeikommende Priester als auch der sp\u00e4ter kommende Levit ignorieren ihn. Schlie\u00dflich aber kommt ein Samariter, sieht den Verletzten und erbarmt sich seiner. Er versorgt seine Wunden und transportiert ihn auf dem Reittier zur Herberge. Dort gibt er ihn in die Obhut des Wirtes. Dieser bekommt vom Samariter auch einen entsprechenden Lohn.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Erz\u00e4hlung geschieht ein bezeichnender Perspektivenwechsel. Der Schriftgelehrte bzw. Gesetzeslehrer fragt Jesus, wer der N\u00e4chste sei. Jesus erz\u00e4hlt das Gleichnis und fragt dann aus einem anderen Blickwinkel, wer von den dreien dem \u00dcberfallenen der N\u00e4chste gewesen sei. Der Schriftgelehrte vollzieht diesen Blickwinkel und erkl\u00e4rt, dass es der Samariter gewesen sei. Der Helfende wird dem Bed\u00fcrftigen zum N\u00e4chsten. Gleichzeitig ist der \u00dcberfallene f\u00fcr den Samariter der N\u00e4chste. Beide sind sich zu N\u00e4chsten geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die besondere Pointe liegt in den sechs Personen bzw. sozialen Rollen, die in dieser Erz\u00e4hlung vorkommen. Sie repr\u00e4sentieren unterschiedliche soziale und religi\u00f6se Rollen, die es zur Zeit Jesu in Pal\u00e4stina gab, die wir aber auch heute noch in unserem Leben bzw. in der Gesellschaft wiederfinden. Da ist erstens die Rolle der <strong>Priester<\/strong>. F\u00fcr sie galten bestimmte Reinheitsvorschriften und Gesetze. So durften sie beispielsweise nicht eine Leiche angreifen. W\u00e4re der Mann tot gewesen, so h\u00e4tte sich der Priester entweiht. Der Priester fragt zun\u00e4chst danach, was das Gesetz ihm sagt: Er sieht zwar die Not des \u00dcberfallenen, denkt aber daran, dass eine Hilfe nicht zum Buchstaben eines bestimmten Reinheitsgesetzes passen w\u00fcrde. So geht er vorbei. \u00c4hnliches galt f\u00fcr den <strong>Leviten<\/strong>, der auf dem Weg zum Tempel war. Auch er h\u00e4tte dann nicht mehr im Tempel dienen d\u00fcrfen, wenn er etwas angegriffen h\u00e4tte, das laut Gesetz als \u201eunrein\u201c angesehen wurde. Auch der Levit denkt an das, was ihm wichtig ist, nicht aber an den Halbtotgeschlagenen. Sein Beruf und seine Karriere stehen f\u00fcr ihn im Vordergrund. \u00dcberraschenderweise ist es dann aber gerade ein <strong>Samariter<\/strong>, der dem \u00dcberfallenen liebevoll hilft. Samariter galten im j\u00fcdischen Volk selbst als Au\u00dfenseiter. Der Samariter denkt zun\u00e4chst nicht an sich. Er fragt sich nicht, ob er vielleicht selbst durch die R\u00e4uber gef\u00e4hrdet werden k\u00f6nnte, wenn er nun helfend einschreitet. Er engagiert sich liebevoll. Bis ins Detail schildert Jesus seine Hilfe. Der Samariter handelt uneigenn\u00fctzig \u2013 aus reiner Liebe. Die vierte Rolle hat das <strong>Opfer<\/strong>. Da spielt es in der Erz\u00e4hlung keine Rolle, ob das Opfer ein Jude ist oder von einer anderen Volksgruppe stammt. Ihm gilt das ganze Interesse. Die f\u00fcnfte Rolle hat der <strong>Wirt<\/strong>, der f\u00fcr die Pflege des Verletzten nun verantwortlich gemacht wird. Wer hilft, braucht auch die Unterst\u00fctzung einer gr\u00f6\u00dferen Gemeinschaft, f\u00fcr die stellvertretend der Wirt steht. In dessen \u201eHaus\u201c wird das Opfer wieder zu Kr\u00e4ften kommen k\u00f6nnen. Nur genannt wird die sechste Gruppe von Menschen. Es sind die <strong>R\u00e4uber<\/strong>, die mit Gewalt einen Mann ausgeraubt und schwer verletzt haben, die Leben gef\u00e4hrden und Lebensm\u00f6glichkeiten stehlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jesu weist uns in dieser Beispielerz\u00e4hlung also daraufhin, wie wir handeln sollen: Es gilt, unabh\u00e4ngig von Herkunft und Nation darauf zu achten, wer in Not ist, wer Hilfe braucht. In diesem Sinne ist auch das Gesetz zu interpretieren. Die Rechte von Notleidenden stehen \u00fcber gesetzlichen Bestimmungen. Mit dem Hinweis, dass es gerade die Vertreter des Gesetzes und der religi\u00f6sen Elite sind, die gegen die N\u00e4chstenliebe handeln, wird die Herrschaftskritik Jesu deutlich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und heute?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der leidende und verwundete Mensch im jesuanischen Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist das hungernde Kind im Gazastreifen, ist die Pal\u00e4stinenserin, die zu schwach und ausgemergelt ist, um ihr Kind noch zu n\u00e4hren. Die Opfer sind die verwundeten und verst\u00fcmmelten Soldaten in ukrainischen und russischen Krankenh\u00e4usern, sind die Fl\u00fcchtlinge in den Elendslagern am Rande einer Wohlstandswelt, sind die Menschen, die unter den&nbsp; Folgen der klimatisch bedingten Unwetterkatastrophen leiden \u2026 die Liste ist lang, zu lang. Der Blick auf das Gleichnis vom barmherzigen Samariter stellt uns in Frage: In welcher Rolle sind wir? Die Rolle des \u201ePriesters\u201c, der wegschaut und schnell weitergeht, weil er Wichtigeres zu erledigen hat, weil er narzisstisch verseucht ist und nur sein eigenes Ansehen im Blick hat? Die Rolle der R\u00e4uber, die mit ihrer R\u00e4ubermentalit\u00e4t die Existenzgrundlagen des Samariters zerst\u00f6ren?&nbsp; Die Rolle eines Samariters, der uneigenn\u00fctzig hilft, der Reinheitsvorschriften durchbricht und Mauern \u00fcberwindet? Oder die Rolle des Wirtes, der den an K\u00f6rper und Seele Verwundeten und Verletzten einen Ort der Heilung erm\u00f6glicht?<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Heidegger<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der barmherzige Samariter im Bild von Vincent van Gogh Als ich mit meinen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern \u00fcber biblische Stellen arbeiten konnte, begann ich f\u00e4cher\u00fcbergreifend oft mit Bildern gro\u00dfer Meister, die wie ein Schl\u00fcssel zum besseren Verst\u00e4ndnis dienen. 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