{"id":11576,"date":"2025-10-02T20:10:25","date_gmt":"2025-10-02T20:10:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=11576"},"modified":"2025-10-02T20:53:57","modified_gmt":"2025-10-02T20:53:57","slug":"friedenswege-suchen-und-gehen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=11576","title":{"rendered":"Friedenswege suchen und gehen"},"content":{"rendered":"\n<h1><\/h1>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/neutal-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/neutal-1-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-11577\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/neutal-1-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/neutal-1-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/neutal-1-1152x1536.jpg 1152w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/neutal-1.jpg 1536w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>1 \u201eJaget nach &nbsp;dem Frieden\u201c (Hebr 12,14) in einer kriegerisch-verr\u00fcckten Welt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Private P\u00e4dagogische Hochschule Burgenlands konnte ich am internationalen Tag der Gewaltfreiheit ein eint\u00e4giges Seminar \u00fcber Fragen des gewaltfreien Widerstands und \u00fcber alternative Aspekte einer nicht-milit\u00e4rischen Sicherheits- und Friedenspolitik halten. Es ist der 2. Oktober 2025. Die m\u00e4chtigste Nation dieser Welt wurde in einer neuen Stufe auf Kriegskurs eingestellt. Der Kriegsminister hat f\u00fcr das Kriegsministerium im Auftrag seines Pr\u00e4sidenten gemeint, die Armee m\u00fcsse sich auf Kriege vorbereiten und Kriege gewinnen. Die EU beschloss bei ihrer Ratssitzung einen weiteren Schritt der Aufr\u00fcstung. In D\u00e4nemark wird die Wehrpflicht auch auf Frauen ausgedehnt werden. In \u00d6sterreich positionierte sich einmal mehr Claudia Tanner als Ministerin, die zufrieden \u00fcber weitere Neuanschaffungen von Kriegsger\u00e4ten und Sonderbudgets f\u00fcr das Bundesheer berichten kann. Die internationale Gaza-Friedensflotte mit Greta Thunberg wird von israelischen Marine-Soldaten gekapert. Zugleich aber stehen weltweit Abertausende auf und zeigen sich solidarisch mit den Besatzungen der Friedens-Flotte und ihrem gewaltfreien Zeichen gegen den V\u00f6lkermord, der im Gaza-Streifen seit zwei Jahren schon geschieht. Wie k\u00f6nnen wir den Mut finden, gegen das vorherrschende milit\u00e4rische Klima aufzutreten?<\/p>\n\n\n\n<p>Jeden Tag neu h\u00f6ren wir die Nachrichten von einer schaurig-schrecklichen Kriegswirklichkeit, von nicht endenden Kriegen zwischen Russland und der Ukraine, vom genozidalen Krieg der israelischen Streitkr\u00e4fte gegen die pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung oder den Kriegsverbrechen in L\u00e4ndern wie Somalia; wir h\u00f6ren und sehen vom T\u00f6ten und Morden, von den schrecklichen Verwundungen und Zerst\u00f6rungen. Wir h\u00f6ren und lesen von den gewaltigen Aufr\u00fcstungsprogrammen und von der gr\u00f6\u00dften und m\u00e4chtigsten Nation mit der m\u00e4chtigsten Armee dieser Welt, die ganz auf Kriegskurs umgestellt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie k\u00f6nnen wir angesichts der Schreckensbilder unserer Zeit nicht verzweifeln? Die bequeme Couch verlassen, den Zuschauermodus auf Aktivit\u00e4t umschalten, an einem Seminar \u00fcber Frieden teilnehmen \u2026\u2013 das sind schon Schritte einer Friedenskultur. Dem Frieden nachzujagen, ermahnt der Apostel Paulus die Gemeinde im Hebr\u00e4erbrief. Euer Hiersein zeigt mir, dass Euch Sache des Friedens nicht egal ist, dass Ihr wahrscheinlich betroffen seid von dem kriegerischen Irrsinn in der Welt, vom dem bereits fast vierj\u00e4hrigen Krieg in der Ukraine, von den Kriegsbildern aus dem Gazastreifen. An diesem Tag soll es darum gehen, nach Antworten zu suchen, nach Menschen und Organisationen, die selbst nach L\u00f6sungen suchen, nach den Konzepten, die Friedensforschende herausgearbeitet haben. Wir wollen darauf blicken, welche Expertisen und Erfahrungen es gibt, die jenseits einer Kriegslogik liegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sache des Friedens ist zu wichtig, als dass wir sie an Politiker:innen oder Expert:innen delegieren k\u00f6nnten, die daf\u00fcr \u00fcber viele Ressourcen verf\u00fcgen und hauptberuflich auf diversen politischen Ebenen arbeiten k\u00f6nnen. Die Sache des Friedens und der Arbeit gegen die Kriege ist die Aufgabe von uns allen, der so genannten Basis, der Menschen, die ihren t\u00e4glichen Berufen in unterschiedlichsten Bereichen nachgehen. Frieden ist eine zutiefst demokratische Angelegenheit. Die Suche nach Auswegen aus einer Kriegswelt ist Aufgabe von dir und von mir.<\/p>\n\n\n\n<p>An diesem Ort und an diesem Tag sei daran erinnert, dass es genau 80 Jahre her ist, dass Burgenland nach dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs wieder als Teil \u00d6sterreichs per Bundesverfassung in den heute g\u00fcltigen Grenzen festgelegt worden ist und erstmals die provisorische Landesregierung zusammentreten konnte. Die Grenzen Burgenlands wurden nicht gezogen mit nationalistischem Pathos, sondern mit dem Willen zur Zusammenarbeit der ethnisch verschiedenen Gruppen im Rahmen der neu errichteten Republik \u00d6sterreich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2&nbsp; Vivian Silver als Role Model<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sie sehen auf meiner Pr\u00e4sentation ein Bild von Vivian Silver, einer Friedensaktivistin aus Israel. Sie wurde vor fast genau zwei Jahren, am 7. Oktober 2023, beim Terroranschlag der Hamas im Kibbuz Be\u2018eri ermordet. Die kanadisch-israelische 74-j\u00e4hrige Frau hat sich ein ganzes Leben f\u00fcr ein friedliches Zusammenleben von Israelis und Pal\u00e4stinensern eingesetzt. Sie startete Hilfsprogramme f\u00fcr Bewohner:innen des Gazastreifens und half ihnen, in Israel medizinisch behandelt zu werden. Kurz nach dem Gaza\u00adkrieg 2014 gr\u00fcndete sie die Friedensbewegung Women Wage Peace mit, die inzwischen mehr als 45.000 Mitglieder hat. Im Kibbuz Be\u2019eri, der ihre Heimat war, lebten viele wie in anderen Kibbuzsiedlungen unweit des Gazastreifens, die zur Friedensbewegung geh\u00f6ren. Der Hamas-Terror hinterlie\u00df auch hier viele Tote: Beim Angriff im Oktober auf Be\u2019eri verloren neben Silver mehr als 100 Bewohner:innen ihr Leben. \u201eRache ist keine Strategie\u201c, so sagte ihr 35-j\u00e4hriger Sohn Yonatan, sei das Motto von Vivian Silver gewesen. Beim Begr\u00e4bnis von Vivian Silver nahmen Israelis wie Pal\u00e4stinenser teil. Seite an Seite stand ein Mann mit einer Kefija und eine Soldatin in der Uniform der IDF.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>3 Texte, Gebete und Kundgebungen gegen die Kriege<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe im Laufe meines Engagements in Aktionsbereichen der Friedensbewegung viele Vortr\u00e4ge gehalten, Seminare geleitet und vor allem Texte geschrieben. Seit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine sind es viele mehr geworden. Einen m\u00f6chte ich vortragen, geschrieben f\u00fcr ein Friedensgebet.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eFriede! Friede! Friede!<br>Rufen unsere Tr\u00e4nen<br>Rufen unsere \u00c4ngste<br>Rufen wir ganz laut<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Friede f\u00fcr heute<br>Friede f\u00fcr Freunde<br>Friede f\u00fcr Feinde<br>Friede f\u00fcr alle und jetzt!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Friede frei von Waffen<br>Friede frei von Bomben<br>Friede frei von Hass<br>So kann Friede leben!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Friede frei von Rache<br>Friede frei von Helden<br>Friede frei von Zerst\u00f6rung<br>So kann Friede wachsen!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Friede durch Vers\u00f6hnung<br>Vers\u00f6hnung durch Vermittlung<br>Vermittlung durch Gespr\u00e4che<br>So kann Friede werden!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Friede! Friede! Friede!<br>Rufen wir ganz laut!<br>Rufen unsere Herzen!<br>Friede! Waffenstillstand!!\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><a><strong>4) Kriegslogik oder Friedenslogik<\/strong><\/a><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAm Beginn aller Kriege sind die ungel\u00f6sten Konflikte\u201c. So hat es ein bekannter Friedensforscher, Johan Galtung, formuliert. Immer wieder war er auch hier in der N\u00e4he im Friedensforschungsinstitut auf der Burg Schlaining. Die Frage lautet daher, ob und wie die Konflikte gel\u00f6st werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum einen gibt es eine Kriegslogik, die freilich nur vordergr\u00fcndig logisch ist. An ihrem Beginn stehen nicht Logik und Vernunft, sondern dumpfe Emotionen und Affekte, die in einen kollektiven Wahnsinn f\u00fchren. Meist stehen am Beginn ein Abbau von demokratischen Errungenschaften und m\u00e4chtige M\u00e4nner, die sich als absolutistische Herrscher, als autorit\u00e4re F\u00fchrer und Diktatoren entpuppen. Der Weg in den Krieg geschieht schleichend \u2013 auch wenn im R\u00fcckspiegel gesehen die einzelnen Schritte schon durchschaubar gewesen w\u00e4ren. S\u00fcndenbock- und Feindbildpropaganda, ein Denken in Freund-Feind-Schemata z\u00e4hlen zum Mindset einer Kriegslogik.<\/p>\n\n\n\n<p>Friedensbewegte Menschen haben in gewaltfreien Aktionen immer wieder gezeigt, wie eine andere Zukunft jenseits von Krieg und Zerst\u00f6rung machbar w\u00e4re. Die Friedensforschung hat ebendies in vielen B\u00fcchern und wissenschaftlichen Studien bekr\u00e4ftigt.&nbsp; Eine Friedenslogik, so beispielsweise Friedrich Glasl, w\u00fcrde immer f\u00fcr eine intensive direkte Kommunikation zwischen den Konfliktparteien eintreten, w\u00fcrde auf Vermittlung durch internationale Foren wie UNO, OSZE oder NGOs wie dem Internationalen Roten Kreuz setzen. In einer Friedenslogik w\u00fcrden auch die Bed\u00fcrfnisse des Gegners ernst genommen, was einen Raum f\u00fcr Verhandlungen schaffen w\u00fcrde. In solchen Verhandlungen gilt es weiters, Vorschl\u00e4ge zu machen, die f\u00fcr beide Seiten Vorteile bringen und man sollte selbst zu Nachteilen bereit sein, um Friedens- und Vers\u00f6hnungsschritte zu setzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich selbst konnte in den USA an einem Forschungsprogramm unter der Leitung von Gene Sharp teilnehmen. Er hat das Konzept einer <strong>Sozialen Verteidigung<\/strong> bzw. einer Civilian Based Defense entworfen. Die Forschungen zeigen, dass ein \u201estrategisch gewaltfreier Konflikt\u201c wesentlich erfolgreicher ist als bewaffnete Gegenwehr. Rund 200 Methoden der gewaltfreien Intervention haben ihre Bew\u00e4hrungsproben in Tausenden Konflikten l\u00e4ngst bestanden. Sie w\u00e4ren geeignete Instrumente, mit denen Menschen und Politiker:innen kriegerische Konflikte heute beenden k\u00f6nnten und auf denen Sicherheit und Frieden nachhaltig aufgebaut werden k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p><a><strong>5) Friedensstrategien mit Blick auf den Krieg im Gaza<\/strong><\/a><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach zwei Jahren Krieg in Gaza hat sich die monstr\u00f6se Logik des Krieges in all ihrem Schrecken gezeigt. Der Gazastreifen ist komplett zerst\u00f6rt. Mehr als zwei Millionen Menschen sind geflohen, weit mehr als 65.000 sind auf pal\u00e4stinensischer Seite get\u00f6tet worden, Abertausende sind physisch und psychisch verwundet. Die Geiseln konnten auf dem Weg des Krieges nicht befreit werden. Kriegslogik. Vernichtung. Rache, Hunger. Und weiterhin besteht die Gefahr einer Eskalation bis hin zu einer atomaren Auseinandersetzung. Laut SIPRI besitzt der israelische Staat 70-80 Atomwaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die aktuell wichtigste Forderung lautet wie in jedem Krieg: Feuerpause! Waffenstillstand! Ein Waffenstillstand \u2013 der auch durch Vermittlung Dritter zustanden kommen k\u00f6nnte \u2013 w\u00fcrde Raum bieten f\u00fcr neue Friedensverhandlungen, w\u00fcrde aber vor allem die humanit\u00e4ren Ma\u00dfnahmen erm\u00f6glichen, damit Menschen im Gazastreifen nicht hungern m\u00fcssen, damit sie Zugang zu medizinischen Ma\u00dfnahmen bekommen und ihr Zuhause wieder aufbauen k\u00f6nnten. Wie die Zukunft aussehen k\u00f6nnte, kann letztlich nur von den Menschen vor Ort entschieden werden \u2013 aber auch daf\u00fcr gibt es Modelle, wof\u00fcr vor allem das Konzept einer Zweistaatenl\u00f6sung steht.<\/p>\n\n\n\n<p><a><strong>6) Kriegs-Anti-Kriegs-Rap gegen den Krieg in der Ukraine<\/strong><\/a><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das grausame Spektrum der Kriegslogik sehen wir seit fast 4 Jahren im Krieg in der Ukraine. Ich habe diese Logik in das Format eines Text-Raps gebracht, den ich hier vortragen m\u00f6chte:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201ePutin ist wie Hitler<br>h\u00e4ngt ihn auf<br>Kriegsverbrecher<br>noch mehr Waffen<br>k\u00e4mpfen mit den Panzern<br>noch mehr Waffen<br>k\u00e4mpfen mit den Fightern<br>noch mehr Waffen<br>Napalm her damit<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Pazifist Du<br>Friedensschwurbler<br>Pazifist Du<br>Putinfreund<br>Pazifist Du<br>Du ein Egoist<br><br>Helden braucht das Land<br>sterben f\u00fcr das Land<br>siegen f\u00fcr das Land<br>morden f\u00fcr das Land<br>k\u00e4mpfe Mann<br>Mann gegen Mann<br>sei ein Held<br>sei ein Held<br>Heldenmann<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Pazifismus ist naiv<br>unmoralisch Du<br>Weichei<br><br>Artillerie<br>Infanterie<br>siegen m\u00fcssen wir<br>koste was es wolle<br>Krieg<br>Verteidigungskrieg<br>Stellungskrieg<br>Abn\u00fctzungskrieg<br>Krieg \u2013 verdammt nochmal<br>Sieg ist unsere Fahne<br>siegen bis zum Tode<br><br>zieh die Uniform an<br>setz den Stahlhelm auf<br>gehorche dem Befehl<br>g\u00fcrte dich mit Waffen<br>leg den Finger an den Abzug<br>erschie\u00df den Feind<br>leg ihn um<br>Schlachthaus Donbass<br>Rheinmetall jubelt<br>schie\u00dft schie\u00dft schie\u00dft<br>noch mehr Munition<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>das Klima geht drauf<br>wir f\u00fchren Krieg!<br>Menschen verhungern<br>auf in den Krieg!<br>Menschen fliehen<br>auf in den Krieg!<br>Fahnen hissen<br>Waffen schie\u00dfen<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Angriff<br>Vergeltung!<br>Offensive<br>Gegenoffensive!<br>Kriegsverbrechen<br>Rache!<br><br>atomares Arsenal<br>ist uns schnauzegal<br>nukleare Waffen<br>f\u00fcr die Menschenaffen<br>Atomkrieg<br>AUS!<br>Aus?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Gewalt ist keine L\u00f6sung<br>soll sie auch nicht sein<br>H\u00f6rt doch endlich auf<br>Krieg ist keine L\u00f6sung<br>soll er auch nicht sein<br>H\u00f6rt doch endlich auf<br>Waffen t\u00f6ten<br>Frieden wollen wir!\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><a><strong>7) Pazifistische Einw\u00fcrfe gegen den Bellizismus unserer Tage und f\u00fcr eine alternative Friedenspolitik<\/strong><\/a><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Rap habe ich einen Begriff genannt, den ich lange nicht kannte. \u201eFriedensschwurbler\u201c.&nbsp; Jetzt wei\u00df ich, was ich f\u00fcr manche bin, wenn ich mich gegen die zunehmenden kriegerischen Dynamiken ausspreche, wenn ich besorgt bin angesichts der weltweiten Aufr\u00fcstungsspiralen, wenn ich sage: Nein zu jeglichen Kriegsvorbereitungen, Ja zu Verhandlungen; Nein zu Waffenlieferungen, Ja zu Schritten der Deeskalation; Nein zum Krieg, Ja zum Frieden. Als Pazifist gelte ich als Friedensschwurbler.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Pazifismuskritik ist nicht neu. Sie durchzieht die Geschichte \u2013 die Kriegsgeschichte, m\u00fcsste ich sagen. Pazifismuskritik durchzieht auch meine eigene Geschichte. Ich bin es gewohnt, mich als Pazifist rechtfertigen zu m\u00fcssen. Das war schon vor 40 Jahren so, in den 80er Jahren, als ich mich im Rahmen der Kath. Jugend in der Friedensbewegung engagierte und wir uns gegen die NATO-Nachr\u00fcstung organisiert hatten. Als wir mit dem Button \u201eSchwerter zu Pflugscharen\u201c an gro\u00dfen Demonstrationen teilnahmen, wurden wir als \u201en\u00fctzliche Idioten\u201c beschimpft und gefragt, ob wir vom Kreml finanziert w\u00fcrden. Solche Unterstellungen gibt es auch heute. Nachdem ich zu Beginn eines Krieges in der Servus \u201eTalkshow\u201c die pazifistische Option einnahmen, wurde mir vorgeworfen, ich sei ein Putin-Versteher. Ich war vor 40 Jahren lange in der Beratung f\u00fcr die Zivildienstkommissionen. Wer Pazifist war und den Kriegsdienst verweigern wollte, musste sich rechtfertigen und sein Gewissen unter Beweis stellen. Fr\u00fcher wurde ich selbst von den leitenden Personen meiner Di\u00f6zese wegen meines Pazifismus verurteilt. Es hie\u00df: Das sei doch unmoralisch, wenn man sein Land nicht mit der Hand in der Waffe verteidigen wolle. Zum Gl\u00fcck hat sich diese kirchliche Position heute ver\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>Beginnen m\u00fcsste ich wohl wieder mit einer Definition. Was ist Pazifismus? Es ist eine Haltung und politische Entscheidung, auf kriegerische Bedrohungen und Ausschreitungen ohne Gegengewalt zu antworten und sich gewaltfrei f\u00fcr Frieden einzusetzen. Sie hat eine individuelle Seite. Ich kann f\u00fcr mich Pazifist sein. Sie hat aber auch eine kollektive Seite. Ich kann auch f\u00fcr den staatlichen oder zwischenstaatlichen Bereich eine pazifistische Position einnehmen bzw. f\u00fcr kollektive Entscheidungen pazifistische Optionen einfordern. Beide Formen \u2013 sowohl individuell wie kollektiv \u2013 sind f\u00fcr mich relevant.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Unterscheidung zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik ist f\u00fcr mich in der Frage des Pazifismus nicht zielf\u00fchrend. Das bedeutet: Als Pazifist lasse ich mich nicht reduzieren auf eine gesinnungsethische Position, sondern sage: Pazifistische Ideen sind immer zugleich auch verantwortungsethisch und m\u00fcssen es sein. Es w\u00fcrde uns auch weiterhelfen, wenn wir nicht von \u201edem Pazifismus\u201c spr\u00e4chen, sondern von pazifistischen Ideen, Inhalten und Strategien. Sie sind immer zugleich pragmatisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die kriegerischen Entwicklungen von der Ukraine \u00fcber den Nahen Osten bis nach Taiwan und Nordkorea ist die Welt so nahe an einem Atomkrieg wie noch nie zuvor. Die &#8222;Doomsday Clock&#8220;, also &#8222;Weltuntergangsuhr&#8220;, zeigt keine konkrete Zeit an. Sie ist eine&nbsp;Metapher&nbsp;daf\u00fcr, wie nahe die Menschheit ist, sich selbst auszul\u00f6schen. Die Doomsday Clock stammt von der Organisation &#8222;Bulletin of the Atomic Scientists&#8220; und wird&nbsp;seit 1947 kontinuierlich neu eingestellt. Auch die Zerst\u00f6rung des Klimas wird in die Berechnungen mitkalkuliert.<\/p>\n\n\n\n<p>Daher muss die Strategie des Westens gegen\u00fcber Kriegen ver\u00e4ndert werden. Man braucht eine andere Logik als die milit\u00e4rische Logik. Das Eskalationspotenzial muss herunter.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Krieg in der Ukraine befeuert im wahrsten Sinn des Wortes die Kriegsindustrie und l\u00e4sst die Kriegskassen wie nie zuvor klingen. Auch die EU befindet sich auf politischer wie auf operativer Ebene auf Kriegskurs. Ich m\u00f6chte an dieser Stelle eine paar Stichworte nennen. In der EU wurde der sogenannte \u201eStrategische Kompass\u201c beschlossen. Bis zum Jahr 2025 soll ein Aufr\u00fcstungspaket von zus\u00e4tzlich 200 Milliarden Euro umgesetzt werden. Bereits von 2017 bis 2021 sind die EU-Milit\u00e4rausgaben um 30 Prozent gestiegen. Die EU-Staaten werden bis 2025 bis zu f\u00fcnf Mal mehr f\u00fcr milit\u00e4rische Verteidigung ausgeben als Russland. Strategischer Kompass bedeutet aber auch: Das Einstimmigkeitsprinzip wird aufgegeben und die Koalition der Willigen wird allein \u00fcber Krieg- oder Friedenspolitik entscheiden. Auf operativer Ebene bedeutet es den Ausbau eines EU-Hauptquartiers, global agierende EU-Battle-Groups und eine gemeinsame Kriegskassa.<\/p>\n\n\n\n<p>Pazifismus bedeutet ein klares Nein zu solchen Entwicklungen. Ein Nein zu einer Entwicklung der EU zu einem milit\u00e4risch agierenden B\u00fcndnis. Nein zur Aufr\u00fcstung. Nein zum milit\u00e4rischen Waffengang. Mit einer Atommacht kann nicht Krieg gef\u00fchrt werden, ohne mit der Gefahr eines Atomkrieges zu rechnen. Ein Redakteur der Berliner taz hat einen Essay geschrieben mit dem Titel: \u201ePazifismus ist nichts f\u00fcr Weicheier.\u201c Und es stimmt: Die linke Backe hinzuhalten ist nicht Unterwerfung, sondern h\u00f6chste Aktivit\u00e4t; die zweite Meile mitgehen ist eine wirksame Strategie der Entfeindung. Pazifismus bedeutet, sich systematisch nach Alternativen umzusehen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend meines Sabbaticals vor zwei Jahren verbrachte ich eine Zeit in San Sebastian und setzte mich dort mit der Studie eines katalanischen Friedensforschungsinstitutes auseinander, die vom v\u00f6lkerrechtswidrigen Angriff im Februar 2022 bis Juni 2002 ein paar hundert Beispiele des zivilen Widerstands gegen die russische Invasion aufgelistet hat. Ich m\u00f6chte von dieser Studie ein Beispiel erw\u00e4hnen, das anschaulich darstellt, wie Gewaltfreiheit erfolgreich funktionieren kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die russische Armee zwei Tage nach der v\u00f6lkerrechtswidrigen Invasion in Saporischja einmarschiert ist, eine Stadt mit ungef\u00e4hr 40.000 Einwohnern, hat sie den B\u00fcrgermeister festgenommen und ins Gef\u00e4ngnis gesteckt. Darauf ist die Zivilbev\u00f6lkerung auf den Marktplatz gegangen und hat sich singend der Armee entgegengestellt, ganz friedlich, ohne Aggression. Die russische Armee hat ein paar Mal in die Luft geschossen. Aber das hat niemanden erschreckt. Darauf hat es Verhandlungen der Zivilbev\u00f6lkerung mit der Armee gegeben mit dem Ergebnis: der B\u00fcrgermeister wird freigelassen und andererseits d\u00fcrfen die Russen schauen, ob in den H\u00e4usern Waffen versteckt sind. Es wurden keine Waffen gefunden. Am 28. 3. 2022 ist die russische Armee von Saporischja weggezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Solche F\u00e4lle sind wenig bekannt. Dabei war dieser Protest gar nicht systematisch vorbereitet. Pazifistisch denken w\u00fcrde bedeuten, sich gezielt, geplant, gut vorbereitet auf solche gewaltfreien zivilen Widerstandsformen einzulassen. Von \u201eStrategic Nonviolent Conflict\u201c bzw. von \u201eCivilian Based Defense\u201c spricht die Friedensforschung. Die Konzepte einer Sozialen Verteidigung, die Theodor Ebert, Gene Sharp oder das Friedensforschungszentrum Schlaining entwickelten, sind nicht obsolet.<\/p>\n\n\n\n<p>Pazifismus ist freilich auch eine Frage des Menschenbildes: Pazifistisch denken hei\u00dft davon auszugehen, dass jeder Mensch in sich gut ist. Durch gewaltfreie Methoden wird dieses Gute zum Vorschein gebracht. Dann k\u00f6nnen wir mit Konstantin Wecker weiterhin singen: \u201eUnd wenn die Feinde kommen, werden wir sie umarmen \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Friedens- und Konfliktforschung zeigt: Mit gewaltfreien Methoden gibt es weniger Leid und weniger Zerst\u00f6rung. Gewaltfreie Strategien f\u00fchren mehr zum \u201eErfolg\u201c als milit\u00e4rische Ma\u00dfnahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bertram Russel oder Albert Einstein, die sich immer f\u00fcr den Pazifismus ausgesprochen haben, haben eine Ausnahme gemacht: N\u00e4mlich die Bek\u00e4mpfung von Hitlerdeutschland. In diesem Punkt haben sie f\u00fcr eine milit\u00e4rische Befreiung Option bezogen. Das ist die eine Ausnahme. Aber: Von einer solchen Situation sind wir weit entfernt. Putin ist nicht Hitler. Netanjahu ist nicht Hitler. Weder das russische System noch die die rechtsextreme Regierung unter Netanjahu k\u00f6nnen mit Hitlerdeutschland verwechselt werden. Ein verbrecherisches System wie das nationalsozialistische System ist nicht gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist richtig, dass die Welt sich gegen\u00fcber einem russischen Imperialismus wehren muss und die V\u00f6lker besch\u00fctzen muss, die unmittelbar davon betroffen sind. Es ist notwendig, das Existenzrecht des Staates Israel in keiner Weise zu gef\u00e4hrden Zugleich gilt: Pazifistische Strategien sind dabei wesentlich wirksamer.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit der v\u00f6lkerrechtswidrigen Invasion Russlands auf die Ukraine hat es mehrere Bem\u00fchungen f\u00fcr eine <strong>Verhandlungsl\u00f6sung<\/strong> gegeben. Ich m\u00f6chte an zwei erinnern, die zuletzt auch immer wieder diskutiert wurden. Der israelische Ex-Pr\u00e4sident Benet hat im M\u00e4rz 2022 versucht zu vermitteln. Ein Friedensschluss sei greifbar gewesen, meinte er. Dann aber kam es zu Interventionen aus Gro\u00dfbritannien und den USA, dass man jetzt nicht verhandle. Kurz darauf kam es zu Verhandlungen in Istanbul. Es gab ein starkes Aufeinanderzugehen. Die Ukraine h\u00e4tte auf einen NATO-Beitritt verzichtet und im Ausgleich dazu Sicherheitsgarantien bekommen. Umgekehrt h\u00e4tten die Russen gesagt, sie z\u00f6gen sich hinter die Linien des 24.2. 2022 zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist auch heute noch nicht zu sp\u00e4t f\u00fcr Verhandlungen. Im Gegenteil. Selenskyi wie Putin folgen jedoch der Logik der Krieger. Je l\u00e4nger der Krieg dauert, desto schwerer wird das Verhandeln, aber es ist immer noch m\u00f6glich. Konflikte und Kriege sind diplomatisch zu l\u00f6sen. Man muss aufeinander zugehen, um Frieden zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Gesichtspunkt lautet: Gewaltfreie Strategien und ihre Methoden k\u00f6nnen h\u00f6chst erfolgreich sein, w\u00fcrden sie systematisch angewendet. Ein Beispiel. W\u00e4hrend meines Sabbaticals war ich im Baskenland. In Donostia\/San Sebastian besuchte ich das baskische Nationalmuseum. In einer Ausstellung zur Geschichte des Baskenlandes hie\u00df es: H\u00e4tten weder gro\u00dfe Teile der katholischen Kirche noch die westlichen M\u00e4chte Franco unterst\u00fctzt, h\u00e4tte es im Gegenteil wirtschaftliche und politische Sanktionen gegeben, so w\u00e4re seine Diktatur viel fr\u00fcher beendet worden. Auch hier liegt wieder eine bleibende Ansage \u2013 bis in die Gegenwart des Ukrainekrieges hinein. Im Geflecht internationaler Wirtschaftsbeziehungen w\u00e4re es m\u00f6glich, Imperatoren die Grenzen zu setzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Egal ob in Spanien zur Zeit der Frankodiktatur oder der Ukraine, ob in Afrika, Asien oder Europa: \u00fcberall auf der Welt gelten die Erkenntnisse aus der Friedensforschung, wie Kriege ohne Milit\u00e4rgewalt beendet werden k\u00f6nnen. Seit der v\u00f6lkerrechtswidrigen Invasion russischer Streitkr\u00e4fte hat die ukrainische Zivilgesellschaft spontan und mutig in Hunderten gewaltfreien Aktionen wie ziviler Ungehorsam, Stra\u00dfenblockaden oder Kommunikationskampagnen ihren Widerstand ausgedr\u00fcckt. Das Internationale Katalanische Institut f\u00fcr den Frieden (ICIP) hat in Zusammenarbeit mit einem Institut der Universit\u00e4t Jena Daten \u00fcber den gewaltfreien Widerstand in der Ukraine vom 24. Februar bis zum 30. Juni 2022 gesammelt und ausgewertet. Insgesamt listet der umfangreiche Forschungsbericht 235 dokumentierte gewaltfreie Aktionen auf. Sie werden in drei Kategorien systematisiert: Protestma\u00dfnahmen (148), gewaltfreie Interventionen (51) sowie Formen der Nicht-Zusammenarbeit (36). Es ist wie eine To-Do-Liste des gewaltfreien Widerstands, wie ich sie in einem Forschungsprogramm unter Leitung von Gene Sharp an der Harvard Universit\u00e4t kennenlernen und erforschen konnte. In einer interaktiven Karte des katalanischen Institutes kann die zeitliche sowie geographische Abfolge der gewaltfreien Aktionen im Rahmen dieser drei Kategorien nachverfolgt werden. W\u00e4hrend die offenen Protestaktionen im April aufgrund st\u00e4rkerer Repressionen abnahmen, nahmen die verdeckten Widerstandsformen von Nicht-Zusammenarbeit und zivilem Ungehorsam zu. Gewaltfreie Interventionen waren vor allem zu Beginn sehr verbreitet. Bilder von B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, die Stra\u00dfenblockaden errichteten, Stra\u00dfenschilder austauschten und Panzer an der Weiterfahrt hinderten, gingen durch die Berichterstattungen. Da die Ukraine reich an Erfahrungen mit gewaltfreier Aktion ist, da es viele Vernetzungen auf unterschiedlichen Ebenen gibt, ist der in der Fr\u00fchphase der Invasion organisierte gewaltfreie Widerstand verst\u00e4ndlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Internationale Studien haben zwar gezeigt, dass auch gewaltfreier Widerstand keine Erfolgsgarantie geben kann, doch noch weniger kann es das Setzen auf die milit\u00e4rische Karte. Im Gegenteil. Ein historischer Vergleich zeigt, dass gewaltfreier Widerstand mehr als doppelt so oft erfolgreich war als milit\u00e4rischer.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen es seit nun schon seit dreieinhalb Jahren in der Ukraine: Der Versuch, die von Russland besetzten Gebiete milit\u00e4risch zu \u201ebefreien\u201c, feuert den Krieg immer noch mehr an, f\u00fchrt zu v\u00f6llig zerst\u00f6rten St\u00e4dten, Abertausenden Toten und Verletzten und dr\u00e4ngt eine friedliche Zukunft f\u00fcr das Land hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schw\u00e4chen des gewaltfreien Widerstands in der Ukraine sind ebenfalls offensichtlich. Sehr bald schon wurde mit voller Kraft auf die milit\u00e4rische Widerstandskraft der Ukraine gesetzt. Kampfparolen waren an der Tagesordnung. Generalmobilmachung erfolgte. Massive Waffenlieferungen aus dem Westen begannen. Allein die USA haben viele Milliarden f\u00fcr milit\u00e4rische R\u00fcstungsanstrengungen in der Ukraine ausgegeben. All diese Anstrengungen verdr\u00e4ngten die anf\u00e4nglich gewaltfreien Protestma\u00dfnahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Geschichte ist nicht dazu da, um gef\u00e4hrliche Irrwege zu wiederholen, sondern um die Lehren daraus zu ziehen: Gewaltfreie Widerstandsformen gegen illegitime Eroberungen sind, wenn systematisch vorbereitet und geschult, jeder Gewalt vorzuziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Mitglied von Pax Christi blicke ich zugleich auf meine wichtigste Inspirationsquelle: Die Botschaft und das Leben von Jesus von Nazareth. W\u00fcrden all die religi\u00f6sen F\u00fchrer heute ihre Reden am Evangelium orientieren, g\u00e4be es keinen russischen Patriarchen mit seiner offenen Unterst\u00fctzung f\u00fcr Putin, g\u00e4be es aber ein kirchliches Nein zu milit\u00e4rischem Abwehrdenken. Bes\u00e4nnen sich die Kirchen selbst zu ihrem gewaltfreien Ursprung, dann w\u00fcrde es keinen Krieg mehr geben. Juden, Christen und Muslime w\u00fcrden wieder in Frieden miteinander leben, wie sie es in Cordoba oder Sevilla taten, Modell auch f\u00fcr gewaltfreies Zusammenleben von Ukrainern und Russen, die sich im gemeinsamen Bekenntnis an die gewaltfreie jesuanische Botschaft finden k\u00f6nnten. Die katholische Kirche heute gibt zum Gl\u00fcck auch mit Papst Leo XIV. jenen Kurs vor, der von Papst Franziskus so formuliert wurde: Jeder Krieg ist ein Verbrechen! Ich wage zu behaupten: Wenn heute alle religi\u00f6sen Menschen die milit\u00e4rischen Denkmuster aufg\u00e4ben \u2013 also auch auf Waffenlieferungen und Aufr\u00fcstungen verzichteten \u2013 dann h\u00e4tten wir den Traum vom \u201eewigen Frieden\u201c erreicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Jesus ist eben kein Revolution\u00e4r, der mit der Waffe in der Hand f\u00fcr eine gerechte Sache gek\u00e4mpft h\u00e4tte. Im Gegenteil: Seine Botschaft der linken\/rechten Backe, der zweiten Meile und der Feindesliebe gilt. Sie ist unbestreitbar. Der Gewaltverzicht Jesu ist integraler Bestandteil des Christentums. Jesus fordert uns in den Seligpreisungen dazu auf, Pazifistinnen und Pazifisten zu sein \u2013 selig, die pacem facere, selig die Friedensstifterinnen und Friedensstifter. Selig die Pazifistinnen und Pazifisten!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>8) Im Geist der Aufkl\u00e4rung und der Vernunft: oder Johan Wolfgang von Goethe statt Donald Trump<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vor zwei Jahren wurde an den 300. Geburtstag von Immanuel Kant erinnert und damit an die Aufkl\u00e4rung. Als Tiroler bin ich mit der Geschichte rund um Andreas Hofer aufgewachsen. Das ist eine Geschichte gegen die Aufkl\u00e4rung. In viel gr\u00f6\u00dferem und gef\u00e4hrlichen Ma\u00dfstab vereinen sich die Rechtspopulisten aller L\u00e4nder unter dem Banner der Anti-Wokeness \u2013 also gegen das Aufgekl\u00e4rte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als gr\u00f6\u00dfter Dichter der Aufkl\u00e4rung gilt Johan Wolfgang von Goethe. Um die pazifistischen F\u00e4den aus der europ\u00e4ischen Kulturgeschichte aufzugreifen, k\u00f6nnten wir auf sein Werk \u201eIphigenie auf Tauris\u201c blicken. Die Protagonistin schafft es, auf gewaltfreiem Weg durch seelische Aufrichtigkeit Konflikte zwischen G\u00f6ttern und Menschen und zwischen Menschen untereinander zu l\u00f6sen. Ihre Sprache ist die der dringenden Beschwichtigung und nicht des gewaltbereiten Aufschaukelns. Der Gedanke an Tod durch Krieg und Gewaltt\u00e4tigkeit bringt sie zum Schaudern. Die Aufforderung zum Duell im H\u00f6hepunkt des Spannungsaufbaus im 5. Akt versucht sie folgenderma\u00dfen abzuwenden:<br><em>\u201eLasst die Hand \/ Vom Schwerte! Denkt an mich und mein Geschick. \/ Der rasche Kampf verewigt einen Mann: \/ Er falle gleich, so preiset ihn das Lied. \/ Allein die Tr\u00e4nen, die unendlichen \/ Der \u00fcberbliebnen, der verlassenen Frau, \/ Z\u00e4hlt keine Nachwelt, und der Dichter schweigt \/ Von tausend durchgeweinten Tag- und N\u00e4chten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Iphigenie hat die Gewaltt\u00e4tigkeit selber erfahren: sie hat ihre gesamte Familie verloren, wurde fast Opfer eines religi\u00f6sen Mordes und war auch im Exil Zeugin von Ritualmord. Die andere, die nicht gewaltt\u00e4tige Politik, wird bei Goethe mit dem Weiblichen assoziiert: <em>\u201eWohl uns, dass es ein Weib ist! Denn ein Mann, der beste selbst, gew\u00f6hnt seinen Geist An Grausamkeit und macht sich auch zuletzt Aus dem was er verabscheut, ein Gesetz [\u2026] Allein ein Weib bleibt stets auf einem Sinn, Den sie gefasst. Die rechnest sicherer Auf sie im Guten wie im B\u00f6sen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es waren vor allem Frauen, die als Opfer der Kriege gegen Krieg und Militarismus anschrieben und so selbst zu Subjekten des Widerstands wurden. Eine davon ist Hedwig Dohm, die am Anfang des 20. Jahrhunderts in Berlin als Feministin und Schriftstellerin wirkte. Ich zitiere sie:<br><em>\u201eSchrieb ich\u2019s nicht schon, dass ich politisch ganz und gar ungebildet bin? Aber sie behaupten doch immer, Frauen brauchten nichts zu wissen, nichts zu lernen, sie w\u00fcssten alles aus sich selbst, intuitiv, mit dem Gef\u00fchl. Da siehst du, was aus dem Nurgef\u00fchl herauskommt: Fieber der Kriegspsychose, das in dem Krieg nur ein Gemetzel sieht, nicht den Geist, der \u00fcber den Blutstr\u00f6men schwebt. \u2013 Schwebt er? Ist das deine Meinung? Ach nein \u2013 nein \u2013 siehst du sie nicht \u2013 die vielen, vielen selig grinsenden Kadaver? Weh, ach weh! Aus Massengr\u00e4bern steigen sie. Schatten nur, und doch rinnen aus furchtbaren Wunden ihnen B\u00e4che von Blut. Gierig, gierig trinkt sie die Erde, und D\u00e4mpfe wallen auf wie blutendes Feuer, ihre Funken zerspr\u00fchen mir das Herz. Weinen muss ich, alle Tage, alle Tage, und alle N\u00e4chte muss ich weinen \u2014 immerfort.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Den Worten von Hedwig Dohm und ihrem Weinen \u00fcber den Krieg m\u00f6chte ich nichts mehr hinzuf\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Heidegger<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/neutal-1-768x1024.jpg' class='thumbnail' \/>1 \u201eJaget nach &nbsp;dem Frieden\u201c (Hebr 12,14) in einer kriegerisch-verr\u00fcckten Welt F\u00fcr die Private P\u00e4dagogische Hochschule Burgenlands konnte ich am internationalen Tag der Gewaltfreiheit ein eint\u00e4giges Seminar \u00fcber Fragen des gewaltfreien Widerstands und \u00fcber alternative Aspekte einer nicht-milit\u00e4rischen Sicherheits- und Friedenspolitik halten. Es ist der 2. Oktober 2025. 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