{"id":11867,"date":"2026-01-18T15:24:37","date_gmt":"2026-01-18T15:24:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=11867"},"modified":"2026-01-31T05:30:05","modified_gmt":"2026-01-31T05:30:05","slug":"von-der-suende-der-welt-und-der-lammlogik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=11867","title":{"rendered":"Von der \u201eS\u00fcnde der Welt\u201c und der Lammlogik"},"content":{"rendered":"\n<p>Noch unter dem Eindruck eines Kinofilms lese ich das Evangelium zum heutigen Sonntag. Der Prophet Johannes spricht bei der Taufe Jesu im Jordan: \u201eSeht das Lamm Gottes, das die S\u00fcnde der Welt hinwegnimmt.\u201c Zwei Fragen dr\u00e4ngen sich mir auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Erstens: Was ist die \u201eS\u00fcnde der Welt\u201c? Im Film \u201eEin einfacher Unfall\u201c des iranischen Regisseurs Jafar Panahi geht es um jene S\u00fcndhaftigkeit, die ihre Bosheit und ihr Verderben gerade aktuell wieder im Iran zeigt. Es ist die brutale Gewalt, mit der ein Regime \u00fcber ein Land herrscht, mit Folter und Hinrichtungen, mit unvorstellbaren Grausamkeiten gegen\u00fcber jenen, die sich der staatlichen Willk\u00fcrgewalt nicht unterordnen lassen. Ich denke an die Tausenden Menschen, die in den letzten Tagen ermordet wurden, weil sie gegen das Mullah-Regime auf die Stra\u00dfe gegangen sind. Der Film erz\u00e4hlt die Geschichte von Vahid, einem Automechaniker, der bei einem gewerkschaftlichen Protest verhaftet und gefoltert worden ist. Scheinbar zuf\u00e4llig kommt sein einstiger Peiniger in seine Werkstatt, weil er sein beim Unfall besch\u00e4digtes Auto reparieren will. Er wird einfach als &#8222;Holzbein&#8220; bezeichnet, w\u00e4hrend Vahid aufgrund seines zertr\u00fcmmerten R\u00fcckgrats und damit schiefen Gangs den Spitznamen \u201eGie\u00dfkanne\u201c zugesprochen bekam. (Ab jetzt, Achtung Spoilerwarnung!) In Vahid brechen nun die traumatischen Erfahrungen wieder auf. Er hat die M\u00f6glichkeit, jenen Mann zu t\u00f6ten, der sein Leben ruinierte, der ihn zum Kr\u00fcppel machte und seine Verlobte in den Tod trieb. Um sicher zu gehen, dass der Peiniger, der sich durch seine quietschende Beinprothese bemerkbar machte, auch wirklich der Schuldige ist, packt Vahid noch andere Menschen in seinen Van, in dem Holzbein in einer sarg\u00e4hnlichen Kiste eingesperrt ist. Eine Fotografin macht gerade Hochzeitsaufnahmen von einem Paar. Es stellt sich heraus, dass auch die Braut grausame Erfahrungen mit Holzbein im Gef\u00e4ngnis hatte, genauso wie die Fotografin selbst. Hinzu kommt noch ein anderes Folteropfer. Dieser sinnt ganz auf Rache und Vergeltung. F\u00fcr ihn gilt nur: Holzbein muss get\u00f6tet werden. Dieser aber hat eine schwangere Frau und eine Tochter. W\u00e4hrend Holzbein in seinem Holzk\u00e4fig ist, ger\u00e4t Vahid in die Rolle, die Frau von Holzbein ins Krankenhaus zur Geburt ihres Sohnes zu begleiten. Danach konfrontieren die Folteropfer den gefesselten Peiniger mit seiner Tat. \u201eWir wollen nicht sein wie die, die an uns Gewalt anwendeten \u2026\u201c, sagt die Fotografin. Was wollen sie? Auf die Justiz und korrupte Exekutive k\u00f6nnen sie nicht setzen. Im Gegenteil. So treten sie aber nun selbst aus ihrer Opferrolle und sind aktiv geworden. Holzbein soll mit seiner Schuld konfrontiert werden und diese bereuen. Nur so kann ein Prozess der Heilung beginnen. Die mimetischen Zirkel von Gewalt und Gegenwalt, von Schuld und Rache m\u00fcssen durchbrochen werden. So gelingt es auch. Am Ende des Films h\u00f6rt der Holzbein mit seinen Rechtfertigungen auf und sein ganzes Konstrukt einer religi\u00f6sen Legitimierung<\/p>\n\n\n\n<p>Wie wird die S\u00fcnde zweitens hinweggenommen? Der Evangelist Johannes verwendet hier nun die Metapher vom \u201eLamm\u201c. Die messianische Befreiung kommt nicht von einem m\u00e4chtigen, majest\u00e4tischen und br\u00fcllenden L\u00f6wen, sondern durch ein Lamm, z\u00e4rtlich und klein, das leicht verletzlich ist, von dem selbst aber keine Bedrohung ausgeht. Anfang Sommer 2025 schrieb ich einen Artikel zum Angriff Israels auf den Iran. Die israelische Milit\u00e4roperation nannte Benjamin Netanjahu \u201eRise like a lion\u201c. Damit bezog er sich in fundamentalistischer Leseart auf jene Vorstellung aus der Geschichte des j\u00fcdischen Volkes, demnach ein starker L\u00f6we die Feinde Israels radikal vernichten wird. Das L\u00f6wenmotiv Es war ein Mussolini, der meinte, es sei besser, einen Tag als L\u00f6we zu leben als 100 Jahre als Schaf. Das ist nicht die jesuanische Strategie der \u00dcberwindung von Gewalt. Der Hinweis auf das Lamm als Strategie ist jedoch erstens der Auftrag, nicht selbst gewaltt\u00e4tig zu werden und so die Gewalt des Feindes selbst widerzuspiegeln. Zweitens ist es aber auch nicht ein Duckm\u00e4usertum oder ein sich Einfinden in eine Opferrolle. Damit wird falschverstandenes M\u00e4rtyrertum ebenfalls ausgeschlossen. Im Film wehren sich Vahid und seine ehemals Mitgefangenen. Sie wehren sich aber auf eine Weise, die nicht die Gewalt der Peiniger aufnimmt. Das Lamm ist nicht Opfertier, sondern messianischer Befreier. Vahid kann ein neues Leben beginnen und das Quietschen des Holzbeins wird f\u00fcr ihn nicht l\u00e4nger eine Bedrohung sein. Rache ist nicht das letzte Wort. Vers\u00f6hnung soll am Ende sein. Panahi hat \u00fcber die zentrale Aussage seines Filmes Folgendes gesagt: <em>&#8222;Wie wird es weitergehen? Wird weiterhin die Gewalt dominieren oder wird das Land mal an einen Punkt kommen, an dem es sich aus dieser Endlosspirale befreit? Wenn ich die M\u00f6glichkeit der Vergebung nicht aufgezeigt h\u00e4tte, sondern nur Rache und Vergeltung, w\u00e4re das eine unzul\u00e4ssige Vereinfachung gewesen. Dann h\u00e4tten wir die Verantwortung auf die Individuen geschoben, statt auf die Struktur, das System und die Regierung. Um das Problem zu beheben, reichen keine Reformen mehr aus. Unsere Figuren begreifen langsam, dass die Schuld nicht bei einem einzelnen T\u00e4ter zu suchen ist, sondern strukturbedingt ist. Und damit politisch. Schuldig sind nicht die B\u00fcrger, sondern eine derartige Regierung.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Passend zum Film ist wohl auch jene Geschichte aus einem iranischen Gef\u00e4ngnis, in dem der Regisseur selbst einmal inhaftiert war. Es wurde bei einem israelischen Luftangriff so besch\u00e4digt, dass die H\u00e4ftlinge fliehen konnten. Einige taten es aber nicht, weil sie sich um das Wachpersonal k\u00fcmmerten, das beim Angriff verletzt worden war. &nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch unter dem Eindruck eines Kinofilms lese ich das Evangelium zum heutigen Sonntag. 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