{"id":12599,"date":"2026-05-20T15:37:44","date_gmt":"2026-05-20T15:37:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=12599"},"modified":"2026-05-20T15:38:55","modified_gmt":"2026-05-20T15:38:55","slug":"bauplaene-fuer-den-frieden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=12599","title":{"rendered":"Baupl\u00e4ne f\u00fcr den Frieden"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Bauplan-1-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Bauplan-1-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12600\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Bauplan-1-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Bauplan-1-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Bauplan-1-1152x1536.jpg 1152w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Bauplan-1-1536x2048.jpg 1536w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Bauplan-1-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>(1) <strong>Bauanleitung: Phantasie gegen Milit\u00e4rlogiken<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Mit verheerenden Strategien: Die Militarisierung der Welt<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSi vis pacem, para bellum!\u201c \u201eWenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor.\u201c Nach diesem militaristischen Grundsatz, der f\u00e4lschlicherweise dem Philosophen Cicero angedichtet wird, gestalten die europ\u00e4ischen Staaten aktuell ihre Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Noch nie in der Geschichte Europas seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gab es derartige Aufr\u00fcstungspl\u00e4ne. Die NATO-Staaten weiten ihre R\u00fcstungsbudgets teils um das Doppelte aus. Die NATO-Vorgabe lautet 5 Prozent der Staatsausgaben. Die Industrien werden auf Kriegswirtschaft getrimmt und die Auftragsb\u00fccher der R\u00fcstungskonzerne sind voll. Die EU-Kommission gibt ein 800-Milliarden R\u00fcstungsbudget frei. Deutschland will die st\u00e4rkste Armee Europas haben und beginnt schrittweise die Wiedereinf\u00fchrung der Allgemeinen Kriegsdienstpflicht. \u201eKriegstauglichkeit\u201c (Boris Pistorius) ist das ausgegebene Ziel. Selbst ein ehemaliger deutscher gr\u00fcner Au\u00dfenminister und Vizekanzler, Joschka Fischer, erhofft sich eine europ\u00e4ische Atombombe. Und auch das neutrale \u00d6sterreich macht in dieser Kriegstauglichkeits-Hysterie mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Aufbauplan 2032+, wie er derzeit von der \u00f6sterreichischen Bundesregierung beschlossen und durchgesetzt wird, sieht milliardenschwere Neuanschaffungen vor. W\u00e4hrend in anderen Budgetbereichen gek\u00fcrzt wird, wird das Milit\u00e4rbudget aufgestockt, von 0,6 Prozent auf 2 Prozent bis zum Jahr 2028. Allein f\u00fcr die geplanten 37 neuen Kampfflugzeuge sollen 17 Milliarden zus\u00e4tzlich aus dem Staatshaushalt finanziert werden. Eine Wehrdienstzeitverl\u00e4ngerung wird vorbereitet. Der Personalstand des Heeres soll ausgebaut werden. In allen Bereichen wird daf\u00fcr geworben. Im Rahmen der Geistigen Landesverteidigung \u201einformieren\u201c Berufssoldaten in den Schulen \u00fcber die milit\u00e4rischen Zielsetzungen. Selbst die Gr\u00fcnen haben ihre urspr\u00fcnglich pazifistischen und friedensbewegten Wurzeln l\u00e4ngst aufgegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei lehrt ein n\u00fcchterner Blick auf die Lage in der Welt in erschreckender Weise, wie durch immer noch mehr Waffen die Welt nicht sicherer wird. Die Kriegsjahre in der Ukraine zeigen, dass mit Waffengewalt eine v\u00f6lkerrechtliche Invasion nicht abgewehrt werden kann. Was man mit einem enormen milit\u00e4rischen Aufgebot und unter Inkaufnahme von mehreren hunderttausend Toten und Verletzten verteidigen will, das wird zerst\u00f6rt. Hunderttausende sterben in einem brutalen Abn\u00fctzungskrieg. Mit Blick auf die \u00f6kologischen Krisen erweist sich der Krieg als gr\u00f6\u00dfter Brandbeschleuniger. Die milit\u00e4rischen Aktionen der USA oder Israels haben in den betroffenen Regionen unermessliches Leid nach sich gezogen und weder Frieden noch Sicherheit gebracht. Die Doomsday-Clock zeigt an, wie nah die Welt aufgrund der neuen Waffensysteme und der atomaren Aufr\u00fcstung am Rande einer nuklearen Katastrophe steht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Die Alternative: Ich mach\u2018 mir die Welt, wi-wi-wi-wi, wie sie mir gef\u00e4llt &#8211; nicht-milit\u00e4rische Phantasie<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eWenn du den Frieden willst, bereite den Frieden vor.\u201c (Bertha von Suttner)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Befreit von einem Denken, dass mit Waffen und Soldaten Frieden gesichert oder geschaffen werden kann, zeigt ein Blick in die Geschichte der Menschheit, dass auch eine andere Welt m\u00f6glich ist. Frech und selbstbewusst wie Pippi Langstrumpf hei\u00dft es: Lassen wir die Phantasie an die Macht!<\/p>\n\n\n\n<p>Die gewaltfreie Phantasie kann ankn\u00fcpfen an den B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern einer 40.000-Einwohner-Stadt in der N\u00e4he von Tschnobyl. Kurz nach der Invasion der russischen Armee in der Ukraine im Februar 2022 ist Bev\u00f6lkerung den einmarschierten Soldaten gewaltfrei gegen\u00fcbergetreten. Die Ukrainerinnen und Ukrainer haben mit den russischen Soldaten geredet, sie angel\u00e4chelt, ukrainische Lieder gesungen. Mit Mobiltelefonen hatte sich die Bev\u00f6lkerung der Stadt vorher verst\u00e4ndigt. Es wurde verhandelt. Der von den Russen festgenommene B\u00fcrgermeister wurde wieder freigelassen. Es gab keinen gewaltt\u00e4tigen Widerstand. Man erlaubt den Invasoren, die H\u00e4user auf Waffen zu durchsuchen. Es sollte keinen Partisanenkrieg geben. In den Tagen der Besetzung gab es keine Opfer. Ein katalanisches Friedensforschungsinstitut hat allein in den ersten Monaten nach der Invasion 200 Aktionen des gewaltfreien Widerstands dokumentiert und analysiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gewaltfreie Phantasie kann an den Abertausenden historischen Beispielen des gewaltfreien Widerstands gegen kriegerische \u00dcbergriffe oder gegen autorit\u00e4re Unterdr\u00fcckungssysteme ankn\u00fcpfen: Gut vorbereitet hatte sich das philippinische Volk in einem gewaltfreien Aufstand \u2013 Rosenkranzrevolution \u2013 von einem despotischen Diktator befreit. Das Ende des Apartheidsystems in den USA wurde eingeleitet durch die Aktionen des zivilen Ungehorsams sowie durch die charismatische F\u00fchrung durch Martin Luther King. Mahatma Gandhi konnte mit den Methoden des Satyagraha Indien von der britischen Kolonialmacht befreien. Selbst in der Zeit der Nazi-Diktatur gelang es immer wieder, dem Nazi-Terror gewaltfrei zu widerstehen. Die Frauen von der Rosenstra\u00dfe verhinderten die Inhaftierung ihrer j\u00fcdischen M\u00e4nner genauso wie die widerst\u00e4ndischen Aktionen der orthodoxen Bisch\u00f6fe in Bulgarien (1944) dazu f\u00fchrten, dass J\u00fcdinnen und Juden vor der Shoah gesch\u00fctzt wurden. Die Generalstreikmethoden im Ruhrkampf (1923) gegen die franz\u00f6sische Besatzung oder den Kapp-Putsch (1920), die friedliche Revolution 1989 in den osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern, die zum Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs f\u00fchrte, der baltische Weg in die Unabh\u00e4ngigkeit (1990\/91), die als \u201eSingende Revolution\u201c in die Geschichte einging \u2013 es g\u00e4be so viel zu erz\u00e4hlen, um die Phantasie von einer Welt zu n\u00e4hren, die ohne milit\u00e4rische Gewaltsysteme sicher und friedlich wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist l\u00e4ngst erforscht und in vielen B\u00fcchern ver\u00f6ffentlicht worden, dass gewaltfreier Widerstand wesentlich erfolgreicher, nachhaltiger und mit weniger Verlusten verbunden ist und schneller zu den erw\u00fcnschten Zielen f\u00fchrt als der Rekurs auf Gewalt und milit\u00e4rische Mittel. &nbsp;Erica Chenoweth und Maria J. Stephan haben dazu zwischen 1900 und 2006 107 F\u00e4lle von gewaltfreiem Widerstand gegen Regimewechsel oder Besatzung untersucht. Das Ergebnis: Gewaltfreie Kampagnen waren doppelt so erfolgreich wie gewaltt\u00e4tige. Was w\u00e4re, so muss nun weitergedacht werden, wenn solche Kampagnen bereits gut vorbereitet w\u00fcrden, ausreichend Finanzierung h\u00e4tten, auch Teil der nationalen Sicherheitsstrategien w\u00e4ren. Solches Denken f\u00fchrt zum Konzept bzw. zur Konzeption der Sozialen Verteidigung.<\/p>\n\n\n\n<p>(2) <strong>Bauplan: Strategien der Sozialen Verteidigung: Wehrhaft ohne Waffen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eStell dir vor, es ist Krieg und alle leisten Widerstand!\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das seit den 60er-Jahren ausgearbeitete und von der Friedensforschung wissenschaftlich begleitete Konzept der Sozialen Verteidigung ist weiterhin jener Masterplan, mit dem eine Abkehr vom milit\u00e4rischen Denken und Handeln plausibel gestaltet werden kann. Es muss zugleich beachtet werden, dass auch dieses Konzept lediglich ein Bestandteil einer umfassenderen Friedens- und Sicherheitspolitik ist und mit ihr integral verwoben sein muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Soziale Verteidigung wird definiert als aktiver gewaltloser Widerstand gegen Unrecht zum Schutz von Menschen und ihren Lebensr\u00e4umen und f\u00fcr die Erhaltung von Freiheit und Selbstbestimmung. Die Bedrohung kann von au\u00dfen oder von innen kommen. Die ganze Gesellschaft soll zum Akteur werden. Soziale Verteidigung spielt sich in drei Bereichen ab: Erstens in der Pr\u00e4vention. Dabei geht es darum, dass global und lokal bereits an den Konfliktursachen gearbeitet wird, dass Zivilcourage gegen Gewalt einge\u00fcbt wird und vor allem demokratische Strukturen gest\u00e4rkt werden. Zweitens sind gezielte Vorbereitungen notwendig. Dazu z\u00e4hlt zum Beispiel der Aufbau einer Wirtschaftsstruktur mit dezentralem Charakter, die auch im Falle von Bedrohungen resilient ist. Gezielte Trainings in gewaltfreier Aktion werden angeboten und durchgef\u00fchrt. Drittens wird bei einer Aggression von au\u00dfen oder innen Soziale Verteidigung, die gut vorbereitet ist, mit ihrem ganzen Instrumentarium von zielgerichteten gewaltfreien Methoden angewandt.<\/p>\n\n\n\n<p>(3) <strong>Bauphilosophie: Die Macht der Ohnm\u00e4chtigen bricht die Macht der M\u00e4chtigen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Theoretiker wie Gene Sharp haben aufgezeigt, dass sich keine Macht auf Dauer ohne Zustimmung der aktiven B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger an der Macht halten kann. Dies betrifft auch eine Besatzungsmacht. Soziale Verteidigung zielt also gezielt darauf ab, die S\u00e4ulen der Macht zu schw\u00e4chen, auf denen ein ungerechtes Regime aufbaut. Dies geschieht u.a. durch Beeinflussung der Milit\u00e4rs und anderer Autorit\u00e4ten, wodurch der R\u00fcckhalt der Aggressoren geschw\u00e4cht wird. Es soll gelingen, die Reihen eines Gegners zu spalten und ihn auf die eigene Seite zu ziehen. Zentral ist auch die internationale Solidarit\u00e4t, die gerade dann st\u00e4rker werden kann, wenn die Unterdr\u00fcckten selbst auf gewaltsame Gegenwehr verzichten und aktiven gewaltfreien Widerstand leisten. Zu den bekanntesten Methoden internationaler Solidarit\u00e4t z\u00e4hlen diverse \u00f6konomische, politische oder kulturelle Sanktions- bzw. Boykottma\u00dfnahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer philosophischen Ebene hat Hannah Arendt die Dimensionen und Zusammenh\u00e4nge von Macht und Gewalt beschrieben und damit eine Grundlage auch f\u00fcr Konzeptionen wie der Sozialen Verteidigung geschaffen. Hannah Arendt schreibt: \u201eWas den Institutionen und Gesetzen eines Landes Macht verleiht, ist die Unterst\u00fctzung des Volkes, die wiederum nur die Fortsetzung jenes urspr\u00fcnglichen Konsenses ist, welcher Institutionen und Gesetze ins Leben gerufen hat.\u201c (Macht und Gewalt, TB, Z\u00fcrich 2003, S.41) Macht entspringe, so Arendt, der menschlichen F\u00e4higkeit, sich handelnd mit anderen zusammenzuschlie\u00dfen. Eine illegitime Staatsgewalt kann nur solange durchhalten, solange Befehle befolgt werden und Polizei und Armee bereit sind, von ihren Waffen Gebrauch zu machen. Der analytisch-philosophisch zentrale Punkt liegt darin, dass Arendt klar zwischen Macht auf der einen Seite und Gewalt auf der anderen Seite unterscheidet. Die Frage von Macht orientiert sich nicht an der Menge an Gewaltmitteln. Gewalt f\u00fcr sei Schw\u00e4chlinge, sagte sie einmal sinngem\u00e4\u00df. Dabei hatte Arendt kritisch die Studentenrebellion ihrer Zeit in den Blick genommen und Jean-Paul Sartre mit seiner Gewaltbef\u00fcrwortung kritisiert. Wenn mit Gewalt ein Sieg errungen wird, so schreibt Arendt, \u00e4ndere sich damit weder die Welt noch das System, sondern lediglich das Personal. Gewalt f\u00fchre zu Rachegedanken und blinder Wut und so w\u00fcrden aus Menschheitstr\u00e4umen Alptr\u00e4ume. Das Gegenteil von Gewalt ist f\u00fcr Arendt jedoch nicht Gewaltfreiheit, sondern Macht. Macht kann Gewalt \u00fcberwinden. Macht entsteht in der Freiheit von Menschen, sich frei und gemeinsam f\u00fcr eine bestimmte Sache zu entscheiden. Mit guten Argumenten und mit Fakten soll eine freiwillige \u00dcbereinkunft erreicht werden. Gewalt l\u00e4sst sich auf Werkzeuge wie Waffen zur\u00fcckf\u00fchren, Macht hingegen baut auf Argumenten auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Ausschwitz-\u00dcberlebenden Primo Levi wird folgender Satz \u00fcberliefert: \u201eMonster gibt es, aber es sind zu wenige, um eine echte Gefahr darzustellen.\u201c Das kn\u00fcpft nahtlos an jenen Gedanken an, die Hannah Arendt am Beispiel von Eichmann erl\u00e4utert hatte. Die Schreckensherrschaft der Nazis w\u00e4re ohne die Unterst\u00fctzung durch die Masse nicht m\u00f6glich gewesen. Eichmann war ein Durchschnittsmensch, der perfekt funktionieren wollte, der nicht dachte, sondern Befehlen gehorchte und Anweisungen erf\u00fcllte.<\/p>\n\n\n\n<p>Arendt hat in ihrem Denken schon vor 70 Jahren erkannt, was auch heute bleibend g\u00fcltig ist. In einer modernen Kriegsf\u00fchrung wird es nur Verlierer geben. Wer auf atomare Abschreckung setzt, gef\u00e4hrdet all das, was ee vorgibt zu sch\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p>(4) <strong>Baumaterial: Methoden der gewaltfreien Aktion<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eWir haben mit allem gerechnet, aber nicht mit Kerzen und Gebet.\u201c<br><\/em>&nbsp;(SED-Funktion\u00e4r im Oktober 1989 nach dem Fall der Berliner Mauer)<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr meine friedenspolitisches Denken war die Begegnung mit Gene Sharp ein wichtiger Impuls zum Verst\u00e4ndnis dessen, wie eine gewaltfreie Verteidigung funktionieren kann. Ich lernte den Sozialwissenschaftler Sharp bei einer Konferenz \u00fcber Soziale Verteidigung an der Friedensuniversit\u00e4t Bradford in England kennen. Ein Jahr sp\u00e4ter vermittelte er mir einen Studienaufenthalt in Cambridge, Massachusetts. (1993\/94) Ich konnte am Center vor International Affairs an der Harvard University an Seminaren teilnehmen und vor allem bei der Civilian Based Defense Association mitarbeiten. Schwerpunktm\u00e4\u00dfig forschte ich zu drei Fragestellungen: Welchen Beitrag k\u00f6nnen die Kirchen f\u00fcr eine gewaltfreie Verteidigung beitragen? Welche Erfahrungen gibt es aus \u00d6sterreich im zivilen Widerstand? Welche Bedeutung hat das Konzept der Neutralit\u00e4t \u00d6sterreichs f\u00fcr die Etablierung einer gewaltfreien Verteidigung? Die Ergebnisse wurden in drei Essays im Fachjournal der Civilian Based Defense Association ver\u00f6ffentlicht. Am Albert Einstein Institution war zu dieser Zeit Peter Ackermann in der Finalisierung seiner Arbeit zu \u201eStrategic Nonviolent Conflict\u201c. Von Sharp hatte ich vor allem gelernt, welche Methoden \u2013 wobei Sharp lieber von Strategien und Taktiken sprach \u2013 es gibt, um erfolgreich und nachhaltig in gewaltsamen Konflikten erfolgreich zu sein. Sharp analysierte in seinem Grundlagenwerk \u201eThe Power of Nonviolent Action\u201c 198 unterschiedliche Methoden bzw. Taktiken. Ackermann und Kruegler haben daraus 12 Strategien herausgefiltert, mit denen eine gewaltfreie Intervention erfolgreich sein kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Gene Sharp hatte in seinem dreib\u00e4ndigen Werk \u201eThe Politics of Nonviolent Action\u201c f\u00fcnf Kategorien vorgegeben. Zu Kategorie Protest und \u00dcberzeugung z\u00e4hlen Aktionen, die Aufmerksamkeit erregen oder Botschaften vermitteln, z.B. Demonstrationen, Gebete, Kunstaktionen. Zur Kategorie soziale Nichtkooperation k\u00f6nnen Ma\u00dfnahmen gez\u00e4hlt werden, die soziale Strukturen durch Nichtteilnahme st\u00f6ren, z.B. Boykotte, Verweigerung sozialer Br\u00e4uche). Zur wirtschaftlichen Nichtkooperation werden Streiks, Boykotte oder andere wirtschaftliche Aktionen gez\u00e4hlt, die \u00f6konomischen Druck erzeugen. Politische Nichtkooperation wiederum kann durch eine Verweigerung der Zusammenarbeit mit Regierungen und Beh\u00f6rden geschehen, um deren Handlungsf\u00e4higkeit einzuschr\u00e4nken. Gewaltfreie Interventionen sind schlie\u00dflich direkte Eingriffe in bestehende Systeme wie Besetzungen oder das Errichten alternativer Strukturen.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit der Systematisierung der 198 Taktiken des gewaltfreien Widerstands sind fast 50 Jahre vergangen. Michael Beer hat 2021 ein neues Buch vorgelegt (Civil Resistance Tactics in the 21st Century), in dem er fast 400 Methoden der gewaltfreien Aktion analysierte. Der Baukasten gewaltfreier Methoden ist also erweitert worden und umfasst inzwischen vor allem auch jene Methoden bzw. Taktiken, die mit der Digitalisierung zu tun haben.<br><br>(5) <strong>Bauspirit: Zivilcourage<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Alle Theorien \u00fcber Soziale Verteidigung setzen auf den gewaltfreien Widerstand von unten, der wesentlich mit Zivilcourage zu verkn\u00fcpfen ist. Soziale Verteidigung bzw. ziviler Widerstand werden oftmals sogar synonym verwendet, wobei hier festgehalten werden soll, dass Soziale Verteidigung stets der \u00fcbergeordnete Begriff ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Zivilcourage in einem engeren Sinn wird definiert als Mut von B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern, gegen ein Unrecht aufzutreten und dabei auch selbst bereit zu sein, die Konsequenzen eines solchen Protests in Kauf zu nehmen. Am besten kann dies mit ein paar Beispielen gezeigt werden. Zivilcourage von Aktivistinnen und Aktivisten der Klimabewegung wie Extinction Rebellion oder der Letzten Generation. Zivilcourage von Pussy Riot gegen das russische Regime wie zu Beginn der Biennale in Venedig. Zivilcourage von Tausenden Menschen in den USA, die gegen die Abschiebungen von Menschen mit einem Migrationshintergrund durch die ICE-Beamten auftreten. Zivilcourage der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler im Herbst 2025 in der Slowakei gegen die Fico-Regierung, als einer ihrer Mitsch\u00fcler wegen seiner LGTBQ-Bewegung besch\u00e4mt worden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>(6) <strong>Abbau- und Aufbau: Entmilitarisierung und Abschaffung der Armee<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eWer sein Vaterland liebt und seine Lage erkennt, der mu\u00df es davor bewahren, sich mit seiner eigenen Bewaffnung zu gef\u00e4hrden.\u201c<\/em> (\u00d6sterreichische Friedensgesellschaft, 1947)<\/p>\n\n\n\n<p>In Zeiten der Aufr\u00fcstung, auch in \u00d6sterreich, mag es tats\u00e4chlich utopisch klingen. Die eigene Armee abschaffen? \u00d6sterreich ohne Armee? \u00d6sterreich ohne Wehrpflicht? Dabei zeigt ein Faktencheck, dass es gerade jene L\u00e4nder sind, die am meisten in Kriege verwickelt sind, die auch die h\u00f6chsten Milit\u00e4rbudgets haben. Costa Rica k\u00f6nnte als anderes Modell genannt werden, ein Land ohne Armee. Bereits 1948 hat das mittelamerikanische Land seine Armee komplett aufgel\u00f6st. Parallel dazu wurde aus dieser Friedensdividende das Sozial- und Bildungsbudget erh\u00f6ht. In der Verfassung von Costa Rica hei\u00dft es: \u201eDie Armee als dauerhafte Institution ist verboten. Die zur \u00dcberwachung und zum Erhalt der \u00f6ffentlichen Ordnung notwendigen Polizeikr\u00e4fte werden eingesetzt.\u201c Anders als in vielen Nachbarstaaten dieser Region herrscht in Costa Rica seit 1948 Frieden. Wegen der Konflikte in den Nachbarl\u00e4ndern verk\u00fcndete Costa Rica 1983 seine dauerhafte und aktive unbewaffnete Neutralit\u00e4t. Diesen Status verband das Land immer auch damit, sich bewusst f\u00fcr Friedensaktivit\u00e4ten zu engagieren. Es wurde eine Friedensuniversit\u00e4t in der N\u00e4he der Hauptstadt San Jos\u00e9 aufgebaut. Der ehemalige Staatspr\u00e4sident Sanchez erhielt den Friedensnobelpreis. Leo Gabriel, ein profunder Kenner Mittelamerikas, res\u00fcmiert wie folgt: \u201eDurch Investitionen in Bildung, Gesundheitswesen und Sozialversicherungssysteme k\u00f6nnten L\u00e4nder m\u00f6glicherweise eine gr\u00f6\u00dfere Sicherheit und Stabilit\u00e4t erreichen als jene politischen Kr\u00e4fte, die heute wieder auf die milit\u00e4rische Abschreckung setzen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in \u00d6sterreich gab es mehrere Ans\u00e4tze, das heimische Heer abzuschaffen und gleichzeitig auf die F\u00fclle an friedenspolitischen nicht-milit\u00e4rischen Aktivit\u00e4ten zu setzen. Der bekannteste Plan daf\u00fcr stammte von dem Physiker Hans Thirring. 1963 wurde der Thirring-Plan der \u00d6ffentlichkeit unter dem Titel \u201emehr Sicherheit ohne Waffen\u201c vorgestellt. Thirring ging von der Vorstellung aus, dass ein kleines Land wie \u00d6sterreich inmitten der Aufr\u00fcstungsspiralen des Kalten Krieges eine andere Logik in Gang setzen k\u00f6nnte. Eine einseitige und freiwillige Abr\u00fcstung eines einzelnen Staates k\u00f6nnte von weltpolitischer Bedeutung werden. Entmilitarisierte Zonen w\u00e4ren das Gegengewicht zu einer Politik, die auf Militarisierung und Abschreckung setzt. \u00d6sterreich h\u00e4tte als neutraler Staat besondere M\u00f6glichkeiten daf\u00fcr. Schon damals wurde klar festgestellt, dass die Formulierung, \u201emit allen zu Geboten stehenden Mitteln die Neutralit\u00e4t zu verteidigen\u201c, nicht auch eine Bewaffnung zwingend vorsehe. Im Gegenteil: Wenn die Verteidigung und die Sicherheit ohne milit\u00e4rische Mittel garantiert werden kann, dann muss logischerweise der nicht-milit\u00e4rische Weg gew\u00e4hlt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Hand in Hand mit der Abschaffung der Armee w\u00fcrde nat\u00fcrlich auch die Wehrpflicht bzw. der Kriegsdienstzwang aufgehoben. Dies h\u00e4tte vielfach positive Auswirkungen. Es w\u00fcrden nicht mehr automatisch alle jungen M\u00e4nner auf gewaltt\u00e4tige Konfliktl\u00f6sungsmuster festgelegt. Der Blick w\u00fcrde frei werden f\u00fcr die Vielfalt an gewaltfreien Konfliktl\u00f6sungsstrategien. Das k\u00f6nnte auch bedeuten, dass nun spezialisierte Friedensfachkr\u00e4fte ausgebildet werden, die aus der entstehenden Friedensdividende finanziert werden k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>(7) <strong>Bauumfeld: Aktive Neutralit\u00e4tspolitik, Friedenspolitik und Diplomatie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gerade neutrale Staaten wie \u00d6sterreich bringen optimale Voraussetzungen mit sich, auf eine nicht-milit\u00e4rische Friedenspolitik und auf Soziale Verteidigung zu setzen. Eine Friedenslogik, so beispielsweise Friedrich Glasl, w\u00fcrde immer f\u00fcr eine intensive direkte Kommunikation zwischen den Konfliktparteien eintreten, w\u00fcrde auf Vermittlung durch internationale Foren wie UNO, OSZE oder NGOs wie dem Internationalen Roten Kreuz setzen. In einer Friedenslogik w\u00fcrden auch die Bed\u00fcrfnisse des Gegners ernst genommen, was einen Raum f\u00fcr Verhandlungen schaffen w\u00fcrde. In solchen Verhandlungen gilt es weiters, Vorschl\u00e4ge zu machen, die f\u00fcr beide Seiten Vorteile bringen und man sollte selbst zu Nachteilen bereit sein, um Friedens- und Vers\u00f6hnungsschritte zu setzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Heidegger, Mai 2026<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Baupl\u00e4ne in Auswahl: Wissenschaftliche Fundamentierungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Afheldt, Horst (1983): Defensive Verteidigung, Reinbek b. Hamburg:Rowohlt Taschenbuch Verlag<\/p>\n\n\n\n<p>Arendt Hannah (2003): Macht und Gewalt, M\u00fcnchen, Z\u00fcrich:Piper-TB<\/p>\n\n\n\n<p>Chenoweth, Erica &amp;Maria J. Stephan, Maria J. (2011): Why Civil Resistance Works. The Strategic Logic of Nonviolent Conflict. New York: Colombia University Press<\/p>\n\n\n\n<p>Chenoweth, Erica (2021): Civil Resistance. What everyone needs to know. Oxford University Press<\/p>\n\n\n\n<p>G\u00e4rtner, Heinz (2025): Ideen zum positiven Frieden. delta Verlag<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcller, Barbara (2025): K\u00e4mpferische Demokratie. Milit\u00e4rische Besetzung und gewaltlose Befreiung des Ruhrgebiets 1923- 25. Sparsn\u00e4s: Irene Publishing<\/p>\n\n\n\n<p>Nolte, Hans-Heinrich &amp; Wilhelm Nolte (1984): Ziviler Widerstand und autonome Abwehr. Baden-Baden:Nomos<\/p>\n\n\n\n<p>Roithner, Thomas (2025): Granaten, Geld, Gewaltverbot. Buchschmiede<\/p>\n\n\n\n<p>Sharp, Gene (1992): Self-reliant Defense. Without Bankruptcy or War. Considerations for the Baltics, East Central Europe, and members of the Commonwealth of Independent States. Cambridge: The Albert Einstein Institution<\/p>\n\n\n\n<p>Schweitzer, Christine (2025) Ohne Waffen, aber nicht wehrlos. <a href=\"https:\/\/www.versoehnungsbund.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Spinnrad2_2025_Christine_Schweitzer.pdf\">https:\/\/www.versoehnungsbund.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Spinnrad2_2025_Christine_Schweitzer.pdf<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Schweitzer, Christine (2025): Unbewaffneter ziviler Schutz. Anregungen f\u00fcr die Planung von Sozialer Verteidigung. IFGK AP 25, <a href=\"https:\/\/www.ifgk.de\/ap-30-unbewaffneter-ziviler-schutz\">https:\/\/www.ifgk.de\/ap-30-unbewaffneter-ziviler-schutz<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Bauplan-1-768x1024.jpg' class='thumbnail' \/>(1) Bauanleitung: Phantasie gegen Milit\u00e4rlogiken Mit verheerenden Strategien: Die Militarisierung der Welt \u201eSi vis pacem, para bellum!\u201c \u201eWenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor.\u201c Nach diesem militaristischen Grundsatz, der f\u00e4lschlicherweise dem Philosophen Cicero angedichtet wird, gestalten die europ\u00e4ischen Staaten aktuell ihre Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Noch nie in der Geschichte Europas seit dem Ende&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":12600,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[182,1800],"tags":[2364,309,2360,2366,2096,2365],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12599"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12599"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12599\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12602,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12599\/revisions\/12602"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/12600"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12599"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12599"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12599"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}