{"id":2034,"date":"2015-11-18T21:12:49","date_gmt":"2015-11-18T21:12:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=2034"},"modified":"2026-02-06T08:03:55","modified_gmt":"2026-02-06T08:03:55","slug":"ist-ethik-wichtiger-als-religion","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=2034","title":{"rendered":"Ist Ethik wichtiger als Religion?"},"content":{"rendered":"<p>Die Anschl\u00e4ge in Paris, Beirut und Bagdad vom November 2015 und die Brutalit\u00e4t der Terrorgruppen des selbsternannten \u201eIslamischen Staates\u201c scheinen auf den ersten Blick jenen Stimmen Recht zu geben, die den Vorrang der Ethik vor der Religion propagieren. \u201eImagine no religion \u2026\u201c wird als Antwort auf den islamistischen Terror genannt und immer wieder wird Religion per se als Ursache f\u00fcr Gewalt gewertet. Bereits im J\u00e4nner 2015, nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo und j\u00fcdische Einrichtungen in Paris, wurde der Dalai Lama mit folgenden Worten zitiert: \u201eIch denke an manchen Tagen, dass es besser w\u00e4re, wenn wir gar keine Religionen mehr h\u00e4tten.\u201c Solche Aussagen finden ihre Resonanz bei denen, die den Religionen kritisch bis ablehnend gegen\u00fcber stehen. Man beruft sich auf den Dalai Lama und spricht vom Gewaltpotenzial, das in den Religionen stecken w\u00fcrde, \u00fcbersieht aber geflissentlich, dass die Religionen in sich Wege der \u00dcberwindung von Gewalt beinhalten. Die aktuellen Ereignisse n\u00e4hren diese Form der modernen Religionskritik und damit oftmals auch atheistischer Positionierungen. Auf schulischer Ebene werden Entwicklungen gef\u00f6rdert, die den Religionsunterricht schrittweise durch einen Ethikunterricht ersetzen werden.<\/p>\n<p>Die Position, dass Ethik den Vorrang vor Religion haben muss, findet Geh\u00f6r und Anklang. Dabei denke ich an jenes kleine B\u00fcchlein vom M\u00e4rz 2015, das ein Interview mit dem Dalai Lama enth\u00e4lt und in den letzten Monaten zum Bestseller geworden ist. Der populistisch-pointierte Titel lautet: \u201eDer Appell des Dalai Lama an die Welt. Ethik ist wichtiger als Religion.\u201c Darauf m\u00f6chte ich in diesem Beitrag eingehen.<\/p>\n<p>Das B\u00fcchlein selbst hat alle Voraussetzungen, ein Bestseller zu sein. Als Herausgeber fungiert \u201eBenevento Publishing\u201c und dahinter steht der Red Bull-Konzern. Die ethische Fragw\u00fcrdigkeit von Red Bull \u2013 beginnend mit dem Hauptprodukt der aludosenverpackten Energydrinks bis hin zu den wahnwitzigen Motorsportveranstaltungen \u2013 ist eigentlich offensichtlich. Es scheint, als m\u00f6chte sich Red Bull durch eine Verbindung mit dem Dalai Lama ein ethisches M\u00e4ntelchen umh\u00e4ngen, um damit Ressourcenverschwendung und Umweltzerst\u00f6rung zu verschleiern. Es mutet tats\u00e4chlich seltsam widerspr\u00fcchlich an, wenn der Dalai Lama Ressourcenvergeudung und Umweltzerst\u00f6rung anprangert, zugleich aber dies in einer Publikation von Red Bull tun darf. Der Preis des B\u00fcchleins von unter 5 Euro, die L\u00e4nge von kleinen 56 Seiten, die gleichzeitige Auflage in acht verschiedenen Sprachen als E-Book, das gratis herunter geladen werden kann, und vor allem die Pers\u00f6nlichkeit des Friedensnobelpreistr\u00e4gers sind Faktoren, die f\u00fcr eine Massenauflage geeignet sind \u2013 und die Masse ist das Gesch\u00e4ft von Red Bull.<\/p>\n<p>Der Inhalt des Buches basiert auf einem Interview von Franz Alt mit dem Dalai Lama. Seine zentrale These lautet, dass eine s\u00e4kulare Ethik besser sei als Religion bzw. dass wir eine Ethik jenseits der Religionen br\u00e4uchten. Im Vorwort zieht Franz Alt daraus die Folgerung: \u201eIn den Schulen ist Ethik-Unterricht wichtiger als Religionsunterricht. Warum? Weil zum \u00dcberleben der Menschheit das Bewusstsein des Gemeinsamen wichtiger ist als das st\u00e4ndige Hervorheben des Trennenden.\u201c Auf den ersten Blick scheint diese These plausibel und rational zu sein.<br \/>\nErstens jedoch zeigt sich sofort, dass unterschiedliche ethische Positionierungen genauso zu Trennungen und Konflikten f\u00fchren k\u00f6nnen. Um es an einem Beispiel fest zu machen: Sowohl die Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen wie die Abschottungspolitik werden ethisch gerechtfertigt. W\u00e4hrend die einen sagen, man m\u00fcsse gegen\u00fcber den Fl\u00fcchtlingen Humanit\u00e4t zeigen, argumentieren andere, dass die Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen zu Zerrei\u00dfproben in den Aufnahmel\u00e4ndern f\u00fchren w\u00fcrde und auf Dauer den Frieden in diesen L\u00e4ndern gef\u00e4hrden w\u00fcrde. Aus religi\u00f6ser Sicht, so k\u00f6nnte nun argumentiert werden, gibt es aber nur eine Position. Alle Religionen betonen im Kern die Gastfreundschaft und die Verpflichtung, den Notleidenden zu helfen. Analog l\u00e4sst sich auch in der Frage der Gewalt argumentieren: In der Mitte aller gro\u00dfen Religionen steht die Botschaft vom Gewaltverzicht und der Verurteilung von Gewalt. Demgegen\u00fcber wurden die schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte ethisch gerechtfertigt. Der Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki geschah mit der Legitimation, den Krieg zu beenden. Jeder Krieg wird letztlich ethisch gerechtfertigt. Die Kraft zum Gewaltverzicht, die wiederum dem religi\u00f6sen Oberhaupt der Tibeter so wichtig ist, kann jedoch wesentlich aus einer religi\u00f6sen Grundhaltung \u2013 beispielsweise durch eine Orientierung an dem Vorbild Jesu Christi \u2013 entspringen.<br \/>\n<br class=\"clear\" \/><br \/>\nZweitens argumentiert der Dalai Lama, dass es in den Menschen eine Spiritualit\u00e4t jenseits jeder Religion geben w\u00fcrde, die zu Einheit und Frieden f\u00fchren k\u00f6nne. Dem Menschen angeboren sei diese ethische Grundkonstante, nicht aber die Religion. Religion erscheint damit sekund\u00e4r, Ethik prim\u00e4r; Ethik scheint innerlich zu sein, Religion komme \u00e4u\u00dferlich dazu. Ethik sei das Wasser und Religion ein Teebeutel, der auch verzichtbar sei. Ein Mensch w\u00fcrde ohne Religion auf die Welt kommen, nicht aber ohne Ethik. Dagegen kann aber eingewendet werden: Was ist Religion \u00fcberhaupt? Sind nicht schon die Erfahrung von Geborgenheit im Mutterleib, die Erfahrung von Mutter- und Vaterliebe oder die Erfahrung von Gemeinschaft und Solidarit\u00e4t religi\u00f6se Grunderfahrungen, weil in ihnen zugleich die G\u00fcte und Gr\u00f6\u00dfe und die Z\u00e4rtlichkeit und Kraft Gottes sp\u00fcrbar werden. Liebe ist wohl die st\u00e4rkste positive Kraft der Menschen und zugleich die religi\u00f6se Grundkategorie schlechthin. Dabei k\u00f6nnen wir zugleich die positive Dialektik von N\u00e4chsten- und Gottesliebe buchstabieren. N\u00e4chstenliebe kommt nicht zur Gottesliebe hinzu, sondern Gottesliebe realisiert sich in N\u00e4chstenliebe wie sich N\u00e4chstenliebe in Gottesliebe realisiert, ohne dass beide wiederum vollst\u00e4ndig ineinander aufgehen w\u00fcrden. Wenn aber Gottesliebe und Religion als Widerspruch zu N\u00e4chstenliebe und Ethik konstruiert werden, so bedeutet dies ein Mangel an dialektischem Verst\u00e4ndnis; dann wird Religion in ihrer Immanenz und empirischen Realit\u00e4t nicht wahrgenommen. Wenn der Dalai Lama Ethik als etwas Angeborenes, Religion aber als etwas Anerzogenes definiert, dann wird in dieser Argumentation die so gef\u00e4hrliche Trennung von Religion und Ethik vollzogen. Mein Einwand lautet: In jeder Religion steckt so viel Ethik, allein deswegen ist Religion immer schon zugleich auch angeboren und anerzogen, und zugleich wird jede Ethik auch immer mit Erziehung zu tun haben. In Zeiten, in denen der Religionsunterricht in Frage gestellt wird, k\u00f6nnen die Thesen \u201eKinder sollten Moral und Ethik lernen. Das ist hilfreicher als Religion\u201c und \u201eEthik geht tiefer und ist nat\u00fcrlicher als Religion\u201c trotz meiner hohen Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr den Dalai Lama nicht unwidersprochen bleiben. W\u00fcrde der \u201eAppell\u201c des Dalai Lama im Bildungsministerium programmatisch rezipiert werden, so m\u00fcsste gleich der Religionsunterricht fl\u00e4chendeckend durch einen Ethikunterricht ersetzt werden.<\/p>\n<p>Der Blick auf die Geschichte zeigt, dass jeder historische Versuch, die Religion abzuschaffen oder zu bek\u00e4mpfen, in Despotien geendet hat. Von Robespierre \u00fcber Stalin, Hitler, Mao bis zu den Roten Khmer, die Abschaffung des Religi\u00f6sen endete in Schreckensherrschaften. Der Dalai Lama m\u00f6chte sicher nicht die Religionen abschaffen, doch sein Konzept einer \u201es\u00e4kularen Ethik\u201c und ihrer \u00dcberlegenheit gegen\u00fcber der Religion k\u00f6nnte daf\u00fcr missbraucht werden. In manchen Passagen spricht der Dalai Lama auch differenzierter vom Missbrauch der Religionen f\u00fcr gewaltt\u00e4tige Exzesse und nicht davon, dass die Religionen von ihrem Wesen her gewaltt\u00e4tig seien. Die Argumentation des Dalai Lama ist in sich selbst nicht konsistent, wenn er einerseits so deutlich den Vorrang der Ethik vor der Religion herausstreicht, andererseits aber wieder die Liebe als Kern jeder Religion nennt und damit den Wert der Religionen hervorhebt.<\/p>\n<p>Frieden in der Welt, so m\u00f6chte ich abschlie\u00dfend postulieren, entsteht nicht durch weniger Religion, sondern indem in den Religionen jene Kr\u00e4fte und Haltungen entdeckt werden, die von dem Dalai Lama eingefordert werden: Achtsamkeit, Mitgef\u00fchl und Gewaltverzicht. Es kann und darf nicht darum gehen, Religion und Ethik gegeneinander auszuspielen, sondern ihre Verwiesenheit aufeinander zu entdecken. Dies hat auch Konsequenzen f\u00fcr das Bildungssystem. Gerade angesichts religi\u00f6ser Fundamentalismen brauchen wir ein Mehr an aufgekl\u00e4rter religi\u00f6ser Bildung, eine kritische Auseinandersetzung mit den heiligen Schriften und eine rationale Auseinandersetzung mit den religi\u00f6sen Grundlagen. Was mich an manchen Aussagen des Dalai Lama irritiert, sind undifferenzierte Entgegenstellungen: So wird beispielsweise die Meditation gegen\u00fcber dem ritualisierten Gebet ausgespielt. Ist aber nicht auch das ritualisierte Gebet, wie beispielsweise das Rosenkranzgebet, eine Form der Meditation? Brauchen wir nicht beides? Religionen und Ethik sind aufeinander bezogen. Religi\u00f6se Fundamentalisten berauben die Religionen einer ethischen Rationalit\u00e4t. Falsch w\u00e4re es nun, die friedensstiftenden Funktionen der Religionen auszublenden und in Abrede zu stellen. Wenn ich an die Logik der \u00d6koenzyklika Laudato Si von Papst Franziskus denke, dann folgt daraus: Nicht Religionen sind schuld an der Zerst\u00f6rung der Umwelt und der Klimakatastrophe, sondern die Negation und Vernachl\u00e4ssigung jenes religi\u00f6sen Grundempfindens, in dem die Umwelt als Sch\u00f6pfungswerk Gottes erlebt und verstanden wird. Nicht weniger Religion kann die Welt retten, sondern der Mehrwert der aufgekl\u00e4rten Religionen mit ihren befreienden ethischen Impulsen wird zu Frieden, Gerechtigkeit und Einheit mit der Sch\u00f6pfung f\u00fchren.<br \/>\nKlaus Heidegger, 18. November 2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Anschl\u00e4ge in Paris, Beirut und Bagdad vom November 2015 und die Brutalit\u00e4t der Terrorgruppen des selbsternannten \u201eIslamischen Staates\u201c scheinen auf den ersten Blick jenen Stimmen Recht zu geben, die den Vorrang der Ethik vor der Religion propagieren. \u201eImagine no religion \u2026\u201c wird als Antwort auf den islamistischen Terror genannt und immer wieder wird Religion&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2034"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2034"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2034\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12327,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2034\/revisions\/12327"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2034"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2034"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2034"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}