{"id":2044,"date":"2015-11-21T13:27:00","date_gmt":"2015-11-21T13:27:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=2044"},"modified":"2026-02-02T13:10:43","modified_gmt":"2026-02-02T13:10:43","slug":"wir-sind-im-krieg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=2044","title":{"rendered":"Wir sind im Krieg \u2026"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><strong>Kriegszustand<\/strong><br \/>\nWenn Papst Franziskus vom \u201eDritten Weltkrieg\u201c spricht, in den wir immer mehr hinein geraten oder schon drinnen sind, so hat er nicht Unrecht. Viele haben das katholische Oberhaupt wegen seiner Wortwahl kritisiert. Man k\u00f6nne doch nicht von Krieg sprechen, wenn die Terrorbanden des Daesh nun auch in europ\u00e4ischen Metropolen terroristische Attentate vollstrecken. Doch die Gegenfrage auf solche Kritik lautet: Die massiven Bombardements durch die franz\u00f6sische Luftwaffe \u00fcber syrischem Staatsgebiet, ist das nicht Krieg? Und die russischen oder US-amerikanischen Luftangriffe: Kein Krieg? Wer dieses Wort leugnet, leugnet die Realit\u00e4t des Krieges, leugnet den Schrecken, der hinter diesem Wort steckt. Der Papst nennt es beim Namen, weil er damit die Grausamkeit und Verwerflichkeit des Krieges benennt.<\/p>\n<p><strong>Krieg gebiert nicht Frieden<\/strong><br \/>\nFakt ist die Gleichzeitigkeit von Luftangriffen in Syrien und im Irak sowohl von Seiten Russlands als auch von Seiten der USA, Frankreichs und anderer Verb\u00fcndeter einerseits und den Terroranschl\u00e4gen in Paris, am Sinai, in Beirut, Bagdad und Bamako andererseits. Je h\u00f6her das milit\u00e4rische Engagement, so die einfach-milit\u00e4rische Gleichung, desto gr\u00f6\u00dfer die Terrorgefahr. Kaum ein Staat dieser Welt ist gegenw\u00e4rtig an so vielen Kriegsschaupl\u00e4tzen der Welt t\u00e4tig wie Frankreich. Milit\u00e4risches Engagement bringt keine Sicherheit. Frankreich z\u00e4hlt mit Deutschland, den USA und Russland auch zu den weltgr\u00f6\u00dften Kriegsmaterialienexporteuren.<\/p>\n<p><strong>Terror nicht durch Abschottung mit Grenzz\u00e4unen bek\u00e4mpfen<\/strong><br \/>\nDer Terror l\u00e4sst sich nicht durch Grenzen aufhalten. Daraus folgt nicht, dass der Kampf gegen den Terror und insbesondere gegen den IS nicht gef\u00fchrt werden sollte. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Mit welchen Mitteln? Grenzschlie\u00dfungen sind die falsche Antwort, weil sie vor allem gegen jene gerichtet sind, die vor Terror und Krieg fl\u00fcchten. Neue Grenzz\u00e4une mit dem Argument zu begr\u00fcnden, sich vor Terroristen zu sch\u00fctzen, ist perfide, weil sie die Abertausenden von Fliehenden als Gefahr denunzieren.<br \/>\n<strong>Geistige und milit\u00e4rische Aufr\u00fcstung und Verstrickung \u00d6sterreichs in den Krieg<\/strong><br \/>\nAuch das neutrale \u00d6sterreich wird vielfach in diesen Krieg verstrickt. Dazu passt, dass von freiheitlicher Seite eine massive Aufstockung des Milit\u00e4rbudgets gefordert wird. Zu einer der zentralen Aufgaben z\u00e4hle heute f\u00fcr das Bundesheer der Schutz der Au\u00dfengrenze vor den Fl\u00fcchtenden, wird populistisch gefordert. Kommentatoren nehmen sich ihr Zeitungsblatt nicht vor den Mund und sprechen es aus. Die Neutralit\u00e4t sei \u00fcberholt. Man m\u00fcsse gemeinsam mit der EU k\u00e4mpfen und brauche daf\u00fcr eine starke Armee. (So Alois Sch\u00f6pf, Tiroler Tageszeitung, 21.11.2015)<br \/>\nAuch auf einer anderen Ebene ist \u00d6sterreich ein Kriegsplayer. Aus der heimischen Kriegsindustrie sind vor allem Glock-Pistolen, Sniper-Gewehre von Steyr-Mannlicher und Hirtenberger-Granaten in den H\u00e4nden von islamistischen Terroristen.<\/p>\n<p><strong>Terror ohne Krieg bek\u00e4mpfen<\/strong><br \/>\n\u201eDie haben vielleicht Waffen, aber wir haben Blumen.\u201c So tr\u00f6stete ein Vater seinen ver\u00e4ngstigten Sohn in einem TV-Magazin. Es gibt so viele Wege, dem Terror den N\u00e4hrboden zu entziehen und die Strategie der Terroristen, Spaltungen zu erzeugen und zur Gegengewalt zu provozieren, nicht aufgehen zu lassen.<br \/>\nchon jetzt wenden die Sicherheitsapparate den gr\u00f6\u00dften Teil ihrer Anstrengungen im Kampf gegen den Terror und f\u00fcr die Sicherheit der Bev\u00f6lkerungen im nicht-milit\u00e4rischen Bereich auf. F\u00fcr die Terrorabwehr sind die Innenministerien zust\u00e4ndig. Ja, es braucht mehr Sicherheit durch qualifizierte Sicherheitskr\u00e4fte im eigenen Land.<br \/>\nDemgegen\u00fcber werden fremde Soldaten in arabischen L\u00e4ndern noch mehr den Widerstand der militanten Islamisten sch\u00fcren, die sich so noch mehr best\u00e4tigt sehen, einen Kampf gegen den Westen f\u00fchren zu m\u00fcssen.<br \/>\nDer Krieg gegen den Terror, beispielsweise nach 9\/11 der Krieg der USA und ihrer Verb\u00fcndeten in Afghanistan, hat den Terror nicht beseitigen k\u00f6nnen, sondern ihn in vieler Hinsicht verbreitet.<\/p>\n<p><strong>Die Ursachen f\u00fcr Terror bek\u00e4mpfen ist Kampf gegen den Terror<\/strong><br \/>\nDie Antwort lautet daher: Auf vielen Ebenen dem Terror den Boden entziehen. Dazu braucht es so viel mehr als Z\u00e4une im Kopf und Kampfjets in den Kriegsgebieten.<br \/>\n\u2022 Indem im Nahen Osten endlich die Besatzung und die Kriegspolitik gegen\u00fcber dem pal\u00e4stinensischen Volk beendet wird. T\u00e4glich neu wird eine brutale Unterdr\u00fcckungspolitik gegen\u00fcber dem pal\u00e4stinensischen Volk fortgesetzt.<\/p>\n<p>\u2022 Indem die sozialen Spannungen zwischen den eingewanderten Migrationsbev\u00f6lkerungen und der sozial besser gestellten Mehrheitsgesellschaft beseitigt werden. Ein N\u00e4hrboden f\u00fcr den islamistischen Terror ist die Ausgrenzung junger Menschen in einem elitenf\u00f6rdernden Frankeich.<br \/>\n\u2022 Der Terror sei die lauteste Antwort auf die bedr\u00fcckenden Zust\u00e4nde, die durch das Ungleichgewicht zwischen der Wohlstandsgesellschaft und der Dritten Welt entstanden sind, sagt der Friedensforscher Karl Kumpfm\u00fcller. (Salzburger Nachrichten, 20.11.2015) Die wirksamste \u201eWaffe\u201c gegen den Terror ist f\u00fcr den steirischen Friedensforscher daher der Kampf gegen die Armut.<\/p>\n<p>\u2022 Indem der internationale Handel mit Kriegsmaterialien einged\u00e4mmt wird. Das Gegenteil ist derzeit der Fall. Allein Deutschland hat seine Kriegsmaterialienexporte in L\u00e4nder Afrikas und den Nahen Osten im vergangenen Jahr verdoppelt.<br \/>\n\u2022 Indem in vielen Dialogforen das Gespr\u00e4ch zwischen den Religionen gef\u00f6rdert wird.<br \/>\n\u2022 Indem Islam so klar von Islamismus unterschieden wird und die martialischen Aspekte im Islam aus einer aufgekl\u00e4rten Sicht hinterfragt werden.<\/p>\n<p><strong>Wider die Versuchung, den Islam zu verurteilen<\/strong><br \/>\nIn der Neuen Z\u00fcrcher Zeitung erschien unmittelbar nach den Anschl\u00e4gen in Paris ein Beitrag einer Sozialwissenschafterin. Neclar Kerlek schreibt u. a.: \u201eDer Islam ist als Religion gescheitert. Und zwar bereits im Jahr 622 in Mekka. Mohammed konnte die Bewohner von Mekka nicht von seinen zum Teil mystischen Offenbarungen \u00fcberzeugen und musste sich nach Medina absetzen. Dort wurde aus ihm ein Kriegsherr und aus seiner Botschaft eine Herrschaftsideologie.\u201c (Zit.in: DER STANDARD, 20.11.2015) Und weiters: Der IS benutze \u201eden Koran als Colt. Der Koran ist ein rauchender Colt.\u201c Generell wird den Muslimen unterstellt, dass sie sich nicht von den Versen im Koran distanzieren w\u00fcrden, die zum Mord an Andersgl\u00e4ubigen aufrufen, und dass es keine Theologie geben w\u00fcrde, die die Rolle des Propheten als Kriegsherr hinterfragt.<br \/>\nSolche Kritik findet Geh\u00f6r. Sie ist allerdings nicht berechtigt. Sie zeigt vor allem auf, was auch das Ziel der islamistischen Terroristen ist: Einen Spaltung zwischen Christen und Muslimen zu erzeugen, die durch eine Angst vor dem Islam gen\u00e4hrt wird.<br \/>\nDemgegen\u00fcber haben islamische Vertreter und Einrichtungen auf der ganzen Welt sich klar von den terroristischen Aktivit\u00e4ten distanziert und ihr Mitgef\u00fchl gegen\u00fcber den Betroffenen ausgedr\u00fcckt. Der Gro\u00dfmufti von \u00c4gypten spricht von einem Mangel an religi\u00f6ser Bildung bei den islamistischen Terroristen. (Vgl. DER STANDARD, 16.11.2015) Ihre extremistischen Interpretationen des Islam w\u00fcrden in der Realit\u00e4t keine Basis haben. Sie h\u00e4tten keinerlei Qualifikation, Moral und Religionsgesetze zu deuten. Sie wurden in keiner der autorisiert-islamischen Bildungseinrichtungen ausgebildet.<\/p>\n<p><strong>Wider die Versuchung zu einem nationalistischen Denken mit christlicher Verbr\u00e4mung<\/strong><br \/>\nRechts-nationalistische Parteien in Europa w\u00e4hlen mit Berufung auf die Verteidigung des christlichen Abendlandes eine Kriegsrhetorik. In Frankreich die Front National unter Marine Le Pen, in Ungarn Viktor Orban und nun in Polen die neue Regierung. Hier passt auch der Aufschwung der FP\u00d6 unter HC Strache dazu. Man warnt vor dem Islam, man r\u00fcstet auf, man baut die Mauern mit Stacheldraht, man sch\u00fcrt die Angst.<\/p>\n<p><strong>Wider die Versuchung, Hass mit Hass zu beantworten<\/strong><br \/>\nDie folgenden Worte stammen vom franz\u00f6sischen Journalisten Antoine Leiris, dessen Frau im Alter von 35 Jahren beim Terroranschlag auf das Bataclan ermordet worden war: \u201eAm Freitagabend habt Ihr mir das Leben eines au\u00dfergew\u00f6hnlichen Menschen geraubt, die Liebe meines Lebens, die Mutter meines Sohnes, aber meinen Hass, den bekommt Ihr nicht. Ich wei\u00df nicht, wer Ihr seid, und ich will es auch nicht wissen, denn Ihr seid tote Seelen. Wenn dieser Gott, f\u00fcr den Ihr so blind mordet, Euch nach seinem Ebenbild erschaffen hat, dann hat jede Kugel im Leib meiner Frau auch sein Herz verletzt. Deshalb nein, ich werde Euch jetzt nicht das Geschenk machen, Euch zu hassen. Sicher, Ihr habt es genau darauf angelegt \u2013 doch auf diesen Hass mit Wut zu antworte, das hie\u00dfe, sich derselben Ignoranz zu ergeben, die aus Euch das gemacht hat, was Ihr seid. Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitb\u00fcrger mit Argwohn betrachte und meine Freiheit f\u00fcr meine Sicherheit opfere. Vergesst es. Ich bin und bleibe, der ich war.\u201c Nachdem er die Leiche seiner Frau identifiziert hatte, schrieb Antoine Leiris weiter: \u201eWir sind zu zweit, mein Sohn und ich, aber wir sind st\u00e4rker als alle Armeen dieser Welt. Ich habe auch nicht mehr viel Zeit f\u00fcr Euch, denn ich muss zu Melvil gehen, der gerade aus seinem Nachmittagsschlaf erwacht. Er ist noch nicht einmal 17 Monate alt, er wird jetzt eine Kleinigkeit essen wie jeden Nachmittag, und dann werden wir miteinander spielen, auch wie jeden Tag, und dieser kleine Junge wird f\u00fcr Euch sein Leben lang ein Affront sein, weil er gl\u00fccklich sein wird und frei. Denn, nein, auch seinen Hass werdet Ihr nie bekommen.\u201c (Zit. in: DER STANDARD, 21.11.2015) Unter den vielen Kommentaren und Berichten, Analysen und Artikeln, die ich in den letzten Tagen seit der Terrornacht von Paris gelesen habe, haben mich diese Worte wohl am meisten ber\u00fchrt. Sie sind f\u00fcr mich die Realisierung des Gebotes der Feindesliebe. Sie dr\u00fccken die unbesiegbare Hoffnung aus, dass am Ende die Gewaltfreiheit st\u00e4rker als jede Gewalt sein wird, dass Gewalt nicht mit Gegengewalt und blindw\u00fctiger Hass nicht mit Rache beantwortet werden muss. Trotz aller Tragik liegt in den Worten von Antoine Leiris der Glaube an eine Auferstehung jenseits der Brutalit\u00e4ten dieser Welt. Hier wird auch sp\u00fcrbar, wie der Glaube an Auferstehung im ganzen Schrecken nicht zur Verzweiflung f\u00fchrt. Antoine Leiris wei\u00df, so schreibt er, dass ihn seine Frau an jedem Tag begleiten werde, und ebenso gewiss sei er, dass sie sich in einem Paradies der freien Seelen wiedersehen w\u00fcrden \u2013 in eben dem Paradies, zu dem die Terroristen, die er dabei direkt anspricht, niemals Zutritt haben k\u00f6nnten. Das klingt so anders als die Kriegsrhetorik von Pr\u00e4sident Hollande.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, 21.11.2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kriegszustand Wenn Papst Franziskus vom \u201eDritten Weltkrieg\u201c spricht, in den wir immer mehr hinein geraten oder schon drinnen sind, so hat er nicht Unrecht. Viele haben das katholische Oberhaupt wegen seiner Wortwahl kritisiert. Man k\u00f6nne doch nicht von Krieg sprechen, wenn die Terrorbanden des Daesh nun auch in europ\u00e4ischen Metropolen terroristische Attentate vollstrecken. 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