{"id":2267,"date":"2016-05-14T12:12:51","date_gmt":"2016-05-14T12:12:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=2267"},"modified":"2022-08-22T07:40:01","modified_gmt":"2022-08-22T07:40:01","slug":"festival-without-borders-pfingsten-als-sozial-oekonomische-revolution","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=2267","title":{"rendered":"Festival without borders: Pfingsten als sozial-\u00f6konomische Revolution"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Pfingstwunder der Bibel<\/strong><\/p>\n<p>Es hat sich in der Hauptstadt Jud\u00e4as ereignet. In Jerusalem. Zur Zeit der Weltherrschaft des Kaisers Tiberius. Etwas mehr als 50 Tage, nachdem Jesus von Nazareth als Rebell und Aufr\u00fchrer auf grausame Weise hingerichtet worden war, 50 Tage, nachdem dieser Jesus erstmals seinen J\u00fcngern und J\u00fcngerinnen als Auferstandener begegnet ist. Was ist geschehen bei diesem j\u00fcdischen Wochenfest?<\/p>\n<p><strong>Situation der Angst und des Eingeschlossenseins<\/strong><\/p>\n<p>Immer noch geschockt von den Ereignissen sitzt die fr\u00fche Nachfolgegemeinschaft Jesu zusammen. Im Johannesevangelium hei\u00dft es so: \u201e\u2026 als die J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger hinter geschlossenen T\u00fcren sa\u00dfen aus Angst vor der j\u00fcdischen Obrigkeit, da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: `Friede sei mit euch!`\u201c Der Auferstandene h\u00e4lt sich nicht an die Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten eines Grenzmanagements. Seine Qualit\u00e4t ist das Grenzen\u00fcberwindende, das Niederrei\u00dfen von Grenzen. Die Angst voreinander st\u00fcnde einem Verst\u00e4ndnis f\u00fcreinander im Wege. Wenn Jesus in dieser Auferstehungslegende nachdr\u00fccklich gleich zweimal den Frieden zu spricht, so ist dies politische Logik. Nicht aus dem Verschlie\u00dfen folgt der Friede, sondern aus dem \u00d6ffnen.<\/p>\n<p>Die J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger wussten damals: Jesus ist auferstanden. Jesus ist ihnen auch schon erschienen. Auferstanden in ihren K\u00f6pfen und Herzen, in ihrem gemeinsamen Mahlhalten, im Einstehen f\u00fcreinander. Ihre Angst ist damit nicht gewichen. Der Schock \u00fcber Jesu Hinrichtung sitzt ihnen noch tief in den Knochen. Es war ein brutaler, ein feiger Mord, typisch f\u00fcr die r\u00f6mischen Besatzungstruppen, die das Land mit \u00e4u\u00dferster Gewalt unter Kontrolle hielten. Abertausende sind von den r\u00f6mischen Soldaten gekreuzigt worden. J\u00fcdische M\u00e4dchen und Frauen sind misshandelt oder als Sklavinnen verkauft worden. Jene, die mit Jesus gezogen sind, sind gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p>Da hocken nun die J\u00fcnger und J\u00fcngerinnen in einem armseligen Haus in Jerusalem. Wir kennen einige ihrer Namen. Es sind durchwegs Leute der Unterschicht. Da war der J\u00fcnger Bartim\u00e4us. Als blinder Bettler hatte ihn Jesus in die Nachfolge berufen. Weit unter dem Existenzminimum hatte er gelebt. Oder der Bruder von Jesus, Jakobus, oder die S\u00f6hne des Zebed\u00e4us, und Petrus und Andreas, ehemals Fischer aus dem Norden des Landes. Und nat\u00fcrlich sind da auch die Frauen, die Galil\u00e4erin Maria von Magdala, eine besondere Gef\u00e4hrtin von Jesus, und da sind Maria und Martha aus Betanien, Maria, die Mutter Jesu, und noch viele andere. Sie alle waren ohne Sozialprestige, ohne gesellschaftliches Ansehen, ohne materielle Sicherheiten. Sie kannten die Not in Pal\u00e4stina aus eigener Erfahrung und als Betroffene. Sie wussten von der groben Ungerechtigkeit. Die Botschaft ihres Meisters \u00f6ffnete ihnen die Augen, um die Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse zu durchschauen. Sie tr\u00e4umten zugleich von einem messianischen Gottesreich, in dem \u2013 wie es Maria so wunderbar besang \u2013 die Herrschenden vom Thron gest\u00fcrzt, die Habenichtse aber emporgehoben werden.<\/p>\n<p>Wer solche Tr\u00e4ume und politischen Ziele hatte, galt als gef\u00e4hrlich. Jeden Moment mussten die Anh\u00e4nger und Anh\u00e4ngerinnen Jesu damit rechnen, dass sie ebenfalls wie Jesus als \u201eRevoluzzer\u201c und Unruhestifter verurteilt werden k\u00f6nnten. Kein Wunder also, dass sie vorsichtig waren, dass sie sich nicht hinauswagten.<\/p>\n<p><strong>Pfingsten \u00fcberwindet Mauern und Grenzen durch Ent\u00e4ngstigung<\/strong><\/p>\n<p>Die pfingstliche Botschaft wirkt vor allem befreiend in einer Zeit, die vom Einmauern und Grenzenziehen gepr\u00e4gt ist. Dem Geist Gottes sind verschlossene T\u00fcren kein Problem. Seine Kraft \u00fcberwindet Mauern, wie es schon in einem Psalm des Alten Bundes hei\u00dft: \u201eMit meinem Gott \u00fcberspringe ich Mauern \u2026\u201c. In einer Festung Europa mit neuen Festungsmauern auch im Inneren haben die pfingstlichen Texte notwendende Erinnerungsqualit\u00e4t. Die Multikulti-Welt ist kein Problem mehr, weil sich die Menschen in ihren verschiedenen Sprachen und Ethnien und Religionen verstehen wollen. Niemand sagt: \u201eDu bist nicht Teil von uns.\u201c Wenn zwei Tage vor dem Pfingstfest 2016 wer behauptet, der Islam sei \u201enicht Teil von \u00d6sterreich\u201c, so ist dies gerade das Gegenteil einer pfingstlichen Erfahrung. Wenn ein anderer meint, der Islam \u201eschreckt mich nicht\u201c, so ist dies pfingstliche Ent\u00e4ngstigung.<\/p>\n<p><strong>Pfingsten als Mut zum Aufbruch<\/strong><\/p>\n<p>Durch die Geistkraft ereignet sich das Unerwartete in eine Situation von Verzagtheit und Angst und Furcht hinein. Verzagtheit wird durch Mut ersetzt, Angst durch Zuversicht, und Furcht durch Furchtlosigkeit abgel\u00f6st. Das ist Pfingsten. Das ist die Gabe des Geistes. Die Konsequenzen sind un\u00fcbersehbar. So pl\u00f6tzlich streifen die J\u00fcnger und J\u00fcngerinnen ihre \u00c4ngste ab. Sie haben ihre Furcht vergessen. Die einfachen Bauern und B\u00e4uerinnen aus Galil\u00e4a, die von der Jerusalemer Stadtbev\u00f6lkerung absch\u00e4tzig als ungebildet, als dumm, als unzivilisiert, als unrein betrachtet wurden, kaum w\u00fcrdig f\u00fcr das Wort Gottes, diese Analphabeten und Analphabetinnen entwickeln pl\u00f6tzlich ein enormes Selbstvertrauen. Weit machen sie nun die T\u00fcren auf. Furchtlos treten sie vor die anderen Menschen, die so zahlreich in Jerusalem waren. Diese M\u00e4nner und Frauen aus der Unterschicht Pal\u00e4stinas wagen den Aufbruch. Stellvertretend f\u00fcr die anderen, so k\u00f6nnten wir jetzt in der Apostelgeschichte weiterlesen, tritt dann Petrus unerschrocken vor die Menge. Er bezieht sich auf den Propheten Joel und spricht vom Anbruch des messianischen Reiches. Das ist nichts weniger als eine soziale und politische Revolution, die die Verh\u00e4ltnisse v\u00f6llig umgestaltet.<\/p>\n<p><strong>Pfingsten als konkrete Eutopie<\/strong><\/p>\n<p>Alles blo\u00df Utopie? Eine charismatische Schw\u00e4rmerei? Sind die J\u00fcnger und J\u00fcngerinnen da blo\u00df ausgeflippt? Nein. Wir m\u00fcssen nur in der Apostelgeschichte weiter lesen, dann erfahren wir die unmittelbaren Auswirkungen von Pfingsten. Es sind die handgreiflichen Wirkungen.<\/p>\n<p>Die Geistkraft Gottes bewirkt, dass die einzelnen Menschen Mut bekommen, dass sie den Aufbruch \u2013 das ist die Nachfolge Jesu \u2013 wagen k\u00f6nnen, dass sie die enorme Zuversicht bekommen, in die Fu\u00dfstapfen Jesu zu treten. So geschehen Zeichen und \u201eWunder\u201c \u2013 nicht im Sinne von \u00fcbernat\u00fcrlichem Eingreifen, sondern durch die Tat von Menschen.<\/p>\n<p>Der Geistkraft Gottes bewirkt zweitens, dass sich die einzelnen in Gemeinschaften zusammentun. Deswegen ist Pfingsten der Geburtstag der Kirche, der Geburtstag der christlichen Gemeinden.<\/p>\n<p>Die Geistkraft Gottes bestimmt drittens die Art und Weise, wie die ersten Christen und Christinnen ihr Gemeindeleben gestalten: Diese Menschen in den urchristlichen Gemeinden, so schreibt Lukas, waren \u201eein Herz und eine Seele\u201c. In die Kirche gehen, Christ sein, Christin sein, das war nicht \u2013 wie bei uns heute vielmals \u2013 eine blo\u00df geistige Sache, ein sch\u00f6nes Wort, ein positives Feeling, ein Heraustreten aus der Welt in einen von der politischen Wirklichkeit gesonderten mythologischen Ort. Das war f\u00fcr die ersten Christen und Christinnen durch und durch handfest. Das hatte praktische materielle Konsequenzen. Darin liegt das Pfingstwunder, darin liegt die Gabe des Geistes: Die Menschen waren bef\u00e4higt zur G\u00fctergemeinschaft. \u201eSie hatten alles gemeinsam\u201c, lesen wir in der Apostelgeschichte. Manche sprechen heute mit Bezug auf diese Stelle von einem Urkommunismus. Und das Wunder dieser \u00f6konomischen Ordnung stellte sich sofort ein. Niemand unter ihnen litt Not. Jeder und jede hatte das, was er und sie n\u00f6tig hatten. Ein sozialpolitisches Pfingstwunder.<\/p>\n<p>Pfingsten erweist sich f\u00fcr die ersten Christen und Christinnen als soziale Revolution. Gerade in einer extremen Notsituation, in der die ersten christlichen Gemeinden waren, wiederholte sich das, was Jesus bereits in den Brotwundern zeigte. In Gemeinschaften, die sich am Prinzip des Teilens orientieren, werden die sozialen Spannungen aufgehoben. Das bedeutet, dass es keine mehr gibt, denen die Grundbed\u00fcrfnisse versagt bleiben. Die Gabe des Geistes ist daher die F\u00e4higkeit, eine Gesellschaft und eine Wirtschaft so zu gestalten, dass niemand mehr Not leidet und die zentralen Bed\u00fcrfnisse aller Menschen erf\u00fcllt werden. Wer gen\u00fcgend Holz hat, macht daraus nicht Z\u00e4une, sondern erweitert die Tischplatte.<\/p>\n<p><strong>Pfingstwunder im Heute<\/strong><\/p>\n<p>Pfingstwunder im globalen Dorf, das w\u00e4re eine Abkehr von einer kannibalischen Weltordnung. Alle f\u00fcnf Sekunden stirbt irgendwo auf dieser Welt ein Mensch an den Folgen von Hunger und Unterern\u00e4hrung. In unserem Land sind rund eine halbe Millionen Menschen ohne Erwerbsarbeit. Das Prekariat w\u00e4chst, w\u00e4hrend der Reichtum der obersten Schicht sich vermehrt. Das gro\u00dfe Teilen, das aus dem biblischen Pfingstwunder folgte, ist weit weg.<\/p>\n<p>Furchtlosigkeit war Folge des pfingstlichen Wunders damals. Wer keine Furcht hat, wird sich nicht bis an die Z\u00e4hne bewaffnen. In diesem Europa wird weiter kr\u00e4ftig ger\u00fcstet. Christen feiern Pfingsten und am Raketenschild an der NATO-Grenze zu Russland wird unvermindert weitergebaut. Das passt einfach nicht zusammen.<\/p>\n<p>Die J\u00fcnger und J\u00fcngerinnen Jesu wagten sich, vom Geist Jesu ergriffen, ohne Pfefferspray und Glockpistole unter die Menschen. Sie hatten keine Angst vor dem Fremden und n\u00e4hrten nicht die \u00c4ngste unter den Menschen.<\/p>\n<p>Heute gilt es daher zu beten und zu hoffen: M\u00f6ge die Geistkraft wie ein Wirbelwind Mauern niederrei\u00dfen und die zerst\u00f6rerischen Mechanismen unserer Wirtschaftsordnung ver\u00e4ndern. M\u00f6ge die Geistkraft wie ein sanfter Windhauch uns zum Teilen bef\u00e4higen. M\u00f6ge der g\u00f6ttliche Beistand uns mit Feuerzungen Mut zu Visionen geben, damit wir unsere Furcht und Angst \u00fcberwinden k\u00f6nnen. M\u00f6ge die Geistkraft uns zu Geschwistern machen. M\u00f6ge uns der pfingstliche Geist die Furcht nehmen, so dass wir uns entwaffnen und die Feinde zu unseren Freunden machen.<\/p>\n<p>Pfingsten 2016 (Klaus Heidegger)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Pfingstwunder der Bibel Es hat sich in der Hauptstadt Jud\u00e4as ereignet. In Jerusalem. Zur Zeit der Weltherrschaft des Kaisers Tiberius. Etwas mehr als 50 Tage, nachdem Jesus von Nazareth als Rebell und Aufr\u00fchrer auf grausame Weise hingerichtet worden war, 50 Tage, nachdem dieser Jesus erstmals seinen J\u00fcngern und J\u00fcngerinnen als Auferstandener begegnet ist. 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