{"id":2467,"date":"2016-11-05T14:17:36","date_gmt":"2016-11-05T14:17:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=2467"},"modified":"2026-02-02T13:41:42","modified_gmt":"2026-02-02T13:41:42","slug":"das-kreuz-mit-dem-kreuz-in-den-klassenzimmern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=2467","title":{"rendered":"Das Kreuz mit dem Kreuz in den Klassenzimmern"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schulautonomie und aktuelle Diskussion um das Kreuz<\/strong><\/p>\n<p>Bildungsministerin Sonja Hammerschmid hatte eine alte Idee neu verpackt: Das Kreuz in den Klassenzimmern soll keine juridische Selbstverst\u00e4ndlichkeit mehr sein. Die fakultative Abschaffung von Schulkreuzen wurde in den Reformplan mit dem Packpapier \u201eSchulautonomie\u201c gewickelt. Wenn k\u00fcnftig die Schulleiter und Schulleiterinnen mehr Autonomie in der Gestaltung des Schullebens haben, so soll dies auch so weit f\u00fchren, dass sie entscheiden k\u00f6nnen, ob Schulkreuze h\u00e4ngen d\u00fcrfen oder nicht. In der ORF-\u201ePressestunde\u201c hatte die Bildungsministerin diesen Standpunkt Ende Oktober vertreten.<\/p>\n<p><strong>Schuldemokratisch bedenklich<\/strong><\/p>\n<p>Wenn solche Entscheidungsgewalt am Schulgemeinschaftsausschuss vorbei f\u00fchren w\u00fcrde, dann w\u00fcrde\u00a0 eine wesentliche demokratische Struktur \u00fcbergangen. W\u00fcrde \u00fcber eine symbolisch so bedeutsame Sache jede Schule k\u00fcnftig selbst entscheiden, so sollten zumindest alle am Schulleben Beteiligten in diese Entscheidungsfindung eingebunden sein. Im Bereich der h\u00f6heren Schulen w\u00e4re der entsprechende Ort f\u00fcr eine Entscheidung der Schulgemeinschaftsausschuss, an dem drittelparit\u00e4tisch Lehrpersonen, Sch\u00fcler- und Sch\u00fclerinnen sowie Eltern vertreten sind.<\/p>\n<p><strong>Ein breiter Konsens f\u00fcr die Schulkreuze<\/strong><\/p>\n<p>Sonja Hammerschmid musste diesmal ihr Vorhaben einer schulautonomen Entscheidung \u00fcber die Schulkreuze zur\u00fcckziehen. Der Koalitionspartner stellte sich klar dagegen. \u00d6VP-Klubchef Reinhard Lopatka sieht im Kreuz einen \u201ezentralen Wert\u201c unserer Kultur, den es zu erhalten gelte.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Die Landessch\u00fclervertretung von Tirol sprach sich in einer Presseaussendung dezidiert f\u00fcr das Beibehalten der Kreuze aus.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> In ihrer Stellungnahme hei\u00dft es unter anderem: \u201eWir m\u00fcssen das Kreuz nicht aus den Unterrichtsr\u00e4umen verbannen, um den Eindruck einer freien und toleranten Gesellschaft zu vermitteln. Das Kreuz ist nicht nur Symbol f\u00fcr die christliche Religion. Es ist vor allem auch ein Symbol f\u00fcr \u00fcberreligi\u00f6se Humanit\u00e4t und Barmherzigkeit.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p><strong>Die gesetzlichen Regelungen<\/strong><\/p>\n<p>Derzeit m\u00fcssen in Schulen, an denen die Mehrzahl der Sch\u00fcler einem christlichen Glaubensbekenntnis angeh\u00f6rt, in allen Klassenr\u00e4umen Kreuze h\u00e4ngen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> F\u00fcr Pflichtschulen, f\u00fcr die die Bundesl\u00e4nder zust\u00e4ndig sind, gibt es in Salzburg, dem Burgenland, in Ober\u00f6sterreich, Tirol und Vorarlberg strengere Regeln. Dort muss sich in jedem Klassenzimmer ein Kreuz an der Wand befinden. Wo weniger als die H\u00e4lfte der Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen Christen sind, m\u00fcssen die Kreuze nicht abgeh\u00e4ngt werden. Hier darf bereits die Schule autonom entscheiden.<\/p>\n<p><strong>Mit religi\u00f6sen Symbolen sensibel umgehen<\/strong><\/p>\n<p>Der Umgang mit religi\u00f6sen Symbolen bedarf h\u00f6chster Sensibilit\u00e4t. Bilderst\u00fcrmerei rei\u00dft nicht nur L\u00f6cher in die W\u00e4nde, sondern auch in die Seelen von Menschen, f\u00fchrt zu Spiralen feindschaftlicher Auseinandersetzungen, zu Trennungen und Unterstellungen. Noch bevor gefragt wird, was denn das Kreuz in den Klassenzimmern bedeute, verlangen Gruppierungen mit einem aufgekl\u00e4rten Pathos, dass es entfernt werde.<\/p>\n<p><strong>Das Kreuz steht f\u00fcr Werte, dem Bildungsauftrag entsprechend<\/strong><\/p>\n<p>Bef\u00fcrworter der Abschaffung des Kreuzes behaupten, es sei Symbol der katholischen Kirche in der Schule, die ein \u00f6ffentlicher Ort sei und weltanschaulich neutral sein solle. Das Kreuz an der Klassenwand w\u00fcrde die Trennung Kirche \u2013 Staat missachten.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich steht das Kreuz aber vor allem f\u00fcr bestimmte Werte. Es kann mit dem Leben und der Botschaft von Jesus Christus in Verbindung gebracht werden. Damit weist es auch nicht auf eine bestimmte Kirche hin, wie die Kreuz-Gegner f\u00e4lschlicherweise suggerieren. Dieser Jesus von Nazareth setzte sich f\u00fcr die Zukurzgekommenen ein, predigte Feindesliebe und Gewaltverzicht, lebte den selbstlosen Einsatz f\u00fcr Befreiung und Gerechtigkeit bis hin zum Tod am Kreuz. Die Botschaft dieses Mannes liest sich wie die hehren Zielsetzungen des Bildungsauftrags der \u00f6sterreichischen Schulen. Im Kreuz werden jene Werte geb\u00fcndelt, die ein Lehrer oder eine Lehrerin den Sch\u00fclern und Sch\u00fclerinnen vermitteln sollte.<br \/>\n<strong>Mehrdeutigkeit des Symbols Kreuz<\/strong><\/p>\n<p>Der Charakter von Symbolen liegt freilich immer darin, dass sie mehr- und nicht eindeutig sind, dass sie daher interpretationsbed\u00fcrftig sind. Ein Verkehrsschild, beispielsweise eine Stopptafel, braucht keine Interpretation. Ein Symbol wie ein Kreuz bedarf einer Interpretation. Die Interpretation h\u00e4ngt wesentlich von der Perspektive ab. Wenn jemand behauptet, das Kreuz sei ein Symbol der Unterdr\u00fcckung, weswegen es in einem \u00f6ffentlichen Ort wie der Schule keinen Platz haben d\u00fcrfe, so ist dies eine individuell nachvollziehbare Sichtweise. Tats\u00e4chlich wurde das Kreuz im Laufe der Jahrhunderte immer wieder missbr\u00e4uchlich verwendet, von Kaiser Konstantin und seinem ber\u00fchmten Diktum \u201ein hoc signo vinces\u201c (in diesem Zeichen wirst du siegen) vor der Schlacht an der Milvischen Br\u00fccke bis zu einem Parteif\u00fchrer, der mit dem Kreuz in der Hand gegen den Bau einer Moschee in Wien wetterte. In diesen F\u00e4llen freilich wird das Symbol Kreuz f\u00fcr politische Zwecke missbraucht und mit einer Botschaft aufgeladen, die kontr\u00e4r zur biblischen Botschaft steht. Nicht das Kreuz an einer Schulwand ist daher zu kritisieren, sondern die Kritik gilt jenen, die den Symbolgehalt des Kreuzes ins Gegenteil verkehren.<\/p>\n<p><strong>Das Kreuz im multireligi\u00f6sen Kontext der Schule<\/strong><\/p>\n<p>Ein zweites Argument der Kreuzgegner lautet, dass dieses Symbol nicht mehr kompatibel sei mit der multireligi\u00f6sen Situation in den Klassenzimmern. Muslime oder Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften k\u00f6nne das Kreuz nicht zugemutet werden. Ihnen w\u00fcrde, wie es ein HAK-Lehrer aus Salzburg in einem Leserbrief formulierte, \u201edas Kreuz aufs Auge gedr\u00fcckt\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>.<\/p>\n<p>Generell \u2013 mit Ausnahme fundamentalistischer Kreise \u2013 haben Muslime jedoch kein Problem mit dem Zeichen des Kreuzes. Jesus, an den es erinnert, gilt im Islam als bedeutsamer Prophet. Juden und J\u00fcdinnen wiederum sehen in ihm einen gl\u00e4ubigen Juden, der wie andere herausragende j\u00fcdische Personen aus dieser Zeit von den r\u00f6mischen Beh\u00f6rden ans Kreuz gebracht worden ist. Hindus oder Buddhisten und Buddhistinnen anerkennen seine Weisheit und Spiritualit\u00e4t. Kreuz steht l\u00e4ngst nicht mehr f\u00fcr Kreuzzug, sondern f\u00fcr Vers\u00f6hnung und den Dialog der Religionen.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn in einigen Schulklassen, die einen multireligi\u00f6sen Charakter aufweisen, neben das Kreuz auch der Halbmond des Islam, das Z\u00fclfikar der alevitischen Gemeinschaft, das Om des Hinduismus oder das Dharma Chakra des Buddhismus geh\u00e4ngte w\u00fcrde. Religi\u00f6se Symbole, so w\u00fcrde deutlich gemacht, vertragen sich gut mit- und nebeneinander.<\/p>\n<p><strong>Kreuz oder Kruzifix<\/strong><\/p>\n<p>Die Frage stellt sich weiters, welches Kreuz in den Schulklassen Verwendung findet. Tats\u00e4chlich ist ein Kruzifix, also ein Kreuz mit einem leidend-gequ\u00e4lten Korpus, f\u00fcr Klassenzimmer wenig geeignet. Ein schlichtes Holzkreuz erf\u00fcllt besser die Symbolik \u2013 weil sie in sich bereits die \u00dcberwindung des Kreuzes tr\u00e4gt. An unserer Schule haben wir beispielsweise bunte Kreuze, die von einer Kooperative in El-Salvador hergestellt werden. In ihnen wird nicht nur das Leid der Menschen auf dieser Welt \u2013 insbesondere in den L\u00e4ndern der Dritten Welt \u2013 angedeutet, mehr noch aber die Freude, dass Auferstehung immer schon geschehen kann.<\/p>\n<p><strong>Religion in der Schule<\/strong><\/p>\n<p>Die Diskussion um die Entfernung von Schulkreuzen ist teilweise eine Stellvertreterdiskussion. Im Hintergrund wollen manche auch den Religionsunterricht abschaffen. Er solle durch einen Ethikunterricht ersetzt werden. Religion sei Privatsache und habe in den Schulen keinen Platz. K\u00e4mpferische Atheisten behaupten, die Religionen w\u00fcrden durch ihre Pr\u00e4senz an den Schulen \u2013 sei es in Form von Schulkreuzen oder einem Religionsunterricht \u2013 die Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen f\u00fcr ihre Ideologien missbrauchen.<\/p>\n<p>Religion ist jedoch nie nur \u201ePrivatsache\u201c. Werte sind in allen Kulturen verbunden mit Religionen. Wer daher Werte vermitteln will, wie es im Bildungsauftrag der Schule klargelegt ist, kommt um eine aufgekl\u00e4rte religi\u00f6se Bildung und Erziehung nicht herum, was nicht hei\u00dft, dass es nicht auch eine von den Religionen unabh\u00e4ngige Wertevermittlung und ethische Bildung gibt. Religionen an den Schulen tragen wesentlich zur Charakter- und Herzensbildung bei, sch\u00e4rfen das politische Gesp\u00fcr, fordern zu einem Nachdenken \u00fcber den Sinn des Lebens heraus. Religionsfreiheit bedeutet eben nicht ein k\u00e4mpferisches Freisein von Religion, sondern die Freiheit, Religion lernen und erfahren zu k\u00f6nnen, auch im Kontext von Schule und Unterricht.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, 5.11.2016<\/p>\n<p>Der Autor ist Lehrer am Privat. ORG Volders St. Karl und Vertreter der Berufsgemeinschaft der AHS-LehrerInnen f\u00fcr R.k. Religion in der Di\u00f6zese Innsbruck<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. Kurier, 28.10.2016.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. <a href=\"http:\/\/www.unsertirol24.com\/2016\/10\/30\/tiroler-schueler-wehren-sich-kreuz-bleibt\/\">http:\/\/www.unsertirol24.com\/2016\/10\/30\/tiroler-schueler-wehren-sich-kreuz-bleibt\/<\/a>, abgerufen am 5.11.2016.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Ebd.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Religionsunterrichtsgesetz: <a href=\"http:\/\/www.ris.bka.gv.at\/GeltendeFassung\">http:\/\/www.ris.bka.gv.at\/GeltendeFassung<\/a>, abgerufen am 5.11.2016. \u00a7\u00a02b. (1) In den unter \u00a7\u00a01 Abs.\u00a01 fallenden Schulen, an denen die Mehrzahl der Sch\u00fcler einem christlichen Religionsbekenntnis angeh\u00f6rt, ist in allen Klassenr\u00e4umen vom Schulerhalter ein Kreuz anzubringen.<\/p>\n<p>(2) Die Bestimmung des Abs.\u00a01 gilt hinsichtlich jener Schularten, bez\u00fcglich deren Erhaltung dem Bund die Grundsatzgesetzgebung und den L\u00e4ndern die Ausf\u00fchrungsgesetzgebung zukommt, als Grundsatzbestimmung.<\/p>\n<p>(3) Hinsichtlich jener Schulen, bez\u00fcglich deren Erhaltung die Gesetzgebung ausschlie\u00dflich den L\u00e4ndern zukommt, bleibt die Regelung der im Abs.\u00a01 behandelten Frage der Landesgesetzgebung vorbehalten.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Salzburger Nachrichten, 5.11.2016.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Schulautonomie und aktuelle Diskussion um das Kreuz Bildungsministerin Sonja Hammerschmid hatte eine alte Idee neu verpackt: Das Kreuz in den Klassenzimmern soll keine juridische Selbstverst\u00e4ndlichkeit mehr sein. 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