{"id":2598,"date":"2016-12-31T15:21:27","date_gmt":"2016-12-31T15:21:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=2598"},"modified":"2026-02-02T13:42:34","modified_gmt":"2026-02-02T13:42:34","slug":"guter-rutsch-und-pro-sit-zum-jahreswechsel-201617","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=2598","title":{"rendered":"Guter Rutsch und Pro-sit! Zum Jahreswechsel 2016\/17"},"content":{"rendered":"<p><strong>Rosch-ha-Schanna<\/strong><\/p>\n<p>Die Juden und J\u00fcdinnen haben ihr Neujahrsfest, das Rosch-ha-Schanna, bereits am 3. Oktober gefeiert. F\u00fcr sie begann das Jahr 5777. Als mir heute fr\u00fch morgens die Verk\u00e4uferin im B\u00e4ckerladen einen freundlichen \u201eguten Rutsch\u201c w\u00fcnschte, musste ich \u2013 als Religionslehrer entsprechend gebildet \u2013 an das j\u00fcdische Neujahrsfest Rosch-ha-Schanna denken. Manche leiten die Herkunft von Rutsch von Rosch her. Freilich ist die Deutung, dass Rutsch tats\u00e4chlich ein Lehnwort von Rosch sei, nicht eindeutig. Inhaltlich passt sie jedoch. Wie jeden Samstag kaufte ich nach gut j\u00fcdischem Brauch einen Zopf, den leider ein Gasthund vom Fr\u00fchst\u00fcckstisch raubte und ratzeputz verdr\u00fcckte.\u00a0 Mehr als ein Rutsch-Wunsch und als ein Zopfbrot \u2013 nun ohnehin anders verspeist \u2013 m\u00f6chte ich an die tiefere Bedeutung denken, die wir vom j\u00fcdischen Jahreswechselfeiern \u00fcbernehmen k\u00f6nnten. Es ist Tradition und Zeit, Bilanz zu ziehen \u00fcber das moralische und religi\u00f6se Verhalten im abgelaufenen Jahr, und man tritt mit Gebeten f\u00fcr eine gute Zukunft vor Gott. Wir sollten nicht unachtsam in das neue Jahr hineinrutschen, sondern mit kritischem Blick auf das vergangene die Tradition guter Vors\u00e4tze pflegen.<br \/>\n<strong>Pro-Sit<\/strong><\/p>\n<p>Auch das zweite meistgenannte Neujahrswort fordert mich zum Nachdenken auf. Seltsam erscheint mir die allgegenw\u00e4rtige Kultur des \u201eProsit\u201c, wenn sie einseitig mit Sekt und dem Erklingen von Alkohol-Gl\u00e4sern in Verbindung gebracht wird. So steht am Beginn eines Neuen Jahres die Sanktionierung eines gepflegten Alkoholkonsums, die mir als P\u00e4dagoge etwas bitter aufst\u00f6\u00dft. Irgendwie komme ich mir mit solchen Gedanken wieder als jemand vor, der scheinbar kulturell Selbstverst\u00e4ndliches wie in einem Vexierbild auch von seiner kritischen Seite wahrnimmt. \u201ePro-sit\u201c w\u00fcnsche ich also in einem anderen Sinne \u2013 wieder mit Blick auf die lateinische Wortherkunft. Es m\u00f6ge sein f\u00fcr dich \u2026 es m\u00f6ge in Erf\u00fcllung gehen, was dir gut tut, m\u00f6ge dein Leben gelingen. In diesem Sinne also PROSIT!<\/p>\n<p><strong>Ein \u00f6kologisches Pro-sit!<\/strong><\/p>\n<p>2016 begann mit erschreckend niedrigen Diesel- und Benzinpreisen an den Tankstellen \u2013 unter einem Euro. Die herrschende Weltpolitik schien die Ergebnisse der Weltklimakonferenzen weitgehend zu ignorieren. Auch 2016 zeigte sich, wer die weltbeherrschenden M\u00e4chte sind: Nicht Politiker mit ihren Versprechen, die Treibhausgasemissionen zu senken, sondern die \u00d6l- und Autoindustrie, die ihren Profit auf Kosten von Mensch und Umwelt machen, und die Massen, die sich zu deren Sklaven gemacht haben. Der weltweite Energieverbrauch wird bis 2040 um 40 Prozent steigen, die Zahl der Autos sich verdoppeln \u2013 so die Prognosen, wenn das Jahr 2016 fortgeschrieben werden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>2017 k\u00f6nnte jedoch das Jahr werden, in dem Menschen nicht mehr Sklaven der Automobillobbies und \u00d6lfirmen sind, sondern selbstbewusst nachhaltige Formen der Mobilit\u00e4t w\u00e4hlen. Die Preise f\u00fcr Diesel und Benzin k\u00f6nnten durch erh\u00f6hte Mineral\u00f6lsteuern kr\u00e4ftig angehoben werden. Vor allem soll das Dieselprivileg fallen. 2016 soll Geschichte sein, als die Preise f\u00fcr Treibstoffe auf einem Tiefstand waren. F\u00fcr jede einzelne Person bedeutet diese \u00f6kologische Umkehr: Selbst auf Autofahrten so weit wie m\u00f6glich zu verzichten.<\/p>\n<p>2016 stieg der Lkw-Transit durch Tirol fast ungebremst an. 2017 k\u00f6nnte das Jahr werden, in dem durch ein B\u00fcndel von Ma\u00dfnahmen der Lkw-Transit eingeschr\u00e4nkt wird. Dazu geh\u00f6rt eine Umsetzung und Ausweitung des sektoralen Fahrverbots, Erh\u00f6hung der Lkw-Mautgeb\u00fchren \u2013 sie sind im Vergleich zur Schweiz wesentlich niedriger \u2013 und gleichzeitig F\u00f6rderungen f\u00fcr den Umstieg auf den Schienenlastverkehr. F\u00fcr jede einzelne Person bedeutet es: Durch unser Konsumverhalten entscheiden wir selbst mit, wie viel Wareng\u00fcterverkehr es gibt. Auf das Glashausgem\u00fcse aus Spanien l\u00e4sst sich beispielsweise leicht verzichten. Es gilt: Regional und saisonal.<\/p>\n<p>2017 k\u00f6nnte auch ein Jahr f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Verkehr werden. In Tirol wartet das 365-Euro-Jahresticket auf seine Realisierung. F\u00fcr jede einzelne Person bedeutet es: M\u00f6glichst oft die \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel ben\u00fctzen \u2013 selbst wenn sie aufgrund fehlender Kostenwahrheit oft teurer sind als die Ben\u00fctzung eines eigenen Fahrzeugs.<br \/>\n<strong>Ein friedenspolitisches Pro-sit<\/strong><\/p>\n<p>2016 lasen und h\u00f6rten wir t\u00e4glich von kriegerischen Auseinandersetzungen in der Welt \u2013 vom W\u00fcten der Terrorbanden des Daesh, vom B\u00fcrgerkrieg in Syrien, den vielen blutigen Auseinandersetzungen in der Welt, der Realit\u00e4t des Krieges und der Vernichtung, den\u00a0 Terrorattentaten und Anschl\u00e4gen, der Aufr\u00fcstung und Militarisierung. Machtvoll hat sich auf der anderen Seite des Atlantiks ein Immobilienmakler mit markigen, frauenfeindlichen und an Rassismus grenzenden Spr\u00fcchen ins Wei\u00dfe Haus geredet und gek\u00e4mpft. In osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern lenken bereits Rechtspopulisten die Staatsgesch\u00e4fte. Die t\u00f6dliche, zerst\u00f6rerische Logik von milit\u00e4rischer Gewalt und Gegengewalt zieht weiter ihre Blutspur durch die Welt von Aleppo, \u00fcber Mossul in den Jemen. Die Besatzung in den pal\u00e4stinensischen Gebieten geht weiter \u2013 wen bek\u00fcmmert es noch? Fast t\u00e4glich erschrecken die demokratiefeindlichen Meldungen aus der Erdogan-T\u00fcrkei. Auch hierzulande wird aufger\u00fcstet: Mehr Geld f\u00fcr das Milit\u00e4r, mehr Personal f\u00fcr das Milit\u00e4r. Der Zivildienst soll zur\u00fcckgedr\u00e4ngt werden. Heimische Soldaten sichern Seite an Seite mit den ungarischen Soldaten die neue Mauer gegen Fl\u00fcchtlinge.<\/p>\n<p>Das Jahr 2016 wird wohl in das Geschichtsbuch eingehen als ein Jahr, wo rechts-populistische, autokratische F\u00fchrer in wilder Manier immer mehr die Herrschaft \u00fcbernehmen. Wir erlebten einen Erdogan, der selbst vor einer Inhaftierung von demokratisch gew\u00e4hlten Abgeordneten und einer Aufhebung der Pressefreiheit nicht zur\u00fcckschreckt. Wir erlebten einen Putin, der mit milit\u00e4rischer Muskelpolitik St\u00e4dte wie Aleppo bombardieren l\u00e4sst und im Osten Europas mit dem Feuer spielt. Wir erlebten einen Orb\u00e1n und seine \u2013 auch vom offiziellen \u00d6sterreich unterst\u00fctzte \u2013 Antifl\u00fcchtlingspolitik. \u00a0Wir sahen in europ\u00e4ischen L\u00e4ndern rechts-populistische F\u00fchrerfiguren Wahlsiege einfahren. Die Wahl von Van der Bellen ist in dieser Hinsicht wie der sprichw\u00f6rtliche Fels in einer rechtspopulistischen Brandung.<\/p>\n<p>2017 k\u00f6nnte eine Wende hin zur Gewaltfreiheit werden. Die milit\u00e4rischen Mittel haben ihre Untauglichkeit gen\u00fcgend lange beweisen k\u00f6nnen. Dabei h\u00e4tte das offizielle \u00d6sterreich im Kontext einer aktiven Neutralit\u00e4tspolitik so viele andere M\u00f6glichkeiten. Im Jahr 2017 \u00fcbernimmt \u00d6sterreich den OSZE-Vorsitz. Damit k\u00f6nnte sich das neutrale \u00d6sterreich in besonderer Weise daf\u00fcr engagieren, wie Frieden und Sicherheit in Europa ohne milit\u00e4rische Gewalt garantiert werden k\u00f6nnten: Nicht durch eine Beteiligung an milit\u00e4rischer Fl\u00fcchtlingsabwehr, sondern durch Kooperationen im Rahmen der OSZE. Damit w\u00fcrde \u201eauf das richtige Pferd\u201c gesetzt.<\/p>\n<p><strong>Ein sozialpolitisches Pro-sit \u2013 auch f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge<\/strong><\/p>\n<p>Weltweit und in \u00d6sterreich wuchs auch im Jahr 2016 die Kluft zwischen Arm und Reich. Laut \u00f6sterreichischem Caritas-Pr\u00e4sidenten sind Ende des Jahres 2016 in \u00d6sterreich 1,2 Millionen Menschen arm oder armutsgef\u00e4hrdet. Es findet ein Downsizing im Bereich der Mindestsicherungen statt. Die schwarz-blaue Regierung in Ober\u00f6sterreich hatte damit begonnen und andere ziehen nun nach. Der freiheitliche Parteichef denunziert generell die Mindestsicherungsbezieher. Von ihnen g\u00e4be es viel zu viele. Dabei betragen die Aufwendungen f\u00fcr die Mindestsicherung mit 1 Milliarde Euro lediglich ein Prozent der Gesamtaufwendungen f\u00fcr den Sozialbereich. Die ersten Opfer von solchen sozialen K\u00fcrzungen sind jene, die besonders darauf angewiesen sind: Anerkannte Fl\u00fcchtlinge.<\/p>\n<p>2016 wird in die Geschichte eingehen, in der hierzulande der Obergrenzen- und Notverordnungsgeist mehr und mehr die Politik bestimmte. Das Asylrecht wurde massiv beschnitten und ausgeh\u00f6hlt. Zugleich sind in diesem Jahr rund 5000 Menschen im Mittelmeer ertrunken. 2016 begannen die ersten Abschiebungen mit Bundesheermaschinen. Die heimischen Minister Sobotka und Doskozil machten gemeinsame Sache mit den ungarischen Amtskollegen, wenn es um die Sicherung der Grenzen und Abschiebungen geht.<\/p>\n<p>2017 k\u00f6nnte aber auch das Jahr werden, in dem der Willkommensgeist nicht untergeht. Dieser will Fl\u00fcchtlingen das Recht auf Asyl und ein faires Asylverfahren nicht vorenthalten, will eine Grenze, die zum Symbol f\u00fcr eine Willkommenskultur werden kann. Diese Seite will, dass Fl\u00fcchtlinge in Europa gerecht verteilt werden. Der Brenner k\u00f6nnte aus praktischen Gr\u00fcnden ein Ort daf\u00fcr sein. Humanes Grenzmanagement w\u00fcrde es erm\u00f6glichen, dass Fl\u00fcchtlinge nicht einfach weiter gewunken, sondern im Sinne des Menschenrechts auf Asyl aufgenommen werden. Die Kirchen haben sich f\u00fcr diesen Geist ge\u00f6ffnet. 2017 k\u00f6nnte das Jahr werden, in dem eine solidarische Verteilung der Fl\u00fcchtlinge auf der Basis der Gr\u00f6\u00dfe und der Wirtschaftskraft der EU-Mitgliedsstaaten geschieht. Fl\u00fcchtlinge soll eine legale Einreise in europ\u00e4ische L\u00e4nder bei Vorliegen von Fluchtgr\u00fcnden erm\u00f6glicht werden. Dies w\u00e4re die wirksamste Ma\u00dfnahme gegen das Schlepperwesen und das Sterben im Mittelmeer. Dann m\u00fcsste auch am Brenner nicht ausgesiebt und zur\u00fcck- oder weggeschickt werden.<\/p>\n<p>2017 k\u00f6nnte das Jahr werden, in dem eine Asyl- und Aufenthaltspolitik umgesetzt wird, die von den Menschenrechten ausgeht, denen die Dublin-Verordnungen untergeordnet sind. \u00d6sterreich ist eines der reichsten L\u00e4nder der Welt und h\u00e4tte noch so viele Kapazit\u00e4ten, um Menschen, die Schutz und Hilfe brauchen, menschenw\u00fcrdige Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte zu bieten. Bund und L\u00e4nder sollten daf\u00fcr die n\u00f6tigen Mittel bereitstellen. Ein Staat, der Milliarden in letztlich fragw\u00fcrdige Gro\u00dfprojekte wie den Brennerbasistunnel steckt, k\u00f6nnte f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge mehr Mittel aufwenden. Statt permanent die EU-Au\u00dfengrenzen noch undurchl\u00e4ssiger zu machen, br\u00e4uchte es die M\u00f6glichkeit der sicheren und legalen Einreise nach Europa, etwa durch humanit\u00e4re Visa.Wenn Asylsuchende registriert worden sind, ihre Asylverfahren entsprechend den grundlegenden Menschenrechten gepr\u00fcft wurden und sie als Fl\u00fcchtlinge anerkannt worden sind, werden sie unterst\u00fctzt bei der Integration am Arbeitsmarkt, bei der Wohnraumbeschaffung bzw. der Aufnahme in das Sozial- und Bildungssystem, damit sie m\u00f6glichst gut auf eigenen F\u00fc\u00dfen stehen und die neue Heimat mitgestalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>2017 k\u00f6nnte das Jahr werden, in dem die internationale Politik, allen voran die Vereinten Nationen, an den Fluchtursachen ansetzen. Dies w\u00fcrde vor allem bedeuten: \u00a0Die Kriege und bewaffneten Auseinandersetzungen in Syrien, dem Irak, in Afghanistan, in Somalia und Eritrea zu stoppen. Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte zeigt, dass dazu milit\u00e4rische Interventionen von au\u00dfen nur noch mehr Elend und Zerst\u00f6rung mit sich bringen. Im Kampf gegen den IS gibt es auch nicht-milit\u00e4rische Strategien. Sie w\u00fcrden bedeuten: Die Waffen- und Geldfl\u00fcsse f\u00fcr die Terrormilizen zu stoppen. Ohne \u00d6lgesch\u00e4fte h\u00e4tten die verbrecherischen Milizen kein Geld f\u00fcr ihre Waffenk\u00e4ufe, ohne Waffenh\u00e4ndler keine Waffen. Unter dem Mandat der Vereinten Nationen m\u00fcssten Schutzzonen f\u00fcr bedrohte Bev\u00f6lkerungsgruppen eingerichtet werden. Dazu w\u00e4ren auch bestens bewaffnete internationale Polizeieinheiten vorstellbar. F\u00fcr all diese Ma\u00dfnahmen braucht es internationale Friedenskonferenzen unter der F\u00fchrung der Vereinten Nationen und vor allem mit starker Beteiligung der arabischen Staaten.<\/p>\n<p>Prosit!<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, Silvester 2016-Neujahr 2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rosch-ha-Schanna Die Juden und J\u00fcdinnen haben ihr Neujahrsfest, das Rosch-ha-Schanna, bereits am 3. Oktober gefeiert. F\u00fcr sie begann das Jahr 5777. Als mir heute fr\u00fch morgens die Verk\u00e4uferin im B\u00e4ckerladen einen freundlichen \u201eguten Rutsch\u201c w\u00fcnschte, musste ich \u2013 als Religionslehrer entsprechend gebildet \u2013 an das j\u00fcdische Neujahrsfest Rosch-ha-Schanna denken. 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