{"id":2686,"date":"2017-02-22T18:57:42","date_gmt":"2017-02-22T18:57:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=2686"},"modified":"2026-02-02T13:50:45","modified_gmt":"2026-02-02T13:50:45","slug":"von-unsinn-und-sinn-am-unsinnigen-nachgedacht-ueber-den-opernball","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=2686","title":{"rendered":"Von Unsinn und Sinn am Unsinnigen \u2013 nachgedacht \u00fcber den Opernball"},"content":{"rendered":"<p><strong>E<\/strong>s ist der unsinnige Donnerstag, an dem in \u00d6sterreich der traditionelle Opernball stattfindet. Die Reichen, Prominenten und M\u00e4chtigen dieses Landes geben sich ihr Stelldichein. Es ist f\u00fcr viele DER Ort, um gesehen zu werden und die eigene Bedeutsamkeit zu unterstreichen. Der Ball der B\u00e4lle lockt vor allem jene an, die sehr viel Geld haben. Ein publicity-geiler Besitzer eines Wiener Einkaufszentrums n\u00fctzt wieder die Chance, um mit einer Hollywoodgr\u00f6\u00dfe anzutanzen, deren Gesicht die Arbeit von Chirurgen erahnen l\u00e4sst. W\u00e4hrend einem Gro\u00dfteil der Menschheit die primitivste medizinische Versorgung fehlt, w\u00e4hrend sich selbst in den USA aufgrund gestoppter Obamacare-Politik der \u00e4rmere Bev\u00f6lkerungsanteil kaum Operationen leisten kann, besch\u00e4ftigen andere Sch\u00f6nheitschirurgen. Von \u201eDekadenz\u201c kann aber wohl nur bedingt mit Blick auf den Opernball gesprochen werden. Es ist eher eine Spiegelwelt f\u00fcr die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Eliten \u2013 aus \u00d6sterreich und anderen L\u00e4ndern. Sie k\u00f6nnen sich selbst feiern und lassen sich feiern und das Ereignis flimmert millionenfach \u00fcber die Bildschirme. Eine heile, glitzernde Welt wird vorgef\u00fchrt, nach Kristall und Lack gl\u00e4nzend, blumendekoriert und geschminkt. Die Welt ist sch\u00f6n. Die Welt ist in Ordnung. Wie Welt hat ihre Ordnung. Alles Walzer.<\/p>\n<p>Die Opernball-Demonstration unter dem Motto \u201eEat the rich\u201c bietet auch keine Alternative, sondern verrennt sich in einen zynisch-destruktiven Anarcho-Slogan, der verschreckt und nicht aufkl\u00e4rt. Anarcho-Rock gegen Walzerkl\u00e4nge ist politisch kontraproduktiv, m\u00f6gen die Inhalte der Veranstalter auch richtig sein. Im Demoaufruf hei\u00dft es: \u201eW\u00e4hrend die einen ihr Verm\u00f6gen in unvorstellbare H\u00f6hen steigern, sind es die anderen, die immer schwieriger \u00fcberhaupt \u00fcber die Runden kommen k\u00f6nnen. Der Reichtum der einen, f\u00fchrt zur Armut der anderen.&#8220; \u00a0Die Aussage ist richtig, die Methode, diese Botschaft anzubringen, ist falsch. Der Opernball ist Symbol, das die Spaltung in unserer Gesellschaft sichtbar macht, wenngleich der Opernball selbst nicht diese Spaltung produziert. Der Opernball k\u00f6nnte die Frage aufwerfen, warum so wenige so viel besitzen und so viele so wenig besitzen.<\/p>\n<p>Wenn die Opernball-Organisatorin Maria Gro\u00dfbauer in ihrer Rolle meint, \u201eich habe noch nie jemanden kennengelernt, der von selbst reich wurde. Meistens steckt viel Arbeit und Flei\u00df dahinter\u201c (KURIER, 19.2.2017), dann zeugt dies eher von politisch-\u00f6konomischer Naivit\u00e4t. Der Wiener Theologe G\u00fcnter Pr\u00fcller-Jagenteufel nennt es hingegen \u201eobsz\u00f6n\u201c, wenn beispielsweise ein Generaldirektor 300-mal mehr verdient als der Durchschnittsverdienst in seinem Betrieb.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Die Medien schreiben etwas weniger von jenen, die sich keine 20.000-Euro-Loge f\u00fcr eine Ballnacht leisten k\u00f6nnen. In \u00d6sterreich wird \u201eder Rand der Gesellschaft nicht schm\u00e4ler, sondern verbreitert sich st\u00e4ndig\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. Fast ein F\u00fcnftel der Bev\u00f6lkerung \u00d6sterreichs ist arm oder armutsgef\u00e4hrdet.\u00a0 Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer gr\u00f6\u00dfer. Zugleich m\u00fcssen sozial eingestellte Politiker und Einrichtungen um das ohnehin knapp bemessene Sozialbudget k\u00e4mpfen. Die durchschnittliche ASVG-Pension in \u00d6sterreich betr\u00e4gt f\u00fcr Frauen 846 Euro. Mit den 20.000 Euro, die manche f\u00fcr eine Loge beim Opernball ausgegeben, muss also eine durchschnittliche ASVG-Pensionistin zwei Jahre auskommen oder daf\u00fcr arbeitet eine Friseuse in ihrem ersten Dienstjahr hierzulande fast zwei Jahre lang. Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit ist nicht mehr gegeben.<\/p>\n<p>Selbst war ich Ende der 1980er Jahre, als ich in Wien arbeitete, bei Opernball-Demonstrationen, friedlich, zwischen Polizei und Randalierern stehend. Drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter hat sich hierzulande und weltweit die Kluft zwischen Arm und Reich noch weiter aufgetan. In der gleichen Zeitung vom 22.2., in der vom gigantischen Aufwand berichtet wird, der f\u00fcr den Opernball aufgewendet wird, k\u00f6nnte man einen Bericht lesen, der vom Hunger in der Welt erz\u00e4hlt. UNICEF nennt erschreckende Zahlen. 1,4 Millionen Kinder drohen in Afrika und im Jemen zu verhungern. Abermillionen Menschen leiden an Mangelern\u00e4hrung.<\/p>\n<p>Doch selbst inmitten von Unsinnigkeiten kann Sinnvolles durchscheinen. Die Opernball Organisatorin zeigt auch Herz f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge und setzt Aktivit\u00e4ten f\u00fcr die \u201eGruft\u201c und \u201eSuperar\u201c. Man will sogar eine \u201egr\u00fcne\u201c Seite zeigen und bietet \u201eSlow food\u201c an. Im Staatsgewalze ist alles m\u00f6glich. Eine First-Lady, die einst vor der Oper demonstrierte, tanzt jetzt drinnen mit. In der Pr\u00e4sidentenloge sitzt ein Mann, der aus einer Bewegung kommt, die traditionell eher auf der anderen Seite der Staatsoper ihren Platz hatte. Und unter den mehr als 5000 Ballg\u00e4sten gibt es doch auch viele, die sich mit ihrem Leben, ihrem Wirtschaften, ihrer Kunst oder Politik f\u00fcr eine Welt engagieren, die eine bessere werden kann. Die Deb\u00fctanten wiederum wollen vielleicht nur eines: Dass diese Welt eine bessere werden wird, in der alle ein gutes Leben haben. In diesem Sinne nur: Alles Walzer.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. Kathpress, 20.2.2017.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Nindler Peter, in: Tiroler Tageszeitung, 21.2.2017.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist der unsinnige Donnerstag, an dem in \u00d6sterreich der traditionelle Opernball stattfindet. Die Reichen, Prominenten und M\u00e4chtigen dieses Landes geben sich ihr Stelldichein. Es ist f\u00fcr viele DER Ort, um gesehen zu werden und die eigene Bedeutsamkeit zu unterstreichen. Der Ball der B\u00e4lle lockt vor allem jene an, die sehr viel Geld haben. 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