{"id":2730,"date":"2017-03-25T10:26:40","date_gmt":"2017-03-25T10:26:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=2730"},"modified":"2022-08-22T07:39:39","modified_gmt":"2022-08-22T07:39:39","slug":"von-der-option-fuer-die-ausgegrenzten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=2730","title":{"rendered":"Von der Option f\u00fcr die Ausgegrenzten"},"content":{"rendered":"<p><strong><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2731 alignright\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/La_curacion_del_ciego_El_Greco_Dresde.jpg\" alt=\"\" width=\"297\" height=\"228\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/La_curacion_del_ciego_El_Greco_Dresde.jpg 1042w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/La_curacion_del_ciego_El_Greco_Dresde-300x230.jpg 300w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/La_curacion_del_ciego_El_Greco_Dresde-768x590.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/La_curacion_del_ciego_El_Greco_Dresde-1024x786.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 297px) 100vw, 297px\" \/>Licht f\u00fcr die Ausgegrenzten<\/strong><\/p>\n<p>Das Evangelium zum Vierten Fastensonntag (Joh 9,1-14) m\u00f6chte ich mit Blick auf unsere Weltsituation deuten. Es ist eine \u201egute Botschaft\u201c inmitten einer dystopischen Welt. In der Geschichte aus dem Johannesevangelium geht es um die wundersame Heilung eines Blinden. Sie beginnt damit, dass Jesus einen Blinden sieht. Es ist kein zuf\u00e4lliges Sehen. Jesus stolpert nicht auf den Blinden zu, sondern geht ihm bewusst entgegen. Im Markusevangelium wird der Blinde von anderen Menschen zu Jesus gebracht. Es ist ein bewusster Blick von Jesus, ein gezieltes Hinsehen. Der Evangelist Johannes legt in dieser Perikope Jesus die Worte in den Mund: \u201eIch bin das Licht der Welt\u201c. Dieses Licht richtet sich auf jene, die im \u201eDunkeln\u201c sind. Die Jesusgeschichten sind wie eine Antithese zur Aussage in der Dreigroschenoper: \u201eDenn die einen sind im Dunkeln und die andern sind im Licht, und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.\u201c Jesus macht also das, was Bert Brecht wollte. Verh\u00e4ltnisse werden zugunsten der Armen umgedreht. Systemver\u00e4nderung beginnt von unten her. Heilung von Blindheit durch die \u201e\u00f6sterlichen Augen\u201c, die uns der Auferstandene schenkt. Auch die scheinbar Sehenden werden von ihrer Blindheit, die Not nicht zu sehen oder nicht sehen zu wollen, geheilt. Die \u201eim Dunkeln\u201c r\u00fccken ins Licht. Licht dringt in die Tiefen des Meeres und \u00f6ffnet den Blick f\u00fcr Menschen, die in den dunklen Tiefen ertrunken sind. Allein in diesem Jahr sind es bereits 500, die im Mittelmeer auf der Flucht gestorben sind. 5000 waren es im vergangenen Jahr. Der geheilte Blick richtet sich heute auf Menschen, die verhungern, weil wir durch unseren Konsum, unsere Terms of Trade und unsere klimasch\u00e4dliche Lebensweise ihre Lebensgrundlagen zerst\u00f6ren. Mit jesuanischem Blick ist es, als w\u00fcrden die Lichter in den Schaufenstern und Einkaufszentren erl\u00f6schen, um Lichtenergie f\u00fcr eine andere Wirklichkeit zu haben: 20 Millionen Menschen hungern in den L\u00e4ndern Afrikas und in den Kriegsgebieten des Mittleren Ostens. Afrika ist im Lichte des Evangeliums kein dunkler Kontinent mehr. Und weiters: Die Festungsmauern k\u00f6nnen nicht verhindern, dass das jesuanische Licht uns hinter die NATO-Stacheldrahtz\u00e4une und in die Anhaltelager in Griechenland, Serbien oder Kroatien schauen l\u00e4sst. Mit dem Blick Jesu sehen wir die Millionen Kriegsfl\u00fcchtlinge in der T\u00fcrkei, in Jordanien und im Libanon oder riesige Zeltst\u00e4dte am Rande der afrikanischen Kriegsgebiete. Wir wischen uns den Staub einer menschenfeindlichen Berichterstattung in den Boulevardbl\u00e4ttern aus den Augen und k\u00f6nnen in die N\u00f6te unserer Zeit blicken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die mehrfach Ausgegrenzten in den Blick nehmen<\/strong><\/p>\n<p>Die Not eines einzelnen Menschen wird in den Blick genommen. Der Blinde im Evangelium ist ein Mensch in einer prek\u00e4ren sozialen Lage. Behinderte galten im herrschenden Reinheitssystem der damaligen pal\u00e4stinensischen Gesellschaft als \u201eunrein\u201c. Zu ihrer k\u00f6rperlichen Not kam noch die kulturell-religi\u00f6se Ausgrenzung, die auch im Evangelium angesprochen wird. Man glaubte, dass sie selbst durch eine S\u00fcnde f\u00fcr ihr Schicksal verantwortlich seien. Irgendeine S\u00fcnde m\u00fcsse es ja geben, dass sie so von Gott gestraft worden seien. Jesus weist zun\u00e4chst diese S\u00fcnde-Schuld-Bestrafung-Konstruktion zur\u00fcck. \u201eWeder er noch seine Eltern haben ges\u00fcndigt\u201c, sagt Jesus. Behinderung ist keine Folge irgendeiner S\u00fcnde. Die Theodizee-Frage, woher das Leid komme und ob Gott daf\u00fcr verantwortlich gemacht werden k\u00f6nne, wird nicht mit der Vorstellung eines strafenden Gottes beantwortet. Dies w\u00fcrde so gar nicht zum liebend-barmherzigen Abba-Gott von Jesus passen. Das herrschende Reinheitssystem als ideologischer \u00dcberbau einer sozial-\u00f6konomischen Deklassierung wird infrage gestellt. Damit freilich provoziert Jesus die herrschende religi\u00f6se wie politische Elite seiner Zeit, die Profiteure ebendieser Ordnung waren. Bewusst n\u00e4hert sich Jesus all jenen Menschen, die damals ausgegrenzt waren. Den Blinden, den Taubstummen, den Lahmen, den Kranken. Sie waren auf Bettelei angewiesen, die nur au\u00dferhalb der Stadtmauern erlaubt war. Bettler wurden schon damals von der Mitte in den Rand gedr\u00e4ngt, so wie die Bettelverbote im Heute. Jesus r\u00fcckt sie jedoch von der Peripherie ins Zentrum. So werden sie heil. So geschieht Heilung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Ausgegrenzten ber\u00fchren<\/strong><\/p>\n<p>Im Evangelium hei\u00dft es, dass Jesus auf die Erde spuckte, mit dem Speichel einen Teig machte, diesen auf die Augen des Blinden strich. Hier geschieht eine intensive k\u00f6rperliche Ber\u00fchrung. Physisches Tun, das heilend ist.\u00a0 Heute denke ich an jene Menschen, die bereit zu solchen Ber\u00fchrungen mit den Ausgegrenzten sind. Es sind Menschen, die Fl\u00fcchtlinge bei sich aufnehmen, T\u00fcr an T\u00fcr mit ihnen wohnen und sie am gemeinsamen Tisch essen lassen. Ich denke an die Menschen, die Kranke pflegen, den Obdachlosen eine Herberge geben, Behinderten Respekt erweisen. Dann geschehen die Wunder, die durchaus physischer Natur sind, weil sie materielle Konsequenzen haben. Damit solche Wunder geschehen, muss \u201ein die H\u00e4nde gespuckt\u201c werden. So wie es heute Menschenrechtsorganisationen tun, die Fl\u00fcchtlinge aus dem Meer fischen und sich liebevoll um sie k\u00fcmmern. Nicht ihr Tun ist \u201ewahnsinnig\u201c (\u00a9 Sebastian Kurz), sondern der Wahnsinn liegt in der Logik einer milit\u00e4rischen Abschottungspolitik, die letztlich eine \u00fcberdimensionierte kulturell-politische Reinheitspolitik ist. Wir kennen auch den ideologischen \u00dcberbau, der jenem zur Zeit Jesu durchaus \u00e4hnlich ist. Diejenigen, die in Not sind, werden nochmals f\u00fcr ihre eigene Not verantwortlich gemacht. Sie seien ja selbst schuld, wenn sie sich den Schleppern anvertrauen. Sie w\u00fcrden ja selbst das Risiko einer Flucht auf sich nehmen. Es seien ja gar keine Kriegsfl\u00fcchtlinge. Sie sind ja Illegale, die herrschendes Gesetz verletzen. Und Pilatus w\u00e4scht einmal mehr seine H\u00e4nde in Unschuld.<br \/>\nDr. Klaus Heidegger, Fest Mari\u00e4 Verk\u00fcndigung, 25.3.2017<\/p>\n<p>Bild: La_curacion_del_ciego_El_Greco_Dresde.jpg<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/La_curacion_del_ciego_El_Greco_Dresde.jpg' class='thumbnail' \/>Licht f\u00fcr die Ausgegrenzten Das Evangelium zum Vierten Fastensonntag (Joh 9,1-14) m\u00f6chte ich mit Blick auf unsere Weltsituation deuten. Es ist eine \u201egute Botschaft\u201c inmitten einer dystopischen Welt. In der Geschichte aus dem Johannesevangelium geht es um die wundersame Heilung eines Blinden. Sie beginnt damit, dass Jesus einen Blinden sieht. 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