{"id":2798,"date":"2017-05-16T17:03:58","date_gmt":"2017-05-16T17:03:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=2798"},"modified":"2026-02-02T13:55:53","modified_gmt":"2026-02-02T13:55:53","slug":"high-noon-in-der-oesterreichischen-innenpolitik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=2798","title":{"rendered":"High Noon in der \u00f6sterreichischen Innenpolitik"},"content":{"rendered":"<p><strong>Politisches Denken in biblischer Sch\u00f6pfungshermeneutik<\/strong><\/p>\n<p>Wenn es mir im Unterricht gelingt, mit den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern herauszuarbeiten, wie die biblischen Sch\u00f6pfungstexte zu verstehen sind und was \u00fcberhaupt in einem religi\u00f6sen Sinn mit Sch\u00f6pfung gemeint ist, dann habe ich ein wesentliches Ziel in meinem Religionslehrerdasein erreicht. Die meist unbewusste kreationistische Pr\u00e4gung der Gehirne durch eine biblisch-fundamentalistische Leseart der Bibel und eine kollektive philosophische Denkfaulheit in der Mitwelt ist dominant. Gott, so das vorherrschende Denken, der allm\u00e4chtige Vatergott also, habe in seiner unermesslichen Machtf\u00fclle alles Dasein in das Leben gerufen. So stehe es ja in der Bibel. Am Beginn wirke also der au\u00dferirdische Gott. Punkt.<\/p>\n<p>Die vermeintlich religionskritischen Personen berufen sich andererseits auf die Evolution, die so ganz im Widerspruch zur Bibel stehe, weil die Welt ja nicht in sechs Tagen erschaffen worden sei, sondern alles sei in einem Jahrmillionenprozess von Anpassungen und Mutationen gewachsen. Die Wissenschaft stehe im Gegensatz zu den religi\u00f6s gepr\u00e4gten Sch\u00f6pfungstexten. Evolutionistische Religionskritiker, von manchen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern bis zu Richard Dawkins und einigen Kolleginnen und Kollegen, \u00fcbernehmen dabei unkritisch genau jene kreationistische Leseart, die der Qualit\u00e4t der biblischen Texte keineswegs gerecht wird.<\/p>\n<p>Beide Seiten sind trennend unterwegs: Gott und Welt werden als unterschiedliche Qualit\u00e4ten definiert, die wesensm\u00e4\u00dfig letztlich nichts miteinander zu tun haben. Gott mache die Welt \u2013 eine Kraft von au\u00dfen \u2013 mit wundersamen Tricks. Er k\u00f6nne ja alles. Gott stehe \u00fcber der Wissenschaft. Die andere Seite wiederum behauptet: Die Wissenschaft stehe im Widerspruch zur Religion. Wissenschaftlichkeit lasse eine religi\u00f6se Interpretation der Wirklichkeit gar nicht zu. Am Beginn nicht Gott, sondern der Big Bang. Am Ende nicht das Reich Gottes und Erl\u00f6sung, sondern der Big Crunch.<\/p>\n<p><strong>Vom allm\u00e4chtigen Vatergott zum Autoritarismus heute<\/strong><\/p>\n<p>Wer in diesen Kategorien denkt, tut sich nicht schwer mit einem Politstil, wo von oben nach unten geherrscht wird. Da werden Bedingungen diktiert und \u00c4mter nur angenommen, wenn sie mit Durchgriffsrechten und Generalvollmachten verkn\u00fcpft sind. Die Ich-AG will sich nichts dreinreden lassen, sondern den Weg vorgeben, der dem eigenen Ego entspricht. Wer dabei im Wege steht, wird entfernt, selbst wenn es einmal ein eigener Parteifreund war. Solche M\u00e4nner werden f\u00e4lschlicherweise als \u201eHalbg\u00f6tter\u201c bezeichnet. F\u00e4lschlicherweise, weil Gott als Sch\u00f6pferkraft so gar nichts mit den Allmachtsphantasien mancher Politiker und einem Streben nach Alleinherrschaft zu tun hat.<\/p>\n<p><strong>Die Qualit\u00e4ten des biblischen Sch\u00f6pfergeistes<\/strong><\/p>\n<p>Schon die ersten Verse der Bibel und des Talmuds spielen eine andere Melodie und geben den Grundakkord vor. Es hei\u00dft in Genesis 1,1 bezeichnend: \u201eIm Anfang schufen die Gottheiten \u2026\u201c Dabei ist auf jedes Wort zu achten.<\/p>\n<p>Das erste Wort lautet \u201eim\u201c. Dar\u00fcber l\u00e4sst dann Goethe seinen Doktor Faustus sinnieren. Die Pr\u00e4position \u201eim\u201c als Anfangsbezeichnung ist ungew\u00f6hnlich. Es ist auch kein Beginn, kein bestimmtes Datum. Daf\u00fcr haben wir die Pr\u00e4position \u201eam\u201c. Im Anfang deutet aber nicht einen fixen Zeitpunkt an, sondern einen Kairos, der immer wieder sein kann. Im Anfang kann heute am 16. Mai sein. Es ist der Gedenktag des Hl. Johannes Nepomuk. Sein Todestag war in diesem Sinne ein \u201eim Anfang\u201c. Dieser Anfang begann, als er Christus nachfolgte, begann, als er den widerst\u00e4ndischen Mut hatte, sich dem allm\u00e4chtigen K\u00f6nigshaus zu widersetzen, begann, als Jesus solchen Weg vorging, begann, als dies bereits die Propheten des Alten Bundes vorlebten. Das W\u00f6rtchen \u201eim\u201c l\u00e4sst sich als Punkt auf einem Kreis darstellen, w\u00e4hrend das W\u00f6rtchen \u201eam\u201c den Beginn einer linearen Strecke kennzeichnet.<\/p>\n<p>\u00dcber das erste Verb in der Bibel k\u00f6nnte auch viele geschrieben werden. Es muss im Plural stehen, weil dies auch das Subjekt ist. Elohim. Die Gottheiten. Gott nicht als Punkt, sondern als Beziehung. Gott nicht als Monolith, sondern als Dynamik. In Gott ist daher schon Kommunikation und Dialog grundgelegt, aus denen dann sch\u00f6pferisches Wirken flie\u00dft. Gott braucht den Dialog f\u00fcr den Sch\u00f6pfungsakt. Politisch gewendet k\u00f6nnten wir sagen. Gott will und braucht die Demokratie. Es ist kein \u201eMachen\u201c, sondern ein Schaffen, kein Erledigen von Befehlen, sondern bereit auch zum Widerspruch, zu These und Antithese, um daraus Synthesen zu schaffen, kein Aufsagen und Auswendiglernen, wie in der Schule oft, sondern geistvolles Lernen.<\/p>\n<p><strong>Symbolisches oder Diabolisches<\/strong><\/p>\n<p>Die Wortbedeutung von \u201ediabolisch\u201c ist aufdeckend. Zugrunde liegt das altgriechische Wort diaballo (\u03b4\u03b9\u03b1\u03b2\u03ac\u03bb\u03bb\u03c9), was bedeutet: Ich werfe durcheinander. Von diabalo leitet sich Diabolo ab, somit das Wort Teufel. Diabolisches ist somit eine Kraft, die durcheinander w\u00fcrfelt, die Zerstreuung bringt, die Trennungen verursacht. Man inszeniert das Gegeneinander.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber steht die sch\u00f6pferische Kraft Gottes, die g\u00f6ttliche Geistkraft, die als zusammenf\u00fchrende, vereinende, integrative, inklusive Kraft, als Zusammenfallen (\u03c3\u03c5\u03bc\u03b2\u03ac\u03bb\u03bb\u03b5\u03b9\u03bd) bezeichnet werden kann. Es ist eine symbolische Geistkraft. Hier wird nicht mehr gespalten, sondern vers\u00f6hnt. Man will das Miteinander. Gott wird als Kraft erfahren, die \u2013 wie es ebenfalls Goethe wundervoll geschrieben hat \u2013 \u201edie Welt im Innersten zusammenh\u00e4lt\u201c. Gott nicht au\u00dferhalb der Welt, von au\u00dfen in die Welt regierend, \u00fcber ihr wie ein K\u00f6nig \u00fcber seinem Volk, sondern in ihr. Ein Mensch bleibt immer ein Zellhaufen von 80 Billionen Zellen, ist zugleich immer aber auch Gesch\u00f6pf Gottes. Beides.<\/p>\n<p><strong>Spaltungen tragen in sich oft Diabolisches<\/strong><\/p>\n<p>Die politische Interpretation dieser entgegengesetzten Kr\u00e4fte liegt auf der Hand. Auch in unserer Gegenwartszeit gibt es jene, die bewusst spalten. In den letzten Tagen sprach man von den \u201eSprengmeistern\u201c der regierenden Koalition. K\u00f6rpersprachlich ausgedr\u00fcckt ist es nicht die offene Hand, sondern die geballte Faust. Der politische Mitbewerber ist nicht Partner, sondern Gegner. Wo politische Konturen deutlich werden, ist es vor allem eine Politik der Mauern und Grenzz\u00e4une. Der Oberschlie\u00dfmeister der Balkanroute wird \u00d6VP-Chef. Der \u00dcberwachungsminister kann seinen Erfolg feiern. High Noon in der \u00f6sterreichischen Innenpolitik. Umso dankbarer bin ich in diesen politisch turbulenten Zeiten f\u00fcr das Geschenk des Glaubens: Dass es mit Blick auf Jesus oder Johannes Nepomuk Auswege aus der mimetischen Rivalit\u00e4t gibt.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, 16. 5. 2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Politisches Denken in biblischer Sch\u00f6pfungshermeneutik Wenn es mir im Unterricht gelingt, mit den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern herauszuarbeiten, wie die biblischen Sch\u00f6pfungstexte zu verstehen sind und was \u00fcberhaupt in einem religi\u00f6sen Sinn mit Sch\u00f6pfung gemeint ist, dann habe ich ein wesentliches Ziel in meinem Religionslehrerdasein erreicht. 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