{"id":2946,"date":"2017-09-16T15:13:39","date_gmt":"2017-09-16T15:13:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=2946"},"modified":"2026-02-02T14:05:49","modified_gmt":"2026-02-02T14:05:49","slug":"selig-die-hungern-und-duersten-nach-der-gerechtigkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=2946","title":{"rendered":"\u201eSelig, die hungern und d\u00fcrsten nach der Gerechtigkeit \u2026 &#8220; (Mt 5,6)"},"content":{"rendered":"<ul>\n<li><strong>Wahlkampfthema Gerechtigkeit<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Eine meiner letzten Religionsstunden hatte folgenden Anfang: Ich habe einen Sack mit 25 kleinen Fair-Trade-Schokis. 25 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sind in der Klasse. Noch bevor das Thema vorgestellt wird, beginne ich zu verteilen. Einer bekommt 15, der andere 4 und die n\u00e4chsten zwei je 2. Da bleiben noch je 1 f\u00fcr zwei weitere Sch\u00fcler. Die anderen neunzehn gehen leer aus. Diese Eingangssituation l\u00f6st Verwunderung und Unsicherheit aus. Es dauert nicht lange und ohne Aufforderung beginnt das Teilen. Ausgleichende Gerechtigkeit. Eine Sch\u00fclerin will keine Schokolade und schenkt sie der Nachbarin, die besonders auf Schokolade steht. Solidarit\u00e4t. Gemeinwohl. Gemeinsames Gl\u00fcck f\u00fcr alle. Was hier so einfach in der Schulrealit\u00e4t dargestellt wird, ist auf gesellschaftlicher Ebene vorhanden \u2013 wird aber anders gel\u00f6st. Da gilt dann eher das meist falsch verstandene Matth\u00e4us-Prinzip: \u201eWer hat, dem wird gegeben werden.\u201c Unsere Welt und auch \u00d6sterreich sind gepr\u00e4gt von einer Situation, in der einige wenige ganz viel haben und andere leer ausgehen. Da gibt es aber zugleich zu wenig staatliche Umverteilung.<\/p>\n<p>Auf Plakaten und in Reden der wahlwerbenden Politikerinnen und Politiker f\u00fcr die Nationalratswahl 2017 kommt vor allem ein Thema in zwei Varianten vor. \u201eNeue Gerechtigkeit\u201c und \u201eFairness\u201c. Manche sprechen schon von einem \u201eGerechtigkeits-Wahlkampf\u201c. Im Sinne der Rede von Bundespr\u00e4sident Alexander Van der Bellen und seiner Einladung, genau hinter die Worte und Rhetorik zu blicken, m\u00f6chte ich dies im Folgenden tun. Dabei orientiere ich mich an jenem Verst\u00e4ndnis von Gerechtigkeit, wie es in den Heiligen Schriften des Judentums, Christentums und Islam vorkommt und beispielsweise in der Katholischen Soziallehre ausformuliert wurde und in der Praxis der Kirchen und Religionsgemeinschaften gelebt wird. Zugegeben: Ich bin weder Finanz\u00f6konom noch Wirtschaftswissenschaftler. Als W\u00e4hler bin ich jedoch in diesen Wochen besonders herausgefordert, \u00fcber Gerechtigkeit nachzudenken. Als Religionslehrer verpflichtet mich das Evangelium, mit meinen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern \u201eden Hunger und den Durst nach Gerechtigkeit\u201c zu ergr\u00fcnden.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>\u201eNeue Gerechtigkeit\u201c wie Liste Kurz?<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Sebastian Kurz wirbt f\u00fcr seine \u201eNeue Gerechtigkeit\u201c. \u201eNeu\u201c ist ein leicht durchschaubarer Werbetrick. \u201eNeu\u201c klingt zun\u00e4chst immer gut. Deswegen werden alte Produkte oft einfach \u201eneu\u201c genannt, um sie besser an die Konsumentinnen und Konsumenten heranzubringen. Im Falle der Gerechtigkeit gilt aber genauer nachzufragen. Was w\u00e4re eine \u201ealte\u201c Gerechtigkeit? Der Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister urteilt jedenfalls eindeutig: \u201eVersprochen wird neue Gerechtigkeit, aber die Ma\u00dfnahmen sind ungerecht.\u201c Die Verpackungsaufschrift \u201eGerechtigkeit\u201c passt nicht zum Inhalt.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Fair wie FP\u00d6?<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Die FP\u00d6 unter ihrem Parteif\u00fchrer Heinz-Christian Strache stellt den Begriff \u201eFairness\u201c in den Vordergrund. Diese Wortwahl ist mehr als eine anglizistische Variante von Gerechtigkeit. Es gilt den Unterschied deutlich zu machen. Was fair oder unfair ist, liegt zun\u00e4chst auf einer subjektiven Ebene des eigenen Egos oder dem Wir-Gef\u00fchl einer bestimmten Gruppe. Fair oder unfair wird vom Gef\u00fchl oder vom Bauch her entschieden. Die Ratio tritt erst sekund\u00e4r in Erscheinung. Strache und die FP\u00d6 zielen noch st\u00e4rker auf die Emotionen der W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler. Subjektiv empfundene Fairness und objektiv festgelegte Gerechtigkeit m\u00fcssen nicht immer \u00fcbereinstimmen. Was der Staat als gerecht ansieht und im Sinne der Gesetze regelt, mag f\u00fcr einen B\u00fcrger oder eine B\u00fcrgerin beispielsweise als unfair empfunden werden. Konkret: Was laut Gleichheitsgrunds\u00e4tzen und auf menschenrechtlicher Basis der Staat regelt \u2013 dass beispielsweise anerkannte Fl\u00fcchtlinge Sozialleistungen erhalten \u2013 stellt die FP\u00d6 als \u201eunfair\u201c dar.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Klimagerechtigkeit!<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Es ist nicht gerecht, wenn Millionen Menschen unter den Folgen des Klimawandels am meisten zu leiden haben, die ihn gar nicht verursachen. Ich denke an die Menschen in der Karibik, deren H\u00e4user und Lebensgrundlagen in den letzten Wochen von einem Hurrikan zerst\u00f6rt worden sind. Die Ausma\u00dfe der Wirbelst\u00fcrme sind die Folge der erw\u00e4rmten Ozeane. Ich denke an die hungernden Massen in den D\u00fcrregebieten Afrikas, deren landwirtschaftliche Existenzgrundlage ebenfalls durch Klimawandel zerst\u00f6rt wird.<\/p>\n<p>Gerecht w\u00e4re es, alles zu unternehmen, damit die Erderw\u00e4rmung zumindest auf der Basis des Pariser Klimaschutzabkommens eingebremst w\u00fcrde. Gerecht w\u00e4re also ein weniger klimasch\u00e4dlicher Lebensstil mit weniger Autofahrten, mit weniger Flugreisen, mit weniger Fleischkonsum, mit Reduktionen im Konsumverhalten usw. usf. Gerecht w\u00e4re ein Ausstieg aus der fossilen Vergangenheit in eine Zukunft, die auf erneuerbaren Energietr\u00e4gern aufbaut.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Verursachergerechtigkeit!<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Es ist nicht gerecht, dass gerade jene unter L\u00e4rm und Emissionen besonders leiden, die diese gar nicht verursachen. Kinder erkranken hierzulande wegen der schlechten Luft oder werden aggressiv wegen des Dauerl\u00e4rms. Die Verteidigung des Dieselprivilegs durch politischen Benzinbr\u00fcder und ihre Kritik an den Tempolimits sind zutiefst unfair.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re gerechter, wenn Menschen, die mit ihren Fahrzeugen gef\u00e4hrliche Schadstoffe erzeugen und l\u00e4rmen, zumindest mehr f\u00fcr Treibstoffe bezahlen w\u00fcrden, wenn der Diesel nicht weiter beg\u00fcnstigt w\u00e4re, wenn es eine kilometerabh\u00e4ngige Maut auf den Stra\u00dfen g\u00e4be und durchgehend Tempo 100 auf Autobahnen und Tempo 80 auf Landstra\u00dfen, wenn Kerosin endlich besteuert w\u00fcrde und die Vielfliegerei nicht noch steuerlich beg\u00fcnstigt w\u00e4re.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Generationengerechtigkeit!<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Es ist nicht gerecht gegen\u00fcber den kommenden Generationen, wenn in unserer Generation bereits die Grundlagen des Lebens aufgebraucht werden, wenn in einem gigantischen Ausma\u00df vor allem f\u00fcr die Lebensweise der Menschen in den reichen L\u00e4ndern dieses Kontinents Raubbau an Rohstoffen betrieben wird.<\/p>\n<p>Gerecht w\u00e4re, wenn wir unseren Kindern und Enkelkindern eine Welt hinterlassen w\u00fcrden, die intakt ist, wo Kinder auch noch in ber\u00fchrter Natur spielen k\u00f6nnen und sich an der Artenvielfalt in der Pflanzen- und Tierwelt erfreuen k\u00f6nnen. Ein einfacher Lebensstil mit kleinem \u00f6kologischen Rucksack, erreicht durch Konsumverzicht und und durch kritisches Konsumverhalten bedeutet Gerechtigkeit-<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Soziale Gerechtigkeit!<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Es ist nicht gerecht, wenn bei Sozialleistungen gek\u00fcrzt werden soll, zugleich aber durch steuerliche Ma\u00dfnahmen die Besserverdienenden in Hinkunft noch mehr profitieren w\u00fcrden. Laut Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister haben 40 Prozent der Einkommensbezieher von einer Senkung der Steuerquote gar nichts, weil sie so wenig verdienen, dass sie keine Steuern zahlen. Dies w\u00fcrde aber, so Schulmeister, Folgendes bedeuten: \u201eGenau diese Menschen sp\u00fcren aber, wenn die Sozialleistungen gek\u00fcrzt werden. Das ist eine systematische Umverteilung zulasten des unteren Drittels der Gesellschaft.\u201c Wenn die Staatsausgaben drastisch gesenkt w\u00fcrden, dann g\u00e4be es weniger finanzielle M\u00f6glichkeiten, um durch staatliche Ma\u00dfnahmen \u2013 wie beispielsweise Erh\u00f6hung der Familienbeihilfe \u2013 mehr soziale Gerechtigkeit, soziale Sicherheit und Gleichheit zu schaffen.<\/p>\n<p>Persongerecht \u2013 weil es die W\u00fcrde jedes Menschen achten w\u00fcrde \u2013 w\u00e4re ein bedingungsloses Grundeinkommen. Alle, egal ob arm oder reich, w\u00fcrden eine gesetzlich festgelegte finanzielle Absicherung vom Staat erhalten. Jene, die keine Arbeit finden k\u00f6nnen, w\u00fcrden so nicht zu Bittstellern degradiert. Eine Bed\u00fcrftigkeitspr\u00fcfung w\u00fcrde fallen. Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld w\u00e4ren unkompliziert geregelt. Wenn es aufgrund des technischen Fortschritts weniger Erwerbsarbeit braucht, dann braucht es einen Sozialstaat auf der Basis eines neuen Sozialsystems. Die Versprechungen der Liste Sebastian Kurz f\u00fcr Steuersenkungen und entsprechender Schnitte bei Staatsausgaben verhei\u00dfen nichts Positives f\u00fcr einen Sozialstaat. Einschnitte in diesem Bereich w\u00fcrden vor allem die \u00c4rmsten treffen.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Gendergerechtigkeit!<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Es ist nicht gerecht, dass in \u00d6sterreich Frauen durchschnittlich um 45 Prozent weniger verdienen, dass es vor allem Frauen sind, die wegen Haus- und Kinderarbeit in Teilzeit gehen, dadurch oft weniger leicht Karriere machen k\u00f6nnen als M\u00e4nner. Es ist daher auch nicht gerecht, wenn Frauen statistisch gesehen weit schneller in die Armutsfalle geraten, weniger Pensionen bekommen als M\u00e4nner oder in Abh\u00e4ngigkeiten von ihren M\u00e4nnern geraten.<\/p>\n<p>Gerecht w\u00e4re, wenn M\u00e4nner genauso wie Frauen ihren Anteil an Haus- und Kinderarbeit erf\u00fcllen w\u00fcrden, wenn Frauen bei gleichwertiger Arbeit auch das verdienen, was M\u00e4nner erhalten, wenn die Einkommen f\u00fcr bestimmte \u2013 oftmals frauenspezifische \u2013 Berufsgruppen generell erh\u00f6ht w\u00fcrden.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Bildungsgerechtigkeit<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Es ist nicht gerecht, wenn in \u00d6sterreich weiterhin die soziale Herkunft von Kindern und Jugendlichen wesentlich mitentscheidend ist, welche Ausbildungskarriere sie haben werden. Die in Aussicht gestellte \u201emassive Steuersenkung\u201c ginge auch zulasten des Bildungsbudgets. Es ist nicht gerecht, wie unz\u00e4hlige Studien und Untersuchungen belegen, dass in \u00d6sterreich kaum wie anderswo Bildung stark vererbt wird. S\u00f6hne oder T\u00f6chter aus einem Hintergrund mit \u201eSozialprestige\u201c besuchen meist die Unterstufe eines Gymnasiums, w\u00e4hrend Jugendliche aus \u201ebildungsfernen\u201c Schichten tendenziell st\u00e4rker in den Neuen Mittelschulen zu finden sind.<\/p>\n<p>Eine gemeinsame Schule der 10- bis 14-J\u00e4hrigen sowie gezielte F\u00f6rderungen f\u00fcr Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler mit Leistungsdefiziten w\u00e4ren Ma\u00dfnahmen, um soziale Selektion im Bildungsbereich nicht weiterhin aufrecht zu erhalten.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Leistungsgerechtigkeit<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Es ist nicht gerecht, wenn Arbeiterinnen und Arbeiter in den Billiglohnl\u00e4ndern aufgrund der ungerechten Terms of Trade f\u00fcr Hungerl\u00f6hne und in oft grausamen Arbeitsverh\u00e4ltnissen jene Produkte erzeugen, mit denen multinationale Konzerne gro\u00dfe Gewinne machen und f\u00fcr die Konsumentinnen und Konsumenten keine fairen Preise zahlen. Es ist nicht gerecht, wenn Konzerne ihre Gewinne in den Steueroasen anlegen oder das arbeitsloses Finanzverm\u00f6gen zu immer noch mehr Reichtum f\u00fchrt, weil es nicht entsprechend im Steuersystem ber\u00fccksichtigt wird. Es ist nicht gerecht, wenn die Bauern f\u00fcr ihre wertvolle Arbeit zu wenig Geld bekommen, weil beispielsweise die Milch seit vielen Jahren weit unter ihrem Wert gehandelt wird.<\/p>\n<p>Gerechtigkeit w\u00e4re, wenn weniger der Tauschwert, sondern mehr der reale Wert \u00fcber die Preise bestimmen w\u00fcrde, wenn das \u201eArbeitsleid\u201c auch in den Lohn miteinflie\u00dfen w\u00fcrde, wenn es kein Downsizing in den Arbeitsrechten durch eine neoliberale Weltwirtschaft g\u00e4be.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Asylgerechtigkeit<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Es ist nicht gerecht, wenn anerkannte Fl\u00fcchtlinge in \u00d6sterreich wieder abgeschoben werden sollten und wenn das Grundrecht auf Asyl in ein \u201eAsyl auf Zeit\u201c \u2013 so die FP\u00d6-Forderung \u2013 umgewandelt werden sollte. Es ist nicht gerecht, wenn Fl\u00fcchtlinge weltweit ungleich verteilt sind. Auch \u00d6sterreich hat die von der EU festgelegte Quote f\u00fcr die Umverteilung von Fl\u00fcchtlingen innerhalb der EU noch nicht erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Gerecht sind Integrationsma\u00dfnahmen durch Deutschkurse oder Arbeitsbewilligungen. Gerecht ist, wenn nicht einige wenige L\u00e4nder die Hauptlast bei der Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen tragen.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Verteilungsgerechtigkeit<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Es ist nicht gerecht, wenn einerseits die Reichen in unserem Land immer mehr besitzen, w\u00e4hrend gleichzeitig die Armut w\u00e4chst. Das oberste Prozent der \u00d6sterreicher besitzt ein Viertel des gesamten Verm\u00f6gens. Die Einkommen driften auseinander. Die Ungleichheit nimmt zu. Weil die Einkommens- und Verm\u00f6gensschere weiter auseinandergeht, wird auch die Ungleichheit weitervererbt. Statistiken zeigen, dass \u00d6sterreich eine der h\u00f6chsten Verm\u00f6gensschieflagen in der Eurozone hat. Die reichsten 5 % der Haushalte besitzen etwa gleich viel wie die unteren 90 %.<\/p>\n<p>Gerechtigkeit hat mit gleichen Lebenschancen zu tun. Gerecht ist, wenn \u201ejedes Kind seine Chance bekommt, egal, ob die Eltern reich sind oder nicht\u201c (Christian Kern). Gerecht w\u00e4re eine ausgewogene Erbschaftssteuer bei Millionenverm\u00f6gen. Solche Forderungen nach einer Umverteilung werden auch von Wirtschaftstreibenden wie Hans Peter Haselsteiner unterst\u00fctzt, der in der Umverteilungsfrage \u201eeine der wesentlichen Fragen der Zukunft sieht\u201c. Es sei, so Haselsteiner, untragbar, wenn die sozialen Unterscheide immer gr\u00f6\u00dfer werden. Daher fordert er im Sinne des sozialen Friedens Ma\u00dfnahmen wie eine Wertsch\u00f6pfungsabgabe, Verm\u00f6gensbesteuerung und Erbschaftssteuer. Ein starker Sozialstaat mit einer hohen Abgabequote soll nicht schlecht geredet werden. In D\u00e4nemark und Schweden ist sie h\u00f6her. Der Markt allein wird nie Umverteilung schaffen<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Bed\u00fcrfnisgerechtigkeit<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Es ist nicht gerecht, wenn jene, die die Unterst\u00fctzung der Gesellschaft brauchen, diese zu wenig oder gar nicht bekommen.<\/p>\n<p>Gerecht ist, wenn jene, die eine Unterst\u00fctzung brauchen, weil sie aufgrund von Alter oder Krankheit einer Pflege bed\u00fcrfen, weil sie aufgrund einer k\u00f6rperlichen oder psychischen Beeintr\u00e4chtigung mehr Bedarf haben oder weil sie nicht in das Erwerbsleben integriert sind, solidarisch von der Gesamtgesellschaft unterst\u00fctzt werden.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Friedensgerechtigkeit<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Es ist nicht gerecht, dass weiterhin Hunderttausende in Kriegen und durch Waffengewalt get\u00f6tet oder verst\u00fcmmelt werden, dass ihre H\u00e4user und L\u00e4nder zerst\u00f6rt werden, dass Millionen Kriegsfl\u00fcchtlinge fliehen m\u00fcssen. Es ist nicht gerecht, dass die Waffenproduzenten und Waffenh\u00e4ndler mit diesen Kriegen fette Gewinne machen.<\/p>\n<p>Gerecht w\u00e4re es, die Produktion und den Handel mit Kriegsmaterialen zu stoppen, vor allem nicht mehr an jene L\u00e4nder zu liefern, die Kriege f\u00fchren und in denen Gener\u00e4le und Pr\u00e4sidenten die eigene Bev\u00f6lkerung unterdr\u00fccken. Gerecht w\u00e4re es, auf eine Politik der friedlichen Konfliktl\u00f6sung zu setzen, Friedensarbeiterinnen und Friedensarbeiterinnen und nicht Soldatinnen und Soldatinnen auszubilden, um dem Wahnsinn der Kriege und Militarisierungen ein Ende zu bereiten.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Tiergerechtigkeit<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Es ist nicht gerecht, dass weiterhin ein Gro\u00dfteil des Fleicheskonsums mit\u00a0 Massentierhaltungen verkn\u00fcpft ist, dass die Fischbest\u00e4nde in den Weltmeeren zur\u00fcckgehen, dass der Lebensraum der Tiere eingeschr\u00e4nkt wird oder Tiere aus sportlichen Gr\u00fcnden gejagt werden.<\/p>\n<p>Gerechtigkeit ist eine Dimension, die die ganze Sch\u00f6pfung \u2013 also auch die Tierwelt \u2013 miteinschlie\u00dft. Ein gerechter Lebensstil wird auf weniger Fleisch setzen und auf Produkte aus regionaler und biologischer Wirtschaft.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>G\u00f6ttliche Gerechtigkeit<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Als Religionslehrer kann ich das Gerechtigkeitsthema abrunden mit jener Vielzahl an biblischen Stellen, die uns zeigen, was g\u00f6ttliche Gerechtigkeit ist. Es ist nicht eine Gerechtigkeit, bei der durch Vergeltung und mit Strafen Gleichheit hergestellt wird, sondern wo durch radikale Vergebungsbereitschaft die Spiralen der Gewalt \u00fcberwunden werden. Es ist eine Gerechtigkeit, wie Jesus uns im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20, 1-15) nahebringt, die sich an den Bed\u00fcrfnissen der Menschen orientiert und vor allem an ihrem Recht auf ein Leben in W\u00fcrde. Jesus erz\u00e4hlt uns jene provokanten Geschichten, wo jemand sich weigerte mit dem Besitz seines Herren zu wuchern (Lk 19,11-28), und immer wieder spricht er von einer Solidarit\u00e4t, die in erster Linie den Armen, den Schwachen, den Ausgegrenzten gilt. Sie sind der Ma\u00dfstab jedes Gerechtigkeitshandelns. Selbst die Frage nach einer Erbschaftssteuer wird im Evangelium eindeutig beantwortet. (Lk 12,13-21).<\/p>\n<p>\u201eSelig, die hungern und d\u00fcrsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden.\u201c<\/p>\n<p>Klaus Heidegger<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wahlkampfthema Gerechtigkeit Eine meiner letzten Religionsstunden hatte folgenden Anfang: Ich habe einen Sack mit 25 kleinen Fair-Trade-Schokis. 25 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sind in der Klasse. Noch bevor das Thema vorgestellt wird, beginne ich zu verteilen. Einer bekommt 15, der andere 4 und die n\u00e4chsten zwei je 2. 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