{"id":2961,"date":"2017-10-01T05:47:19","date_gmt":"2017-10-01T05:47:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=2961"},"modified":"2022-08-22T07:39:37","modified_gmt":"2022-08-22T07:39:37","slug":"weg-der-gerechtigkeit-fuer-die-ausgegrenzten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=2961","title":{"rendered":"Weg der Gerechtigkeit f\u00fcr die Ausgegrenzten"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2962 alignright\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Matth\u00e4us.jpg\" alt=\"\" width=\"320\" height=\"757\" \/><\/p>\n<p>Eine politische Lekt\u00fcre von Matth\u00e4us 21,28-32<\/p>\n<p>In dieser Stelle aus dem Matth\u00e4usevangelium f\u00e4llt zun\u00e4chst auf, dass Jesus seine Worte bewusst an die Hohenpriester und \u00c4ltesten des Volkes richtet. Sie waren die M\u00e4chtigen. Sie waren verantwortlich f\u00fcr den Weinberg. Der Weinberg wiederum ist ein Symbol f\u00fcr die Gesellschaft. Die Hohenpriester und \u00c4ltesten, das Synhedrium, kollaborierte mit den r\u00f6mischen Besatzungstruppen. Die Hohenpriester und \u00c4ltesten sind diejenigen, die laut Passionsberichten in den Evangelien Jesus zur Verurteilung ausliefern. Die Worte Jesu stellten ihre Autorit\u00e4t und Machtaus\u00fcbung infrage. Das regte sie auf. Ganz in der prophetischen Tradition stehend erinnerte sie Jesus daran, was ihre wichtigste Aufgabe w\u00e4re. Nicht zu einer Spaltung der Gesellschaft beizutragen und die Kleinen und Schwachen zu sch\u00fctzen. Ganz unten in der Sozialhierarchie sind die Ausgegrenzten, von denen Jesus nun spricht. Die Dirnen. Frauen, die in Schuldsklaverei gerieten und von M\u00e4nnern missbraucht und zur Ware degradiert wurden. Im Reinheitssystem, das von den Hohenpriestern und \u00c4ltesten aufrechterhalten wurde, waren sie nochmals deklassiert. Sie durften nicht einmal am religi\u00f6sen Leben teilnehmen und mussten sich religi\u00f6s stigmatisiert f\u00fchlen. Doch Jesus widerspricht dieser Situation fundamental. Jesus spricht ihnen das Reich Gottes zu. Das ist der \u201eWeg der Gerechtigkeit\u201c.<\/p>\n<p>Wichtig ist hier, nicht in die Interpretationsfalle einer idealistischen und unpolitischen Sichtweise zu verfallen, wie wir sie oft in exegetischen B\u00fcchern und Predigten finden. Es geht nicht darum, dass die Zwangsprostituierten umkehren sollen wie ein S\u00fcnder, der von seinem falschen Tun abl\u00e4sst. Die Dirnen waren Sklavinnen, die von reichen M\u00e4nnern wie Ware behandelt wurden, feilgeboten in den St\u00e4dten Pal\u00e4stinas f\u00fcr die sexuellen Bed\u00fcrfnisse von r\u00f6mischen Besatzungssoldaten. Einige von den Dirnen waren Kriegsbeute, andere von den eigenen Eltern wegen Geldmangel und Verschuldung verkauft. Es geht nicht darum, dass jene umkehren, die ohnehin die Opfer sind, sondern die T\u00e4ter m\u00fcssen aus ihrer T\u00e4terrolle herausgef\u00fchrt werden. Es geht darum, dass sich die politischen Verh\u00e4ltnisse \u00e4ndern, dass die Systeme der \u00f6konomisch-politischen Ausbeutung verbunden mit religi\u00f6s-kulturellen Stigmatisierungen abgel\u00f6st werden und die K\u00f6nigsherrschaft Gottes beginnen kann.<\/p>\n<p>Die Gruppe der Z\u00f6llner muss differenzierter gesehen werden. Sie waren zwar selbst Juden, wurden aber im Volk als \u201eS\u00fcnder\u201c betrachtet, weil sie aufgrund ihrer T\u00e4tigkeit mit der r\u00f6mischen Besatzungsmacht zusammenarbeiteten. So galten sie quasi als Verr\u00e4ter. Der Apostel Matth\u00e4us, unter dessen Autorit\u00e4t das Matth\u00e4usevangelium gestellt wurde, soll selbst einmal Z\u00f6llner gewesen sein. Warum werden sie hier als jene bezeichnet, die ins Reich Gottes kommen k\u00f6nnen? Jesus spricht es an: Durch eine unerwartete Wende \u2013 wenn sie beispielsweise ihre Stellung nicht mehr verwenden, um andere auszunehmen \u2013 oder wenn sie \u00fcberhaupt die politische Seite wechseln und die Kollaboration mit den Ausbeutern beenden. So k\u00f6nnten sie \u201eden Willen des Vaters\u201c erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum Anfang: Jesus spricht die religi\u00f6s-politische Elite in ihrem Machtzentrum, dem Tempel von Jerusalem, an, an jenem Ort, wo ein ungeheurer Tempelschatz gelagert war. \u201eR\u00e4uberh\u00f6hle\u201c hatte Jesus diesen Ort bezeichnet und unmittelbar vor dieser Stelle im Evangelium fand die \u201eReinigung des Tempels\u201c und der politisch h\u00f6chst eindrucksvolle Einzug in Jerusalem statt. Die Tempelkritik Jesu und seine Kritik an den Herrschaftsverh\u00e4ltnissen bedeuten letztlich, dass Jesus von der j\u00fcdischen Lokalaristokratie an die r\u00f6mische Besatzungsmacht ausgeliefert wird. Der letzte Versuch Jesu, Hohepriester und \u00c4lteste f\u00fcr die Sache des Volkes zu gewinnen, scheitert.<\/p>\n<p>Bei einer politischen Lekt\u00fcre des Evangeliums, die dem Wesen des Neuen Testaments wohl am meisten gerecht wird, sind wir beim Wahlkampfthema 2017. Es geht um Gerechtigkeit. Wer vertritt eine Politik, die wie Jesus die ganz Schwachen in den Blick nimmt? Es w\u00fcrde eben nicht bedeuten, die Mindestsicherung f\u00fcr die Asylberechtigten um die H\u00e4lfte zu k\u00fcrzen. Wer tr\u00e4gt zu einer Spaltung der Gesellschaft bei? Es w\u00fcrde eben nicht bedeuten, die 700.000 Muslime hierzulande unter Generalverdacht zu stellen, indem vor einem \u201epolitischen Islam\u201c gewarnt wird. Wo sind heute M\u00e4dchen und Frauen, die sexuell ausgebeutet werden und Opfer sexueller Gewalt sind? Die Leidensgeschichten von Frauen, die aus ihren Heimatl\u00e4ndern geflohen sind, sind bekannt. Um ihnen gerecht zu werden, br\u00e4uchte es eine offene Asylpolitik. Im Weinberg dieser Welt w\u00fcrde das gro\u00dfe Teilen beginnen, das beispielsweise der Z\u00f6llner Zach\u00e4us praktizierte, indem er spontan die H\u00e4lfte seines Verm\u00f6gens mit den Armen teilte. Im heutigen Politjargon geht es in die Richtung einer \u201eErbschaftssteuer\u201c. Was das Evangelium wieder einmahnt ist eine \u00c4nderung der sozio-\u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse, wo nicht l\u00e4nger Reiche auf Kosten von Armen leben, sondern Reiche beginnen, ihren Reichtum mit anderen zu teilen. Heute sagen wir: Es braucht einen starken Sozialstaat, der zu einer gerechten Verteilung von Lebenschancen beitr\u00e4gt, wo niemand mehr Not leiden muss und jeder und jede sich mit ihren F\u00e4higkeiten und Talenten gut einbringen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, 1.10.2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Matth\u00e4us.jpg' class='thumbnail' \/>Eine politische Lekt\u00fcre von Matth\u00e4us 21,28-32 In dieser Stelle aus dem Matth\u00e4usevangelium f\u00e4llt zun\u00e4chst auf, dass Jesus seine Worte bewusst an die Hohenpriester und \u00c4ltesten des Volkes richtet. Sie waren die M\u00e4chtigen. Sie waren verantwortlich f\u00fcr den Weinberg. Der Weinberg wiederum ist ein Symbol f\u00fcr die Gesellschaft. 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