{"id":3035,"date":"2017-12-03T05:15:27","date_gmt":"2017-12-03T05:15:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3035"},"modified":"2026-02-02T14:12:27","modified_gmt":"2026-02-02T14:12:27","slug":"bischofsweihe-mit-freude-und-erwartungen-und-einigen-wenigen-ambivalenten-stimmungen-verbunden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3035","title":{"rendered":"Bischofsweihe \u2013 mit Freude und Erwartungen und einigen wenigen ambivalenten Stimmungen verbunden"},"content":{"rendered":"<p><strong>Freude \u00fcber den Bischof<\/strong><\/p>\n<p>In den letzten Wochen habe ich in meinem Umfeld immer wieder mit Freude, Dankbarkeit und Hoffnung \u00fcber den neugeweihten Bischof Hermann erz\u00e4hlt. In vielen Religionsstunden konnte ich mit den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern dar\u00fcber sprechen \u2013 und ein Sch\u00fcler meinte gar: \u201eIch sehe, mein Religionsprofessor ist ein Fan von Bischof Hermann.\u201c \u201eGehen \u2013 heilen \u2013 verk\u00fcnden\u201c stand am Beginn von so mancher Religionsstunde an der Tafel und was es bedeutet, betrifft nicht nur den neuen Bischof, der diesen Wahlspruch w\u00e4hlte, sondern auch mich als Religionslehrer im Feld der Schule, die Katholische Aktion mit der Sendung in die verschiedenen gesellschaftlich-politischen Bereiche hinein, aber auch die jungen Menschen. Bischof Hermann wiederum setzte schon viele Signale, wo die besonderen Orte sind, wohin wir gehen sollten: Besonders an die R\u00e4nder der Gesellschaft. Programmatisch war sein Fr\u00fchst\u00fcck bei den Obdachlosen am Tag der Bischofsweihe. Die Bischofsweihe selbst war wieder gepr\u00e4gt von seiner sp\u00fcrbaren Herzlichkeit, seinem Engagement f\u00fcr die Armen, seinem Aufbrechen traditioneller Formen, das vor allem durch seinen k\u00fcnstlerischen Zugang sichtbar wird. Mit Bischof Hermann, so mein Ausgangspunkt, bekommt die Di\u00f6zese Innsbruck, in der ich in verschiedenen kirchlichen Funktionen t\u00e4tig bin, einen guten Hirten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich unter den 8000 Mitfeierenden bin, auch Teil des gro\u00dfen Jubels, im Herzen und den Gedanken formulieren sich in mir auch die bleibend kritischen Gedanken und Anfragen. Sie k\u00f6nnen durch die zahlreichen so positiven Elemente dieses Festes nicht zugedeckt werden. Die Feier in der Olympiahalle und die greifbare Aufbruchsstimmung, die Erfahrung einer gro\u00dfen Gemeinschaft ganz unterschiedlicher Menschen ist die eine Seite. Jetzt ist vielleicht nicht die Zeit, theologische Widerspr\u00fcchlichkeiten anzusehen oder die schon alt gewordenen Gedanken der Reformkr\u00e4fte in der Kirche, die vom Kirchenvolksbegehren, der Laieninitiative oder der Pfarrerinitiative l\u00e4ngst formuliert worden sind, aufzugreifen. Oder vielleicht doch? Warum nicht gerade jetzt? Weil es etwas sein k\u00f6nnte, was Bischof Hermann als ein \u201eweg von der kirchlichen Nabelschau, hin zu den Menschen\u201c (Interview, Dolomiten, 2.12.2017) bezeichnete. Meine Erfahrung mit der Kirche und vor allem im Gespr\u00e4ch mit den jungen Menschen zeigt mir: Ja zu dieser Hinwendung zu den Menschen, das brauchen wir als Kirche so dringend. Es sind gerade die Reformkr\u00e4fte in der Kirche, die diese Hinwendung leben und einfordern. F\u00fcr diese Hinwendung freilich braucht es auch den Mut und die Bereitschaft, kirchliche Strukturen kritisch zu betrachten und \u00c4nderungen einzufordern. Ich kenne keinen einzigen Sch\u00fcler und keine einzige Sch\u00fclerin, die Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr h\u00e4tte, dass Frauen in der katholischen Kirche eine Ordination verweigert wird. Im Gegenteil: Allein diese Tatsache f\u00fchrt dazu, dass sich Menschen von der Kirche abwenden und ihr fernbleiben \u2013 und damit die Kirche in ihrem Auftrag der Weltver\u00e4nderung schw\u00e4chen. Es gen\u00fcgt auch nicht auszudr\u00fccken, von der \u201eZerbrechlichkeit kirchlicher Berufungen\u201c zu wissen, ohne die Struktur des Z\u00f6libats in den Blick zu nehmen.<\/p>\n<p><strong>Das bisch\u00f6fliche Weihesakrament<\/strong><\/p>\n<p>Bei der Feier in der Olympiahalle sa\u00df in meiner N\u00e4he der evangelische Superintendent Olivier Dantine neben den Vertretern und Vertreterinnen von anderen Konfessionen und Religionsgemeinschaften. Es war ein sch\u00f6nes Zeichen der \u00d6kumene, dass von Dantine die zweite Lesung aus dem Epheserbrief vorgetragen wurde. \u00d6kumenisch denken, das hie\u00dfe aus evangelischer Sicht auf die Weihe zu blicken. Ein Blick auf die Geschichte und die Praxis der evangelischen Kirchen \u2013 wie dies im abgelaufenen Jubil\u00e4umsjahr zu 500 Jahre Reformation geschah \u2013 beinhaltet die Frage nach der Sakramentalit\u00e4t des Weihesakramentes. Martin Luther r\u00fcckte das \u201eallgemeine Priestertum\u201c aller Gl\u00e4ubigen ins Zentrum. Eine Trennung des Kirchenvolkes in Laien hier und Kleriker dort sollte aufgehoben werden. Die Gestaltung der Feier in der Olympiahalle milderte zum Gl\u00fcck den Eindruck von einer Trennung der Kirche in Laien hier und Kleriker dort. Die Geschichte der reformatorischen Kirche k\u00f6nnte heute folgende Anfrage stellen: Eine Ordination ist \u00a0ohne Weihe denkbar. Wenn der \u00f6kumenische Dialog ernsthaft stattfindet, muss und darf die lutherische Frage gestellt werden, ob eine Weihe tats\u00e4chlich dem Evangelium, der Botschaft und Praxis Jesu und der J\u00fcngerbewegung entspricht. Jesus hat J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger in den Dienst seiner Nachfolge berufen. Es gab die Handauflegung und die Salbung als \u00e4u\u00dfere Zeichen im Dienst der Nachfolge. Doch entspricht die Praxis, mit der dann sp\u00e4ter \u2013 nach der Konstantinischen Wende \u2013 M\u00e4nner geweiht und f\u00fcr kirchliche \u00c4mter bestimmt wurden \u2013 nicht eher dem Charakter des Opferpriestertums und einer herrschaftlichen Organisationsstruktur? Wird damit nicht eine Herrschaftskirche stabilisiert? Die jovialen Worte des Nuntius in seiner Ansprache verm\u00f6gen in meiner Erinnerung nicht die Kritik wegwischen, dass gerade in der Frage der Bischofsernennung die Struktur der Kirche so dringend einer Erneuerung bed\u00fcrfte. Es gen\u00fcgt nicht \u2013 so notwendig und befreiend es war \u2013 Jakob B\u00fcrgler f\u00fcr seine T\u00e4tigkeit als Di\u00f6zesanadministrator vielfach zu danken, wenn nicht zugleich das Prozedere einer Bischofsernennung ohne die Einbindung der Ortskirche endlich ver\u00e4ndert wird.<\/p>\n<p>Am Tag der Bischofsweihe stellen sich mir also wieder erneut die Fragen, die ich mir immer schon in den Jahren stellte, als ich selbst im Priesterseminar war und kurz vor der Priesterweihe stand. Wie kann das katholische Weiheverst\u00e4ndnis ver\u00e4ndert werden, ohne dass es verbunden werden k\u00f6nnte mit den magischen Elementen, die M\u00e4nner in gewisser Weise ontologisch ver\u00e4ndert, so dass sie mit einem unausl\u00f6schlichen Zeichen versehen als geweihte M\u00e4nner \u00fcber den Laien stehen? Wie sehr ist die Weihe mit mythisch-archaischen Elementen aufgeladen, die dann letztlich auch den Ausschluss von Frauen aus dem Priesteramt begr\u00fcnden k\u00f6nnten?<\/p>\n<p><strong>Feministischer Blickwinkel<\/strong><\/p>\n<p>Wenn wieder ein Mann von anderen M\u00e4nnern zum Bischof geweiht wird und viele andere M\u00e4nner \u2013 Priester und Diakone \u2013 im Zentrum des Geschehen stehen, so wirkt hier eine Geschichte des Patriarchats fort, die sicherlich nicht der jesuanischen Praxis und der fr\u00fchen Kirche entspricht. Frauen hatten sowohl in der Jesusbewegung sowie in den ersten Jahrhunderten f\u00fchrende und priesterliche Rollen ebenso wie die M\u00e4nner inne. Sie wirkten in den Gemeinden als Apostelinnen, Prophetinnen, Lehrerinnen, Priesterinnen, Diakoninnen oder Bisch\u00f6finnen. Im Jahr 2016 wurde Maria Magdalena in der katholischen Kirche als Apostelin anerkannt. Wenn Bisch\u00f6fe \u2013 so die traditionelle katholische Lehre \u2013 in der Kette der Sukzession auf die Apostel zur\u00fcckzuf\u00fchren sind, so sind sie auch auf die Apostelin Maria Magdalena zur\u00fcckzuf\u00fchren. Daraus folgt, dass es eigentlich logisch w\u00e4re, wenn in der Nachfolge der Apostelin Maria Magdalena es auch endlich einmal eine Bisch\u00f6fin in der katholischen Kirche geben w\u00fcrde, die wie der Heilige Martin oder der Heilige Nikolaus vom Volk erw\u00e4hlt wurde.<\/p>\n<p>Dass die katholische Kirche von der gleichberechtigten Stellung der Frauen noch ein gutes St\u00fcck entfernt ist, kristallisiert sich gerade in den Weihefesten und ganz besonders bei einer Bischofsweihe. Die Weihe geht von Mann zu Mann. Die Schar der Mitratr\u00e4ger ist m\u00e4nnlich. Es gen\u00fcgt wohl nicht, wenn Nuntius Zurbriggen in der Ansprache meinte, man m\u00fcsse weiterhin kr\u00e4ftig f\u00fcr Berufungen beten. Demgegen\u00fcber gilt: Man muss kirchliche Strukturen infrage stellen, die durch einen Ausschluss von Frauen aus den Priester\u00e4mtern und durch das Z\u00f6libat Berufungen verhindern. Aus diesem Blickwinkel ist eine Reform des Weiheverst\u00e4ndnisses notwendig. Eine Ablehnung der Weihe von Diakoninnen in der katholischen Kirche wird auch damit begr\u00fcndet, dass das Weiheamt dreigliedrig sei \u2013 Diakon, Priester, Bischof. Das w\u00fcrde also bedeuten: Wenn eine Frau zur Diakonin geweiht werden k\u00f6nnte, k\u00f6nnte sie \u2013 so der sakramentaltheologische Schluss \u2013 auch zur Priesterin und Bisch\u00f6fin geweiht werden.<\/p>\n<p><strong>Zeit der Freude<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht aber ist jetzt nicht die Zeit, die kritischen Dinge zu sehen, sondern all das Positive, was mit Bischof Hermann, seiner Person und der Art und Weise, wie seine Weihe gestaltet wurde. Es tat auch gut zu h\u00f6ren, dass die B\u00fcrgermeisterin einer Stadt, die bekannt wurde f\u00fcr Bettlerverbote und dem Schlafverbot f\u00fcr Obdachlose, so engagiert in ihren Worten die christlich-sozialen Verpflichtungen einmahnte. Die Person von Hermann Glettler strahlt aus. Der 2. Dezember 2017, Tag der Bischofsweihe von Hermann Glettler und Beginn des Advents, ich hoffe, dass er zum Tag wird, wo eine Kirche sichtbar wird, die so ganz in der Tradition des Evangeliums steht \u2013 und damit auch im Widerspruch zu so vielen Entwicklungen in dieser Welt. Wir brauchen eine Kirche, die den Mut zum Widerstand hat, wenn grundlegende Rechte von Menschen verletzt werden, wenn die Umwelt zerst\u00f6rt wird, wenn durch Aufr\u00fcstung der Frieden gef\u00e4hrdet wird. Da tut eine Versammlung von 8000 Menschen in der Innsbrucker Olympiahalle gut. Sie war tats\u00e4chlich auch eine Feier, in der sich die Kirche als Gemeinschaft pr\u00e4sentierte, die offen ist f\u00fcr Menschen, die zu uns gekommen sind, f\u00fcr Menschen, die in Not sind. Auch wenn so manches Kirchengehabe besonders im s\u00e4kularen Ort einer Olympiahalle noch mittelalterlicher wirkt, so wurde doch sichtbar. Eine andere Kirche ist m\u00f6glich und jetzt schon da. Wir sind Volk Gottes und nicht allein! Es braucht zugleich in der katholischen Kirche in der Frage der Gleichberechtigung und Demokratie Ver\u00e4nderungen, damit diese Kirche glaubw\u00fcrdiger und authentischer wird. M\u00f6ge dieser Aufbruch mit Bischof Hermann gelingen.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freude \u00fcber den Bischof In den letzten Wochen habe ich in meinem Umfeld immer wieder mit Freude, Dankbarkeit und Hoffnung \u00fcber den neugeweihten Bischof Hermann erz\u00e4hlt. In vielen Religionsstunden konnte ich mit den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern dar\u00fcber sprechen \u2013 und ein Sch\u00fcler meinte gar: \u201eIch sehe, mein Religionsprofessor ist ein Fan von Bischof Hermann.\u201c \u201eGehen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[183],"tags":[384,386,385],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3035"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3035"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3035\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12016,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3035\/revisions\/12016"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3035"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3035"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3035"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}