{"id":3095,"date":"2018-01-15T05:03:07","date_gmt":"2018-01-15T05:03:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3095"},"modified":"2022-08-22T07:39:37","modified_gmt":"2022-08-22T07:39:37","slug":"3095","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3095","title":{"rendered":"Heiliger Romedius und sein Umgang mit dem B\u00e4ren"},"content":{"rendered":"<p><strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3096 alignright\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Romedius_von_Tavon8-2.jpg\" alt=\"\" width=\"256\" height=\"726\" \/><\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><strong>Ein \u201eFreund\u201c in der N\u00e4he<\/strong><\/p>\n<p>Meine Nachbargemeinde Thaur feiert heute, 15. J\u00e4nner, ihren Dorfheiligen, den Hl. Romedius. Weil auf meinem 300-Jahre alten Nachbarhaus \u2013 wie an so vielen in meinem Umkreis \u2013 ein Fresko des Heiligen aufgemalt ist, weil die Romediuskapelle oberhalb von Thaur zum Umkehrpunkt meiner Laufstrecke z\u00e4hlt, weil ein Sch\u00fcler von mir eine Vorwissenschaftliche Arbeit \u00fcber Romedius schrieb und er selbst Romed hei\u00dft \u2026 weil mich also dieser Heilige tagt\u00e4glich irgendwie begleitet, z\u00e4hlt er zu meinen Alltagsfreunden und verdient es hiermit, auch im Facebook erw\u00e4hnt zu werden.<\/p>\n<p><strong>Ein Volksheiliger: Historisch und legendarisch<\/strong><\/p>\n<p>Der \u201eVolksheilige\u201c aus Thaur hat \u2013 wie so mancher Heilige und die einzige Heilige aus dieser Fr\u00fchzeit Tirols \u2013 nur wenig nachweisbare historische Anhaltspunkte. Weitaus st\u00e4rker sind die Legenden, in denen sich jeweils die Historizit\u00e4t und Glaubenskraft von Menschen verdichtet. Romedius wurde eigentlich nie von einem Papst kanonisiert, das hei\u00dft offiziell als Heiliger anerkannt. Seine Inthronisation in die Schar der Heiligen geschah vom Volk her, weshalb er in die Kategorie der Volksheiligen geh\u00f6rt. Um es in die heutige Sprachregelung zu bringen: Er wurde sozusagen demokratisch legitimiert. Das Volk wartete in diesem Fall nicht auf den Sanktus aus Rom, um ihren Heiligen zu sanktionieren.<\/p>\n<p>Das ist eine erste bleibende Botschaft aus der Besch\u00e4ftigung mit Romed: Wir m\u00fcssen nicht darauf warten, was der Papst sagt. Es z\u00e4hlt davor immer die Frage: Was sagt mir das eigene Gewissen? Das ist letztlich auch die gut-katholische Essenz kirchlicher Morallehre.<\/p>\n<p>Aus dem Blickwinkel der Reformation darf der Hinweis nicht fehlen, dass die Heiligenverehrung gerade in Tirol auch Ausdruck der Gegenreformation war. Hippolytus Guarinoni ist dort begraben, wo ich als Lehrer t\u00e4tig bin. Der Stiftsarzt aus Hall aus der ersten H\u00e4lfte des 17. Jahrhunderts lie\u00df in typisch gegenreformatorischer Absicht nicht nur die Karlskirche in Volders, meiner Schulkirche, erbauen, sondern hat zugleich eine F\u00fclle an Heiligenlegenden geschaffen oder neu niedergeschrieben. Dazu z\u00e4hlen vor allem die Legenden \u00fcber die Notburga aus Rattenberg sowie eben \u00fcber Romedius von Thaur und leider auch jene unselige Legende \u00fcber das Anderle von Rinn. Letztere hatte katastrophale Folgen und verst\u00e4rkte antisemitische und antij\u00fcdische Ressentiments. In zwei Tagen wird der Tag des Judentums gefeiert. Es wird auch wichtig sein, die Last der Vergangenheit nicht zu vergessen, um daraus jenes wirkm\u00e4chtige \u201eNie wieder!\u201c zu formulieren.<\/p>\n<p><strong>Der arm-gewordene Romedius: Auszug aus der Komfortzone<\/strong><\/p>\n<p>Historisches Faktum d\u00fcrfte sein, dass Romedius ein Adeliger war. Das Schloss oberhalb von Thaur, dessen Ruinen in den letzten Jahren liebevoll restauriert worden sind, wird mit Romedius in Verbindung gebracht. Die Ulrichskirche in Thaur weist noch heute darauf hin, dass Romedius aus einem bayrischen Adelsgeschlecht stammte. Augsburg wiederum war das Bistum des Hl. Ulrich. Die Vigilskirche in Thaur erinnert an das Bistum von Trient, in dem vor allem der Hl. Vigil verehrt wurde. Romedius soll beiden Bist\u00fcmern seinen ansehnlichen Besitz vermacht haben. Das alles d\u00fcrfte auf das fr\u00fche 11. Jahrhundert zur\u00fcckgehen, wie eine wissenschaftliche Untersuchung der Reliquien des Heiligen ergab.<\/p>\n<p>Sein Umgang mit Besitz und seine Einstellung zu den materiellen Reicht\u00fcmern ist die zweite bleibende Bedeutsamkeit von Romedius. Ein Krankheitssystem in den reichen Gesellschaften des Nordens ist die Affluenza. Die Reichen k\u00f6nnen nie genug kriegen. Wohlstandssicherung um jeden Preis lautet die Maxime. Romedius zeigt einen radikal anderen Weg. Wie Jesus und dann sp\u00e4ter Franz von Assisi w\u00e4hlt er einen Weg, frei von Besitz und Reichtum zu sein und das, was er hat, mit anderen zu teilen. Romedius wird zum kritischen Korrektiv f\u00fcr eine neoliberale Politik, in der zugunsten der Reichen der Sozialstaat kaputt gespart wird, in der Versicherungsleistungen in F\u00fcrsorgeleistungen umgebaut werden, Arbeitslosenprogramme gestoppt oder Ma\u00dfnahmen eingef\u00fchrt werden, bei der vor allem die Beg\u00fcterten profitieren.<\/p>\n<p><strong>Der gewaltfreie Romedius: Die Z\u00e4hmung des B\u00e4ren<\/strong><\/p>\n<p>Verbunden mit Besitzlosigkeit ist auch die F\u00e4higkeit zur Gewaltfreiheit. Reichtumswahrung f\u00fchrt zu Unfrieden, haben unz\u00e4hlige Heilige von Franz von Assisi bis Mahatma Gandhi immer wieder festgestellt. Die bekannteste Legende \u00fcber Romedius ist wie eine Lehrgeschichte \u00fcber Gewaltfreiheit und erinnert eins zu eins an die Z\u00e4hmung des Wolfes von Gubbio durch Franz von Assisi. Wie wir dem B\u00f6sen begegnen, das ist die dritte bleibende Botschaft aus der Vita des Heiligen von Thaur.<\/p>\n<p>Als Romedius mit zunehmendem Alter schw\u00e4cher wurde, nahm er sich ein Pferd zu Hilfe, um den oft beschwerlichen Weg bestreiten zu k\u00f6nnen. Eines Tages aber stand es auf der Weide und wurde dort von einem wilden B\u00e4ren angefallen. Dieser hat das Pferd g\u00e4nzlich zerrissen, so dass nichts mehr \u00fcbriggeblieben ist. David, Romedius Gef\u00e4hrte, suchte vergeblich nach dem Pferd. Schlie\u00dflich erhielt er von Romedius den Auftrag, den B\u00e4ren aufzuz\u00e4umen und ihm herbeizuf\u00fchren. Durch Romedius Zuspruch ist ihm das dann auch gelungen. Das wilde Tier gehorchte und fortan diente es dem Romedius. Auf zahme Weise begleitete es ihn auf seinem Weg nach Trient.<\/p>\n<p>Die Figur des B\u00e4ren stand in der b\u00e4uerlichen Kultur des fr\u00fchen Mittelalters jedenfalls f\u00fcr etwas Bedrohliches und Gef\u00e4hrliches. Die Matschgerer in meinem Dorf werden sehr bald wieder durch das Dorf und die Gasth\u00e4user ziehen. Zu ihrem Brauchtum z\u00e4hlt es, einen B\u00e4ren einzufangen. Der B\u00e4r steht f\u00fcr die zerst\u00f6rerischen Kr\u00e4fte in- und au\u00dferhalb von uns Menschen. Die Frage lautet freilich, wie begegne ich diesen Kr\u00e4ften. Will ich sie im Stile eines Gladiators niederringen und bek\u00e4mpfen? Dabei denke ich mit Erschaudern an den martialischen Einzug eines fahnenschwingenden Parteif\u00fchrers beim Auftakt des Landtagswahlkampfes im Congress in Innsbruck, wo Trommler ganz im Stil einer faschistoiden Dramaturgie ihren \u201eF\u00fchrer\u201c begleiteten. Muss der B\u00e4r \u2013 muss das B\u00f6se \u2013 get\u00f6tet werden? \u00a0In einer Bibelstelle, die in den liturgischen Texten zu Beginn des Jahres gelesen wird, stellt Johannes der T\u00e4ufer Jesus mit den Worten vor: \u201eSeht, das Lamm Gottes, das die S\u00fcnde der Welt hinwegnimmt.\u201c (Joh 1,29) Ein Lamm kann einen Wolf nicht bezwingen. Ein Lamm wird den B\u00e4ren nicht erledigen. Ein Lamm steht f\u00fcr den Weg des Gewaltverzichts. Im Evangelium lesen wir, dass das Lamm \u201edie S\u00fcnde der Welt hinwegnimmt\u201c. Gewaltverzicht ist eutopisch, hat einen guten Ausgang. Romedius bezwingt den B\u00e4ren nicht. Er macht ihn zu seinem Gef\u00e4hrten. Romedius freilich kann all dies nicht aus eigener Kraft. Er handelt mit der Kraft des Himmels.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, 15. J\u00e4nner \u2013 am Festtag des Hl. Romedius<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Romedius_von_Tavon8-2.jpg' class='thumbnail' \/>\u00a0Ein \u201eFreund\u201c in der N\u00e4he Meine Nachbargemeinde Thaur feiert heute, 15. J\u00e4nner, ihren Dorfheiligen, den Hl. Romedius. 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