{"id":3123,"date":"2018-02-13T07:50:00","date_gmt":"2018-02-13T07:50:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3123"},"modified":"2026-02-02T14:15:13","modified_gmt":"2026-02-02T14:15:13","slug":"die-nie-gehaltene-widerrede-von-markus-abwerzger","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3123","title":{"rendered":"Die nie gehaltene Widerrede von Markus Abwerzger"},"content":{"rendered":"<p>Der ORF-\u201eTirol heute\u201c-Beitrag \u00fcber eine Wahlkampfveranstaltung der Freiheitlichen im Olympischen Dorf in Innsbruck am 8. Februar war gleich mehrfach apokalyptisch im Sinne von aufdeckend. Da wagt es jemand vor laufender Kamera das Uns\u00e4gliche zu sagen. Warum nur traut sich in der Atmosph\u00e4re der Freiheitlichen der \u201estinkende Antisemitismus\u201c an die \u00d6ffentlichkeit? Glaubte der alte Mann etwa Verst\u00e4ndnis bei den Tiroler FP\u00d6-Funktion\u00e4ren Abwerzger und Federspiel zu finden? Er sei milit\u00e4risch bei der Hitlerjugend ausgebildet worden, da habe es noch Zucht und Ordnung gegeben, br\u00fcstete sich der sichtlich hasserf\u00fcllte 86-J\u00e4hrige. Sp\u00e4testens da schon h\u00e4tte ein schlagfertiger Politiker wie Abwerzger die rhetorisch rote Karte ziehen m\u00fcssen. Er ist ja nicht auf den Mund gefallen, wenn es darum geht, seine Erzfeinde anzugreifen, seien es die \u201eGutmenschen\u201c oder die \u201elinke Jagdgesellschaft\u201c. Wartet Abwerzger nun darauf, dass gesagt wird, was von den Freiheitlichen landauf landab auf ihren Wahlkampfplakaten propagiert wird: Dass Tirol im \u201eAsylchaos\u201c versinke, dass Unsicherheit herrsche, dass die Kriminalit\u00e4t gestoppt werden m\u00fcsse usw. usf.? Wartet er darauf, dass die Stimme des Volkes sich erhebt, auf die er sich so gerne beruft? Abwerzger nickt und l\u00e4sst reden. Ein Anwalt, dem nun keine Worte mehr einfallen? Sp\u00e4testens nach dem ersten Satz h\u00e4tte er dem Mann widerreden m\u00fcssen. W\u00fcrde einer meiner Sch\u00fcler solche \u00c4u\u00dferungen machen, es bliebe nicht bei einer harmlosen Antwort von \u201edas soll man aber auch nicht sagen\u201c. Angesichts der grauenvollen Worte m\u00fcsste der Widerspruch heftig sein und selbst jene, die nicht Jura studiert haben, wissen: Das waren \u00c4u\u00dferungen gegen die Verbotsgesetze nationalsozialistischer Wiederbet\u00e4tigung. Abwerzger h\u00e4tte sp\u00e4testens hier zur Gegenrede ansetzen m\u00fcssen und ich bin \u00fcberzeugt, der ORF h\u00e4tte es gebracht, wenn er gesagt h\u00e4tte:<\/p>\n<p>\u201eWas Sie jetzt daherbringen, ist gegen die NS-Verbotsgesetze der Republik \u00d6sterreich. Als Anwalt muss ich Sie davor warnen. So d\u00fcrfen nie mehr Juden und J\u00fcdinnen beleidigt werden. Solche Worte \u00fcber das j\u00fcdische Volk zu verwenden, ist zutiefst verwerflich. Und lassen Sie auch die Kirche aus dem Spiel. In unseren Kirchen und auf den Berggipfeln h\u00e4ngen und stehen die Kreuze, die daran erinnern: Der Jude Jesus wurde umgebracht, weil er als Jude f\u00fcr das Reich Gottes gelebt und gek\u00e4mpft hat. Sie schm\u00e4hen mit Ihren Worten auch Jesus. Er verk\u00fcndete die Botschaft der Gewaltfreiheit, die so gar nicht zu Ihrer milit\u00e4rischen Ausbildung in der Hitlerjugend passt. Ja, der Gegensatz k\u00f6nnte nicht gr\u00f6\u00dfer sein. Es erf\u00fcllt mich als Politiker mit Entsetzen, wenn es heute noch Menschen gibt, die so denken und reden wie Sie. Die Kirche, mit der Sie Ihren Antisemitismus auch noch rechtfertigen m\u00f6chten, hat sich zum Unterschied von Ihnen l\u00e4ngst f\u00fcr den vergangenen christlichen Antijudaismus entschuldigt. Wer die Juden wie Sie beleidigt, beleidigt auch das Christentum. Mir gefallen die Worte von Kardinal Sch\u00f6nborn, der einmal meinte: \u201aWer Christ sein will, muss sich der j\u00fcdischen Wurzeln seines Glaubens bewusst sein, muss sie lieben und hochsch\u00e4tzen.\u2018 Von Ihnen m\u00f6chte ich jedenfalls nicht gew\u00e4hlt werden. In unserer Partei haben Menschen mit nationalsozialistischem Gedankengut keinen Platz. Vielleicht gehen Sie aber nun besser da dr\u00fcben in die Kapelle. Sie ist auf einen der wirklich gro\u00dfen M\u00e4nner Tirols geweiht: Otto Neururer. Er ist \u00fcbrigens Opfer jener Zucht-und-Ordnung-Ideologie geworden, die Sie gerade glorifiziert haben.\u201c<\/p>\n<p>Der ORF-Beitrag von \u201eTirol heute\u201c h\u00e4tte, so bin ich \u00fcberzeugt, diese Widerrede in voller L\u00e4nge ausgestrahlt. So aber blieb das Cut, weil die schwache Antwort des FP\u00d6-Chefs letztlich nichtssagend war. Und wieder erleben wir seither das typische FP\u00d6-Spiel. Die Freiheitlichen stilisieren sich als Opfer von Journalistinnen und Journalisten. Die Opfer-T\u00e4ter-Umkehr erinnert eins zu eins an jenen m\u00e4chtigen Mann auf der anderen Seite des Atlantiks, der sich t\u00e4glich neu als Opfer der L\u00fcgenpresse aufplustert. Weil Abwerzger als Politiker in diesem Fall selbst versagt hat, schiebt er die Schuld auf jene, die seine Unschlagfertigkeit aufgedeckt haben. Nicht der ORF m\u00fcsste sich entschuldigen f\u00fcr diesen Beitrag, sondern Abwerzger h\u00e4tte sich zu entschuldigen, weil er zu wenig scharf reagiert hat. Ein Jurist m\u00fcsste den \u00a7 286 des StGB kennen, der die Unterlassung einer Verhinderung einer Straftat regelt. W\u00fcrde er angewandt, h\u00e4tte Abwerzger jedenfalls mehr tun m\u00fcssen als nicken und freundlich zuh\u00f6ren und schw\u00e4chlich widersprechen. Es mutet daher seltsam an, dass sich Helmut Krieghofer als ORF-Tirol-Chef nun von diesem Beitrag distanziert und seine Redakteurin kritisiert, anstatt der freiheitlichen Zensurstrategie zu entgegnen.<\/p>\n<p>Als Theologe, Religionslehrer und Vorsitzender der Katholischen Aktion der Di\u00f6zese Innsbruck hat mich in besonderer Weise emp\u00f6rt, dass der Mann mit der Aussage \u201ewie damals in der Kirche\u201c seinen rassistischen Sager auch noch mit Bezug auf die Kirche rechtfertigen wollte. Der christlich verbr\u00e4mte Antijudaismus wurde im Zweiten Vatikanischen Konzil verurteilt und seither haben sich die P\u00e4pste immer wieder mit Worten und Zeichen gegen jegliche Form des Antijudaismus und Antisemitismus gestellt. Erinnert sei in diesem Zusammenhang auch an Bischof Reinhold Stecher, dem es ein gro\u00dfes Anliegen war, im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Ritualmordlegenden die Wunden des christlichen Antijudaismus in unserem Land zu heilen. Heute werden in der theologischen Aus- und Weiterbildung, in der Verk\u00fcndigung und im Religionsunterricht sowie in der interreligi\u00f6sen Zusammenarbeit bewusst die gemeinsamen j\u00fcdisch-christlichen Wurzeln betont. Heute braucht es die klare kirchliche Widerrede \u00fcberall dort, wo gruppenbezogene Menschenfeindlichkeiten gen\u00e4hrt und artikuliert werden, sei es gegen\u00fcber J\u00fcdinnen und Juden, gegen\u00fcber Muslimen, Asylsuchenden oder Menschen mit einer anderen sexuellen Orientierung. Gerade in Wahlkampfzeiten ist diesbez\u00fcglich h\u00f6chste Sensibilit\u00e4t geboten. Es ist daher bedenklich, wenn auf einigen Wahlplakaten mit Angstparolen rhetorische Hetzjagd auf Asylsuchende oder Ausl\u00e4nder gemacht wird. Tirol hat eine andere Zukunft verdient. Ein Land, wo nie mehr J\u00fcdinnen und Juden beleidigt, sondern in Schutz genommen werden. Ein Land, das sich dankbar des Widerstands von M\u00e4nnern und Frauen wie Schwester Autsch, Otto Neururer oder Jakob Gapp erinnert. Ein Land, in dem keine deutschnationalen Burschenschafterlieder gesungen werden, sondern Lieder des Friedens und der Vers\u00f6hnung. Ein Land, wo Fl\u00fcchtlingen die Chance auf eine neue Heimat gegeben wird. Ein Land, wo Menschen nicht mit Neidparolen aufeinander gehetzt werden, sondern in Frieden miteinander leben k\u00f6nnen. So etwas k\u00f6nnte dann ein wenig als \u201eHeiliges Land\u201c bezeichnet werden.<\/p>\n<p>Dr. Klaus Heidegger, 13. Februar 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der ORF-\u201eTirol heute\u201c-Beitrag \u00fcber eine Wahlkampfveranstaltung der Freiheitlichen im Olympischen Dorf in Innsbruck am 8. Februar war gleich mehrfach apokalyptisch im Sinne von aufdeckend. Da wagt es jemand vor laufender Kamera das Uns\u00e4gliche zu sagen. 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