{"id":3142,"date":"2018-02-27T21:08:12","date_gmt":"2018-02-27T21:08:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3142"},"modified":"2026-02-02T14:14:09","modified_gmt":"2026-02-02T14:14:09","slug":"esther-ermutigungen-zum-purimfest-2018","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3142","title":{"rendered":"Esther \u2013  Ermutigungen zum Purimfest 2018"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Bibel: \u201eViel-Stimmen-Buch\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Am liebsten nehme ich die Bibel mit in meinen Unterricht. Sie ist mir liebgewonnene Begleiterin im Schulalltag: Nicht um die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler mit biblischen Geschichten zu indoktrinieren, sondern damit sie selbst anhand dieser Erz\u00e4hlungen ihr eigenes Leben und gesellschaftliche Vorg\u00e4nge deuten k\u00f6nnen. Es stimmt, was der Dichter Kurt Marti \u00fcber das Buch der B\u00fccher formulierte:<\/p>\n<p>\u201eViel-Stimmen-Buch also,<br \/>\ngeselliges Buch<br \/>\n(geselligstes der Weltliteratur!):<br \/>\nin ihm wird<br \/>\ndie EINE,<br \/>\ndie verl\u00e4ssliche Stimme<br \/>\nder geselligen Gottheit laut.\u201c<\/p>\n<p>Dabei achte ich im Unterricht darauf, dass das Erste Testament als Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis des Neuen Testaments ausreichend Platz findet. Der Gro\u00dfteil der biblischen Schriften ist den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern allerdings fremd. Diese Fremdheit kann einerseits Ablehnung bedeuten. Fremdheit kann zweitens aber auch Neugier wecken, weil es viel Neues zu entdecken gilt. Manche Geschichten eignen sich besonders, um die biblischen Grundaussagen herauszuarbeiten. Eine davon ist das Buch Esther, das so kurz ist, um auch im Unterricht als Ganzes gelesen zu werden. Das heutige Purimfest (28.2.\/1.3.2018) ist der Anlass, dies\u00a0 zu tun.<\/p>\n<p><strong>Esther im biblischen Kanon<\/strong><\/p>\n<p>In der hebr\u00e4ischen Bibel z\u00e4hlt dieses Buch zu den Schriftrollen (Megillot), die wie das Buch Rut, Hohes Lied, Kohelet und Klagelieder zu bestimmten Festtagen gelesen werden. Das Buch Esther z\u00e4hlt zu den Weisheitserz\u00e4hlungen. Die Estherrolle ist im 3. Jahrhundert v. Chr. in der j\u00fcdischen Diaspora entstanden. Das Volk Israel war im Exil und unter Fremdherrschaft.<\/p>\n<p><strong>Skizzen der Esther-Geschichte<\/strong><\/p>\n<p>Ort der Handlung ist Susa, die persische Hauptstadt. Es ist das Jahr 355 vor Christus. Der Jude <strong>Mordechai<\/strong> lebte dort. Er erf\u00e4hrt von einem Anschlag auf den persischen <strong>K\u00f6nig Achaschverov<\/strong>. Er soll vergiftet werden. Mordechai warnt den K\u00f6nig. Die Attent\u00e4ter werden verhaftet. Mordechai soll belohnt werden. <strong>Haman<\/strong> war der Auftraggeber f\u00fcr das Attentat, doch bleibt es verborgen. <strong>Esther<\/strong> \u2013 die Nichte von Mordechai \u2013 also auch eine J\u00fcdin \u2013 wird als K\u00f6nigin ausersehen. Haman wird zum wichtigsten Minister ernannt. Er f\u00fchrt ein gewaltt\u00e4tiges Regime. Mordechai widersetzt sich dieser Herrschaft. Haman m\u00f6chte nun Mordechai und mit ihm alle Juden t\u00f6ten lassen und klagt sie des Aufruhrs an. Der K\u00f6nig stimmt zu, dass sie get\u00f6tet werden. Esther erf\u00e4hrt von diesem Plan durch Mordechai. Sie d\u00fcrfte nicht zum K\u00f6nig gehen. Das w\u00e4re Gehorsamsverweigerung, worauf die Todesstrafe steht. Esther jedoch tut es trotzdem. Der K\u00f6nig h\u00f6rt ihr zu und geht auf ihren Plan ein, gemeinsam mit Mordechai zu einem Essen zu kommen. Der K\u00f6nig erinnert sich an Mordechai, der ihm das Leben gerettet hatte. Er m\u00f6chte ihm nun seine Dankbarkeit erweisen. Er soll auf einem k\u00f6niglichen Pferd und in purpurnem Gewand in die Stadt reiten. Der K\u00f6nig und Haman sind beim Essen bei Esther. Aus Dankbarkeit verspricht ihr der K\u00f6nig, alles zu geben, was sie sich w\u00fcnscht. Esther erz\u00e4hlt dann, dass sie selbst J\u00fcdin sei und ihr Leben wie das Leben des ganzen j\u00fcdischen Volkes wegen Haman in Gefahr sei. Darauf wird Haman bestraft und Mordechai wird zum Minister ernannt. Das j\u00fcdische Volk wird vor dem Genozid gerettet.<\/p>\n<p><strong>Widerstand gegen Sexismus<\/strong><\/p>\n<p>Hinter dieser einfachen Geschichte, die sich eignet, auch in der Volksschule zu erz\u00e4hlen, steckt zugleich das Aufdecken eines Systems des Sexismus und der Gewalt, was freilich eine reifere Reflexion voraussetzt. Bevor Esther in den Mittelpunkt r\u00fcckt, wird im ersten Kapitel folgende Situation geschildert. Der persische K\u00f6nig regiert autokratisch auf seinem Thron und l\u00e4sst sich opulent feiern. Als ein Teil dieser Feier soll sich die sch\u00f6ne K\u00f6nigin Waschti vor den versammelten M\u00e4nnern entbl\u00f6\u00dfen. Da hei\u00dft es: \u201eAber die K\u00f6nigin Waschti weigerte sich.\u201c Sie beweist ihre Widerst\u00e4ndigkeit und Eigenst\u00e4ndigkeit gegen den K\u00f6nig. Der weibliche Widerstand soll \u2013 so die m\u00e4chtigen M\u00e4nner \u2013 aber gebrochen werden. Ein weiterer Aspekt der M\u00e4nnergewalt wird sichtbar, als der K\u00f6nig anordnet, die sch\u00f6nen M\u00e4dchen einzufangen, um unter ihnen eine neue K\u00f6nigin zu finden. Es soll eine Art \u201ePersia\u2019s Next Topmodel\u201c stattfinden, wobei die Frauen dies freilich nicht freiwillig machen. Esther wird dann ausgew\u00e4hlt und in gewisser Weise zur Anpassung gezwungen. Allm\u00e4hlich aber gelingt es ihr, zwar nicht mit jener Klarheit wie Waschti, die herrschaftlichen Gewaltverh\u00e4ltnisse zu durchbrechen, wodurch sie zur Befreierin ihres Volkes wird.<\/p>\n<p><strong>Bleibende Aspekte dieser Geschichte<\/strong><\/p>\n<p>Die Geschichte des j\u00fcdischen Volkes ist gepr\u00e4gt von Verfolgung bis hin zu Pogromen und dem Genozid in der Schreckenszeit des Nationalsozialismus. In dieser Geschichte gab es stets zugleich M\u00e4nner und Frauen, die sich wie Mordechai nicht geb\u00fcckt haben, sondern bereit zum Widerstand waren. Es gab auch jene Frauen, die als Tricksterinnen bezeichnet werden k\u00f6nnen, weil sie mit Klugheit und List ihr Volk vor Gewalttaten gerettet und in Befreiung gef\u00fchrt haben. Daf\u00fcr stehen beispielsweise die Hebammen Schiphra und Pua am Beginn der Exoduserz\u00e4hlung, Mirjam, die dem Volk Israel beim Auszug aus \u00c4gypten voranging, Tamar, die sich nicht mit einer Opferrolle abfand, Ruth, die Br\u00fccken zwischen den Ethnien baute \u2013 und eben auch Esther.<\/p>\n<p>Das Buch ermutigt, wie Mordechai nicht den ungerechten Machthabern Gehorsam zu leisten, sondern R\u00fcckgrat zu zeigen, wenn andere gebeugt werden sollen. Mordechai ist wie ein Hans Scholl, Willi Graf oder Christoph Probst, die als Mitglieder der Wei\u00dfen Rose vor 75 Jahren aufgestanden sind gegen das nationalsozialistische Regime. Esther ist wie Sophie Scholl. Sie waren bereit, in einer aussichtslosen Lage ihr Leben f\u00fcr andere hinzugeben<\/p>\n<p><strong>Kritische Distanz<\/strong><\/p>\n<p>Das Ende der Esther-Geschichte braucht zugleich eine kritische Distanzierung. Haman landet am\u00a0 Galgen, den er f\u00fcr Mordechai vorgesehen hatte. Tausende Perser werden hingerichtet. Rache ist aber nicht die Handschrift Gottes. Gott ist Barmherzigkeit. In diesem Sinne m\u00fcssen wir uns im Kopf von Gewaltphantasien befreien. Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn Haman Gelegenheit zu Umkehr gegeben w\u00fcrde, und wir br\u00e4uchten jene Geschichten, die nicht mit Sieg-Niederlage, sondern mit Vers\u00f6hnung enden.<\/p>\n<p><strong>Mit der Purimrassel den Antisemitismus vertreiben<\/strong><\/p>\n<p>Beim Purimfest werden heute kr\u00e4ftig Rasseln verwendet. Mit dem L\u00e4rm soll das B\u00f6se vertrieben werden. W\u00e4hrend der Lesung aus dem Buch Esther darf man beim Wort\u00a0\u201eHaman\u201c\u00a0seine L\u00e4rminstrumente einsetzen und den Baal Kore, das ist der Tora-Leser, \u00fcbert\u00f6nen. Neben dem wirkungsvollen Einsatz des Raschan \u2013 hebr\u00e4isch f\u00fcr Rassel \u2013 darf getrampelt werden, zuweilen mit Schuhen, auf deren Sohle das Wort\u00a0\u201eHaman\u201c geschrieben ist, in manchen Gemeinden wird mit Topfdeckeln geschlagen, Steine werden aneinander geklopft, Ziegelsteine mit dem Wort\u00a0\u201eHaman\u201c\u00a0werden solange aneinander gerieben, bis der Name verschwunden ist. In diesem Ritual geht es darum, dass die Taten des Feindes nicht weiterhin wirksam sein m\u00f6gen. Daher k\u00f6nnen sich J\u00fcdinnen und Juden freuen, dass sie gerettet wurden. Sie verkleiden sich wie zu einem fr\u00f6hlichen Fest. Es wird gesungen und getanzt.<\/p>\n<p>Heute m\u00f6gen auch in unserem Land die Rasseln laut erklingen, damit Antisemitismus und Antijudaismus nie mehr sein m\u00f6gen. Die j\u00fcdischen Lieder sollen erklingen und endlich die Grauslichkeiten aus deutschnationalen Liederb\u00fcchern verschwinden.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, zum Purimfest, 28.2.2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bibel: \u201eViel-Stimmen-Buch\u201c Am liebsten nehme ich die Bibel mit in meinen Unterricht. Sie ist mir liebgewonnene Begleiterin im Schulalltag: Nicht um die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler mit biblischen Geschichten zu indoktrinieren, sondern damit sie selbst anhand dieser Erz\u00e4hlungen ihr eigenes Leben und gesellschaftliche Vorg\u00e4nge deuten k\u00f6nnen. 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