{"id":3335,"date":"2018-06-29T07:04:31","date_gmt":"2018-06-29T07:04:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3335"},"modified":"2022-08-22T07:39:35","modified_gmt":"2022-08-22T07:39:35","slug":"3335","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3335","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>Brief an Saulus anl\u00e4sslich seines Festtages, 29. Juni 2018<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3336 alignright\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Paulus.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"292\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lieber Saulus,<\/p>\n<p>Weil du mir vor allem \u00fcber Briefe vertraut geworden bist, schreibe ich dir auch am heutigen Festtag einen Brief. Meine Anrede d\u00fcrfte dich schon etwas verwundern, schreibe ich dir doch als europ\u00e4ischer Christ aus dem \u201eAbendland\u201c, in dem du \u00fcblicherweise als Paulus angesprochen wirst. Selbst im Unterricht \u2013 ich bin Religionslehrer an einem Oberstufengymnasium \u2013 beginne ich bei der Themeneinf\u00fchrung \u00fcber dich gerne mit der Frage: \u201eWas wisst ihr denn \u00fcber den Apostel Saulus?\u201c Die Sch\u00fclerinnen glauben zun\u00e4chst, ich h\u00e4tte mich versprochen, und manch einer antwortet: \u201eMeinen Sie nicht den Apostel Paulus?\u201c \u201eIst es der, der vom Saulus zum Paulus wurde?\u201c Und schon bin ich mitten im Thema, kann beginnen von dir zu erz\u00e4hlen, deinem J\u00fcdischsein, das so typisch f\u00fcr dich war. Ich erz\u00e4hle dann davon, wie du aufgewachsen bist in Tarsus in einer Diasporagemeinde, benannt nach einem der ganz Gro\u00dfen des Judentums, als Pharis\u00e4er gebildet in Jerusalem, wie du dich zugleich mit den j\u00fcdischen Erneuerungsgedanken des Jeschua und seiner Nachfolger Stephanus, Mirjam, Simon, Jakobus und wie sie alle hie\u00dfen auseinander gesetzt hast. Als Jude und Pharis\u00e4er hast du gesp\u00fcrt und gewusst, was sich dann im Damaskuserlebnis kristallisierte: Ja, dieser Zimmermann aus Nazareth \u2013 von Beruf ein Pharis\u00e4er und Handwerker wie du \u2013 zeigt uns, wie das Reich der Himmel funktionieren k\u00f6nnte, wie das Volk Jahwes sich in einer enormen Unterdr\u00fcckungssituation neu bilden konnte, wovon auch die Propheten immer schon tr\u00e4umten. Mit Blick auf eine schreckliche antisemitische und antij\u00fcdische Vergangenheit \u2013 mit ewiggestrigen Resten in der Gegenwart \u2013 ist es mir im Kontext von Schule und Bildungsarbeit wichtig, von einem \u201eSaulus zu Paulus\u201c-Denken wegzukommen, weil damit die Konnotation verbunden ist, von einem Judesein zu einem Christsein, mit dem heute umgangssprachlich gemeint ist: Vom B\u00f6sen zum Guten.<\/p>\n<p>Ich bin dir, Saulus-Paulus, so dankbar f\u00fcr die morgenl\u00e4ndischen jesuanisch-j\u00fcdischen Werte, die in unserem Abendland oft von Leistungsfixierung, Konkurrenz, Gier, Konsumismus, Gewaltverherrlichung, Gottlosigkeit und Egoismus verdr\u00e4ngt werden. Du, Saulus-Paulus, stehst mit deinem Doppelnamen, deinen gro\u00dfartigen Briefen und deinem Leben f\u00fcr das Verbindende zwischen den Kulturen und Religionen, konkret f\u00fcr die Verbindung von Orient und Okzident. Die Konfliktlinien der Vergangenheit, die im Laufe der Jahrhunderte so oft\u00a0als Clash of Civilizations Anlass f\u00fcr Kriege und Feindschaft waren, werden in der Gegenwart von den Rechtspopulisten in Form eines plumpen Antiislamismus neu instrumentalisiert. Du, Saulus, bist ein Anwalt daf\u00fcr, das J\u00fcdische an unserem Christlichsein nicht zu vergessen, denn es ist \u2013 wie du selbst geschrieben hast \u2013 unser Rebstock und unsere Wurzel. Weil du selbst in der Multikulti-Stadt Tarsus aufgewachsen bist, als Jude inmitten von Griechen und R\u00f6mern, selbst R\u00f6mer und Jude, wurdest du zum V\u00f6lkerverbinder und lie\u00dft deine Erfahrungen \u2013 keine sch\u00f6ne Theorie nur \u2013 in dem Satz Gestalt werden \u201ees gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht mehr &#8230; denn ihr seid alle eins &#8230;\u201c Von diesem Geist der Akzeptanz und Toleranz, des Dialogs mit den Anderen und der Freude \u00fcber die Verschiedenheit k\u00f6nnte unser Europa gestaltet werden, das vor\u00a0\u00a0allem wegen dir als christliches Abendland bezeichnet worden ist.<\/p>\n<p>So vieles mehr verbinde ich mit dir und deinem Leben. Ich stelle mir vor, wie du als Jude in Damaskus die j\u00fcdische Gemeinschaft von Menschen entdeckt hast, die in der Nachfolge Jesu das Brot teilten und f\u00fcreinander sorgten. Obwohl du sie verfolgt hast, oder vielleicht gerade deswegen, haben sie den vom Pferd Gest\u00fcrzten aufgenommen. Ihre Feindes- und N\u00e4chstenliebe hat dich wohl \u00fcberzeugt, dass die Auferstehung Jesu kein leeres Geschw\u00e4tz ist, sondern konkrete Eutopie.<\/p>\n<p>Ich sehe dich als Charismatiker, dem es zugleich gelang, im ehrlichen theologischen Disput mit Petrus zu einer gro\u00dfen Einigung auf dem Apostelkonzil zu kommen. Mein Lieblingsbild ist jenes alte Fresko, wo du Wange an Wange mit dem Petrus abgebildet bist, eine Einheit in der Verschiedenheit und eine Vers\u00f6hnung, die ich mir auch f\u00fcr die christlichen Kirchen heute w\u00fcnsche. Meine Kirche, die katholische, braucht deinen charismatischen Eifer und du sollst nicht l\u00e4nger vor den Mauern\u00a0Roms begraben sein. Mein Lieblingstext bleibt jener aus deinem ersten Brief an die Korinther, in dem du so wunderbar \u00fcber die Liebe schreibst. Du konntest wahrscheinlich auch nur so schreiben, weil du selbst die Erfahrung von Verliebtsein und Liebe kanntest. Das macht dich f\u00fcr mich noch sympathischer.<\/p>\n<p>Dein \u201eSaulus-Sch\u00fcler\u201c und Paulus-Fan,<br \/>\nKlaus<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Paulus.jpg' class='thumbnail' \/>Brief an Saulus anl\u00e4sslich seines Festtages, 29. Juni 2018 &nbsp; Lieber Saulus, Weil du mir vor allem \u00fcber Briefe vertraut geworden bist, schreibe ich dir auch am heutigen Festtag einen Brief. 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