{"id":3344,"date":"2018-08-09T06:30:57","date_gmt":"2018-08-09T06:30:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3344"},"modified":"2023-06-13T13:00:00","modified_gmt":"2023-06-13T13:00:00","slug":"mit-den-rennraedern-entlang-des-camino-radpilgern-von-absam-nach-santiago-de-compostela","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3344","title":{"rendered":"Mit den Rennr\u00e4dern entlang des Camino \u00a0\u2013 Radpilgern von Absam nach Santiago de Compostela"},"content":{"rendered":"<p><strong><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3348 alignleft\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Jakob-Camino-10.jpg\" alt=\"\" width=\"253\" height=\"444\" \/>Tag 1: Sonntag, 8. Juli 2018, Ultreia!<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><strong>Absam<\/strong><\/p>\n<p>Ein schon traditioneller Satz lautet: Der Jakobsweg beginnt dort, wo du zuhause bist. Tats\u00e4chlich gibt es viele Pilgerinnen und Pilger, die ihren Weg nach Santiago de Compostela bei ihrer Haust\u00fcre beginnen lassen, f\u00fcr die meisten von ihnen ist es ein Lebensprojekt, 100 Kilometer in diesem Jahr, 100 im n\u00e4chsten usw., aufgeteilt auf viele Lebensjahre. F\u00fcr meinen Sohn Jakob und mich soll der Jakobsweg auch bei der Haust\u00fcre beginnen. F\u00fcr uns hat diese Dimension noch eine zus\u00e4tzliche Bedeutung, da wir in der Bachgasse in Absam selbst am Jakobsweg liegen, der \u00fcber Gnadenwald und vorbei an unserer Heimatkirche zum Innsbrucker Dom \u2026 ja, und weiter bis nach Spanien f\u00fchrt. \u00dcber dieses Teilst\u00fcck hat Jakob seine Fachbereichsarbeit zur Matura geschrieben. Wir haben uns f\u00fcr die Rennr\u00e4der entschieden und die Option, den ganzen Camino in einem St\u00fcck zu machen. Schon lange tr\u00e4umte ich davon. Meine Kinder sind nun gro\u00df und gehen ihre eigenen Wege. Jakob hat nach seinem Bachelor-Abschluss etwas mehr Zeit. Erst in den letzten zwei Tagen vor der Abfahrt, also nach meinem Schulschluss, finden wir Zeit f\u00fcr die Vorbereitungen. Jakob hat die ganze Strecke auf seinen Garmin-Radcomputer unter Zuhilfenahme von GOOGLE-Maps geladen und in 15 Tagesetappen eingeteilt. F\u00fcr knapp 2500 Kilometer ein ambitioniertes Ziel. Dabei folgt Jakob der Pr\u00e4misse, eine Route zu finden, die m\u00f6glichst exakt dem Jakobsweg folgt und dennoch mit Rennr\u00e4dern befahrbar ist \u2013 ohne aber Fu\u00dfpilgernde auf ihren Wegen zu st\u00f6ren und m\u00f6glichst ohne Ber\u00fchrung mit gro\u00dfen Stra\u00dfen. Die Unterk\u00fcnfte f\u00fcr die ersten f\u00fcnf Etappenorte \u2013 Feldkirch, Fl\u00fceli, Romont, Belley und Tence \u2013 sind im Voraus gebucht. Danach werden wir uns auf die klassischen Pilgerherbergen verlassen.<\/p>\n<p><strong>Jakobsdom in Innsbruck<\/strong><\/p>\n<p>Unsere erste Station an diesem fr\u00fchen Sonntagmorgen war der Innsbrucker Dom St. Jakob. Die legend\u00e4re und geschichtstr\u00e4chtige Statue des Kirchenpatrons an der Spitze der barocken Westfassade ist momentan unter dem Ger\u00fcst der Renovierungsarbeiten verschwunden. Ich nehme dieses Bild einer renovierungsbed\u00fcrftigen Kirche mit auf den Weg als Hoffnungsbild: Dass die Erinnerung an den Apostel Jakobus unsere Kirche erneuern m\u00f6ge \u2013 allerdings die Erinnerung an einen Mann, der als einer der ersten und engsten J\u00fcnger Jesu sich nie und nimmer eignen lassen w\u00fcrde f\u00fcr eine gewaltsame Auslegung der Nachfolge Jesu. Der Donnersohn war sicherlich zornig und w\u00fctend angesichts der r\u00f6mischen Besatzungspolitik Pal\u00e4stinas und er d\u00fcrfte vor den Erfahrungen mit der Jesusbewegung gepr\u00e4gt von den zelotischen Gedanken einer gewaltsamen Befreiung gewesen sein. Dann aber lernte auch Jakobus wie sein Bruder Johannes in der Gemeinschaft mit Jesus die Kraft der Gewaltfreiheit kennen. In all den Schl\u00fcsselszenen der Evangelien tritt Jakob der \u00c4ltere in Erscheinung, so bei der Verkl\u00e4rung Jesu. Er starb nicht mit dem Schwert in der Hand, sondern als M\u00e4rtyrer des Glaubens. So passt er zu Otto Neururer und Jakob Gapp, die heute im Innsbrucker Dom verehrt werden, nicht aber zu den Erzherz\u00f6gen der Habsburger, deren Denkmal ebenfalls die Innsbrucker Kathedralkirche ertragen muss, schon gar nicht zu Erzherzog Eugen, dem Oberbefehlshaber im Ersten Weltkrieg, dessen Grabplatte ich k\u00fcrzlich meinen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern bei einer Exkursion im Dom als Beispiel daf\u00fcr zeigte, wie Religion f\u00fcr kriegerische Zwecke missbraucht werden kann. Jakobus als Anf\u00fchrer der christlichen Heere gegen die Muslime, wie dies im Stile der barocken Illusionsmalerei im Deckenfresko oberhalb der Apsis dargestellt wird, kann seine Grundlage nicht im Evangelium haben, sondern ist Ausdruck f\u00fcr immer wiederkehrende Verdrehung der christlichen Grundbotschaft, wie es die Rechtspopulisten mit ihren islamophoben \u00c4u\u00dferungen heute betreiben.<\/p>\n<p><strong>Der andere Jakob<\/strong><\/p>\n<p>Um 6:30 morgens ist die Luft noch klar und frisch, die Sommersonne ist etwas von Wolken verborgen. Das erste Schild am Domplatz mit der Aufschrift \u201eJakobsweg\u201c weist uns den Weg. Noch ist kein Tourist vor dem Goldenen Dachl, an dessen Hauswand eine Tafel an einen anderen Jakob erinnert, der so viel mit dem Apostel Jakob gemeinsam hat: Jakob Huter, der mir in vielem ein gro\u00dfes Vorbild ist. Wie sein Namenspatron starb er als M\u00e4rtyrer, wurde von jenen Herrschaften, deren Grabm\u00e4ler im Dom zu St. Jakob sind, 1536 verurteilt, gefoltert und vor dem Goldenen Dachl verbrannt, weil er nichts anderes wollte, als wie sein Namenspatron radikal nach dem Evangelium Jesu Christi zu leben in G\u00fctergemeinschaft und Gewaltverzicht. Einmal habe ich dazu ein kurzes Theaterst\u00fcck geschrieben, das vor dem Goldenen Dachl aufgef\u00fchrt worden ist.<\/p>\n<p>Ein Obdachloser rollt sich in den Lauben der Altstadt seine Unterlage zusammen. Freundlich frage ich ihn, wie er geschlafen hat. &#8222;Wias holt oanem geat, der auf der Stro\u00dfn isch&#8230;&#8220;, antwortet er h\u00f6flich-traurig. Ich denke an die Bettel- und Schlafverbote-Diskussion, an Bischof Hermann, der sich gegen die Schlafverbote in der Altstadt aussprach. Auch der Apostel Jakobus w\u00e4re als &#8222;Wandercharismatiker&#8220; wohl in den Konflikt mit den Innsbrucker Beh\u00f6rden gekommen.<\/p>\n<p><strong>Jakobsweg durchs Oberinntal<\/strong><\/p>\n<p>Mit unseren Rennr\u00e4dern w\u00e4hlen wir zun\u00e4chst den Weg \u00fcber die B 171 bis Stams \u2013 mit hohem Tempo und hoher Puls- und Trittfrequenz, da wir ja noch so frisch sind. Der Fu\u00dfjakobsweg Via Tirolensis w\u00e4re auf der s\u00fcdlichen Innseite und w\u00fcrde \u00fcber Inzing gehen, wo ebenfalls in einer Darstellung aus dem 18. Jahrhundert eine siegreiche Schlacht gegen Muslime verherrlicht wird.<\/p>\n<p>Wir bremsen schon nach den ersten 45 Kilometern f\u00fcr eine Pause ab. Zweite Station auf unserem Pilgerweg wird das Stift Stams. Das Zisterzienserstift mit seiner m\u00e4chtigen Fassade z\u00e4hlt zu den bedeutsamsten Orten am \u00f6sterreichischen Jakobsweg. Ein Pater, der gerade die Kirche f\u00fcr die sonnt\u00e4glichen Gottesdienste auf Hochglanz bringt, l\u00e4sst uns in das Innere der Kirche mit dem pr\u00e4chtigen Hochalter. Tats\u00e4chlich ist hier auch der Hl. Jakob mit seinen Attributen Pilgerstab, Pilgerhut und Muscheln zu finden.<\/p>\n<p>Unser Rennradcamino durch das Oberinntal deckt sich freilich nicht immer mit dem ausgeschilderten Jakobsweg. Bei M\u00f6tz nehmen wir den Radweg entlang des Inn durch den wundersch\u00f6nen F\u00f6hrenwald bei \u00d6tz und dann ab Roppen durch die Schlucht bis Imst. Auch hier sind inzwischen die gelben Sterne auf blauem Hintergrund angebracht. Obwohl ich jede Biegung dieser Strecke kenne, bleibt sie f\u00fcr mich stets faszinierend. Einen kurzen Stopp machen wir in der Zammer Pfarrkirche, wo Menschen nach der Sonntagsmesse vor der Kirche miteinander reden. Dann durch das Stanzertal hinauf. Mein Sohn\u00a0 Jakob ist studiumbedingt schon lange nicht mehr Rennrad gefahren und mit Rucksack f\u00fchlt sich die Steigung den Arlberg hinauf doch recht heftig an. Es ist kaum Verkehr und wir erfahren gleich warum: Die \u00d6sterreich-Radrundfahrt geht gerade \u00fcber den Arlberg und kurz vor St. Jakob kommen uns der Tross der Rennfahrer und Begleitfahrzeuge entgegen. Einen ersten richtigen Pilgerstempel f\u00fcr unseren Pilgerpass kann ich, beobachtet von der lebensgro\u00dfen Jakobsstatue, in der Pfarrkirche St. Jakob erhalten. Von St. Anton bis zur Passh\u00f6he ist dann mehr Verkehr. Eine Rennradfahrerin heftet sich anfangs an mein Hinterrad. Ich ziehe kr\u00e4ftig davon und habe in St. Christoph gen\u00fcgend Zeit, in die Kirche des alten Hospizes zu gehen. Dort werden gerade neue Br\u00fcder in die Bruderschaft aufgenommen. Wir sind auf knapp 1800 Meter Seeh\u00f6he und damit am h\u00f6chsten Punkt des Jakobsweges bis Santiago. Noch sind es mehr als 1600 Kilometer!<\/p>\n<p><strong>Vorarlberger Jakobsweg<\/strong><\/p>\n<p>Das Hinunterfahren vom Arlberg bis Bludenz ist ein Genuss. Dort besuchen wir meine Verwandten, die uns mit typischem Bludenzerbrot, \u201edem B\u00e4rli\u201c, verw\u00f6hnen. So k\u00f6nnen wir dann noch gest\u00e4rkt die letzten 20 Kilometer durch den Walgau bis zu unserer ersten Pilgerunterkunft, dem Kapuzinerkloster in Feldkirch, zur\u00fccklegen. Herzlich werden wir von einem Kapuzinerbruder empfangen, der uns nicht nur ein \u00e4u\u00dferst komfortables Pilgerzimmer zur Verf\u00fcgung stellt, sondern zugleich einl\u00e4dt, uns im gro\u00dfen Garten mit seinen Fr\u00fcchten zu verw\u00f6hnen\u00a0 &#8211; Beeren, Zwetschken und \u00c4pfel.<\/p>\n<p><strong>Tag 2: Montag, 9. Juli 2018<\/strong><\/p>\n<p><strong>Feldkirch<\/strong><\/p>\n<p>Zum Fr\u00fchst\u00fcck essen wir ein paar Fr\u00fcchte aus dem Klostergarten. Vor dem Aufbruch besuche ich die Klosterkirche mit der Fidelis-Kapelle. Dieser Heilige \u2013 der zweite Patron Vorarlbergs \u2013 war einst Guardian in diesem Kloster. Mir ist er nicht bekannt.<\/p>\n<p><strong>Appenzeller Pilgerweg<\/strong><\/p>\n<p>Gleich hinter der Grenze beginnen die Appenzeller Berge. Es ist ein sch\u00f6ner, hei\u00dfer Tag. M\u00fcdigkeit von den gestrigen 180-Kilometern sind noch in den Knochen. Heute wird es nicht weniger. Die Rast in Appenzell wird zugleich unser Fr\u00fchst\u00fcck \u2013 am Dorfplatz umgeben von den reich bemalten typischen Appenzeller H\u00e4usern. Wir sehen auch einige Wanderinnen und Wanderer, die den Appenzeller Pilgerweg gehen.<\/p>\n<p>Die Appenzeller Berglandschaft ist eindrucksvoll. Vor uns der S\u00e4ntis. Gro\u00dfe Weiden, auf denen K\u00fche grasen. Der Via Jacobi geht h\u00fcgelauf, h\u00fcgelab.<\/p>\n<p><strong>Z\u00fcricher See und Vierwaldst\u00e4tter See<\/strong><\/p>\n<p>Eine Pause legen wir bei der Br\u00fccke ein, die den Z\u00fcricher See im S\u00fcdosten \u00fcberquert, genau gegen\u00fcber der Burg und der Altstadt von Rapperswil. F\u00fcr Sightseeing ist aber keine Zeit. Besonders hat es dann \u2013 nun schon in der Mittagshitze \u2013 die Passstra\u00dfe auf den Etzel in sich. Hier wird schon deutlich, dass wir die geplante Fahrt \u00fcber Einsiedeln wohl ausfallen lassen, um unseren Etappenort Fl\u00fceli \u00fcberhaupt erreichen zu k\u00f6nnen. So werden nochmals die Wasserflaschen gef\u00fcllt. In der Kapelle am Etzelpass gibt es einen weiteren Stempel. L\u00e4ngere Pausen k\u00f6nnen wir uns nicht mehr leisten.s geht wieder eine Anh\u00f6he hinauf, bis wir von dort zum Vierwaldst\u00e4tter See hinunterfahren. Gl\u00fccklicherweise erwischen wir sofort eine F\u00e4hre, um auf die andere Seite zu kommen. Die Sonne steht schon tief. Noch stehen aber einige Kilometer bevor. Auf einem Schotterweg f\u00e4hrt sich Jakob einen Platten ein. Fl\u00fceli liegt wundersch\u00f6n in der abendlichen Sonne und von unserer Herberge aus haben wir einen eindrucksvollen Blick \u00fcber die Schweizer Voralpen, w\u00e4hrend die Sonne untergeht. Zum Abendessen gibt es allerdings nur mehr Brotsuppe, wohl zu wenig nach einer Etappe mit rund 180 Kilometern und 2500 H\u00f6henmetern in teils sommerlicher Hitze.<\/p>\n<p><strong>Tag 3: Dienstag, 10. Juli 2018<\/strong><\/p>\n<p><strong>Fl\u00fceli<\/strong><\/p>\n<p>Das einzige kleine Lebensmittelgesch\u00e4ft unweit vom Geburtshaus von Bruder Klaus sperrt erst um halb acht auf. So bleibt Zeit, zu fr\u00fcher Morgenstunde den Ort wahrzunehmen, mit einer Klosterschwester zu reden, deren Haus gegen\u00fcber vom Bruder Klaus-Haus steht, w\u00e4hrend Jakob noch ausschlafen kann. Fr\u00fchst\u00fcck gibt es dann auf der Terrasse in unserer Wohnung, die an die Jugendherberge angeschlossen ist. Hier k\u00f6nnte ein Dutzend Menschen untergebracht werden.<\/p>\n<p>Obwohl die Tagesetappe lang sein wird, nehmen wir uns Zeit, um in die Ranft hinunter zu fahren, jenen Ort zu w\u00fcrdigen, der f\u00fcr das Leben des Schweizer Nationalheilgen, meines Namenspatrons, steht. Burder Klaus ist in die Einsamkeit gegangen, um ganz f\u00fcr die Sache Jesu da zu sein, als Einsiedler, der doch offen blieb f\u00fcr die N\u00f6te der Zeit und so zum gro\u00dfen Friedensstifter der Schweiz werden konnte. In der Bruder-Klaus-Kirche auf dem H\u00fcgel wird gerade eine Messe gelesen. Die Tageslesung ist aus dem Buch Hosea mit der zentralen Botschaft: \u201eIch hasse eure Opfer, \u2026\u201c Es ist eine befreiende Botschaft, die vielleicht auch eine Antwort darauf ist, das Leben von Bruder Klaus nicht im Sinne eines sich aufopfernden Kasteiens zu interpretieren.<\/p>\n<p><strong>Fahrt durch die Schweiz<\/strong><\/p>\n<p>Jakob hat eine Panoramastrecke gew\u00e4hlt. Von Sachseln hinauf zum Lungernsee und dann weiter auf den Br\u00fcningpass, dann hinunter, an seinem Westufer entlang, nun immer im Berner Oberland, hinunter zum Thuner- und Brienzersee, an deren Ufer wir fahren, nach Interlaken. Zum kulturellen H\u00f6hepunkt wird freilich der Aufenthalt in Fribourg mit der gro\u00dfen Kathedrale. Vom Osten kommend ist es ein eindrucksvolles Panorama, wie die mittelalterliche Stadt umgeben von einem Fluss auf einem 50 Meter hohen Felssporn thront. In die Altstadt geht es \u00fcber eine der vielen Br\u00fccken. Dort gibt es nach dem Besuch des Freiburger M\u00fcnsters St. Nikolaus eine Pizza. Da erst merke ich, dass es mit der Schweiz keine Roaming-Vertr\u00e4ge gibt und mein Smartphone mit den vielen automatischen Internetverbindungen relativ viel automatisch online war. Das kommt teuer. Es bleiben noch etliche Kilometer bis zum Etappenort Romont \u2013 also wieder hinauf auf die R\u00e4der, nun im Gegenwind entlang von Kornfeldern und Wiesen bis wir diese kleine Stadt in der Westschweiz erreichen. Es ist wieder Abend geworden. Rund 150 Kilometer und 1900 H\u00f6henmeter.<\/p>\n<p><strong>Romont<\/strong><\/p>\n<p>In der Talniederung der Gl\u00e2ne nord\u00f6stlich des Stadth\u00fcgels befindet sich die Zisterzienserinnen-Abtei Notre Dame de la Fille-Dieu. Hier habe ich uns zur \u00dcbernachtung angemeldet. Allerdings haben die Schwestern l\u00e4ngst schon alles geschlossen. Eine Bewohnerin des G\u00e4stetrakts rettet uns m\u00fcde Radpilger aus der Notlage und wir k\u00f6nnen eines der G\u00e4stezimmer beziehen, ja uns sogar in der G\u00e4stek\u00fcche bedienen \u2013 so ganz wird der Hunger jedoch nicht gestillt. \u00a0Das Kloster reicht ins 13. Jahrhundert zur\u00fcck. Es ist ein guter Ort f\u00fcr die Nacht.<\/p>\n<p><strong>Tag 4: Mittwoch, 11. Juli 2018<\/strong><\/p>\n<p><strong>Romont<\/strong><\/p>\n<p>Fr\u00fchmorgens schon sind wir in dem St\u00e4dtchen auf dem H\u00fcgel. Beim Platz St-Jacques ist die Stiftskirche Maria Himmelfahrt (Notre-Dame de l\u2019Assomption). Das gotische Gotteshaus reicht zur\u00fcck in die Mitte des 15. Jahrunderts mit sch\u00f6nen Glasgem\u00e4lden, die ebenfalls aus dieser Zeit stammen. Unweit davon ist ein Schloss, in dessen Innenhof ein gro\u00dfes altes Wasserrad zu sehen ist, mit dem sich in alten Zeiten die Bev\u00f6lkerung das Wasser aus der Zisterne holte. Wie so oft schon stelle ich die &#8222;Durststiller&#8220;-Flasche der Caritas an den Rand &#8211; mache also etwas Werbearbeit f\u00fcr die so wichtige Aufgabe der Caritas.<\/p>\n<p><strong>Lausanne und Genfer See<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst geht es in angenehmer Steigung auf eine Anh\u00f6he hinauf, bevor wir zum Genfer See hinunter sausen k\u00f6nnen. Der erste eindrucksvolle Stopp wird Lausanne. Das Stadtbild wird beherrscht von der Kathedrale. Auf deren Vorplatz fr\u00fchst\u00fccken wir und besuchen dann das imposante Gotteshaus. Es gilt als das bedeutendste gotische Bauwerk der Schweiz.<\/p>\n<p>Die Fahrt entlang des Genfer Sees ist weniger verkehrsreich als bef\u00fcrchtet. Meist geht es durch irgendwelche Ortschaften, in denen es ohnehin Geschwindigkeitsbeschr\u00e4nkungen gibt und Autos zum Langsamfahren gezwungen sind. Jakob d\u00fcst voraus, ich im Windschatten, besonders liebt er es, mit m\u00f6glichst viel Tempo in einen der vielen Kreisverkehre hineinzufahren.<\/p>\n<p><strong>Genf<\/strong><\/p>\n<p>Nach all den vielen Kilometern, die wir durch relativ einsame Landschaften gefahren sind, wirkt eine solche Stadt noch l\u00e4rmender. In einer der Einfahrtsstra\u00dfen essen wir \u2013 der Hunger wird allerdings nicht wirklich gestillt. In der Altstadt sehen wir einige der zentralen Bauwerke, die mit der Geschichte von Johannes Calvin verkn\u00fcpft sind. Nach Jakob Huter sind wir hier an dem geschichtstr\u00e4chtigen Ort eines noch viel bekannteren Reformators. Anders als der Hutmacher aus St. Lorenzen im Pustertal ist die Geschichte des Genfer Reformators auch verkn\u00fcpft mit einer Legitimation von \u00e4u\u00dferster Gewalt. Wir besuchen die Kathedrale, in der Johannes Calvin 23 Jahre gepredigt hatte und die heute der Hauptsitz der reformierten Kirche ist. Der angeschlossene H\u00f6rsaal hat heute noch eine Innenausstattung wie im 16. Jahrhundert.<\/p>\n<p><strong>Rhonetal<\/strong><\/p>\n<p>Noch den L\u00e4rm und die Menschenf\u00fclle von Genf im Kopf geht es dann Richtung Frankreich. Die Rohne flie\u00dft hier aus dem Genfersee. Wir merken beide gar nicht den Grenz\u00fcbergang. Allerdings sieht die Landschaft mit den kleinen D\u00f6rfern nun anders aus. Mich erinnert es an die Landschaft rund um Taiz\u00e9. Kurz vor dem Etappenort st\u00e4rken wir uns nochmals bei einer Rast an der Rhone.<\/p>\n<p><strong>Belley<\/strong><\/p>\n<p>Wieder sind es 180 Kilometer und 1600 H\u00f6henmeter geworden. Zum Gl\u00fcck haben wir in dieser Ortschaft unsere Bleibe bereits reserviert. St. Anthelm ist ein ehemaliges gro\u00dfes Kloster. Jakob freut sich, dass unser Zweibettzimmer nach der Hl. Theresa benannt ist. Weniger freut es ihn allerdings, dass wir nach diesem langen Radtag in der Ortschaft nichts mehr zum Essen finden. Daf\u00fcr ist es schon wieder zu sp\u00e4t geworden. Es geht sich gerade noch ein Bier aus, w\u00e4hrend die Menschen im Lokal die letzten Minuten eines WM-Halbinfalspiels sehen.<\/p>\n<p><strong>Tag 5: Donnerstag, 12. Juli 2018<\/strong><\/p>\n<p><strong>Von Belley nach Tence<\/strong><\/p>\n<p>Das Fr\u00fchst\u00fccksbuffet kommt dem Hunger und unserem Vorhaben f\u00fcr eine weitere gro\u00dfe Radetappe ideal entgegen. Gleich zu Beginn haben wir eine ordentliche Steigung, die daf\u00fcr aber Weitblicke gew\u00e4hrt. Im Osten sehen wir immer wieder das Massiv des Montblanc. Ohne die Navigation mit Hilfe des vorher festgelegten Routenplans w\u00fcrden wir diese Strecke wohl nicht so leicht finden. St\u00e4ndig geht es hinauf und hinunter. Der Stra\u00dfenbelag ist grob und verhindert ein leichtes Rollen. Unsere Rennradreifen werden auch an diesem Tag einem Belastungstest ausgesetzt. Mich wundert, dass wir uns nicht \u00f6fters einen Platten einfahren. Oft ist es eine Zick-Zackfahrt. Daf\u00fcr sind wir auf diesen Str\u00e4\u00dfchen so gut wie allein. Es ist schon sp\u00e4ter Nachmittag, der Akku von Jakobs Garmin fast schon leer. Wir versorgen uns aus dem Lebensmittelgesch\u00e4ft, wo auch das Navigationsger\u00e4t aufgeladen werden kann, und sitzen an der Rhone zum Essen, auf die wir \u00fcberraschenderweise wieder gesto\u00dfen sind. Noch ahnen wir nicht, was dann kommt: Ein Schotterweg f\u00fchrt uns steil hinauf in eine Bergwelt \u2013 nochmals mit Panoramblick hinunter ins Rhonetal. Dann beginnt eine Gebirgsstra\u00dfe auf einen Pass, wo wir einen wundersch\u00f6nen Sonnenuntergang sehen. Das entsch\u00e4digt die unerwartete Strapaze und schlie\u00dflich geht es nun hinunter zum Etappenort.<\/p>\n<p><strong>Tence<\/strong><\/p>\n<p>Die Stra\u00dfen dieser kleinen franz\u00f6sischen Ortschaft sind mit F\u00e4hnchen geschm\u00fcckt. Wir sind in einem kleinen, sehr einfachen Hotel. Es ist schon dunkel geworden. Zum Essen finden wir nichts mehr. In einem Lokal am Stadtplatz trinken wir Bier. Eine Kellnerin erkennt unseren Hunger und wir bekommen von ihr einen selbstgemachten Beerenkuchen zum Essen. Die Achillessehne von Jakob schmerzt.<\/p>\n<p><strong>Tag 6: Freitag, 13. Juli 2018<\/strong><\/p>\n<p><strong>Tence<\/strong><\/p>\n<p>Unser Gastgeber versorgt uns \u2013 die einzigen G\u00e4ste \u2013 liebevoll mit einem Fr\u00fchst\u00fcck. Das baut etwas auf. Jakob hat starke Schmerzen und heute m\u00fcssen die Schmerztabletten helfen. Da kommen schon auch Gedanken nach einem Abbruch der Tour. Die Etappe heute wird wohl k\u00fcrzer werden. Nochmals fahren wir mehrmals in der Stadtmitte im Kreisverkehr. Nur langsam geht es die ersten Steigungen hinauf in Naturparklandschaften. Wir treffen nun wieder auf den historischen franz\u00f6sischen Jakobsweg \u201eVia Podiensis\u201c.<\/p>\n<p><strong>Le Puy<\/strong><\/p>\n<p>In der m\u00e4chtigen Kathedrale Notre-Dame nimmt der Via Podiensis, der wichtigste franz\u00f6sische Pilgerweg, seinen Ausgangspunkt. Hier brechen auch viele f\u00fcr ihren Jakobsweg nach Compostela auf. Ab nun hei\u00dfen die Tagesmen\u00fcs Pilgermen\u00fcs und wir st\u00e4rken uns damit vor dem obligaten Besuch in der eindrucksvollen Kathedrale. Besonders hier \u2013 wie aber an vielen Orten \u2013 denke ich an den Film \u201ePilgern auf Franz\u00f6sisch\u201c, den ich mit meinen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern schon oft gesehen habe, weil er so viele Lebensweisheiten liebevoll auf den Punkt bringt.<\/p>\n<p>Es geht dann gleich hinauf ins Zentralmassiv. Die Landschaft motiviert zum Radeln. In einem Restaurant f\u00fcllen wir mit kaltem Wasser wieder unsere Radlflaschen. Wenn kein Brunnen zur Verf\u00fcgung steht, wird dies selbstverst\u00e4ndlich gemacht. Unser Etappenort \u2013 es wird unsere k\u00fcrzeste Etappe knapp unter 100 Kilometer aber doch mit vielen H\u00f6henmetern \u2013 wird Saugues.<\/p>\n<p><strong>Saugues<\/strong><\/p>\n<p>Ab jetzt brauchen wir kein booking.com mehr. Pilgerherbergen bieten sich an und so kommen wir gleich gut in Ber\u00fchrung mit den Wanderpilgerinnen und -pilger, mit denen wir die Schlafs\u00e4le und die K\u00fcche teilen. Dieses enge Zusammenwohnen schenkt das Gef\u00fchl einer Familie, wo man R\u00fccksicht aufeinander nimmt, dazu schaut, dass das Geschirr abgewaschen wird oder die im gleichen Zimmer Schlafenden nicht geweckt werden. F\u00fcr uns ist es wieder zu sp\u00e4t zum Einkaufen. Das einzige Lebensmittelgesch\u00e4ft in diesem Ort hat l\u00e4ngst schon geschlossen. In der Altstadt essen wir noch eine Pizza. Es ist der Vorabend zum Nationalfeiertag und eine Feuerwehrmusikkapelle marschiert auf, begleitet von all dem, was zu einer Feuerwehr geh\u00f6rt.<\/p>\n<p><strong>Tag 7: Samstag, 14. Juli 2018<\/strong><\/p>\n<p><strong>Saugues &#8211; Zentralmassiv<\/strong><\/p>\n<p>Franz\u00f6sischer Nationalfeiertag. Wir bewegen uns auf wechselndem Gel\u00e4nde in der einsamen, wundersch\u00f6nen Hochebene. Immer wieder treffen wir auf romanische Kirchen. Ein paar Mal bremsen wir ab, auch um die Landschaft wahrzunehmen, die Weidefl\u00e4chen, auf denen Kuhherden grasen. Einer der P\u00e4sse f\u00fchrt uns bis auf \u00fcber 1200 Meter. Mittags zuerst wieder ein Besuch in einer gr\u00f6\u00dferen romanischen Kirche \u2013 quasi ein Mittagsgebet vor der Pizza \u2013 und dann wieder gest\u00e4rkt auf den n\u00e4chsten Pass, 1300 HM, hinauf, hinunter zu einer gro\u00dfen Benediktinerabtei, Aubrac, aus dem 11. Jahrhundert, bevor es in das Tal des Lot hinunter geht. Kurz vor dem Etappenziel ist St. Come-d\u2019Olt nochmals ein kultureller H\u00f6hepunkt, eine liebevoll restaurierte Stadt mit einer Kirche, die einen gedrehten Turm hat. Wir \u00fcberlegen kurz, ob wir nicht schon hier \u00fcbernachten sollten, doch nochmals auf die R\u00e4der und weiter \u2026<\/p>\n<p><strong>Espalion<\/strong><\/p>\n<p>Die reizvolle Stadt liegt am Ufer des Lot. Es geht \u00fcber die malerische Br\u00fccke, die wir gleich mehrmals fotographieren, direkt in die Altstadt an dem Lot, wo wir auch gleich eine der zahlreichen \u201eGite d\u2019etape\u201c finden. Um zu einem Supermarkt zu kommen, m\u00fcssen wir allerdings nochmals auf die R\u00e4der \u2013 doch der Einkauf lohnt sich und wir k\u00f6nnen ein Superabendessen zubereiten, bevor wir noch einen Stadtbummel machen und den Sonnenuntergang \u00fcber dem Lot in unseren Herzen und fotographisch festhalten. Wir stehen auf der Bogenbr\u00fccke aus dem 13. Jahrhundert. Sie ist aus rotem Sandstein und leuchtet daher in besonderen Farben. Am Flussufer f\u00fchren steinerne Stufen von ihren alten H\u00e4usern mit ihren Holzbalkonen bis an das Wasser. Fr\u00fcher einmal gab es hier viele Gerbereien.<\/p>\n<p><strong>Tag 8: Sonntag, 15. Juli 2018<\/strong><\/p>\n<p><strong>Espalion \u2013 Estaing \u2013 Conques<\/strong><\/p>\n<p>Am heutigen Tag geht es bis zu unserem Etappenort bis auf einen kleinen Abstecher nur mehr lotabw\u00e4rts, vorbei an der romanischen Kirche und fr\u00fchmorgens sind wir in der mittelalterlichen Stadt Estaing. Der Wander-Jakobsweg ist hier Teil des Weltkulturerbes der UNESCO. Weiter geht es zum n\u00e4chsten H\u00f6hepunkt: Die Stadt Conques mit der m\u00e4chtigen Klosteranlage Saint-Foy. Das einzigarte Flair dieser mittelalterlichen Stadt lie\u00dfe sich gar nicht beschreiben \u2013 so wie ich die F\u00fclle all des bisher bereits Gesehenen nur bruchst\u00fcckhaft schreibend festhalten kann.<\/p>\n<p><strong>Dem Lot entlang<\/strong><\/p>\n<p>Im Vergleich zur angenehmen Temperatur im Zentralmassiv, wo wir gestern fast den ganzen Tag unterwegs waren, ist hier auf weniger als 200 Meter Seeh\u00f6he sommerliche Hitze angesagt. Der Lot m\u00e4andert rund 100 Kilometer dahin. Es gibt so gut wie nie eine gerade Strecke. Am sp\u00e4teren Nachmittag zeigt die Temperatur bis zu 35 Grad an. In einer Stadt, wo wir mittags eine Pizza essen, wird \u2013 wie wohl \u00fcberall in ganz Frankreich \u2013 ein Gasthaus f\u00fcr das WM-Finalspiel hergerichtet. Man sp\u00fcrt die Aufregung: Wird Frankreich gegen Kroatien gewinnen und Weltmeister werden? Wir fragen uns, ob wir es bis zum Finalspiel zum Etappenort schaffen. Jakob m\u00f6chte etwas von der Atmosph\u00e4re bei einem Public Viewing mitbekommen. Kurz vor unserem Ziel brauche ich \u2013 ziemlich ersch\u00f6pft von der Hitze des Tages \u2013 am Stadtrand eine Pause f\u00fcr den letzten M\u00fcsliriegel.<\/p>\n<p><strong>Cahors<\/strong><\/p>\n<p>Gleich in der N\u00e4he unserer Pilgerherberge \u2013 wir sind im Dachgescho\u00df, wo es warm ist, wof\u00fcr sich der Gastgeber gleich mehrmals entschuldigt \u2013 bekommen wir bei einem gro\u00dfen Public Viewing noch das Ende des Finalspiels mit. Die Franzosen feiern kr\u00e4ftig, dass sie Weltmeister geworden sind. Hupende Autos, auf denen Menschen sitzen. Die Trikolore der franz\u00f6sischen Nationalflagge ist allgegenw\u00e4rtig ob als Fahne oder auf den K\u00f6rper geschmiert. Nach dem Besuch des Wahrzeichens von Cahors, einer m\u00e4chtigen Bogenbr\u00fccke \u00fcber den Lot, finden wir in dieser vom WM-Taumel gepr\u00e4gten Stadt erst sp\u00e4t etwas zu essen.<\/p>\n<p><strong>Tag 9: Montag, 16. Juli 2018<\/strong><\/p>\n<p><strong>Cahors bis Condom<\/strong><\/p>\n<p>Pr\u00e4chtig ist die Kathedrale von Cahors. Einstimmung am Morgen. Das Wahrzeichen der Stadt, die m\u00e4chtige Bogenbr\u00fccke, hatten wir gestern schon gesehen. Es geht wieder hinein in eine wellig-h\u00fcgelige Gegend, Sonnenblumenfelder, den ganzen Tag hei\u00dft es heute \u2013 H\u00fcgel, H\u00fcgel, H\u00fcgel. Kaum Autos. Einmal wird die Stra\u00dfe zum Gatschweg und wir m\u00fcssen unsere R\u00e4der in einem Teich baden. Mein Rad wird dann bis zum Ende der Reise vom eingetrockneten Lehm schmutzig sein. Zwischen den langen Landschaftsfahrten laden St\u00e4dte \u2013 wie Moissac \u2013 zum Staunen ein. Dort haben wir vor der riesigen Kathedrale die Mittagspause. Die Abtei Eglise Saint-Pierre gilt als eines der sch\u00f6nsten romanischen Baudenkm\u00e4ler Frankreichs. Die aufgestaute Garonne \u00fcberqueren wir, bevor es wieder einen der gef\u00fchlten 100 H\u00fcgel hinaufgeht. Der Regen erwischt uns nicht wirklich.<\/p>\n<p><strong>Condom<\/strong><\/p>\n<p>Es wird eine der sch\u00f6nsten komfortabelsten Pilgerherbergen. Nach den vielen Kilometern und H\u00f6henmetern k\u00f6nnen wir unseren Kalorienbedarf mit einem Kilo Nudeln stillen. Im Garten der Herberge ist es angenehm. Wir ben\u00fctzen die Waschmaschine und werden morgen mit frischem Radlergewand starten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Tag 10: Dienstag, 17. Juli 2018<\/strong><\/p>\n<p><strong>Condom bis Navarrenx<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt ein reichhaltiges Fr\u00fchst\u00fcck. Vor dem Aufbruch noch Gebet und Kultur in der Kathedrale. Den ganzen Tag werden wir mit wunderbarer Landschaft auf einsamen Stra\u00dfen verw\u00f6hnt. Wir sind nun im franz\u00f6sischen Baskenland. Zum erstenmal gelingt es uns nicht, auf Anhieb eine Herberge zu finden und wir m\u00fcssen nochmals am Abend &#8211; teils steil hinauf &#8211; weiterfahren. Aus dem erhofften fr\u00fcheren Ankommen wird wieder nichts. Jakob bef\u00fcrchtet schon, dass wir nichts mehr zum Essen bekommen. Es wird schon nach sechs, als er nochmals kr\u00e4ftig in die Pedale tritt, \u00fcber viele Steigungen hinauf, nun sehen wir schon deutlich die Pyren\u00e4en im Hintergrund in der Abendsonne. Zum Gl\u00fcck werden dann im Etappenort die zwei wichtigsten Bed\u00fcrfnisse schnell gestillt: Wir finden in einem alten Kloster eine Pilgerherberge und gleich in der N\u00e4he sitzen wir bei einer alten Stadtmauer und haben ein reichhaltiges Pilgermen\u00fc bei den letzten Sonnenstrahlen \u2013 die hier so viel sp\u00e4ter untergeht als daheim. Weil wir uns beim ersten Gang gleich mehrmals bei einem Salatbuffet bedienen d\u00fcrfen, bleibt kein Hunger offen \u2013 und wir sind auch die letzten G\u00e4ste im Lokal.<\/p>\n<p><strong>Tag 11: Mittwoch, 18. Juli 2018<\/strong><\/p>\n<p><strong>Navarrenx<\/strong><\/p>\n<p>Unser letzter Tag in Frankreich. In einer B\u00e4ckerei besorge ich uns leckere Croissants und Baguette. Es ist ein gutes Gef\u00fchl, nun so nahe der spanischen Grenze zu sein. Die Ausl\u00e4ufer der Pyren\u00e4en sind sp\u00fcrbar. Eine Zeitlang leistet uns ein franz\u00f6sischer Rennradfahrer Gesellschaft &#8211; und Jakob und hintendrein ich &#8211; k\u00f6nnen von seinem Windschatten profitieren.<\/p>\n<p><strong>St-Jean-Pied-de-Port<\/strong><\/p>\n<p>Das malerische St\u00e4dtchen ist f\u00fcr viele Jakobuswallfahrer ein beliebter Ausgangspunkt. In der Altstadt mischen sich Touristen und Pilger. Beim Nivefluss, der von sch\u00f6nen Br\u00fccken \u00fcberspannt ist, jausnen wir, besuchen noch eine Kathedrale \u2013 und auf nach Spanien.<\/p>\n<p><strong>Grenz\u00fcbergang und Pyren\u00e4en<\/strong><\/p>\n<p>Der Grenz\u00fcbergang von Frankreich nach Spanien am Fu\u00df der Passstra\u00dfe war emotional ein lang erwarteter Augenblick. Verlassene Grenz- und Zollstationen sind Zeugen einer Zeit vor Maastricht. Balken und Z\u00e4une, die hier abgebaut wurden, sind daf\u00fcr heute an der S\u00fcdk\u00fcste Spaniens errichtet. W\u00e4hrend wir sorglos \u00fcber die Grenze fahren, werden sicher wieder einige Bootsfl\u00fcchtlinge in Spanien landen, dankbar zumindest, dass es noch ein Land gibt, das sie aufnimmt.<\/p>\n<p>Eigentlich f\u00fchle ich mich gut und voller Erwartung, den Pyren\u00e4enpass hinauf zu fahren. Jakob zieht etwas ab. Wei\u00df nicht, woher die Unaufmerksamkeit kam, jedenfalls liege ich unvermittelt im Stra\u00dfengraben, Knie blutet von der Sch\u00fcrfwunde und es macht mich etwas unsicher. Ich achte nun gut auf den Puls, allerdings merke ich gen\u00fcgend Kraft und versuche nun mit Jakob auf die Ibaneta-Passh\u00f6he hinaufzuziehen, je weiter es nach oben geht, desto schneller \u2013 und die letzten 200 Meter sprintet Jakob hinauf. Wir sind etwas \u00fcber 1000 Meter. Die Steigung war stets moderat und im Schatten von Buchen- und Kastanienb\u00e4umen. Eigentlich h\u00e4tte ich mir die Pyren\u00e4en mit mehr Anstrengungen erwartet.<\/p>\n<p>Auf der Passh\u00f6he treffen wir eine f\u00fcnfk\u00f6pfige Familie aus Lans, die teilweise mit E-Bikes unterwegs sind \u2013 u.a. um einen Anh\u00e4nger zu ziehen. Sie werden sich viele Tage Zeit nehmen, um Santiago zu erreichen.<\/p>\n<p>Etwas unterhalb des Passes liegt die alte Klosteranlage Roncesvalles Die Einsamkeit, die wir entlang des franz\u00f6sischen Jakobsweges im Zentralmassiv hatten, ist hier endg\u00fcltig vorbei. F\u00fcr Sightseeing nehmen wir uns dort oben keine Zeit. Zielstrebig \u2013 auch weil im S\u00fcden Regen- und Gewitterwolken aufziehen \u2013 sausen wir Pamplona entgegen. Noch sind es 50 Kilometer. Zuvor aber noch stehen zwei moderate P\u00e4sse bevor. Von dort weg bin ich im Windschatten von Jakob. Hat wohl Hunger und will endlich ankommen. Er saust dann durch die Vorst\u00e4dte von Pamplona. Eindrucksvoll ist die Einfahrt in die Altstadt durch die alten Stadtmauern von Pamplona.<\/p>\n<p><strong>Pamplona<\/strong><\/p>\n<p>Und wieder finden wir in der Pilgerstra\u00dfe sofort eine Herberge, wo wir auch kochen k\u00f6nnen. Junge Menschen bev\u00f6lkern die Stra\u00dfen der Innenstadt. Eine Literflasche spanisches Bier trinken wir am Plaza del Castillo, wo wir die Stadt auf uns wirken lassen. Gedanken an die Stierk\u00e4mpfe, die hier stattfinden, sind nicht angenehm.<\/p>\n<p><strong>Tag 12: Donnerstag, 19. Juli 2018<\/strong><\/p>\n<p><strong>Pamplona<\/strong><\/p>\n<p>Wir schl\u00e4ngeln uns mit den R\u00e4dern durch die Fu\u00dfwallfahrer, die ebenfalls schon zuhauf aufgebrochen sind. Wenig au\u00dferhalb der Stadt geraten wir auf einen Schotterweg. Und wieder hat Jakob einen Platten. Wir sind dann auf breiten Stra\u00dfen unterwegs, trotzdem keine Autos, weil sie alle die parallel dazu laufende Autobahn ben\u00fctzen.<\/p>\n<p><strong>Puenta la Reina<\/strong><\/p>\n<p>Dieses St\u00e4dtchen ist reich an religi\u00f6s bedeutsamen Denkm\u00e4lern. Junge Menschen informieren hier engagiert die Pilgerinnen und Pilger \u00fcber die historischen Sch\u00e4tze. Eine Kirche, die von Templern begr\u00fcndet worden ist. Etwas au\u00dferhalb des Ortes geht es \u00fcber eine romanische Br\u00fccke, die zur sch\u00f6nsten auf dem gesamten Jakobsweg z\u00e4hlen soll.<\/p>\n<p><strong>Estella &#8211; Logrono<\/strong><\/p>\n<p>Nach sehr viel Landschaft wirkt diese Stadt noch mehr. Im Schatten der Hauptkirche San Petro essen wir.<\/p>\n<p>Dann wieder Landschaft, nun oftmals auch Weinberge, die fast an S\u00fcdtirol erinnern und neben kleinen spanischen Stra\u00dfend\u00f6rfchen wieder eine gr\u00f6\u00dfere Stadt. Es w\u00fcrde unser Fassungsverm\u00f6gen v\u00f6llig \u00fcberschreiten, w\u00fcrden wir in jede der gro\u00dfen romanischen Kirchen gehen. Das Bed\u00fcrfnis ist mehr nach einem dreig\u00e4ngigen Pilgermen\u00fc in der zentralen Flaniermeile.<\/p>\n<p>Dann wieder sanfte H\u00fcgelwelt, durchsetzt von Weinst\u00f6cken, Weizen- und Roggenfelder, viele noch nicht abgeerntet. Nur einmal geraten wir ein kleines St\u00fcck auf einen nicht mehr befahrbaren Feldweg, der steil auf eine Anh\u00f6he f\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>Santo Domingo de la Calzada<\/strong><\/p>\n<p>Wie schon von Beginn der Reise an, war auch dieser Tag voller Unbekanntheiten, neuer Eindr\u00fccke, die sich in ihrer F\u00fclle kaum mehr ordnen lassen. Als wir am Morgen von Pamplona wegfuhren, hatten wir nicht geahnt, wie die Landschaft sein wird, welche H\u00f6hen und Tiefen es geben wird, wo wir und was wir essen werden \u2013 und schlie\u00dflich: wo und wie unsere Unterkunft sein wird. Ob wir wirklich diesen Etappenort erreichen werden, war auch nicht ganz fix.<\/p>\n<p>Es ist ein gr\u00f6\u00dferes St\u00e4dtchen und die Hauptpilgerherberge sehr gro\u00df. Dennoch sind Jakob und ich allein in dem gro\u00dfen Schlafsaal. In der K\u00fcche konnten wir uns noch das Abendessen richten. Mehr Zeit bleibt wieder nicht. Der beleuchtete Turm der Hauptkathedrale leuchtet ins Dunkle unseres Zimmers.<\/p>\n<p><strong>Tag 13: Freitag, 20. Juli 2018<\/strong><\/p>\n<p><strong>Santo Domingo<\/strong><\/p>\n<p>Die armen H\u00e4hne in einem K\u00e4fig im Innenhof der Herberge wecken auf. In dieser Herberge, sie war mit 7 Euro pro Person die g\u00fcnstigste, hei\u00dft es schnell aufstehen, fr\u00fchst\u00fccken \u2013 wir hatten noch eine gro\u00dfe Portion Eiernudeln vom Abend \u2013 und hinausgehen. Um 8:00 sollten alle Pilger das Haus verlassen haben. So schnell kommen wir allerdings nicht weg. Jakob hat wieder einen Patschen. Ein paar sanfte Regentropfen. Nach einem l\u00e4ngeren Einfahren bremsen wir bei einer B\u00e4ckerei f\u00fcr gute Kekse und Baguettes. Dann geht es stundenlang durch eine zauberhafte Landschaft. Ein wenig vertragen wir sogar die Regenjacken. Auf diesen Stra\u00dfen begegnen uns fast nie Autos. Freilich gleiten die Gummireifen der Rennr\u00e4der auf diesen oft holprigen Betonfahrbahnen weniger schnell als auf einer glatten Asphaltstra\u00dfe. Wir aber k\u00f6nnen in die Natur eintauchen.<\/p>\n<p><strong>Burgos<\/strong><\/p>\n<p>Knapp vor Burgos, dort wo schon die Industrieanlagen, Einkaufszentren und Wohnblocks beginnen, hat Jakob seinen 2. Patschen. Wir haben keinen ganzen Ersatzreifen mehr und das Flicken funktioniert nicht so recht. Das h\u00e4lt uns mehr als eine Stunde auf. In einem Supermarkt kaufen wir uns das Mittagessen ein, das wir dann am Hauptplatz vor der einzigartigen Kathedrale essen. Sie hat mit vielen T\u00fcrmen und T\u00fcrmchen unglaubliche Dimensionen. Der Eintritt ist heute gesperrt. Der Pilgerweg f\u00fchrt durch ein imposantes Stadttor aus dem 14. Jahrhundert hinaus aus der Stadt. Wir fahren bald \u00fcber eine Hochebene. Wolken tragen das ihre dazu bei, diese Landschaft noch sch\u00f6ner zu machen. 25 Kilometer vor unserem Etappenziel nochmals Rast in einem der kleinen Pilgerorte, \u00fcber dem diesmal eine Burgruine auf einem H\u00fcgel thront. So hatten die Jakobspilger des Mittelalters immer den Schutz der Ritter. Ein kr\u00e4ftiger R\u00fcckenwind bl\u00e4st uns nun auf einer unendlich langen Gerade direkt zum heutigen Tagesziel. Es sind wieder 160 Kilometer geworden und an die 1300 H\u00f6henmeter.<\/p>\n<p><strong>Fromista<\/strong><\/p>\n<p>Es wird wieder Abend, bis wir in Fromista ankommen. Schnell finden wir die Herberge und direkt vor dem wichtigsten Ort dieser Pilgerstadt sitzen wir im Gasthaus bei einem dreig\u00e4ngigen Pilgermen\u00fc, zu der auch eine Flasche Wein geh\u00f6rt. Die Kirche aus der spanischen Fr\u00fchromanik leuchtet in der Abendsonne.<\/p>\n<p><strong>Tag 14: Samstag, 21. Juli 2018<\/strong><\/p>\n<p><strong>Fromista und Meseta<\/strong><\/p>\n<p>Die Gegend, durch die wir heute fahren, hei\u00dft Meseta und hat den Ruf, zur hei\u00dfesten Gegend Nordspaniens zu geh\u00f6ren. F\u00fcr uns ist dies momentan nicht so. Die Temperatur ist angenehm k\u00fchl. Allerdings haben wir leichten Gegenwind. Jakob bemerkt einmal: Ich habe das Gef\u00fchl, mein Fahrrad pickt. Hier ist wahrlich die Kornkammer Spaniens, Stra\u00dfen, die kerzengerade in den Horizont reichen, riesige Felder. Der oft mit Alleeb\u00e4umen ges\u00e4umte Weg f\u00fcr die Pilger geht meist direkt neben der Asphaltstra\u00dfe. In einer kleinen Ortschaft Sahagun sitzen wir bei r\u00f6mischen Mauerresten am Stadtplatz zu einem weiteren Fr\u00fchst\u00fcck mit Baguette und Ziegenk\u00e4se und Obst, w\u00e4hrend ein Markt aufgebaut wird. Einige der Stra\u00dfenh\u00e4ndlerinnen und H\u00e4ndler haben sich r\u00f6misch verkleidet. Weiter geht es in die Ebene hinein. Kleine spanische St\u00e4dte laden zu Pausen ein, am Marktplatz sitzen, an einem Brunnen die Trinkflaschen auff\u00fcllen.<\/p>\n<p><strong>Le\u00f3n<\/strong><\/p>\n<p>Nach den endlosen Landschaften wirkt die Stadt noch gr\u00f6\u00dfer. Zun\u00e4chst gibt es ein dreig\u00e4ngiges Pilgermen\u00fc in der Altstadt, dann lassen wir uns von der Kathedrale beeindrucken, die neben den Kathedralen von Chratres und Reims zu den drei sch\u00f6nsten Werken franz\u00f6sischer Gotik z\u00e4hlt. Beeindruckend ist vor allem die Farbenpracht der Glasfenster. Jakob dreht noch eine Runde vor den m\u00e4chtigen Portalen und weiter geht es zu unserem heutigen Etappenort.<\/p>\n<p><strong>Astorga<\/strong><\/p>\n<p>Man merkt sofort bei der Einfahrt, dass Astorga zur Zeit der gro\u00dfen Wallfahrt im Mittelalter eines der wichtigsten Pilgerzentren des Jakobsweges war. Wir sind nun rund 250 Kilometer vor dem Ziel, noch zwei Rennradetappen. Auf dem ausgewiesenen Pilgerweg hinauf in die Stadt geht es durch das Tor einer alten Stadtmauer, vorbei an Pal\u00e4sten und im Zentrum eine m\u00e4chtige Kathedrale mit einer Fassade, die gotisch, barock und im Stil der Renaissance zugleich ist. Allerdings k\u00f6nnen wir um diese Abendzeit keinen Besuch mehr machen. Daf\u00fcr finden wir gleich neben ihr eine Pilgerherberge mit einem radbegeisterten Gastgeber, der uns liebevoll aufnimmt. Jakob kocht wunderbares Champignon-Risotto. Wir sind es nun schon so gewohnt, im Schlafsaal und in Doppelstockbetten zu schlafen und uns mit anderen Pilgern Bad und Dusche zu teilen, dass es uns dieses Pilgertreiben schon abgehen w\u00fcrde. So bekommen wir jedenfalls immer auch ein St\u00fcck des Lebens der Fu\u00dfpilger mit, an denen wir untertags vorbeiradeln.<\/p>\n<p><strong>Tag 15: Sonntag, 22. Juli 2018<\/strong><\/p>\n<p><strong>Astorga<\/strong><\/p>\n<p>Die Kathedrale mit ihrer imposanten Westfassade ist noch geschlossen. Wir fr\u00fchst\u00fccken im Halbdunkel in der angenehmen Pilgerherberge. Einige Pilger brechen schon im Dunkeln auf, da es hier so weit im Westen ja erst um 6:00 herum hell wird. Wieder sind die Temperaturen f\u00fcr Spanien sehr k\u00fchl. Wir fahren sogar mit Jacke. Dass \u00fcberall auf dieser Welt aufgrund der klimatischen Ver\u00e4nderungen das Wetter verr\u00fcckt spielt, wird begreifbar. F\u00fcr uns Radelnde ist es zwar angenehm, doch denke ich an all die negativen Auswirkungen. Es hat lediglich 12 Grad. Fr\u00fcher waren in diesem Gebiet im Juli Temperaturen um die 40 normal. Daf\u00fcr soll es im Norden Europas Temperaturen weit \u00fcber die 30 Grad haben. Ich bin froh, dass wir mit unseren Fahrr\u00e4dern eine klimafreundliche Fortbewegungsart gefunden haben.<\/p>\n<p><strong>\u00dcber galizische P\u00e4sse<\/strong><\/p>\n<p>Einige von ihnen, die vor uns aufgebrochen sind, sehen wir entlang des Weges hinaus aus der Stadt, hinauf auf den ersten von drei P\u00e4ssen heute mit eindrucksvoller Gebirgswelt und Fauna, so dass ich mehrmals abbremse, um ein Foto zu machen, will die Sch\u00f6nheit festhalten, die uns begegnet, dem Heidekraut und den Ginsterstr\u00e4uchen. Oben am Manzanal-Pass ist das Fruz de Ferro. Rund um die hohe, krumme Holstange mit dem eisernen Kreuz darauf t\u00fcrmt sich der H\u00fcgel der Steine, die von den Pilgern der Jahrhunderte hierhingelegt wurden, es finden sich aber auch andere Utensilien wie abgerissene Gangschaltungen, die wahrscheinlich ein ungl\u00fccklicher Radpilger nach einer Panne hier abgelegt hatte. Es geht dann schnell hinunter, durch ein Dorf mit einer engen Durchfahrt \u2013 hier saust mir Jakob dann davon, so dass ich irritiert an einer Kreuzung stehe und ihn anrufe \u2013 wo bist du? Es geht hinunter in eine weite, fruchtbare Talebene, die zwischen mehreren P\u00e4ssen liegt. Im Hintergrund im Norden sind die Kordilleren. Man k\u00f6nnte fast meinen, irgendwo in \u00d6sterreich oder der Schweiz zu sein.<\/p>\n<p><strong>Ponferrada<\/strong><\/p>\n<p>Wir sind mittags nach einer langen Abfahrt in die Ebene in dieser Stadt mit der eindrucksvollen Templerburg, sitzen vor der Kathedrale und st\u00e4rken uns f\u00fcr die letzten beiden P\u00e4sse mit den Baguettes und dem K\u00e4se, den wir zuvor in einer anderen Stadt gekauft hatten. Einheimische sind sonnt\u00e4glich gekleidet und gehen hier in die Kirche.<\/p>\n<p>Wir fahren durch eine einzigartige Bergwelt mit subtropischer Vegetation. Hier gedeihen auch Eukalyptusb\u00e4ume. Etwas unterhalb eines Passes liegt ein Keltendorf, das heute unter Denkmalschutz steht und touristisch aufbereitet ist. Keltische Bauernh\u00e4user mit Mauern aus klotzigen Quadern, Kegeld\u00e4cher aus Stroh, eine romanische Kirche, in der sich das Gralswunder ereignet haben soll. Im Dorf gibt es eine Mischung aus Touristen und Pilgern, von denen die meisten um diese Tageszeit hier ihr Etappenziel gew\u00e4hlt haben und sich in den Gastg\u00e4rten ausruhen.Vom Cebreiro-Pass auf rund 1300 Meter k\u00f6nnen wir in das Land hineinblicken. Die Abfahrt vom letzten der drei Passh\u00f6hen des heutigen Tages ist wundersch\u00f6n. W\u00e4lder und Wiesen, saftiges Gr\u00fcn, wie man es f\u00fcr Spanien nicht erwarten w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>Samos<\/strong><\/p>\n<p>Ein pr\u00e4chtiges Kloster mit einer imposanten Renaissance-Fassade liegt in einer scharfen Kurve am Fu\u00dfe des Passes im engen Talgrund. Weil wir bis zum Etappenziel noch etwas Zeit haben, entscheiden wir uns f\u00fcr einen Besuch. Der lohnt sich. Wir m\u00fcssen nicht lange auf die F\u00fchrung warten, die ein Benediktinerpater auf Spanisch h\u00e4lt. \u00dcbersetzung ist nicht n\u00f6tig. Die Geb\u00e4ude, das Kloster, der Kreuzgang mit einem \u00fcberdimensionalen Brunnen, die Gem\u00e4lde und vor allem die Klosterkirche sprechen f\u00fcr sich. Es ist das \u00e4lteste Kloster Spaniens, dessen Gr\u00fcndung auf das Jahr 650 zur\u00fcck geht.<\/p>\n<p><strong>Sarria<\/strong><\/p>\n<p>In dieser Stadt gut 100 Kilometer von Santiago entfernt und nach den P\u00e4ssen Spaniens sind wir nun wirklich in der Hochburg der Pilger. Durch die Pilgerstra\u00dfe ist an diesem Sonntag ein Downhillparcours aufgebaut und es findet gerade ein Rennen statt. So quetschen wir uns am Rand die Stra\u00dfe hinauf auf der Suche nach einer Pilgerherberge. Wir werden bald f\u00fcndig \u2013 und auch das Pilgermen\u00fc schmeckt herrlich. Santiago ist nun zum Greifen nahe. Es ist fast so eine Stimmung wie bei der letzten Etappe der Tour de France.<\/p>\n<p><strong>Tag 16: Montag, 23. Juli 2018<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sarria<\/strong><\/p>\n<p>Schon fr\u00fchmorgens in der Herberge h\u00f6re ich ein ununterbrochenes Ger\u00e4usch der St\u00f6cke der Pilger, die auf der granitsteinernen Pilgerstra\u00dfe Richtung Santiago aufgebrochen sind. F\u00fcr sie sind es noch drei Tagesetappen, f\u00fcr Jakob und mich 130 Kilometer, so dass wir nachmittags unser Ziel erreicht haben werden. Auf dem Weg zur B\u00e4ckerei gehe ich dem Pilgerstrom entgegen.<\/p>\n<p>Unsere Strecke raus aus Sierra geht zun\u00e4chst auf eine kleine Anh\u00f6he hinauf. Es ist neblig und angenehm k\u00fchl, jedenfalls nicht so, wie man es f\u00fcr Spanien erwarten w\u00fcrde. Dort, wo wir dem Pilgerweg entlangfahren \u2013 und das geschieht heute sehr oft \u2013 ist ein fast ununterbrochener Strom von Pilgern. Erste Rast wird in dem Ort Puertomarin vor einer romanischen Wehrkirche aus dem 12. Jahrhundert. Die n\u00e4chsten 70 Kilometer bekomme ich links und rechts von der Stra\u00dfe wenig mit. Ein Rennradfahrer gibt uns Windschatten, dabei geht es st\u00e4ndig auf und ab, als mit weit \u00fcber 30 km\/h hinunter, darauf achten, zum einen im Windschatten zu bleiben, zum anderen auf dem schmalen Fahrstreifen rechts, komme ich auf die wei\u00dfe Linie, dann rattert es, komme ich zu weit rechts, bin ich auf den gelben holprigen Markierungspunkten. Etwas au\u00dferhalb von Santiago w\u00e4hlen wir dann wieder den Pilgerweg. Vorbei am Flughafen von Santiago. Vor dem eigentlichen Ziel mit Blick auf die Stadt verbringen wir in der Mittagssonne noch auf dem Monte de Gozo besinnliche Minuten. Von meinem Hinterreifen h\u00e4ngen inzwischen Gummifetzen. Einen Tag l\u00e4nger d\u00fcrfte ich nicht fahren. Die T\u00fcrme der Kathedrale ragen aus dem H\u00e4usermeer.<\/p>\n<p><strong>Ankunft in Santiago<\/strong><\/p>\n<p>Der letzte Kilometer geht \u00fcber die steinernen Granitplatten des Pilgerweges, der direkt zum Zentrum, der Kathedrale f\u00fchrt. Pilger und Touristen dr\u00e4ngen sich in den engen Stra\u00dfen der Altstadt mit den vielen Restaurants und Herbergen. Und dann stehen wir auf dem Plaza del Obradoiro, nach \u00fcber 2400 Kilometern und fast 30.000 H\u00f6henmetern haben wir es geschafft. 16 Tage am Rad: Absam \u2013 Santiago de Compostela. Wir sind beide dankbar, das Ziel erreicht zu haben. Zugleich sp\u00fcren wir: Nicht das Ziel, nicht diese Stadt hier und die Kathedrale sind das Wichtigste, sondern es war die Fahrt dorthin \u2013 unser Radpilgerweg. Was so oft formuliert wird \u2013 der Weg ist das Ziel \u2013 wird f\u00fcr uns sehr sp\u00fcrbar. Dennoch folgt das Zielfoto: Wir beide vor der gro\u00dfen Westfassade der Jakobskathedrale von Santiago, gemeinsam mit Rom und Jerusalem einer der drei heiligsten Orte der Christenheit. Fast ununterbrochen kommen Pilger auf diesen Platz. Nur vereinzelt sind es aber Radpilger. Nachdem wir die Ankunft auf dem Platz genossen hatten, suchen wir eine Pilgerherberge auf. Zuvor aber bekommen wir im Pilgerb\u00fcro mit unseren Pilgerp\u00e4ssen offiziell best\u00e4tigt, dass wir Jakobspilger sind.<\/p>\n<p><strong>Santiago de Compostela, 24. Juli 2018<\/strong><\/p>\n<p>Erst am n\u00e4chsten Tag, es ist der Vortag des Jakobitages, besuchen wir ausgiebig die Kathedrale. Der Eingang geht durch das S\u00fcdportal. Im Inneren ist die romanische Grundstruktur gut zu erkennen. Es ist die gr\u00f6\u00dfte romanische Kathedrale der Welt. Der Blick wird auf die Mitte gezogen, wo m\u00e4chtige goldene Engel einen Baldachin \u00fcber dem Altar tragen, und fokussiert sich dann auf die Statue des Heiligen Jakobus direkt beim Tabernakel. Andacht kommt jedoch keine auf. Die Stimmung ist wie in einer alten gro\u00dfen Bahnhofshalle. Menschen reden, fotografieren, man geht wie bei einer Sensation hinauf zur Statue des Jakob, um die H\u00e4nde auf seine Schultern zu legen. Jakob und ich gehen direkt zum Grab mit dem Reliquienschrein und verbringen dort einige Minuten schweigend. Jakobus der \u00c4ltere, m\u00f6ge seine Kraft uns selbst Kraft f\u00fcr die Herausforderungen des Lebens geben!<\/p>\n<p>Der Camino von Absam bis Santiago de Compostela hat uns \u00fcber viele P\u00e4sse und H\u00fcgel, durch unz\u00e4hlige kleine und gro\u00dfe Ortschaften, imposante St\u00e4dte und verlassene D\u00f6rfer, durch den Westen Tirols und quer durch Vorarlberg, durch die Schweiz von Ost bis West und Frankreich und dann Nordspanien gef\u00fchrt. Einen Pausentag haben wir uns nicht geg\u00f6nnt. 16 Tage mehr oder weniger am St\u00fcck am Fahrrad, viele Gebete in wundersch\u00f6nen Kirchen, interessante Menschen in den Pilgerherbergen, freundliche Gastgeber, vor allem aber: viel Natur. Manche Etappe wurde sehr lange \u2013 und \u00fcberraschend viele H\u00f6henmeter sind es geworden. Vor allem aber \u2013 trotz aller Anstrengung: Jakob und ich haben fast ausnahmslos super harmoniert. War einmal jemand schw\u00e4cher oder wollte schon eine Tagesetappe fr\u00fcher beenden, so war der andere Motivator, war ich selbst m\u00fcde, so n\u00fctzte der Windschatten. W\u00e4hrend Jakob immer wieder seine GPS-Koordinaten pr\u00fcfte, hatte ich kurze Zeiten, um ruhend Landschaften oder Orte aufzunehmen. Wir haben Hunger und Durst gesp\u00fcrt, weshalb die frischen Baguettes aus einer B\u00e4ckerei oder der Ziegenk\u00e4se, die Pilgermen\u00fcs und vor allem auch das Bier am Abend umso besser geschmeckt haben. Wir haben es geschafft \u2013 so knie ich dankbar vor dem goldenen Sarkophag des Apostels Jakobus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Jakob-Camino-10.jpg' class='thumbnail' \/>Tag 1: Sonntag, 8. Juli 2018, Ultreia! \u00a0Absam Ein schon traditioneller Satz lautet: Der Jakobsweg beginnt dort, wo du zuhause bist. Tats\u00e4chlich gibt es viele Pilgerinnen und Pilger, die ihren Weg nach Santiago de Compostela bei ihrer Haust\u00fcre beginnen lassen, f\u00fcr die meisten von ihnen ist es ein Lebensprojekt, 100 Kilometer in diesem Jahr, 100&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3348,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[430,429],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3344"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3344"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3344\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9144,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3344\/revisions\/9144"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/3348"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3344"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3344"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3344"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}