{"id":3375,"date":"2018-08-21T13:05:14","date_gmt":"2018-08-21T13:05:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3375"},"modified":"2026-02-02T14:26:54","modified_gmt":"2026-02-02T14:26:54","slug":"opfer-im-namen-gottes","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3375","title":{"rendered":"Opfer im Namen Gottes?"},"content":{"rendered":"<hr \/>\n<p><strong>Will Allah, dass wir Tiere opfern?<\/strong><\/p>\n<p>21. August 2018. Ich bl\u00e4ttere die Tageszeitungen durch. Mit keiner Silbe wird eines der h\u00f6chsten Feste im Islam erw\u00e4hnt. In den Tagen zuvor bem\u00fchten Freiheitliche eine Diskussion \u00fcber das Sch\u00e4chten von Tieren. Jene, die bierselig Schweinsschnitzel als Teil der \u00f6sterreichischen Volkskultur zelebrieren, instrumentalisieren eine zentrale Frage im Islam, um damit Stimmung gegen Muslime zu machen.<\/p>\n<p>Der Islam ist Teil von \u00d6sterreich. 700.000 Muslime leben hier. Der Dialog und auch die kritische Auseinandersetzung mit dem Islam und seinen Riten sind mir wichtig. Im Religionsunterricht werde ich als Lehrer immer wieder mit der Frage konfrontiert, warum Religionen wie der Islam mit Tieropfer in Verbindung gebracht werden. Islamfeinde ben\u00fctzen die Opfer-Rituale, um darauf ihre islamophoben Stimmungen zu bauen. Als Vegetarier habe ich eine besondere Empathie f\u00fcr Tiere entwickelt. Deswegen meine mehrfache Aufmerksamkeit f\u00fcr die islamischen Opferfeste: Als jemand, der den Islam positiv sieht, als Religionslehrer und als Vegetarier.<\/p>\n<p>Weltweit feiern Muslime vom 21. bis 25. August 2018 die Pilgerfahrt und an dessen Ende das Opferfest. Im Hintergrund steht die Erinnerung an Abraham bzw. Ibrahim, auf den das Judentum, das Christentum sowie der Islam zur\u00fcckgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen. Abraham, so die \u00dcberlieferung in der Hebr\u00e4ischen Bibel, war zun\u00e4chst bereit, seinen erstgeborenen Sohn Isaak f\u00fcr Gott zu opfern (Genesis 22,1-19). Laut j\u00fcdisch-christlicher \u00dcberlieferung sollte Isaak geopfert werden, laut Islam soll Ibrahim seinen Sohn Ismael als Probe f\u00fcr seine Gottestreue zun\u00e4chst opfern. Es kam anders: Weder Isaak noch Ismael wurden geopfert. Die zentrale bleibende Botschaft hinter dieser Erinnerung lautet: Gott will keine Menschenopfer! Diese Erkenntnis steht so ganz am Beginn der j\u00fcdisch-christlich-islamischen Geschichte. Gott nimmt dem Abraham das Messer aus der Hand, weil mit Berufung auf Gott kein Mensch mehr get\u00f6tet werden darf.<\/p>\n<p>Im traditionellen Islam werden &#8211; auch mit Berufung auf den Koran &#8211; im Rahmen der Pilgerfahrt und im Zusammenhang mit dem Opferfest rituelle Schlachtopfer von Schafen oder Ziegen dargebracht. Diese Tiere m\u00fcssen gesch\u00e4chtet werden. In \u00d6sterreich tritt dieses Sch\u00e4chten, so denke ich mir,\u00a0 jedoch in den Hintergrund. Im Vordergrund stehen die sozialen Aspekte, das Miteinanderfeiern und das F\u00fcreinandereinstehen, die Tatsache, dass beispielsweise vor Allah jegliche kulturellen und standesm\u00e4\u00dfigen Unterschiede aufgehoben werden und alle als gleichwertig angesehen werden m\u00fcssen, wie dies bei der Hadsch sichtbar wird. Gerne w\u00fcrde ich mit Muslimen dar\u00fcber im Gespr\u00e4ch sein. In \u00d6sterreich schreibt das Tierschutzgesetz genaue Regeln f\u00fcr den Schlachtvorgang vor. So darf nur in Schlachth\u00f6fen gesch\u00e4chtet werden, was mit einem Bet\u00e4ubungsvorgang verbunden sein muss. Traditionell dauert in islamischen L\u00e4ndern das Opferfest im Islam vier Tage und ist verbunden mit der Wallfahrt nach Mekka. Nach den Gebeten finden die rituellen Schlachtungen eines Lammes oder eines anderen Tieres statt. Vorgeschrieben ist, dass das Opfertier nach islamischen Regeln gesch\u00e4chtet wird. Es soll ausbluten, da Blut im Islam als unrein gilt. Dann wird das Fleisch in drei Teile geteilt: Ein Teil geht an Bed\u00fcrftige, ein Teil an Verwandte und Freunde und der dritte Teil wird behalten und in Form eines Festessens direkt nach der Schlachtung verzehrt. Dazu sind Freunde und Verwandte eingeladen.<\/p>\n<p>Die Frage kann gestellt werden: Will Gott bzw. Allah noch irgendein Tieropfer? Die biblische Geschichte hat in dieser Frage eine klare Logik: Die Propheten des Ersten Bundes formulierten es immer wieder: Jahwe ist ein Gott, der die Opfer \u201ehasst\u201c. Jesus greift dann diesen Faden auf \u2013 und nimmt unter anderem Bezug auf den Propheten Jeremia, als er im Tempel in einer konzentriert symbolischen Aktion dem Opferwesen eine Abfuhr erteilt.<\/p>\n<p><strong>Gottesbegegnung ist Ausstieg aus Opfergesinnung<\/strong><\/p>\n<p>Ich sch\u00e4tze den Glauben der Muslime. Auch das Opferfest zeigt zun\u00e4chst positiv auf, wie wir als Christinnen und Christen und Musliminnen und Muslime im Glauben verbunden sind. Es erinnert im Kern an unsere Erzeltern Abraham und Sarah und damit an die Geschichten, die damit verkn\u00fcpft sind: Ein Nomadenvolk, das in seiner Suche nach einer neuen Heimat auf Gott vertraute und erfuhr, dass das G\u00f6ttliche mit Gastfreundschaft den Fremden gegen\u00fcber verbunden ist. Gott begegnet Abraham in den drei Fremden, die seine Botinnen sind. Die Geschichte ist vor allem auch verbunden mit einer Abkehr von jedwedem Menschenopfer. Isaak soll leben. W\u00fcrde der tiefste Kern in dieser Ursprungsgeschichte von Judentum, Christentum und Islam gelebt werden, dann g\u00e4be es keinen Krieg mehr, m\u00fcssten keine Menschenopfer im vermeintlichen Dienst f\u00fcr ein Vaterland mehr stattfinden, w\u00fcrde kein irregeleiteter Terrorist sich als M\u00e4rtyrer selbst aufopfern.<\/p>\n<p><strong>Kritik am Tieropfer im Volk Israel<\/strong><\/p>\n<p>Sp\u00e4ter wird das Volk Israels in den Prophetinnen und Propheten die Stimme JHWH vernehmen. Der Prophet Jesaja spricht: \u201eWas soll mir die Menge eurer Opfer? spricht der Herr. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fetten von den Gem\u00e4steten und habe keine Lust zum Blut der Farren, der L\u00e4mmer und B\u00f6cke. Wenn ihr hereinkommt, zu erscheinen vor mir, wer fordert solches von euren H\u00e4nden, dass ihr auf meinen Vorhof tretet?\u201c (Jesaja 1,11f) Noch deutlicher hei\u00dft es im 66. Kapitel bei Jesaja: \u201eWer einen Ochsen schlachtet, ist eben als einer, der einen Menschen erschl\u00fcge; wer ein Schaf opfert, ist als der einem Hund den Hals br\u00e4che; wer Speiseopfer bringt, ist als der Saublut opfert; wer Weihrauch anz\u00fcndet, ist als der das Unrecht lobt. Solches erw\u00e4hlen sie in ihren Wegen, und ihre Seele hat Gefallen an ihren Gr\u00e4ueln.\u201c (Jesaja 66,3) Und beim Propheten Hosea hei\u00dft es: \u201eDenn ich habe Lust an der Liebe, und nicht am Opfer, und an der Erkenntnis Gottes, und nicht am Brandopfer.\u201c (Hosea 6,6) und an anderer Stelle: \u201eIhr Opfer schlachten und Fleisch fressen ist mir ein Gr\u00e4uel und der Herr hat kein Gefallen daran, sondern wird ihrer Missetaten gedenken und sie f\u00fcr ihre Missetaten heimsuchen.\u201c (Hosea 8,13) Der Sozialrevolution\u00e4r Amos verkn\u00fcpft seine Kritik an den Tieropfern, wie sp\u00e4ter dann Jesus von Nazareth, mit seiner Reichtumskritik: \u201eIch bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen.\u201c (Amos 5,21) \u201eUnd ob ihr mir gleich Brandopfer und Speisopfer opfert so habe ich keinen Gefallen daran; so mag ich auch eure feisten Dankopfer nicht ansehen.\u201c (Amos 5,22) Gott will keine Opfer, sondern Gerechtigkeit, so die Botschaft von Amos. Fast zeitgleich formulierte es der Friedensprophet Micha wie folgt: \u201eWomit soll ich vor den Herrn treten, wie mich beugen vor dem Gott in der H\u00f6he? Soll ich mit Brandopfern vor ihn treten, mit einj\u00e4hrigen K\u00e4lbern? Hat der Herr Gefallen an Tausenden von Widdern, an zehntausend B\u00e4chen von \u00d6l? Soll ich meinen Erstgeborenen hingeben f\u00fcr meine Vergehen, die Frucht meines Leibes f\u00fcr meine S\u00fcnde? Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, G\u00fcte und Treue lieben, in Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott.\u201c (Micha 6,6ff) Im j\u00fcdisch-christlichen Gebetsbuch, dem Psalter, beten wir bis zum heutigen Tag: \u201eHerr, mein Gott, gro\u00df sind deine Wunder und deine Gedanken, die du an uns beweisest. Dir ist nichts gleich. Ich will sie verk\u00fcndigen und davon sagen; aber sie sind nicht zu z\u00e4hlen. Opfer und Speisopfer gefallen dir nicht; aber die Ohren hast du mir aufgetan. Du willst weder Brandopfer noch S\u00fcndopfer.\u201c (Psalm 40,5f) Und im Psalm 51, Vers 16: \u201eDenn du hast nicht Lust zum Opfer, ich wollte dir\u2019s sonst wohl geben, und Brandopfer gefallen dir nicht.\u201c Jesus wird dann diese Tradition aufgreifen und von Barmherzigkeit sprechen, die auch die Tierwelt umfasst. Sein Bild von Gott lautet: \u201eIch will Gerechtigkeit, nicht Opfer.\u201c (Mt 9,13). Wegen seiner Tempelkritik wird er von den r\u00f6mischen Beh\u00f6rden zum Tode verurteilt. \u201eMein Haus soll ein Haus des Gebetes sein. Ihr habt eine M\u00f6rdergrube daraus gemacht!\u201c, hei\u00dft es im Markusevangelium. Gott kann die Tieropfer nicht riechen, so k\u00f6nnte der Schlussstrich unter diesem Zitatenschatz aus der Bibel lauten.<\/p>\n<p><strong>Tiere leiden<\/strong><\/p>\n<p>Die Umweltschutzorganisation Global 200 rechnet vor: \u00d6sterreich liegt beim Fleischkonsum auf Platz 3 in der EU und weltweit auf Platz 15. Jeder \u00d6sterreicher und jede \u00d6sterreicherin isst durchschnittlich in einem Menschenleben 5,9 Tonnen Fleisch. Das sind 1.287 Tiere pro Kopf. In \u00d6sterreich werden j\u00e4hrlich fast 100 Millionen Tiere get\u00f6tet. Ein Teil der Tiere wird nur zum Schlachten importiert. Jene, die heute ver\u00e4chtlich \u00fcber das Sch\u00e4chten schreiben, scheren sich nicht darum, welche Qualen das durchschnittliche Schwein durchgemacht hat, um dann hierzulande als Speck verarbeitet oder als Schnitzel paniert zu werden. Wer am heutigen Tag islamische Schlachtriten kritisiert und selbst aber herzhaft und mit Genuss seine Schweinswurst isst, tr\u00e4gt in sich zumindest eine Spur Heuchelei. Tierschutz h\u00e4tte auch Konsequenzen im eigenen Essverhalten.<\/p>\n<p><strong>Sch\u00e4chten und Tierschutz<\/strong><\/p>\n<p>Laut traditioneller Lehre im Islam ist es notwendig, dass die Tiere allesamt durch Ausbluten sterben, egal ob \u201egesch\u00e4chtet\u201c oder \u201egeschlachtet\u201c. Den Tieren wird dazu meist der Hals aufgestochen oder aufgeschnitten, je nach Schlachtart einmal l\u00e4ngs oder einmal quer. Auch Martin Lintner geht in seinem j\u00fcngst ver\u00f6ffentlichten Buch \u201eDer Mensch und das liebe Vieh\u201c auf das Thema Sch\u00e4chten ein und erkennt darin tierethisch positive Aspekte. So werde durch das Ausbluten symbolisiert, dass ein Tier nicht \u201ebis zum letzten Blutstropfen\u201c ausgebeutet werden d\u00fcrfe. Durch die Art und Weise des aufmerksamen Schlachtens w\u00fcrde dem Tier die ganze Aufmerksamkeit geschenkt und es werde auch noch sichtbar, das prinzipiell auch das T\u00f6ten von Tieren eine sakrale Dimension habe und nicht leichtfertig geschehen sollte. Das Urteil des Moraltheologen aus Brixen lautet: \u201eWird eine Sch\u00e4chtung gem\u00e4\u00df den strengen Vorschriften durchgef\u00fchrt, braucht sie den Vergleich zur automatisierten T\u00f6tung von Tieren in Schlachth\u00e4usern kaum zu scheuen.\u201c\u00a0 Das heimische Tierschutzgesetz gibt eindeutig vor, dass vor der Schlachtung jedenfalls eine Bet\u00e4ubung stattfinden muss. Ich gehe zumindest davon aus, dass in unserem Land w\u00e4hrend der Opferfeste keine Tiere gesch\u00e4chtet werden, ohne dass sie vorher bet\u00e4ubt wurden. Veterin\u00e4rmediziner haben gen\u00fcgend oft festgestellt, welche Qualen ein bet\u00e4ubungsloses Sch\u00e4chten mit sich bringt. Details will ich hier keine nennen. Sie sind zu grausam.<\/p>\n<p><strong>Sind Tieropfer unverzichtbar f\u00fcr den Islam?<\/strong><\/p>\n<p>Als Nichtmuslim kann und darf ich diese Frage nicht beantworten. Ich stelle fest, dass die Mehrheit der Muslime mit Berufung auf den Koran und die Sunna das Tieropfer als unverzichtbaren Teil ihrer Religion sehen. Bestimmte Verse aus dem Koran werden wortw\u00f6rtlich ausgelegt und angewandt. Das Opfern und das Schlachten eines Weidetieres an den Tagen des Opferfestes soll geschehen, um Allahs Wohlgefallen zu erlangen. Dies wird als Anbetungshandlung und Pflicht interpretiert. \u201eSo bete zu deinem Herrn und opfere!\u201c (Sure 108:2) Rund um dieses Opfer werden eine F\u00fclle an weiteren Verpflichtungen erlassen, sowohl was die Auswahl der Tiere anlangt, die Schlachtung selbst sowie die Vorbereitung f\u00fcr die Muslime. Deswegen werden zu den Opferfesten in der islamischen Welt Hunderttausende Tiere rituell geschlachtet und in Gemeinschaft verzehrt.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite hofft meine tierliebende Seele, dass es innerhalb des Islam auch eine andere Richtung gibt, eine Art \u201e\u00f6ko-islamische Bewegung\u201c. Tats\u00e4chlich h\u00f6re und lese ich von liberalen Musliminnen und Muslimen, die diesen Tag n\u00fctzen, um sich auf den Kern der Geschichte von Abraham, Sarah und Isaak einzulassen. Hier geht es doch darum, dem Willen Gottes zu folgen, was bedeutet, Menschen und Tieren und der gesamten Umwelt Wertsch\u00e4tzung entgegen zu bringen. Statt Geld f\u00fcr einen Hammel auszugeben, kann es f\u00fcr Notleidende Spenden geben. Statt ein Schlachttier zu opfern, kann eine Tierschutzorganisation unterst\u00fctzt werden. Und auch f\u00fcr uns Nicht-Muslime kann dieser Tage bedeuten, den eigenen Fleischkonsum kritisch zu betrachten.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, 21. August 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Will Allah, dass wir Tiere opfern? 21. August 2018. Ich bl\u00e4ttere die Tageszeitungen durch. Mit keiner Silbe wird eines der h\u00f6chsten Feste im Islam erw\u00e4hnt. In den Tagen zuvor bem\u00fchten Freiheitliche eine Diskussion \u00fcber das Sch\u00e4chten von Tieren. 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