{"id":3488,"date":"2018-10-09T06:31:27","date_gmt":"2018-10-09T06:31:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3488"},"modified":"2026-02-02T14:32:44","modified_gmt":"2026-02-02T14:32:44","slug":"kirchlicher-rueckenwind-und-stolpersteine-fuer-gleichgeschlechtlich-liebende","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3488","title":{"rendered":"Kirchlicher R\u00fcckenwind und Stolpersteine f\u00fcr gleichgeschlechtlich Liebende"},"content":{"rendered":"<p>Das Positive zuerst. L\u00e4ngst haben Vertreterinnen und Vertreter aus den Kirchen \u2013 hier spreche ich bewusst in der Mehrzahl \u2013 sich von einer schrecklichen Last aus der Vergangenheit befreit. Homophobie in der Kirche, in kirchlicher Verk\u00fcndigung und im Lehramt sind mehrheitlich und tendenziell einer prinzipiell schwulen- und lesbenfreundlichen Haltung gewichen. Dies betrifft insbesondere die Evangelische Kirche. Aber auch im Herzen der r\u00f6misch-katholischen Kirche \u2013 damit meine ich nicht den Vatikan \u2013 finden wir unter den Laienorganisationen wie bei Bisch\u00f6fen, bei Theologieprofessorinnen und Professoren und im Religionsunterricht eine theologisch begr\u00fcndete Anerkennung gleichgeschlechtlich Liebender.<\/p>\n<p>Martin Lintner, Professor f\u00fcr Moraltheologie in Brixen, hat bereits vor einigen Jahren ein wertvolles Buch mit dem Titel \u201eDen Eros entgiften\u201c geschrieben. Mit diesem Titel greift er die Kritik von Friedrich Nietzsche auf, der meinte, \u201eDas Christentum gab dem Eros Gift zu trinken: &#8211; er starb zwar nicht daran, aber entartete zum Laster.\u201c In besonderer Weise ist jener Eros vergiftet worden, der sich auf gleichgeschlechtlich Liebende bezieht. Die r\u00f6misch-katholische Kirche hat sich bei dieser Giftmischerei in der Geschichte vielfach schuldig gemacht. Und auch heute noch mixt so mancher zumindest im Hintergrund seine Giftfl\u00e4schchen und bedient sich dabei l\u00e4ngst \u00fcberholter Textpassagen aus dem Weltkatechismus oder der Instruktion zur Priesterausbildung, mittelalterlicher Beichtspiegel oder einer fundamentalistisch-verengten Bibelinterpretation. Umso mehr braucht es daher heute ein Reden und Handeln der Verantwortlichen der Kirche und eine Praxis in den kirchlichen Gemeinden sowie eine Verk\u00fcndigung, die gepr\u00e4gt ist von einer gro\u00dfen Achtsamkeit gegen\u00fcber den gleichgeschlechtlich Liebenden.<\/p>\n<p>Dem widersprechen in j\u00fcngster Zeit Ma\u00dfnahmen und \u00c4u\u00dferungen aus dem Vatikan und von bisch\u00f6flichen Stellen: Positive Aussagen zur Homosexualit\u00e4t und zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare\u00a0haben eine weitere Amtszeit des Rektors der Theologisch-Philosophischen Hochschule Sankt Georgen, den Jesuitenpater Ansgar Wucherpfennig, ab 1. Oktober 2018 verhindert. Das Nein kam von der Bildungskongregation im Vatikan, die vom Jesuitenpater einen \u00f6ffentlichen Widerruf seiner Positionen verlangte. Wucherpfennig wiederum sieht seine Positionen nicht im Widerspruch zur katholischen Lehre. Die gesamte Di\u00f6zesanleitung des Bistums Limburg, der Jesuitenorden, Laienorganisationen wie der Bund der Katholischen Jugend haben sich allerdings gegen die vatikanischen Vorg\u00e4nge ausgesprochen. An einer katholischen Privatschule in Deutschland wurde der Vertrag eines Lehrers gek\u00fcndigt, weil er \u00f6ffentlich bekanntgab, mit seinem Partner eine zivilrechtliche Verbindung einzugehen. In \u00d6sterreich wiederum kam von katholisch h\u00f6chster Stelle, Kardinal Christoph Sch\u00f6nborn, ein deutliches Nein zur zivilrechtlichen \u201eEhe f\u00fcr alle\u201c. Davor schon sprachen sich Vertreter kirchlicher Organisationen, die im Katholischen Laienrat \u00d6sterreichs zusammengefasst sind, gegen die vom Verfassungsgerichtshof geforderte Einf\u00fchrung der Ehe f\u00fcr gleichgeschlechtliche Paare aus. Zentraler Punkt der Argumentation von Sch\u00f6nborn wie Katholischem Laienrat lautet: Ehe sei untrennbar mit der F\u00e4higkeit zur Zeugung der Nachkommenschaft verbunden.<\/p>\n<p>Selbst mit Blick auf das Kirchenrecht l\u00e4sst sich diese Argumentation jedoch nicht durchhalten. L\u00e4ngst sieht die katholische Kirche eine \u201eZeugungsunf\u00e4higkeit\u201c nicht als Ehehindernis an \u2013 zum Unterschied von der \u201eBeischlafunf\u00e4higkeit\u201c, die \u00fcberholterweise noch als Ehehindernis in konservativ-fundamentalistischen Diktionen angegeben wird, in dieser Form jedoch l\u00e4ngst schon im Widerspruch steht zu anderen kirchlichen Texten. Eine kirchliche Argumentation, die also Offenheit gegen\u00fcber der Nachkommenschaft \u2013 und implizit ist damit immer Zeugungsf\u00e4higkeit gemeint \u2013 als Kardinalargument gegen eine Ehe f\u00fcr alle anf\u00fchrt, widerspricht sich selbst.<\/p>\n<p>Heute ist es jedoch mit Blick auf die Sakramentheologie der Kirche wie der Moratheologie wichtig, andere Blickwinkel in die Diskussion einzubringen. Eine positive Argumentation lautet, dass durch die Institution der Ehe das gleichgeschlechtlich liebende Paar dokumentieren w\u00fcrde: Wir sind nicht \u201eanders\u201c als Heteropaare mit unserem Willen, in Partnerschaft, in Treue und in Liebe f\u00fcreinander einzustehen, \u201ebis dass der Tod und scheidet\u201c. Gleichgeschlechtlich Liebende bezeugten \u00f6ffentlich, dass sie nicht auf den Aspekt der Sexualit\u00e4t reduziert werden m\u00f6chten, sondern dass ihre Beziehungen eine F\u00fclle an zwischenmenschlichen Qualit\u00e4ten aufweisen. Gerade die schwulen Partnerschaften werden in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung immer noch oft mit Promiskuit\u00e4t verbunden \u2013 und damit mit HIV-Gefahren. Eine Entgiftung solcher Images k\u00f6nnte durch die Institution der Ehe f\u00fcr alle geschehen, weil dann gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht mehr \u201everheimlicht\u201c werden m\u00fcssten, weil sichtbar w\u00fcrde, wie gleichgeschlechtlich Liebende sich in Treue und mit Respekt f\u00fcreinander und als Paar f\u00fcr die Gemeinschaft einbringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, 9. Oktober 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Positive zuerst. L\u00e4ngst haben Vertreterinnen und Vertreter aus den Kirchen \u2013 hier spreche ich bewusst in der Mehrzahl \u2013 sich von einer schrecklichen Last aus der Vergangenheit befreit. Homophobie in der Kirche, in kirchlicher Verk\u00fcndigung und im Lehramt sind mehrheitlich und tendenziell einer prinzipiell schwulen- und lesbenfreundlichen Haltung gewichen. Dies betrifft insbesondere die Evangelische&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[183],"tags":[443],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3488"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3488"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3488\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12061,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3488\/revisions\/12061"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3488"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3488"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3488"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}