{"id":3521,"date":"2018-10-28T06:15:21","date_gmt":"2018-10-28T06:15:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3521"},"modified":"2022-08-22T07:39:35","modified_gmt":"2022-08-22T07:39:35","slug":"outsider-wird-zu-insider-oder-die-befreiungsgeschichte-des-blinden-bartimaeus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3521","title":{"rendered":"Outsider wird zu Insider oder: Die Befreiungsgeschichte des blinden Bartim\u00e4us"},"content":{"rendered":"<p><strong><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-3522\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/bartimaeus.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"206\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/bartimaeus.jpg 400w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/bartimaeus-300x155.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/>Interpretationsweisen hinterfragen<\/strong><\/p>\n<p>An diesem letzten Sonntag im Oktober wird in der katholischen Liturgie die Geschichte von der Heilung des blinden Bartim\u00e4us aus dem Markusevangelium gelesen. (Mk 10,46-52) Selbst nach 250 Jahren Aufkl\u00e4rung und nach all den Studien \u00fcber historisch-kritische oder formgeschichtliche Bibelexegese geschieht in der Verk\u00fcndigung wie in den K\u00f6pfen der Menschen immer noch eine Interpretation, die in etwa so geht: Jesus als Sohn Gottes vermag \u00fcberirdische Wunder zu wirken. Selbst eine medizinisch diagnostizierte Blindheit sei letztlich f\u00fcr den Wunderheiler Jesus kein Problem. Vertrauen wir uns also Jesus an, dann k\u00f6nnten Wunder geschehen. Bei dieser Sichtweise sehe ich die kritischen Jugendlichen vor mir in der Klasse sitzen, die nicht mehr glauben k\u00f6nnen und wollen, weil ihnen solches Verst\u00e4ndnis wie ein Hokuspokus vorkommt. Nur Verr\u00fcckte k\u00f6nnten so etwas glauben. Wundergeschichten werden dann f\u00fcr die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler zum Beweis, dass die ganze Bibel ein Fake sei. Wenn wir uns jedoch auf den Gehalt dieser Wundergeschichte einlassen, auf die sorgf\u00e4ltige Komposition der einzelnen Worte sowie den sozialhistorischen Kontext, dann wird so WUNDERSCH\u00d6N die bleibende revolution\u00e4re und befreiende Botschaft deutlich.<\/p>\n<p><strong>\u201eWegziehen aus der Stadt Jericho\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Es hei\u00dft zun\u00e4chst einfach wie lapidar: Jesus \u201ezog weg\u201c. Jesus verl\u00e4sst eine Stadt, die auch einen Namen hat. Jesus zieht nicht allein aus, macht sich nicht mehr allein auf den Weg. Da sind ausdr\u00fccklich seine J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger dabei und selbst von einer \u201egro\u00dfen Menge Volk\u201c ist die Rede. Ein Auszug wie damals mit Mose aus dem Sklavenhaus \u00c4gyptens. Exodus. Es soll nicht mehr so weiter gehen wie bis jetzt. \u201eEine andere Welt ist m\u00f6glich\u201c. Mit diesem Satz brachte es die Antiglobalisierungsbewegung schon vor einigen Jahren auf den Punkt. Schon bald drei\u00dfig Jahre ist es her, seit die Mauer quer durch Europa fiel, weil das Volk hinauszog aus Jahrzehnten der Unterdr\u00fcckung. Und auch heute t\u00e4te ein Hinausziehen so not. Weg von der Zerst\u00f6rung dieser Welt durch den Massenkonsum. Die rechtspopulistischen Mauerbauer haben zwar die Mauern um Jericho hochgezogen, doch es gibt sie auch heute: Die Trompeten, die diese zum Einst\u00fcrzen bringen werden, damit der Auszug im Heute gelingen kann. In den Allt\u00e4glichkeiten und Abh\u00e4ngigkeiten des Lebens k\u00f6nnen wir manchmal dieses Gef\u00fchl versp\u00fcren, ausziehen zu wollen von dem, was einengt, einschr\u00e4nkt, behindert und nicht leben l\u00e4sst. Politisch, kulturell oder individuell: Unsere St\u00e4dte hei\u00dfen heute und jetzt nicht Jericho, aber lassen sich benennen. Wer allerdings wegzieht, braucht Mut und Weggef\u00e4hrtinnen und Weggef\u00e4hrten. Au\u00dferhalb der St\u00e4dte k\u00f6nnte es gef\u00e4hrlich sein. Da k\u00f6nnten Wegelagerer oder wilde Tiere warten. Es braucht Mut wegzuziehen.<\/p>\n<p><strong>\u201eBartim\u00e4us am Weg\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die sozialhistorische Bibelexegese kann die sozial\u00f6konomische Bedeutsamkeit dieser Stelle eindeutig identifizieren. Das religi\u00f6s-kulturelle Reinheitssystem der damaligen Zeit definierte Blindheit wie jede Form von k\u00f6rperlichen Beeintr\u00e4chtigungen, Krankheit wie soziales Missgeschick als Strafe Gottes. Wer blind war, galt als \u201eunrein\u201c. Wer als unrein galt, wurde aus der Mitte der St\u00e4dte und D\u00f6rfer verbannt. Ihr Ort war \u201eau\u00dferhalb\u201c. Um die vermeintlich eigene Reinheit zu bewahren, hielt man einen Abstand von ihnen. Das wird auch in der Reaktion vieler deutlich, die den Bartim\u00e4us \u201eanherrschten\u201c, um ihn zum Schweigen zu bringen. Auf der Grundlage der prophetischen Tradition des Volkes Israel und der Erfahrung des barmherzigen Jahwe-Gottes buchstabierte die j\u00fcdische Erneuerungsbewegung unter Jesus von Nazareth die Lage v\u00f6llig anders. Sie wendet sich dem zu, was ausgegrenzt wird oder sich selbst ausgrenzt aus Verzweiflung oder Verbitterung. Es f\u00e4llt sofort auf, dass der \u201eBlinde\u201c einen Namen hat. Bartim\u00e4us. Auch sein Vater wird namentlich genannt. Und auch seine soziale Stellung wird bezeichnet. Er ist ein Bettler. Ausgrenzung hat einen Namen. Bartim\u00e4us wird benannt.<\/p>\n<p>Auf politischer und wirtschaftlicher Ebene k\u00f6nnen wir die Ausgrenzungsmuster heute klar benennen. Es ist ein Wirtschafts- und Sozialsystem, das \u2013 so die j\u00fcngste Statistik \u2013 allein in Tirol fast 120.000 Menschen an den Rand der Armutsgef\u00e4hrdung gef\u00fchrt hat. Es ist eine Politik, die Asylsuchende mit Mauerstrategien vor den Toren Europas abhalten m\u00f6chte und viele von ihnen im Mittelmeer ertrinken l\u00e4sst. Es ist ein versch\u00e4rftes Asylsystem in unserem Land, das selbst in \u201eH\u00e4rtef\u00e4llen\u201c inhumane Entscheidungen zul\u00e4sst. Bartim\u00e4us wird weiterhin ausgegrenzt und abgeschoben.<\/p>\n<p>Im Schulalltag erlebe ich, wie schnell solche Ausgrenzungsmuster geschehen. Ich sehe die Bettler und Bettlerinnen in der Klasse sitzen. Ein Jugendlicher, der nicht zu einer Party eingeladen wird, f\u00fchlt sich wie ein \u201eBettler\u201c. M\u00e4dchen oder Burschen, denen es nicht gelingen kann, Freundschaften zu schlie\u00dfen, weil sie vielleicht zu sch\u00fcchtern sind oder bestimmten Normen nicht entsprechen. Allerorten gibt es ein Betteln nach Zuwendung, Z\u00e4rtlichkeit und Annahme, das unbeantwortet bleibt. Bleibt solches \u201eBetteln\u201c zulange unbeantwortet, geschieht der Auszug in welcher Form auch immer.<\/p>\n<p><strong>\u201eBartim\u00e4us schreit und vertraut\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Wer setzt den ersten Schritt zur befreienden Heilung? Es ist Bartim\u00e4us selbst, der nicht l\u00e4nger in seiner Bettlerrolle, in seiner sozialen Zuweisung und in seinem kulturellen Ausgegrenztsein bleiben m\u00f6chte. Es hei\u00dft im Evangelium eindrucksvoll: Er schreit laut. Es ist ihm egal, dass sich viele nun \u00fcber ihn emp\u00f6ren. Die Sache mit Jesus ermuntert ihn, sein Schicksal nicht l\u00e4nger zu ertragen. Die Heilung funktioniert nur, weil es Bartim\u00e4us selbst m\u00f6chte und den Mut dazu hat. Es hei\u00dft sogar, dass er den Mantel wegwirft. Der Mantel wiederum bedeutete damals Schutz. Der Mantel diente dem Bettler als Decke in der Nacht und als Schutz vor der K\u00e4lte. Jesus selbst h\u00e4lt sich nicht f\u00fcr einen Wunderwuzzi. Im Gegenteil. Es selbst sagt: \u201eDein Vertrauen hat dich gesund gemacht.\u201c<\/p>\n<p>Auf politischer Ebene h\u00f6re ich heute den Schrei bei den Donnerstagsdemonstrationen oder etwa in der Stellungnahme der Katholischen Aktion vom letzten Wochenende, die sich f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge in unserem Land stark machte. Ich denke an das \u201eWunder von Mals\u201c \u2013 an eine ganze Gemeinde, denen es gelingt, sich dem Glyphosat-Wahn zu entziehen. Zum Gl\u00fcck k\u00f6nnte die Liste von politischen Bartim\u00e4us-Befreiungsgeschichten lange fortgef\u00fchrt werden. Im Alltag wiederum begegnen mir Menschen, die selbst einen stillen Hilfeschrei wahrnehmen, sich zuwenden, die aufrichten und die Augenbinden l\u00f6sen, um auch in mir Vertrauen zu wecken und Licht ins Leben zu bringen.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, 28.10.2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/bartimaeus.jpg' class='thumbnail' \/>Interpretationsweisen hinterfragen An diesem letzten Sonntag im Oktober wird in der katholischen Liturgie die Geschichte von der Heilung des blinden Bartim\u00e4us aus dem Markusevangelium gelesen. 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