{"id":3793,"date":"2019-01-28T18:23:11","date_gmt":"2019-01-28T18:23:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3793"},"modified":"2022-08-22T07:38:37","modified_gmt":"2022-08-22T07:38:37","slug":"ethik-und-religion-religion-oder-ethik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3793","title":{"rendered":"Ethik und Religion, Religion oder Ethik?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Welches Modell? Einf\u00fchrung eines verpflichtenden alternativen Ethikunterrichts an \u00d6sterreichs Schulen oder ein verpflichtender gemeinsamer Religionen- und Ethikunterricht<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><strong>Politische Festlegung zum verpflichtenden Ethikunterricht<\/strong><\/p>\n<p>Anfang J\u00e4nner 2019 hat Bildungsminister Fa\u00dfmann in mehreren Interviews mit Medien<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> das Vorhaben bekr\u00e4ftigt, einen verpflichtenden Ethikunterricht an \u00d6sterreichs Schulen einf\u00fchren zu wollen. Es sei die \u201eIntention seines Hauses\u201c, dass das Fach Ethik aus dem Schulversuch herausgeholt und als \u201esystemisches Fach platziert\u201c werde. In den Interviews wurde sichtbar, dass ministeriell bereits an konkreten Vorstellungen gearbeitet wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><u>Zeitpunkt der Einf\u00fchrung:<\/u><\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich meinte Fa\u00dfmann, dass noch im Schuljahr 2018\/19 an der AHS-Oberstufe mit einem Ethikunterricht begonnen werden sollte. Sp\u00e4ter wurde pr\u00e4zisiert, dass der verpflichtende Unterricht erst mit dem Schuljahr 2020\/21 gestartet werde, beginnend mit der AHS-Oberstufe, den BMHS und den Berufsbildenden Schulen. \u201eVon dort sollte es \u00fcber die Sekundarstufe 1 schrittweise hinuntergehen, letztlich bis in die Volksschule.\u201c<\/p>\n<p><u>Verpflichtender und alternativer Ethikunterricht:<\/u><\/p>\n<p>Die Verpflichtung f\u00fcr diesen Unterricht sollte f\u00fcr alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler gelten, die nicht an einem Religionsunterricht teilnehmen, insbesondere also f\u00fcr jene, die keine Religionszugeh\u00f6rigkeit haben. Mit diesem Modell legte sich Fa\u00dfmann also auf die auch von den Religionsgemeinschaften favorisierte zweigleisige Linie fest: Beibehalten des konfessionellen Religionsunterrichtes als Pflichtfach f\u00fcr Religionsangeh\u00f6re mit Abmeldem\u00f6glichkeit wie bisher, zugleich als Alternative dazu einen verpflichtenden Ethikunterricht f\u00fcr all jene, die keinen Religionsunterricht besuchen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><u>Ausbildung:<\/u><\/p>\n<p>Der Bildungsminister sprach auch \u00fcber die Lehrerinnen und Lehrer, die diesen Unterricht halten sollten: \u201eIn erster Linie Religionslehrer mit einer Zusatzausbildung, es k\u00f6nnten aber auch andere Lehrer mit einer Zusatzausbildung unterrichten, etwa ein Geografielehrer, der insbesondere Aspekte wie \u201agerechte Welt\u2018 und \u201aglobale Verantwortung\u2018 einbringen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><u>Umsetzung<\/u>:<\/p>\n<p>Minister Fa\u00dfmann glaubt nicht, dass es innerhalb seiner Partei oder von Seiten des Koalitionspartners Widerstand gegen eine Realisierung des Ethikunterrichtes geben k\u00f6nnte. Seine Begr\u00fcndung: Ethikunterricht sei ein Schl\u00fcssel f\u00fcr die Herausforderungen, die es in der Schule gebe, wie Gewalt an den Schulen oder Integration.<\/p>\n<p><u>Finanzierung<\/u>:<\/p>\n<p>Budget\u00e4r lie\u00dfe sich ein Ethikunterricht zun\u00e4chst aus den vorhandenen Mitteln speisen, erst eine Ausweitung auf die Sekundarstufe I und darunter w\u00fcrde den Finanzaufwand erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><u>Regierungs\u00fcbereinkommen<\/u>:<\/p>\n<p>Bereits im J\u00e4nner 2018 wurde im Regierungs\u00fcbereinkommen von \u00d6VP\/FP\u00d6 die Einf\u00fchrung eines Pflichtfaches Ethik festgeschrieben. So spricht das &#8222;Regierungsprogramm 2017-2022&#8220; von der Beibehaltung des konfessionellen Religionsunterrichts und einem &#8222;verpflichtenden Ethikunterricht f\u00fcr alle, die keinen konfessionellen Religionsunterricht besuchen&#8220;. Minister Fa\u00dfmann hatte zun\u00e4chst aus budget\u00e4ren Gr\u00fcnden dieses Vorhaben aufgeschoben.<\/p>\n<p><strong>Ausgangslage der entscheidenden Instanzen<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Bildungsministerium<\/li>\n<\/ul>\n<p>Schon im Sommer 2012 hatte die damalige Bundesministerin Claudia Schmied angek\u00fcndigt, Konzepte f\u00fcr einen Ethikunterricht an Schulen vorzulegen. Einerseits \u2013 so Schmied \u2013 sollte an der bestehenden Regelung des Religionsunterrichtes nichts ver\u00e4ndert werden, andererseits peilte das Ministerium im Einklang mit den Schulbeh\u00f6rden die Installierung des Pflichtfaches Ethik an. Der parteipolitische Wechsel des Ministeriums von Rot zu Schwarz hat also in dieser Frage kaum \u00c4nderungen mit sich gebracht. Die Ministeriumslinie bleibt auf dem eingeschlagenen Weg in Richtung eines alternativen Ethikunterrichtes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li>Religionsgemeinschaften<\/li>\n<\/ul>\n<p>Zu den zentralen Playern in dieser Diskussion z\u00e4hlen die Vertretungen der Religionsgemeinschaften. F\u00fcr die katholische Kirche sind dies die Bischofskonferenz bzw. die katholischen Schul\u00e4mter. Auch sie stehen einem Ethikunterricht prinzipiell positiv gegen\u00fcber, weil dadurch \u2013 so die zentrale Argumentation \u2013 der konfessionelle Religionsunterricht seine Absicherung h\u00e4tte. Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler k\u00f6nnten nicht mehr zwischen einer Freistunde und der Teilnahme am konfessionellen Religionsunterricht w\u00e4hlen, wenn es einen eigenen Ethikunterricht gibt. Die Chance f\u00fcr eine Freistunde statt Religionsunterricht sei eine gro\u00dfe Konkurrenz f\u00fcr den Religionsunterricht. Alternative Modelle eines gemeinsamen Religionen- und Ethikunterrichts, der das Modell eines konfessionellen Religionsunterrichtes aufheben w\u00fcrde, werden von Seiten der katholischen Schul\u00e4mter deutlich abgelehnt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li>Universit\u00e4re Ebene<\/li>\n<\/ul>\n<p>Auf wissenschaftlicher Ebene gibt es keine einheitliche Linie.<\/p>\n<p>Der Religionsp\u00e4dagoge Anton Bucher von der Universit\u00e4t Salzburg vertritt seit vielen Jahren die Linie eines gemeinsamen Religionen- und Ethikunterrichtes. Solange ein solcher nicht m\u00f6glich ist, pl\u00e4diert er f\u00fcr das Pflichtfach Ethikunterricht.<\/p>\n<p>An den theologischen Fakult\u00e4ten Graz und Innsbruck gibt es zumindest ein vorsichtiges Aufbrechen eines rein konfessionellen Religionsunterrichtes in Richtung von Modellen interreligi\u00f6sen Arbeitens.<\/p>\n<p>Ausdr\u00fccklich begr\u00fc\u00dft wird die von Bildungsminister Heinz Fa\u00dfmann geplante Einf\u00fchrung eines verpflichtenden Ethikunterrichts f\u00fcr Sch\u00fcler, die keinen Religionsunterricht besuchen, von der Katholisch-Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Wien:<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> &#8222;Wir sehen darin eine St\u00e4rkung von qualit\u00e4tsvollem Unterricht, wie er schon bisher im Religionsunterricht erfolgte&#8220;, betonte der Dekan der Katholisch-Theologischen Fakult\u00e4t, Prof. Johann Pock, am Mittwoch gegen\u00fcber &#8222;Kathpress&#8220;. Au\u00dferdem stelle die Einf\u00fchrung des alternativen Ethikunterrichts &#8222;eine wichtige Reaktion auf die ver\u00e4nderte, pluralere religi\u00f6se Situation dar, die auch noch neue und andere Formen des Unterrichts verlangen wird&#8220;, so der Dekan. Die Katholische Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t bietet schon derzeit ein Masterstudium f\u00fcr Ethiklehrerinnen und Ethiklehrer an.<\/p>\n<ul>\n<li>NEOS<\/li>\n<\/ul>\n<p>Von Beginn an engagierten sich auch die NEOS in Bezug auf die Frage des Ethik- bzw. Religionsunterrichtes. Die Gr\u00fcndungsphase war noch stark gepr\u00e4gt von der Linie, den konfessionellen Religionsunterricht abschaffen zu wollen \u2013 auch unter der Forderung einer strikten Trennung von Religion und Staat. Nun steht auf dem Forderungsprogramm ein \u201everpflichtendes Fach Ethik und Religionen an allen Schulen\u201c.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Der konfessionelle Unterricht sollte daneben noch freiwillig besucht werden k\u00f6nnen, allerdings stark auch vom Staat her kontrolliert werden. Wichtig sei es jedenfalls, den Klassenraum nicht in Religionen zu zerteilen, sondern dort ein gemeinsames Lernen zu erm\u00f6glichen, das die Integration f\u00f6rdert und nicht nochmals auch auf schulischer Ebene das Trennende verst\u00e4rkt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Religionssoziologische Notwendigkeit einer \u00c4nderung<\/strong><\/p>\n<p>In den vergangenen Jahrzehnten ist der Anteil der Personen ohne Religionsbekenntnis st\u00e4ndig gestiegen, von vier Prozent im Jahr 1951 auf 17 Prozent 2017. Au\u00dferdem k\u00f6nnen auch Angeh\u00f6rige einer Religionsgemeinschaft vom Religionsunterricht abgemeldet werden &#8211; zun\u00e4chst durch die Eltern, ab 14 Jahren k\u00f6nnen dies Sch\u00fcler selbstst\u00e4ndig auch ohne Einwilligung der Erziehungsberechtigten. Bekenntnislose und von Religion abgemeldete Sch\u00fcler haben derzeit ohne Schulversuch eine Freistunde. An Schulen mit Schulversuch m\u00fcssen sie dagegen verpflichtend am Ethikunterricht teilnehmen, was die Abmeldung vom Religionsunterricht tendenziell unattraktiver macht. Eine freiwillige Teilnahme von Bekenntnislosen am Religionsunterricht als Freigegenstand war bisher m\u00f6glich. W\u00fcrde es einen verpflichtenden Ethikunterricht geben, so w\u00e4ren diese fast automatisch diesem zugeteilt. Die Alternative, an einem regul\u00e4ren Religionsunterricht teilzunehmen, w\u00fcrde entfallen.<\/p>\n<p><strong>Entweder Ethikunterricht oder Religionsunterricht?<\/strong><\/p>\n<p>Was w\u00fcrde aber ein verpflichtender Ethikunterricht bedeuten? Hier sind zwei Varianten denkbar. Erstens ein Ethikunterricht als Alternativgegenstand f\u00fcr jene, die keinen konfessionellen Religionsunterricht besuchen oder ein Ethikunterricht als Pflichtgegenstand f\u00fcr alle, bei dem der Religionsunterricht zus\u00e4tzlich noch f\u00fcr die konfessionellen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler angeboten wird, der freiwillig gew\u00e4hlt wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Bildungsministerium hat sich mit Minister Fa\u00dfmann auf das Modell verpflichtender \u201eAlternativgegenstand\u201c festgelegt und damit auch jenes Modell, das von den Religionsgemeinschaften favorisiert wird, weil dadurch die Wahlm\u00f6glichkeit \u201eReligion oder Ethik\u201c besteht.<\/p>\n<p>Was bedeutet es, wenn quasi Religion oder Ethik als Entscheidungsalternative vorgelegt wird? Welches Bild von Religion und welches Bild von Ethik wird einem Sch\u00fcler oder einer Sch\u00fclerin vermittelt, wenn er oder sie zu Beginn eines Unterrichtsjahres vor die Wahl gestellt wird \u2013 und praktisch wird es so ablaufen \u2013 Ethik oder Religion? Eine entsprechende Sch\u00fclerentscheidung muss dann sehr schnell stattfinden. Nichtkonfessionelle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler bzw. solche, deren konfessioneller Unterricht mangels Teilnehmerzahl nicht stattfindet, w\u00fcrden dann fast automatisch dem Ethikunterricht zugeteilt. Auf jeden Fall wird durch die Schulanfangsfrage \u201eReligion oder Ethik?\u201c implizit ein sehr verh\u00e4ngnisvolles und falsches Entweder-Oder vermittelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ethik ohne Religion? Ethik statt Religion?<\/strong><\/p>\n<p>Die Headline in einem Zeitungsartikel verr\u00e4t schon die beiden fundamentalen Kernfragen. A) D\u00fcrfen Ethik und Religion tats\u00e4chlich getrennt werden? B) Welche Ethik ist gemeint?<\/p>\n<p>Sebastian Kurz und HC Strache argumentieren ethisch, wenn sie von geschlossenen Grenzen reden. Sie meinen etwas Gutes zu tun f\u00fcr die heimische Bev\u00f6lkerung. Sie geben vor, das Volk mit ihrer Abschottungsstrategie zu sch\u00fctzen. Man wirft der Caritas \u201eProfitgier\u201c vor und beschuldigt Arbeitslose, wie unethisch ihr Verhalten sei, wenn sie in der Fr\u00fch nicht bereit sind aufzustehen und zur Arbeit zu gehen. Die strengen Asylgesetze werden ethisch argumentiert. Jede Religion mahnt dagegen die besondere Sorge f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge ein. Politiker und Wirtschaftstreibende, die auf Wachstumsstrategien setzen, argumentieren ethisch, sie w\u00fcrden Arbeitspl\u00e4tze sichern, sie w\u00fcrden Steuern bringen usw. Der geplant-k\u00fcnftige Spitzenkandidat der \u00d6VP-Wien will die Sonntags\u00f6ffnung und argumentiert ethisch, dass dies gut f\u00fcr die Wirtschaft sei und der Freiheit der Konsumentinnen und Konsumenten gerecht werde. Die Kirchen argumentieren ethisch, wenn sie f\u00fcr die Sonntagsruhe eintreten. Jede Religion baut auf der Achtsamkeit gegen\u00fcber der Sch\u00f6pfung auf.<\/p>\n<p>In solchen Fragen wird sichtbar, dass es zum einen keine \u201ewertfreie Ethik\u201c gibt. Ethisches Handeln wird im Konkreten immer abh\u00e4ngig sein von den eigenen Wertvorstellungen. Auch wenn sich ethische Forderungen mit religi\u00f6sen Geboten decken, fehlt ihnen zudem etwas Wesentliches, was die Religionen einer \u201ereinen\u201c Ethik voraushaben. Religi\u00f6se Verpflichtungen binden Menschen unbedingt. Die Bindung an G\u00f6ttliches verpflichtet, wie es abstrakte ethische Normen nie tun k\u00f6nnen. Drittens schlie\u00dflich liegt der Mehrwert in einer religi\u00f6s basierenden Ethik darin, dass das immer bereits vorausgehende Geschenk der Gottesbegegnung ein ungezwungenes ethisches Handeln erm\u00f6glicht, das auch gewaltfreie Gelassenheit zul\u00e4sst. Diese Bindung der Ethik an Religion bzw. eine religi\u00f6se Ethik hat gerade in der Zeit postmoderner Beliebigkeiten jenes Potenzial, das der Verelendung, dem Hunger, der Zerst\u00f6rung der Umwelt, den Kriegen und der Aufr\u00fcstung die Stirn bietet.<\/p>\n<p>Fakt ist jedenfalls, dass in jedem guten Ethikunterricht eine Auseinandersetzung mit religi\u00f6sen Grundwerten stattfinden wird. Die Schnittmenge zwischen dem, was in einem Religionsunterricht vermittelt wird, und den Inhalten eines Ethikunterrichtes ist sehr gro\u00df.<\/p>\n<p><strong>Religion ohne Ethik?<\/strong><\/p>\n<p>Genauso freilich w\u00e4re es nicht richtig, wenn durch die freie Wahl \u201eReligion oder Ethik\u201c zumindest indirekt der Eindruck entst\u00fcnde, als k\u00f6nnte Religion ohne Ethik auskommen oder als w\u00fcrden im Religionsunterricht die ethischen Fragen keine Rolle spielen. Bildungsminister Fa\u00dfmann z\u00e4hlte als m\u00f6gliche Inhalte eine Ethikunterrichtes u.a. auf: \u201eEs geht um grunds\u00e4tzliche Fragen: \u201aWarum soll ich niemandem Gewalt antun?\u2018 ,Wie handle ich richtig?\u2018, \u201aWas ist eigentlich Gl\u00fcck?\u2018, \u201aWie wichtig ist mir Freundschaft?\u2018, \u201aWie kann man Konflikte l\u00f6sen?\u2018, \u201aM\u00fcsste man Ego-Shooter-Computerspiele verbieten?\u2018, oder auch \u201aWas hat mein Kleidungskauf mit Menschenrechten zu tun?\u2018.\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Religi\u00f6ses Handeln ist immer zugleich ethisches Handeln. Im Tun der Menschen und ihrer Organisationen offenbart sich erst die Religion. Der Glaube manifestiert sich in der Praxis. Man kann nicht \u00fcber Jesus reden, ohne auch \u00fcber Politik ins Gespr\u00e4ch zu kommen. \u201eEin Blick in die Bibel zeigt: Auch Jesus ist hochpolitisch.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> So formulierte es der Vorarlberger Bischof Benno Elbs, als er die Caritas gegen die FP\u00d6-Kritik in Schutz nahm.<\/p>\n<p>Wo versucht wird, der Religion die Ethik zu entziehen, entstehen die religi\u00f6sen Fundamentalismen. Ein Religionsunterricht ohne Ethik w\u00e4re das, was der Pius-Bruderschaft mit ihrer voraufkl\u00e4rerischen Fundamentalmoral vorschwebt. Ein Religionsunterricht ohne Ethik w\u00e4re blutentleert \u2013 genauso wie ein Ethikunterricht ohne die Auseinandersetzung mit den Religionen.<\/p>\n<p><strong>Ethik in allen Schulf\u00e4chern<\/strong><\/p>\n<p>Ethische Themen sind im Schulalltag aus den anderen F\u00e4chern nicht wegzudenken. Wenn im Fach Geographie und Wirtschaftskunde die Fragen der weltweiten Gerechtigkeit, die Ursachen des Hungers, der Klimawandel etc. erwogen werden oder wenn im Fach Biologie \u00fcber Tierschutz, Artensterben etc. diskutiert wird, kommt immer auch Ethik vor. Was w\u00e4re ein Deutsch- oder Englischunterricht ohne Ethik? Was w\u00e4re Geschichte und Politische Bildung ohne Ethik? Oder gar Philosophie und Psychologie? Manchmal argumentieren die Bef\u00fcrworter eines alternativen Ethikunterrichts so, als g\u00e4be es keine Ethik an den Schulen, dabei erlebe ich unter meinen Kollegen und Kolleginnen, dass im gesamten F\u00e4cherkanon ethische Grundfragen und Themenstellungen stets eine pr\u00e4gende Rolle spielen. Anders ausgedr\u00fcckt: Ethik ist zun\u00e4chst mehr Unterrichtsprinzip als Unterrichtsgegenstand.<\/p>\n<p><strong>Ethikunterricht w\u00fcrde konfessionellen Religionsunterricht verdr\u00e4ngen<\/strong><\/p>\n<p>Bildungsminister Fa\u00dfmann will einen alternativen Ethikunterricht und zugleich den konfessionellen Religionsunterricht. Praktisch gesehen w\u00fcrde dies jedoch zu einer schrittweisen Verdr\u00e4ngung des konfessionellen Religionsunterrichtes f\u00fchren.<\/p>\n<p>Ein Blick in die Schulklassen zeigt die Heterogenit\u00e4t. Die Zahl der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler ohne Religionsbekenntnis hat zugenommen. Auch die j\u00fcngste Statistik \u00fcber Kirchenaustritte ist ein Indikator, dass die Selbstverst\u00e4ndlichkeit einer religi\u00f6sen Zugeh\u00f6rigkeit nicht mehr gegeben ist. Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler ohne Religionsbekenntnis w\u00fcrden, auch wenn sie es nicht m\u00fcssten, fast automatisch dem Ethikunterricht zugeteilt werden. Das w\u00e4re in inhaltlich-p\u00e4dagogischer Sicht ein gro\u00dfer Verlust. Gerade Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, die nicht religi\u00f6s aufgewachsen sind, haben oft ein gro\u00dfes Interesse an den Religionen und bringen \u2013 so meine eigene Erfahrung als Religionslehrer \u2013 mit ihren kritischen Fragen den Unterricht viel weiter. Es ist sch\u00f6n, einen Raum und Zeit in der Schule zu finden, wo Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler voneinander und miteinander die religi\u00f6s-ethischen Fragestellungen erarbeiten k\u00f6nnen und von ihren Erfahrungen ausgehen k\u00f6nnen. Das betrifft auch die zunehmende Buntheit der religi\u00f6sen Zugeh\u00f6rigkeiten in einer Schulklasse. Sie wird durch das Konfessionalit\u00e4tsprinzip vielfach segmentiert. Ein gemeinsames interreligi\u00f6ses Lernen wird verhindert.<\/p>\n<p>Aus administrativer Sicht l\u00e4sst sich ein Ethikunterricht leichter organisieren. Dann wird dieser zweist\u00fcndig optimal platziert am Vormittag sein k\u00f6nnen, w\u00e4hrend der konfessionelle Unterricht einst\u00fcndig am Nachmittag eingeteilt werden w\u00fcrde, was nochmals die Abmeldequote verst\u00e4rken w\u00fcrde. Auch auf inhaltlicher Ebene w\u00fcrde so mancher Schulleiter oder so manche Schulleiterin zumindest unausgesprochen einen Ethikunterricht einem Religionsunterricht vorziehen, wenn es beispielsweise in der Schule Integrationsprobleme gibt. So wird ausdr\u00fccklich von Ministeriumsseite die Botschaft vermittelt: \u201eDie Hoffnung ist: Der Ethikunterricht k\u00f6nnte attraktiver sein als der Religionsunterricht und daher freiwillig von mehr Sch\u00fclern frequentiert werden als bisher.\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\"><sup>[6]<\/sup><\/a> Dort n\u00e4mlich, so die Argumentation, w\u00fcrden manche zentralen Anliegen wie \u201eGewalt und Konfliktl\u00f6sung\u201c zu wenig ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p><strong>Interreligi\u00f6ser Religionen- und Ethikunterricht als zeitgem\u00e4\u00dfe Antwort<\/strong><\/p>\n<p>Was wir br\u00e4uchten, ist eine Neudefinition des herk\u00f6mmlichen konfessionell gepr\u00e4gten Religionsunterrichtes ohne die Falle entweder Religion oder Ethik. In unserer multireligi\u00f6sen Welt muss eine strukturelle Debatte um den Religionsunterricht stattfinden. Die Schulklassen sind konfessionell schon l\u00e4ngst nicht mehr homogen. Dies bringt zum einen schulorganisatorisch gro\u00dfe Probleme mit sich. Eine Klasse wird x-fach segmentiert in solche, die keiner Religionsgemeinschaft angeh\u00f6ren \u2013 in Hinkunft w\u00fcrden sie genauso wie die vom Religionsunterricht Abgemeldeten wohl automatisch dem Ethikunterricht zugeteilt \u2013 und solche, die sich in zunehmend kleiner werdenden konfessionellen Unterrichtsgruppen aufteilen. Diese Segmentierung einer Klasse geschieht gerade dort, wo es den Erfahrungsreichtum eines gemeinsamen interreligi\u00f6sen und kulturellen Lernens br\u00e4uchte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es g\u00e4be die Alternative eines gemeinsamen Religionen- und Ethikunterrichtes. Er w\u00fcrde nicht das Image einer Konfessionskunde haben, was auch der Religionsunterricht schon l\u00e4ngst nicht mehr ist. Er w\u00fcrde gemeinsames interreligi\u00f6ses und ethisches Lernen in den Schulklassen erm\u00f6glichen und erf\u00fcllte damit die notwendige Funktion von Inklusion und Integration. Er w\u00fcrde nicht die Themen Ethik und Religionen trennen, weil beide Bereiche wesentlich zusammen gedacht werden m\u00fcssen. Er w\u00fcrde auch von den Religionsp\u00e4dagoginnen und -p\u00e4dagogen oder Philosophielehrerinnen und -lehren unterrichtet werden k\u00f6nnen, die eine mehrj\u00e4hrige theologisch-philosophisch-ethische universit\u00e4re Ausbildung erhalten haben, was jedenfalls wesentlich mehr ist als die Zusatzausbildungen, die f\u00fcr k\u00fcnftige Ethiklehrerinnen und -lehrer angeboten werden sollen.<\/p>\n<p>Der gemeinsame Religionen- und Ethikunterricht h\u00e4tte keinerlei konfessionalistische Engf\u00fchrung und w\u00fcrde daher der Religionsfreiheit nicht widersprechen, da in ihm keine Indoktrination in ein bestimmtes Glaubenssystem stattfindet, sondern ein allgemeinbildendes Miteinanderlernen von religi\u00f6s-ethisch-philosophischen Grundfragen. Eine Klasse w\u00fcrde nicht geteilt in vermeintlich religi\u00f6se und vermeintlich unreligi\u00f6se Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, sondern alle k\u00f6nnten miteinander lernen. Damit w\u00fcrden auch jene vielen Fragen aufgegriffen werden, die gegenw\u00e4rtig so brennend sind: Wie geschieht Integration gerade unter dem Vorzeichen von religi\u00f6ser Pluralit\u00e4t? Praktisch gesehen g\u00e4be es auch ein Zweistundenfach. W\u00fcrde es eine Wahl zwischen einem zugleich vielfach in Konfessionen und Religionsgemeinschaften aufgesplitterten Religionsunterricht und einem Ethikunterricht geben, so w\u00e4re es wahrscheinlich in beiden F\u00e4llen nur mehr ein Einstundenfach, was p\u00e4dagogisch zweifelhaft ist.<\/p>\n<p>Die Zukunft geh\u00f6rt einem gemeinsamen Religionen- und Ethikunterricht, den alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler verpflichtend besuchen. Aufgrund ihrer theologisch-ethischen sowie p\u00e4dagogischen Ausbildung und auch ihrer Verankerung in den Religionen sind die bisherigen Lehrkr\u00e4fte in Religion daf\u00fcr geeignete und kompetente P\u00e4dagoginnen und P\u00e4dagogen. L\u00e4ngst schon sind die Lehrpl\u00e4ne des Religionsunterrichtes und die bildungspolitischen Vorgaben so gestaltet, dass es in einem konfessionellen Religionsunterricht nicht um Konfessionskunde geht, sondern um ein Miteinanderlernen an den ethischen Herausforderungen, f\u00fcr die gerade die Religionen wertvolle L\u00f6sungsangebote bieten. Die aktuellen Statistiken des Kirchenaustritts sind ein Indikator daf\u00fcr, dass immer weniger Kinder und Jugendliche mit einem selbstverst\u00e4ndlichen Wissen \u00fcber die Religionen aufwachsen. Mangelndes Wissen \u00fcber Religionen f\u00fchrt zu Vorurteilen. Es ist auch das Recht der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler ohne Religionsbekenntnis, dass sie sich mit den zentralen Inhalten der Religionen auseinander setzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Konfessioneller Unterricht als erg\u00e4nzender freiwilliger Unterricht<\/strong><\/p>\n<p>Jeder Sch\u00fcler und jede Sch\u00fclerin sollte zus\u00e4tzlich noch das konfessionell gepr\u00e4gte Fach Religion w\u00e4hlen k\u00f6nnen, sollte dies angeboten werden k\u00f6nnen. Das hie\u00dfe beispielsweise f\u00fcr einen katholischen Sch\u00fcler, dass er neben seinem verpflichtenden Religionen- und Ethikunterricht noch eine zus\u00e4tzliche Wochenstunde Religion in seiner Konfession besuchen k\u00f6nnte. Aus diesen konfessionellen Religionsunterrichtsf\u00e4chern w\u00fcrde spezifische Impulse in den gemeinsamen Religionen- und Ethikunterricht flie\u00dfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>(28.1.2019)<\/p>\n<p><strong>Klaus Heidegger, Religionslehrer am Privat. Oberstufenrealgymnasium Volders<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Z.B.: Tiroler Tageszeitung, 10. 1. 2019, Kurier, 14.1.2019, ORF-Hohes Haus vom 20.1.2019.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Informationen entnommen: Kathpress, 17.1.2019.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. dazu ausf\u00fchrlich in: Kleine Zeitung vom 20.1.2019.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Zit. in: Kurier, 14.1.2019.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Tiroler Tageszeitung, 12.1.2019.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Zit. in: Kurier, 14.1.2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welches Modell? Einf\u00fchrung eines verpflichtenden alternativen Ethikunterrichts an \u00d6sterreichs Schulen oder ein verpflichtender gemeinsamer Religionen- und Ethikunterricht \u00a0Politische Festlegung zum verpflichtenden Ethikunterricht Anfang J\u00e4nner 2019 hat Bildungsminister Fa\u00dfmann in mehreren Interviews mit Medien[1] das Vorhaben bekr\u00e4ftigt, einen verpflichtenden Ethikunterricht an \u00d6sterreichs Schulen einf\u00fchren zu wollen. 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