{"id":3855,"date":"2019-03-05T16:58:09","date_gmt":"2019-03-05T16:58:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3855"},"modified":"2026-02-02T14:48:15","modified_gmt":"2026-02-02T14:48:15","slug":"religioes-ethische-zweigleisigkeit-auf-schiene-gebracht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3855","title":{"rendered":"Religi\u00f6s-ethische Zweigleisigkeit auf Schiene gebracht"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zweigleisigkeit von Ethik- und Religionsunterricht<\/strong><\/p>\n<p>Stolz pr\u00e4sentierten in t\u00fcrkis-blauer Eintracht Kanzler mit Vizekanzler und Bildungsminister den neuen Plan f\u00fcr einen verpflichtenden Ethikunterricht. Dass dies gerade am Faschingsdienstag geschah, mag wie ein \u00fcble Ironie f\u00fcr jene sein, die sich anderes erhofft hatten. Um im Bild der Schiene zu bleiben, passt folgende Metapher. Ein Oberstufensch\u00fcler oder eine Oberstufensch\u00fclerin muss nun ab dem Schuljahr 2020\/21 in \u00d6sterreich die Entscheidung treffen: Steige ich in den Zug mit dem Namen \u201eEthikunterricht\u201c oder w\u00e4hle ich einen der Z\u00fcge mit dem Namen \u201eReligion\u201c? Letztere Z\u00fcglein werden teils sehr klein und aus organisatorischen Gr\u00fcnden versp\u00e4tet am Nachmittag abfahren, sodass die Wahl f\u00fcr einen Ethikunterricht wohl attraktiver sein wird, noch dazu, wo dort doch die \u201el\u00e4ssigen\u201c ethischen Themen behandelt werden und \u00fcberhaupt: Im Ethikunterricht sitzen vielleicht mehr Mitsch\u00fclerinnen und Mitsch\u00fcler und es wird ja gesagt, dass dort die Vernunft eine Rolle spiele und nicht die unvern\u00fcnftigen Glaubenssachen und vorgestrige Moral den Unterricht bestimmten. Ethik ist cool, Religion ist out, weil das, was die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler zun\u00e4chst interessiert, doch ethischer Natur ist. Die Zuschreibungen von au\u00dfen f\u00fcr die konfessionellen Z\u00fcge sind stereotyp. Im Katholenzug unterrichtet ein Pfarrer mit Talar (Vorsicht!). Dort riecht es nach Weihrauch und man lernt, den Rosenkranz zu beten. Im lutherischen Zug ist Bibelunterweisung Programm. Auf den Teppichen des Muslimzuges lernt man die Suren des Koran auswendig. Klar ist auch, wer dem Ethikzug zugeteilt wird: All jene ohne Religionsbekenntnis. Man k\u00f6nnte auch sagen: Der Atheistenzug. Haben Konfessionsfreie kein Interesse an religi\u00f6sen Fragestellungen? Oder anders gefragt: Ist nicht f\u00fcr alle eine aufgekl\u00e4rte religi\u00f6se Grundbildung notwendig und laut Schulorganisationsgesetz vorgeschrieben \u2013 gerade f\u00fcr jene auch, die au\u00dferschulisch bisher wenig religi\u00f6se Bildung erhielten? Werden diese jungen Menschen nicht fehlen in jenen Z\u00fcgen, wo die Konfessionellen zugeteilt werden, soweit sie sich dieser Zuordnung nicht entziehen? Ob sich die Konfessionellen \u00fcberhaupt vom Religionszug abmelden m\u00fcssen, ob es also eine sogenannte Opt-in-Variante gibt, bei der sie sich frei und ohne die 5-Tage-Abmeldefrist f\u00fcr einen Ethikunterricht entscheiden k\u00f6nnten, ist noch nicht klar geregelt.<\/p>\n<p><strong>Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter<\/strong><\/p>\n<p>Wer die professionellen Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter sein werden, ist ebenfalls noch nicht gekl\u00e4rt. Schon treten jene auf den Plan, die ausgebildete Religionslehrkr\u00e4fte jedenfalls nicht als Fachkr\u00e4fte f\u00fcr einen Ethikunterricht sehen, weil jene doch ideologisch kleinkariert und unvern\u00fcnftig w\u00e4ren.<\/p>\n<p><strong>Religion und Ethik nicht trennen<\/strong><\/p>\n<p>In meinen Beitr\u00e4gen habe ich versucht zu argumentieren, dass zwischen Religion und Ethik eine gro\u00dfe Schnittmenge besteht, die im Unterrichtsgeschehen stets pr\u00e4sent sein kann. Mein Pl\u00e4doyer lautet, Religion und Ethik nicht zu trennen. Fakt ist jedenfalls, dass in jedem guten Ethikunterricht eine Auseinandersetzung mit religi\u00f6sen Grundwerten stattfinden wird. Die Schnittmenge zwischen dem, was in einem Religionsunterricht vermittelt wird, und den Inhalten eines Ethikunterrichtes ist gro\u00df. Durch die freie Wahl \u201eReligion oder Ethik\u201c k\u00f6nnte zumindest indirekt der Eindruck entstehen, als k\u00f6nnte Religion ohne Ethik auskommen oder als w\u00fcrden im Religionsunterricht die ethischen Fragen keine Rolle spielen. Religi\u00f6ses Handeln ist immer zugleich ethisches Handeln. Im Tun der Menschen und ihrer Organisationen offenbart sich erst die Religion. Der Glaube manifestiert sich in der Praxis. Man kann nicht \u00fcber Jesus reden, ohne auch \u00fcber Politik ins Gespr\u00e4ch zu kommen. Wo versucht wird, der Religion die Ethik zu entziehen, entstehen die religi\u00f6sen Fundamentalismen. Ein Religionsunterricht ohne Ethik k\u00e4me freilich all jenen entgegen, die sich stets infrage gestellt f\u00fchlen, wenn aus religi\u00f6s-ethischer Sicht politische Vorg\u00e4nge kritisiert werden. Ein Religionsunterricht ohne Ethik w\u00e4re blutentleert \u2013 genauso wie ein Ethikunterricht ohne die Auseinandersetzung mit den Religionen.<\/p>\n<p><strong>Interreligi\u00f6ser und inklusiver Religionen- und Ethikunterricht als zeitgem\u00e4\u00dfe Antwort<\/strong><\/p>\n<p>Was wir br\u00e4uchten, ist eine religi\u00f6s-ethisches Fach ohne die Falle entweder Religion oder Ethik. Die Schulklassen sind konfessionell schon l\u00e4ngst nicht mehr homogen. Dies bringt zum einen schulorganisatorisch gro\u00dfe Probleme mit sich. Eine Klasse wird x-fach segmentiert in solche Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, die keiner Religionsgemeinschaft angeh\u00f6ren \u2013 in Hinkunft w\u00fcrden sie genauso wie die vom Religionsunterricht Abgemeldeten automatisch dem Ethikunterricht zugeteilt \u2013 und solche, die sich in zunehmend kleiner werdenden konfessionellen Unterrichtsgruppen aufteilen. Diese Segmentierung einer Klasse geschieht gerade dort, wo es den Erfahrungsreichtum eines gemeinsamen interreligi\u00f6sen und kulturellen Lernens br\u00e4uchte.<\/p>\n<p>Es g\u00e4be die Alternative eines gemeinsamen Religionen- und Ethikunterrichtes. Er w\u00fcrde nicht das Image einer Konfessionskunde haben, was auch der Religionsunterricht schon l\u00e4ngst nicht mehr ist. Er w\u00fcrde gemeinsames interreligi\u00f6ses und ethisches Lernen in den Schulklassen erm\u00f6glichen und erf\u00fcllte damit die notwendige Funktion von Inklusion und Integration. Er w\u00fcrde nicht die Themen Ethik und Religionen trennen, weil beide Bereiche wesentlich zusammen gedacht werden m\u00fcssen. Er w\u00fcrde auch von den Religionsp\u00e4dagoginnen und -p\u00e4dagogen oder Philosophielehrerinnen und -lehren unterrichtet werden k\u00f6nnen, die eine mehrj\u00e4hrige theologisch-philosophisch-ethische universit\u00e4re Ausbildung erhalten haben, was jedenfalls wesentlich mehr ist als die Zusatzausbildungen, die f\u00fcr k\u00fcnftige Ethiklehrerinnen und -lehrer angeboten werden sollen.<\/p>\n<p>Der gemeinsame Religionen- und Ethikunterricht h\u00e4tte keinerlei konfessionalistische Engf\u00fchrung und w\u00fcrde daher der Religionsfreiheit nicht widersprechen, da in ihm keine Indoktrination in ein bestimmtes Glaubenssystem stattfindet, sondern ein allgemeinbildendes Miteinanderlernen von religi\u00f6s-ethisch-philosophischen Grundfragen. Eine Klasse w\u00fcrde nicht geteilt in vermeintlich religi\u00f6se und vermeintlich unreligi\u00f6se Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, sondern alle k\u00f6nnten miteinander lernen. Damit w\u00fcrden auch jene vielen Fragen aufgegriffen werden, die gegenw\u00e4rtig so brennend sind: Wie geschieht Integration gerade unter dem Vorzeichen von religi\u00f6ser Pluralit\u00e4t? Praktisch gesehen g\u00e4be es auch ein Zweistundenfach. W\u00fcrde es eine Wahl zwischen einem zugleich vielfach in Konfessionen und Religionsgemeinschaften aufgesplitterten Religionsunterricht und einem Ethikunterricht geben, so w\u00e4re es wahrscheinlich in beiden F\u00e4llen nur mehr ein Einstundenfach, was p\u00e4dagogisch zweifelhaft ist.<\/p>\n<p>Eine andere Zugwahl w\u00e4re m\u00f6glich gewesen. Ein gemeinsamer Religionen- und Ethikunterricht, den alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler verpflichtend besuchen. Aufgrund ihrer theologisch-ethischen sowie p\u00e4dagogischen Ausbildung und auch ihrer Verankerung in den Religionen sind die bisherigen Lehrkr\u00e4fte in Religion daf\u00fcr geeignete und kompetente P\u00e4dagoginnen und P\u00e4dagogen. L\u00e4ngst schon sind die Lehrpl\u00e4ne des Religionsunterrichtes und die bildungspolitischen Vorgaben so gestaltet, dass es in einem konfessionellen Religionsunterricht nicht um Konfessionskunde geht, sondern um ein Miteinanderlernen an den ethischen Herausforderungen, f\u00fcr die gerade die Religionen wertvolle L\u00f6sungsangebote bieten. Die aktuellen Statistiken des Kirchenaustritts sind ein Indikator daf\u00fcr, dass immer weniger Kinder und Jugendliche mit einem selbstverst\u00e4ndlichen Wissen \u00fcber die Religionen aufwachsen. Mangelndes Wissen \u00fcber Religionen f\u00fchrt zu Vorurteilen. Es ist auch das Recht der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler ohne Religionsbekenntnis, dass sie sich mit den zentralen Inhalten der Religionen auseinander setzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dr. Klaus Heidegger, Religionslehrer an einem Oberstufenrealgymnasium, 5. M\u00e4rz 2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zweigleisigkeit von Ethik- und Religionsunterricht Stolz pr\u00e4sentierten in t\u00fcrkis-blauer Eintracht Kanzler mit Vizekanzler und Bildungsminister den neuen Plan f\u00fcr einen verpflichtenden Ethikunterricht. Dass dies gerade am Faschingsdienstag geschah, mag wie ein \u00fcble Ironie f\u00fcr jene sein, die sich anderes erhofft hatten. Um im Bild der Schiene zu bleiben, passt folgende Metapher. 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