{"id":3885,"date":"2019-03-14T17:03:03","date_gmt":"2019-03-14T17:03:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3885"},"modified":"2022-08-22T07:38:37","modified_gmt":"2022-08-22T07:38:37","slug":"ermutigung-eines-lehrers-zum-weltweiten-schulstreik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3885","title":{"rendered":"Ermutigung eines Lehrers zum weltweiten Schulstreik"},"content":{"rendered":"<p><strong><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-3886 alignright\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/fridays-22.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"139\" \/>Liebe Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler!<\/strong><\/p>\n<p><strong>Eigenm\u00e4chtig<\/strong><\/p>\n<p>Wenn Ihr Euch heute gemeinsam mit Tausenden von anderen in vielen St\u00e4dten am weltweiten Schulstreik beteiligt, so ist mein Verstand und mein Herz ganz bei Euch. Als Lehrperson bin ich zwar physisch nicht dabei \u2013 weil es so ganz Euer rebellischer Protest ist, eben keine Schulveranstaltung, sondern ein Bestreiken der Schule. Ich wei\u00df, dass Ihr meinen Zuspruch als Lehrer gar nicht braucht. Ihr handelt eigenm\u00e4chtig \u2013 und das ist angesichts der dramatischen Entwicklung im Zusammenhang mit der Erderhitzung so wichtig. Ihr handelt aus eigenem Antrieb, nicht weil es Euch ein Lehrer vorschreibt. Ihr w\u00fcrdet auch so handeln, wenn wir Lehrpersonen Euch das Streiken verbieten w\u00fcrden.<\/p>\n<p><strong>Rebellisch<\/strong><\/p>\n<p>Ihr braucht zun\u00e4chst nicht das Ja der Schulverantwortlichen, das dem Rebellischen Eures Streiks nur den Stachel n\u00e4hme. Als Greta Thunberg im September letzten Jahres begann, jeden Freitag die Schule zu bestreiken und den Platz vor dem schwedischen Parlament statt im Klassenzimmer w\u00e4hlte, fragte sie auch nicht nach Erlaubnis von der Schulleitung. Die h\u00e4tte sie als 15-j\u00e4hriges schulpflichtiges M\u00e4dchen auch nicht erhalten. Ein Streik durchbricht das Regelhafte und gerade deswegen regt er auf und weckt auf. Ein stiller Protest im Schulhof bliebe unbemerkt, nicht weniger eine Demonstration au\u00dferhalb der Schulzeit. Euer Widerstand braucht Aufmerksamkeit und \u00d6ffentlichkeit. Bevor vor 100 Jahren in \u00d6sterreich das Wahlrecht eingef\u00fchrt wurde, brauchte es den rebellischen Protest der Suffragetten. Bevor in den USA die Apartheid abgeschafft wurde, brauchte es die auch illegalen Streiks der B\u00fcrgerrechtsbewegung. Der Vietnamkrieg kam auch deswegen zu einem Ende, weil junge M\u00e4nner in den USA sich einer Einberufung widersetzten. Ein Megakraftwerk in der Hainburger Au wurde gestoppt und damit der Nationalpark Donauauen erm\u00f6glicht, weil die schon ausgefahrenen Rodungsmaschinen mit einer Aubesetzung gestoppt wurden. Ja, und auch die Mauer und der Stacheldraht zwischen Ost- und Westeuropa ist letztlich gefallen, weil sich dies die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger der osteurop\u00e4ischen Staaten nicht mehr l\u00e4nger gefallen lie\u00dfen. In einem Geschichteunterricht k\u00f6nntet Ihr von Tausenden Beispielen erfahren, wie durch Streiks und Aktionen des zivilen Ungehorsams tiefgreifende Ver\u00e4nderungen f\u00fcr eine bessere Welt m\u00f6glich wurden.<\/p>\n<p><strong>Authentisch<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube den Worten nicht, die ich in den letzten Tagen h\u00f6rte: Viele unter Euch seien nur Schulschw\u00e4nzer, die es ausn\u00fctzten, unter dem Vorwand des Klimastreiks blau zu machen. Man s\u00e4he es doch daran, dass Euer Lifestyle gepr\u00e4gt sei von Umweltverschmutzung. Ihr w\u00fcrdet mit Benzinmopeds in die Schule kommen und dann klimastreiken. Weil ich einige von Euch kenne, wei\u00df ich: Ihr meint es wirklich ernst. Ihr kennt die Inhalte des Pariser Klimaabkommens und habt Euch auch in den Unterrichtsstunden mit den dramatischen Folgen der Erderhitzung auseinander gesetzt. Ihr ern\u00e4hrt Euch bewusst, vermeidet M\u00fcll und k\u00f6nnt argumentieren. Ihr seid authentisch wie Greta Thunberg, die selbst vorlebt, was sie sagt: Nicht mehr ein Flugzeug ben\u00fctzen. Nur im Ausnahmefall in ein Auto steigen \u2013 und selbst da f\u00e4hrt sie mit einem E-Auto mit. Sie lebt vegan und verfolgt eine No-Shop-Strategie, was ihre Kleidung betrifft. Der Konsum wird auf das Notwendige eingeschr\u00e4nkt. W\u00e4re ich bei Eurem Streik heute dabei, so s\u00e4he ich keine Red-Bull-Dosen. Die Schilder Eurer Botschaften sind bewusst auf alten Kartons geschrieben. Upcycling statt Ressourcenverschwendung. Die Maturantinnen und Maturanten unter Euch haben wohl keine All-Inclusive-Flugreise im Stile von Summersplash oder X-Jam gebucht.<\/p>\n<p><strong>Informiert<\/strong><\/p>\n<p>Ihr kennt die Bilanz der Treibhausgas-Emissionen in \u00d6sterreich und es regt Euch auf, dass \u00d6sterreich in Bezug auf einige Entwicklungen noch schlechter dasteht als das Land, von dem die Sch\u00fclerstreiks ihren Ausgangspunkt nahmen. Laut Bericht vom Umweltbundesamt vom J\u00e4nner 2019 stiegen die THG-Emissionen im Jahr 2017 auf 51,7 Mio. Tonnen, liegen also weit hinter dem 2020-Ziel von 47,80 Mio. Tonnen, das auf der Grundlage des Pariser Abkommens erreicht werden sollte. Ihr fordert nur das ein, was damals beschlossen wurde: das 1,5 Grad-Ziel. Das freilich fordert eine mutige Umweltschutzpolitik. Ihr wisst, dass die \u00c4nderung der Emissionswerte vor allem mit dem Verkehr zusammenh\u00e4ngt, wo es zwischen 1990 und 2017 eine Steigerung von 9,7 Prozent gegeben hat. Es regt Euch \u2013 genauso wie mich \u2013 auf, dass von Seiten der gegenw\u00e4rtigen Regierung eine Politik betrieben wird, die den erkl\u00e4rten Klimaschutzzielen diametral widerspricht. Flugh\u00e4fen werden ausgebaut, Tempo-140-Zonen auf Autobahnen errichtet, Stra\u00dfen werden verbreitet, t\u00e4glich werden Hunderte Quadratmeter Bodenfl\u00e4che versiegelt und es gibt keine \u00f6kologisch-orientierte Steuerreform. Ihr seid w\u00fctend, dass der Transitverkehr immer noch mehr zunimmt und zugleich der f\u00fcr den Verkehr zust\u00e4ndige Minister das Nachtfahrverbot lockern und die Geschwindigkeitsbegrenzung f\u00fcr die Lkws erh\u00f6hen m\u00f6chte. All dies sind Faktoren daf\u00fcr, dass laut Weltwetterrorganisation die letzten vier Jahre die w\u00e4rmsten seit Beginn der Aufzeichnungen waren. Die dramatischen Folgen kennen viele von Euch aus einem Geographieunterricht. Es kommt zu einer Erw\u00e4rmung der Weltmeere, zu Wirbelst\u00fcrmen, zu Unwetterkatastrophen, Wassermangel auf der einen Seite, \u00dcberschwemmungen woanders. Wenn Ihr die Nachrichten verfolgt, so merkt Ihr t\u00e4glich, was die Folgen der Erderhitzung mit sich bringen: B\u00fcrgerkriege und Fluchtbewegungen, neue Krankheiten, Hunger und Elend. Momentan steuert Eure Welt, die Welt Eurer Kinder, einer 6-Grad-Plus-Erw\u00e4rmung und damit einem Chaos entgegen. Ihr bestreikt die Schule, um das zu verhindern.<\/p>\n<p>\u201eOur house is on fire\u2026\u201c, sagt Greta Thunberg beim Weltwirtschaftsforum im Februar in Davos. Und es stimmt: 100 Millionen Tonnen \u00d6l werden heute verbrannt, 100 Millionen Tonnen Treibhausgase werden heute freigesetzt, fruchtbare B\u00f6den werden heute f\u00fcr Stra\u00dfen und Parkpl\u00e4tze versiegelt, 40.000 Hektar Wald werden heute f\u00fcr Futtermittelplantagen gerodet, 40.000 Menschen verhungern heute auf dieser Welt,<br \/>\nMillionen leiden heute in Fl\u00fcchtlingslagern, Dutzende Tier- und Pflanzenarten werden heute f\u00fcr immer verschwinden. Die Erde erhitzt sich, die Gletschermassen schmelzen, der Meeresspiegel steigt, die W\u00fcste breitet sich aus, der Kampf um Ressourcen hat l\u00e4ngst begonnen, die Staaten r\u00fcsten auf, 70 Millionen von Menschen auf der Flucht, Grenzz\u00e4une werden hochgezogen: Nicht die Migrantinnen und Migranten sind daran schuld, sondern all jene mit dem hohen Verbrauch fossiler Ressourcen.<\/p>\n<p><strong>Politisch aktiv<\/strong><\/p>\n<p>Mit Blick auf die offiziellen Bildungsziele der \u00f6sterreichischen Schule realisiert Ihr mit Eurem Streik vieles von dem, was da drinnen steht. Jetzt mute ich Euch aus einem Schreiben des Bildungsministeriums einen komplizierten Satz zu: \u201eZiel eines kompetenzorientierten Unterrichtes \u2026 ist ein reflektiertes und (selbst)reflexives Politikbewusstsein, das im schulischen Lernen in besonderer Weise \u00fcber exemplarische Ann\u00e4herungen an Problemf\u00e4lle des Politischen unter Ber\u00fccksichtigung der Lebens- und Erfahrungswelt der Sch\u00fclerInnen aufgebaut wird. Es handelt sich daher nicht vorrangig um den Erwerb eines enzyklop\u00e4dischen Wissens, sondern um Lernangebote, die zum politischen Denken und Handeln bef\u00e4higen.\u201c Bei den Fridays-for-Future-Aktivit\u00e4ten habt Ihr wohl ein optimales Lernangebot. Ihr demonstriert politische Urteilskompetenz, weil Ihr es wagt, selbst\u00e4ndig die Entscheidung zu treffen, an einem solchen Streik teilzunehmen und daf\u00fcr auch die Folgen und Auswirkungen zu tragen. Ihr demonstriert politische Handlungskompetenz, wenn Ihr auf Eure Pappkartons die politischen Positionen artikuliert. Ihr beweist politikbezogene Methodenkompetenz, wenn Ihr Euch eigenst\u00e4ndige Manifestationen zurecht legt, beispielsweise im Gespr\u00e4ch mit der Schulleitung seid, von Klasse zu Klasse geht, um zu informieren und Meinungen einzuholen etc. Diese Kompetenzen wiederum k\u00f6nnen im Anlassfall \u2013 eben nun im Anlassfall der Klimastreiks \u2013 am besten erworben werden.<\/p>\n<p><strong>Religi\u00f6s<\/strong><\/p>\n<p>Als Religionslehrer m\u00f6chte ich Euch noch ein viertes Adjektiv zuschreiben. Es ist nun exakt sechs Jahre her, seit Papst Franziskus in sein Amt gew\u00e4hlt worden ist. Als Oberhaupt der katholischen Kirche hat er von Beginn an den Klimaschutz bzw. Klimagerechtigkeit ganz oben auf die Priorit\u00e4tenliste gesetzt. Wenn wir in seine Umweltenzyklika Laudato Si blicken, dann finden wir klare Worte, die wie ein Aufruf zur Beteilung an Friday-For-Future-Streiks klingen. Das Klima nennt Papst Franziskus \u201eein gemeinschaftliches Gut von allen und f\u00fcr alle\u201c. Deswegen mahnt er nachdr\u00fccklich: \u201eDer Rhythmus des Konsums, der Verschwendung und der Ver\u00e4nderung der Umwelt hat die Kapazit\u00e4ten des Planeten derart \u00fcberschritten, dass der gegenw\u00e4rtige Lebensstil, da er unhaltbar ist, nur in Katastrophen enden kann.\u201c Der Papst ermutigt vor allem die jungen Menschen, Verantwortung zu \u00fcbernehmen und zu handeln. Wer gegen die Erderhitzung auftritt, steht heute auf Seiten der Armen, die jetzt schon am meisten unter den klimatischen Ver\u00e4nderungen leiden. Wenn Ihr f\u00fcr den Schutz des Klimas streikt und selbst einen klimabewussten Lebensstil w\u00e4hlt, handelt Ihr religi\u00f6s, weil dieser Planet \u2013 wie es in den orthodoxen Kirchen genannt wird \u2013 ein von Gott geheiligter Ort ist.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/fridays-22.jpg' class='thumbnail' \/>Liebe Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler! Eigenm\u00e4chtig Wenn Ihr Euch heute gemeinsam mit Tausenden von anderen in vielen St\u00e4dten am weltweiten Schulstreik beteiligt, so ist mein Verstand und mein Herz ganz bei Euch. 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