{"id":3912,"date":"2019-03-24T16:46:30","date_gmt":"2019-03-24T16:46:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3912"},"modified":"2026-02-02T14:45:40","modified_gmt":"2026-02-02T14:45:40","slug":"das-leid-der-menschen-und-die-allmacht-des-goettlichen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3912","title":{"rendered":"Das Leid der Menschen und die Allmacht des G\u00f6ttlichen"},"content":{"rendered":"<p>(zum Evangelium vom 3. Fastensonntag, Lk 13,1-9)<\/p>\n<p><strong>Das unermessliche Leid<\/strong><\/p>\n<p>Im Evangelium vom 3. Fastensonntag h\u00f6ren und lesen wir, wie Jesus auf die Erz\u00e4hlungen der \u201eLeute\u201c reagiert, die von zwei Ereignissen zutiefst betroffen sind. Erstens gab es ein Massaker an Galil\u00e4ern, das vom Despoten Pilatus angeordnet worden war. Einmal mehr wird in dieser historischen Angabe die ganze Brutalit\u00e4t des r\u00f6mischen Statthalters deutlich. Das Blut der Galil\u00e4er soll sich sogar mit dem Opferblut der Tiere vermischt haben. Zweitens st\u00fcrzte in der Ortschaft Schiloach ein Turm ein und 18 Menschen wurden dabei erschlagen. K\u00f6nnen diese Ereignisse als Strafe Gottes gesehen werden? Im gl\u00e4ubigen Umfeld Jesu gab es teilweise ein Erkl\u00e4rungsschema von Tat-Wirkung. Wer ein Ungl\u00fcck erlitt, den bestrafte wohl Gott, weil er ges\u00fcndigt hatte. \u00c4hnlich argumentierten beispielsweise die Freunde des Ijob, als diesen schwere Schicksalsschl\u00e4ge heimsuchten. Jesus weist solche Interpretationen klar zur\u00fcck. Leid ist weder Wille Gottes und schon gar nicht eine g\u00f6ttliche Strafsanktion.<\/p>\n<p>Im Heute unserer Welt finden wir viel Leid. Die vergangenen Tage waren gepr\u00e4gt von Nachrichten und Meldungen \u00fcber schreckliche Gewalttaten. In Neuseeland wurden 50 Muslime und Musliminnen massakriert. Es macht uns auch betroffen, wenn Menschen durch einen Unfall so pl\u00f6tzlich aus dem Leben gerissen werden und Kinder und Lebenspartner ihre Mama oder ihren Papa verlieren. Die Frage lautet dann oft: \u201eWie kann Gott so etwas zulassen?\u201c \u201eWo ist Gott angesichts von so viel Leid?\u201c<\/p>\n<p><strong>Die Theodizeefrage<\/strong><\/p>\n<p>Theodizee bedeutet die Rechtfertigung Gottes angesichts der Existenz von \u00dcbel und Leid. Es ist eine Frage, die sich vor allem junge Menschen immer wieder stellen und die im Religionsunterricht ausf\u00fchrlich zur Sprache kommt. Nach einem schweren Ungl\u00fcck oder einer Katastrophe wird gefragt: Kann es \u00fcberhaupt einen Gott geben, wenn es so viel Leid und \u00dcbel gibt?<\/p>\n<p>Die Rechtfertigung Gottes ist deswegen notwendig, weil drei Behauptungen der klassischen Theologie miteinander logisch unvereinbar zu sein scheinen: 1.: Gott ist allm\u00e4chtig. 2.: Gott ist g\u00fctig. 3.: Es gibt Leid. Ein allm\u00e4chtiger Gott m\u00fcsste doch das Leid seiner Gesch\u00f6pfe verhindern k\u00f6nnen und ein g\u00fctiger Gott w\u00fcrde dies auch. G\u00e4be es somit einen g\u00fctigen und allm\u00e4chtigen Gott, dann d\u00fcrfte es kein Leid auf dieser Welt geben. Da es aber das Leid gibt, gibt es offensichtlich einen solchen Gott nicht, lautet eine Schlussfolgerung.<\/p>\n<p><strong>Gott gibt es nicht<\/strong><\/p>\n<p>Auch im Kontext Schule h\u00f6re ich immer wieder das atheistische Argument: Es kann keinen Gott geben, weil es so viel Leid gibt. Georg B\u00fcchner bezeichnete daher das ungel\u00f6ste Theodizee-Problem als \u201eFels des Atheismus\u201c. Wer als Atheist davon ausgeht, dass es Gott nicht gibt, f\u00fcr den stellt sich auch nicht mehr das Problem der Theodizee, sondern nur mehr das Problem des Leids bzw. des Umgangs damit.<\/p>\n<p><strong>Gott ist nicht nur g\u00fctig, sondern auch strafend<\/strong><\/p>\n<p>Die Aufgabe der Pr\u00e4misse von der G\u00fcte Gottes widerspr\u00e4che genauso dem biblischen Verst\u00e4ndnis Gottes wie auch dem Gottesverst\u00e4ndnis im Islam, wo Allah immer wieder mit Barmherzigkeit identifiziert wird.<\/p>\n<p><strong>Gott ist nicht allm\u00e4chtig<\/strong><\/p>\n<p>Ein Denken, dass Gott eben nicht allm\u00e4chtig sei, gab es bereits in philosophischen Str\u00f6mungen zur Zeit Jesu, vor allem im Manich\u00e4ismus. Der gute Gott stehe im kosmischen Kampf gegen einen b\u00f6sen Antipoden. Der gute Gott verf\u00fcge nicht \u00fcber die Macht, die Kr\u00e4fte des B\u00f6sen einfach zu eliminieren, auch wenn es eine Hoffnung auf einen endg\u00fcltigen Sieg des Guten gibt. Der Theologe Marcion aus dem 2. Jahrhundert behauptete, es g\u00e4be einen Antagonismus zwischen dem b\u00f6sen Sch\u00f6pfergott und dem guten Erl\u00f6sergott. Dualistische Vorstellungen tauchten immer auch mit dem christlichen Teufelsgauben auf.<\/p>\n<p>Eine andere Richtung, die die Allmacht Gottes begrenzt, ist Sicht von Gott als Demiurgen, der die Welt zwar geschaffen hat, sie aber dann in die Eigenst\u00e4ndigkeit entl\u00e4sst. Gott hat keinerlei M\u00f6glichkeit mehr, zwingend auf die Materie einzuwirken. Doch unter Gottes inspirierender Einwirkung vermag sie sich zu organisieren und dabei allm\u00e4hlich immer h\u00f6here und komplexere Existenzformen anzunehmen.<\/p>\n<p><strong>Leid als Folge des freien Willens<\/strong><\/p>\n<p>Die sogenannte \u201eFree-Will-Defence\u201c-Argumentation lautet wie folgt: Wenn Gott freie Wesen erschafft, dann muss er in Kauf nehmen, dass diese sich freiwillig zu sittlich b\u00f6sen Handlungen entscheiden. Wollte Gott eine Entscheidung zum B\u00f6sen jedes Mal verhindern, was er aufgrund seiner Allmacht k\u00f6nnte, dann w\u00e4re die Freiheit des Menschen erheblich eingeschr\u00e4nkt, ja als sittlich relevante Freiheit aufgehoben.<\/p>\n<p><strong>Gott ist keine theoretisch abstrakte Gr\u00f6\u00dfe, sondern subjektiv erfahrbar<\/strong><\/p>\n<p>Die Theodizeefrage f\u00fchrt letztlich immer zur Frage, wer und wie Gott ist. Gott ist zun\u00e4chst keine Theorie, ist zun\u00e4chst auch keine objektivierbare Gr\u00f6\u00dfe und kein abstraktes Konstrukt. Gott ist zuallererst eine unmittelbare subjektive Erfahrung. Ich erfahre Gott: solche Erfahrung bedingt meinen Glauben. Gott begegnet mir, Gott ergreift mich, Gott stellt sich mir: das ist ein subjektives Erleben. Rein spekulativ wird mir Gott nicht begegnen.<\/p>\n<p>Ich bin mit dieser Erfahrung jedoch nicht allein. Viele Menschen machen die gleiche Erfahrung. So wird Gotteserfahrung objektivierbar. Das ganze Volk Israel macht als Volk die Erfahrung eines Gottes, der befreiend in die Geschichte einwirkt. Wieder ist es keine Theorie. Die Erfahrung der Unterdr\u00fcckung im &#8222;Sklavenhaus \u00c4gyptens&#8220; war real \u00a0&#8211; genauso wie die Erfahrung des Auszugs. Gott wird als ein Gott, der erfahrbar ist, zugleich beweisbar: Die Wirkungen Gottes sind greifbar, fassbar, belegbar. Ich kann Gott \u201eertasten\u201c, wie es der Apostel Paulus in seiner Areopagrede formulierte.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns Christinnen und Christen ist der erste Schl\u00fcssel zur L\u00f6sung der Theodizeefrage nicht die Philosophie, sondern der Blick auf die Jesusgeschichte: In Jesus und seiner Bewegung wird ein Gott erfahrbar, der das Leid der Menschen sieht, annimmt und zur \u00dcberwindung beitr\u00e4gt. Jesus wird als Heiland erfahren, der sich gerade jenen Menschen zuwendet, die in Not sind: den Kranken, den Bettlern oder den Auss\u00e4tzigen.<\/p>\n<p>Die biblischen Erfahrungen zeigen, dass Gott Menschen bef\u00e4higt, gegen das Leid anzuk\u00e4mpfen: Jahwe gab den Hebammen Schiphra und Pua, Mirjam, Aaron und Mose die Kraft, das versklavte Volk in die Befreiung zu f\u00fchren. In Jesus wird wieder ein Gott erfahrbar, von dem es bereits zu Beginn des Buches Exodus hei\u00dft: &#8222;Ich habe das Schreien meines Volkes geh\u00f6rt.&#8220;<\/p>\n<p>Das j\u00fcdische Volk erlitt in der Shoah das schlimmste Schicksal in der ganzen Menschheitsgeschichte. Die Frage, wo Gott in Auschwitz war, hat Elie Wiesel mit einer Geschichte auf den Punkt gebracht. Eli Wiesel schreibt, dass ein KZ-Aufseher einen Knaben an den Galgen brachte, der dann langsam qualvoll erstickte. Einer, der dabei stand, l\u00e4sterte mit den Worten: &#8222;Wo ist nun euer Gott.&#8220; &#8222;Dort am Galgen ist Gott&#8220;, habe jemand geantwortet.<\/p>\n<p><strong>Gott will das Leid nicht<\/strong><\/p>\n<p>Der Schweizer Dichter und Theologe Kurt Marti brachte mit wenigen Worten zum Ausdruck, wie heute die Theodizeefrage gel\u00f6st werden muss. Er dichtete:<\/p>\n<p>&#8222;dem Herrn unserem Gott hat es ganz und gar nicht gefallen, dass gustav e. lips durch einen Verkehrsunfall starb\/<br \/>\nerstens war er zu jung, zweitens seiner Frau ein z\u00e4rtlicher Mann, drittens zwei Kindern ein lustiger Vater, viertens den Freunden ein guter Freund, f\u00fcnftens erf\u00fcllt von vielen Ideen\/<br \/>\ndem Herrn unserem Gott hat es ganz und gar nicht gefallen, dass einige von euch dachten, es habe ihm solches gefallen.&#8220;<\/p>\n<p>Dieses Motiv wird in der Bibel zentral in der Gestalt des Ijob entfaltet. Von ihm k\u00f6nnen wir lernen, dass Gott auch des Menschen Protest gegen das Leid respektiert und sich schlie\u00dflich doch als sein Sch\u00f6pfer manifestiert, der ihn vom Leid erl\u00f6st.<\/p>\n<p>Das Handeln Gottes gerade in den Erfahrungen des Leids geht immer durch uns Menschen. Gott ist allm\u00e4chtig in der Art und Weise, wie Menschen a) sich aktiv gegen das Leid einsetzen, b) einander st\u00fctzen und st\u00e4rken, wo Menschen Leid erfahren. Gott erweist sich letztlich nicht als launisch-apathischer Willk\u00fcrgott, sondern als ein Gott der rettenden Liebe, die sich im Tun und Handeln der Menschen manifestiert. Der heutige Festtag des Hl. Oscar Romero ist die bleibend g\u00fcltige Antwort, wie wir mit Leid und Unterdr\u00fcckung umgehen m\u00fcssen. Im gewaltfreien Widerstand gegen das B\u00f6se.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, am Festtag des Hl. Oscar Romero, 24.3.2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(zum Evangelium vom 3. 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