{"id":4184,"date":"2019-08-04T06:17:50","date_gmt":"2019-08-04T06:17:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=4184"},"modified":"2022-08-22T07:38:36","modified_gmt":"2022-08-22T07:38:36","slug":"gedanken-und-gefuehlsbeladen-radfahren-am-etschweg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=4184","title":{"rendered":"Gedanken- und gef\u00fchlsbeladen radfahren am Etschweg"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><strong>Freitag, 2. August 2019: 7:30 Uhr. Momentaufnahmen<\/strong><br \/>\nInmitten der Obstplantagen des Bozner Unterlandes. Regen passt zu meiner Stimmung. In Neumarkt \u00fcberquere ich die Etsch. Sie wird mich nun \u00fcber viele Stunden begleiten. Ich kenne die Strecke. Es werden von Neumarkt im unteren Etschtal \u00fcber Bozen, Meran und den Reschenpass 180 Kilometer sein. Es sind zugleich 180 Kilometer, die sich mit der Via Claudia Augusta im Wesentlichen decken. Es gibt wohl kaum Radwege, die so lang und irgendwie auch so urspr\u00fcnglich und panoramareich sind. Nur vom Reschenpass hinunter werde ich die k\u00fcrzere Variante von Nauders bis Pfunds w\u00e4hlen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><strong>Radfahren ins Innere<\/strong><br \/>\nW\u00e4hrend die Kurbel des Rennrades surrt, drehen sich nun meine Gedanken und ich wei\u00df, sie werden mich begleiten bis zum Endpunkt meiner Reise. Jede Fahrt mit dem Rad ist mir nicht nur eine Fahrt an \u00e4u\u00dferer Oberfl\u00e4che, sondern auch in das Innere meines Seins. Dies wird wohl bei vielen so sein. Reden und schreiben andere \u00fcber ihr Radfahren, so handelt dies meist nur von dem \u00c4u\u00dferen, den Landschaften, den k\u00f6rperlichen Erlebnissen, den Begegnungen mit Menschen auf einer Reise. Die Gedanken und Gef\u00fchle sind jedoch viel wacher und intensiver beim Radfahren, weil die Ablenkungen geringer sind und Gedanken nicht mit anderen T\u00e4tigkeiten weg gejagt werden k\u00f6nnen. Manche Gedanken und Gef\u00fchle wiegen schwerer als das Carbonrad und das Gep\u00e4ck, das ich heute dabei habe. Mit anderen Worten: Radfahren ist f\u00fcr mich h\u00f6chste Gef\u00fchls- und Gedankenarbeit, wenngleich es immer ein Leben im Moment ist und auch das reflektive Schreiben dar\u00fcber eine Momentaufnahme bleibt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><strong>Etschradweg<\/strong><br \/>\nIch bin am Etschradweg, der sich zu Beginn mit dem Damm deckt, der die Etsch von den Obstplantagen trennt. Sie ist hier ein gro\u00dfer Fluss \u2013 kr\u00e4ftig wie oftmals Gedanken und Gef\u00fchle, die fortrei\u00dfen k\u00f6nnten. Ich fahre entlang der Ortschaften Auer und Leifers Bozen entgegen. Nur kurz kann ich meine Regenmontur ausziehen, um sie dann bei Bozen wieder anzuziehen. Ich trete gem\u00fctlich. Zu sehr bin ich in Gedanken gefangen, die mich wie F\u00e4den mit Situationen in meinem Leben verbinden. Bei diesem Regenwetter bin ich fast alleine am Radweg. Nach einer Stunde gem\u00fctlichen meditativen Dahintretens, die Etsch stets zu meiner Linken, kommt es zur Biegung bei Schloss Sigmundskron. . Bozen kann so leicht im S\u00fcden umfahren werden. Erst gestern fuhr ich auch an dieser Stelle vorbei, hinauf nach Eppan und Kaltern zur Weinstra\u00dfe. Ich hatte noch Zeit, um die Pfarrkirche in Tramin zu besuchen und Sankt Valentin au\u00dferhalb der Ortschaft. Eingepr\u00e4gt hat sich mir das Fresko von Jesus, der blutschwitzend kniet, w\u00e4hrend ein kleiner Engel ihm Trost spendet. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">Regen und Regengef\u00fchle begleiten mich bis Meran. Bei einer Unterf\u00fchrung ziehe ich mir wieder die Regenmontur ab. 10.09 Uhr. Ein Graffiti h\u00fcpft mich an. \u201ePeople always leave, sometimes they come back.\u201c Der Regen hat aufgeh\u00f6rt. Es kommt die Sonne durch. Gedankenversunken radle ich das Vinschgau hinauf. Mein k\u00f6rperliches Herz ist stark. Ich brauche keine Pausen. Ich freue mich \u00fcber die wenigen Steilstufen, die etwas Abwechslung bringen. Die Etsch ist zum kr\u00e4ftig-st\u00fcrmischen Gebirgsfluss geworden. Raftingunternehmungen bietet sie M\u00f6glichkeit, mit Funsportarten gute Gesch\u00e4fte zu machen und Touristen freuen sich auf die spektakul\u00e4re Abwechslung. Fast m\u00fchelos trete ich und sp\u00fcre kein Erm\u00fcden. Der Etschradweg wird meist nur bergab befahren. Der Wind ist mir im R\u00fccken. Mehrmals widerstehe ich der Versuchung, eine der kleinen Kirchen aufzusuchen und mich in die Fresken zu vertiefen. Selbst das fr\u00fchchristliche Prokuluskirchlein in Naturns lasse ich heute links liegen. Die Etschradroute geht entlang der Talsohle auch durch den Nationalpark Stilfser Joch. Dort sind m\u00e4chtige B\u00e4ume. Wei\u00dfe Marmorbl\u00f6cke stehen nun am Radweg. Das h\u00e4rteste Gestein.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">Skulpturen am Weg<br \/>\n<\/span><\/strong><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">Am Radweg kurz vor Laasa sind Skulpturen aus dortigem Marmor. Sie spiegeln mein Fragen, Hoffen und Sehnen wider und ich bremse ab, auch wenn meine Durchschnittsgeschwindigkeit am heutigen Tag nicht \u00fcberragend sein wird. Zu sehr bin ich in Gedanken und Gef\u00fchlen versunken. Eine Skulptur tr\u00e4gt den Titel \u201eUnbek\u00fcmmertheit\u201c. Ich lese die Erkl\u00e4rung, die der K\u00fcnstler dazu geschrieben hat: \u201eMeine S\u00e4ule Unbek\u00fcmmertheit zeigt ein kleines M\u00e4dchen, welches ohne \u00c4ngste durch eine massive Wand springt. Es symbolisiert die Freiheit des Denkens und Ausprobierens und die Unbek\u00fcmmertheit, die wir alle als Kinder noch haben, die uns aber im Laufe der Zeit all zu oft abhandenkommt, weil wir durch sinnvolle, aber auch viele sinnlose Regelungen und Gesetze sukzessive angepasst werden. Die Skulptur soll auffordern, wieder \u00f6fter das Kindliche zuzulassen.\u201c Kunstwerk und Tafel entsprechen genau jenen Gedanken und Gef\u00fchlen, die mich w\u00e4hrend des Radfahrens begleiten, die Erfahrung von Grenzen, die einengen und einsperren, aber auch die Erfahrung von Begegnungen, die frei machen und frei setzen und das Unbek\u00fcmmerte in mir selbst zum Schwingen bringen. Die Fahrt dauert nicht lange und wieder bremse ich ab. Die n\u00e4chste Skulptur tr\u00e4gt den Titel \u201eICH BIN DIE FREIHEIT?!\u201c Der K\u00fcnstler Achim Ripperger schrieb dazu: \u201eWer in sich frei ist, gestaltet eine freie Welt. Mein Skulptur erh\u00e4lt von einem Vogel die Botschaft: &#8218;Mensch, nicht ich bin die Freiheit, die Du immer im Au\u00dfen suchst, Du tr\u00e4gst sie in Dir, Du bist es selbst.&#8216; Im Moment der R\u00fcckfrage &#8218;Ich bin die Freiheit?!&#8216; kommt die Erkenntnis, dass der Mensch sich tats\u00e4chlich selbst befreien kann und wird. Der zweite Vogel im Haus auf dem R\u00fccken symbolisiert diese gewonnene Erkenntnis.\u201c Mit diesen Skulpturen habe ich jedenfalls Geist und Seele wieder gef\u00fcllt f\u00fcr die n\u00e4chsten Kilometer.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><strong>Fahrt auf den Reschenpass<\/strong><br \/>\nIn Glurns stauen sich bei einem W\u00fcrstelstandl Menschen und tats\u00e4chlich h\u00e4tte ich Lust auf etwas Salziges. Drei M\u00fcsliriegel sind die ganz Nahrung f\u00fcr die lange Strecke. In der geschlossenen Glurnser Pfarrkirche bleiben meine Blicke beim Fresko au\u00dferhalb h\u00e4ngen. Wie so oft an der Au\u00dfenfassade hin zum Friedhof stellt es die klassische J\u00fcngstes-Gericht-Szene dar. Rechts sind jene Menschen, die von einem Engel ins Paradies geschoben werden. Noch vor kurzem hatte ich immer Schwierigkeiten mit solchen Darstellungen. Aus der Perspektive einer pr\u00e4sentischen Eschatologie ist es aber auch ein Hoffnungsbild \u2013 dass es Engel gibt, die unsere Welt und mich selbst in ein gl\u00fcckliches Leben schieben k\u00f6nnen und dass ich manchmal auch selbst Engel sein kann, der diese Schiebekraft hat.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">Selbst nach mehr als 100 Kilometern flacher Steigung freue ich mich nun auf die Strecke hinauf auf den Reschen. \u201eVia Claudia Augusta\u201c steht auf den vielen Radwegschildern, die seit Neumarkt den Weg weisen. Am Beginn des Radweges auf den Reschen sind die monumentalen Bunkeranlagen, die 1919, genau vor 100 Jahren, nach der Annexion S\u00fcdtirols durch Italien, errichtet worden waren. Sie sind wie steinerne Zeugen einer Vergangenheit, an die niemand erinnert werden m\u00f6chte. Meine Gedanken schweifen nun in die Geschichte. Urt\u00fcmlich sind die letzten Ortschaften auf dem Schuttkegel der Malser Haide. Steinerne H\u00e4user, Bergd\u00f6rfer, die noch die Kargheit der urspr\u00fcnglichen Bauernkultur widerspiegeln. 14:30 Uhr. Die Kirchenglocken von Burgeis l\u00e4uten. Ein Leichenzug geht durch das Dorf, vorbei an den uralten steinernen Bauernh\u00e4usern und ihren Fresken und alten Portalen und Erkern. Es ist, als w\u00e4re die Zeit um ein paar Jahrhunderte zur\u00fcckgedreht. Der tosende Verkehr auf den Reschenpass ist zum Gl\u00fcck ganz auf der anderen Seite. Nun ist die Etsch zum B\u00e4chlein geworden, das sich ein kleines Bachbett entlang des Fahrradweges gegraben hat. Die steilen Rampen \u2013 manchmal bis zu 20 Prozent \u2013 liebe ich heute. L\u00e4ngst haben sich \u00fcber dem Reschen Gewitterwolken zusammengezogen und Blitze sind h\u00f6rbar, die irgendwo in den Reschensee knallen. Heute sch\u00e4tze ich sogar das Gewitter und den kr\u00e4ftigen Regen. H\u00f6henmeter sind es es nicht viele, verteilt auf eine lange Strecke. Von 150 m Seeh\u00f6he bis auf 1500 m und stets entlang der Etsch. Ich kann Natur sp\u00fcren. Schon am Haidersee am Ende der Malser Haide beginnt es kr\u00e4ftig zu regnen und zu st\u00fcrmen. Ich stemme mich dem prasselnden Regen entgegen. Am Stauseedamm des Reschensees steht einsam eine Fernradlerin mit Sandalen und zieht sich Regenjacke \u00fcber. Wie so oft muss ich an das Gedicht von Bert Brecht vom Radwechsel denken: \u201eIch sitze am Stra\u00dfenrand. Der Fahrer wechselt das Rad. Ich will nicht dorthin, woher ich komme, ich will nicht dorthin, wohin ich fahre. Der Fahrer wechselt das Rad.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><strong>Ende von Anf\u00e4ngen und stets ein Dazwischen<\/strong><br \/>\nTunnels und Galerien werde bei diesem Verkehr etwas bedrohlich erlebt. Immer wieder beeindruckt mich die Naturgewalt der Enge von Finsterm\u00fcnz. Tief unterhalb der Schluchten ist der Inn aufgrund der Unwetter zum braun-rei\u00dfenden Gebirgsfluss geworden. Nach dieser Abfahrt bin ich jedenfalls froh, in Pfunds zu sein und genie\u00dfe auf der mir so bekannten D\u00f6rferstrecke und letztlich der alten R\u00f6merstra\u00dfe die letzten Kilometer bis zu jenem Ort, der mir einmal Heimat war. Der innere Monolog hat mich die lange Fahrt begleitet.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freitag, 2. August 2019: 7:30 Uhr. Momentaufnahmen Inmitten der Obstplantagen des Bozner Unterlandes. Regen passt zu meiner Stimmung. In Neumarkt \u00fcberquere ich die Etsch. Sie wird mich nun \u00fcber viele Stunden begleiten. Ich kenne die Strecke. Es werden von Neumarkt im unteren Etschtal \u00fcber Bozen, Meran und den Reschenpass 180 Kilometer sein. Es sind zugleich&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[529],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4184"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4184"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4184\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4185,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4184\/revisions\/4185"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4184"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4184"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4184"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}