{"id":4297,"date":"2019-10-20T12:29:11","date_gmt":"2019-10-20T12:29:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=4297"},"modified":"2026-02-02T15:05:35","modified_gmt":"2026-02-02T15:05:35","slug":"kein-verdienter-himmel-im-jenseits-sondern-das-geschenk-der-himmel-im-hier-und-im-heute","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=4297","title":{"rendered":"Kein verdienter Himmel im Jenseits,  sondern das Geschenk der Himmel im Hier und im Heute"},"content":{"rendered":"<p><strong>Abgerichtet wird<\/strong><\/p>\n<p>Die Evangelienkommentare im Monat Oktober von Johannes Laichner, die sich in den west\u00f6sterreichischen Kirchenzeitungen fanden, passen zu jener Zeit, als die kirchliche Verk\u00fcndigung gepr\u00e4gt war von den jenseitigen Bildern von Gericht-Himmel-H\u00f6lle-Fegefeuer. Es geht dabei um einen Himmel, so der Pfarrer aus dem Tiroler Oberland, den man sich \u201everdienen\u201c m\u00fcsse. Folgt man diesem Narrativ, dann wird jemand mit himmlischen Freuden nach dem Tod belohnt, wenn gehorsam nach dem genau definierten Glauben der Kirche gelebt wurde. In diesem Denken wird die frohe Botschaft Jesu zum Angstevangelium \u2013 einer Angst vor der Abrechnung im Jenseits. Der Menschensohn k\u00f6nnte ja jederzeit \u201eunverhofft an der T\u00fcr des Lebens anklopfen\u201c und wir m\u00fcssten ihm quasi unser \u201eHausaufgabenheft\u201c vorlegen wie einem strengen Lehrer.<\/p>\n<p>Als Religionslehrer versuche ich mit meinen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern ausgehend von ihren eigenen Erfahrungen und mit Blick auf die so eindeutigen Sonntagsevangelien ein anderes Verst\u00e4ndnis von Glauben zu entwickeln. Was meint Laichner, wenn er \u00fcber den \u201eGlauben\u201c schreibt? F\u00fcr ihn ist es wohl das Festhalten an \u00e4u\u00dferen Wahrheiten, die von der Kirche traditionell vermittelt werden. Man k\u00f6nnte fast den Eindruck gewinnen: Es ist die Befolgung des Katechismus \u2013 in der Sprache von Laichner, \u201eden von den Eltern \u00fcberlieferten Glauben\u201c.<\/p>\n<p><strong>Widerst\u00e4ndische Himmelsperspektive<\/strong><\/p>\n<p>Das Gleichnis von der widerspenstigen Witwe (Lk 18,1-8) will uns jedoch ein anderes Verst\u00e4ndnis von Himmel nahe bringen. Die Gleichnisfigur Jesu zeigt uns eine mehrfach marginalisierte Person. Sie ist schon als Frau diskriminiert, mehr noch aber als Witwe, die ohne den Schutz eines Ehemannes auskommen muss. Obendrein hat sie noch einen Menschen, der ihr B\u00f6ses antun will. Die Witwe f\u00fcgt sich jedoch nicht einfach in ihr Schicksal, sondern verschafft sich das Recht, das ihr zusteht. Sie l\u00e4sst sich nicht vertr\u00f6sten und abwimmeln, auch nicht von einem m\u00e4chtigen Mann, der ihr sogar Gewaltt\u00e4tigkeit unterstellt.<\/p>\n<p>Das Reich Gottes, so k\u00f6nnten wir heute sagen, dieses Reich der Himmel beginnt dort, wo M\u00e4nner wie der geschilderte Richter ihr Rollenverhalten ver\u00e4ndern, und wo Frauen sich trauen, auf ihre Rechte zu pochen. Das passt wohl auch zu den gegenw\u00e4rtigen kirchlichen Reforminitiativen wie Maria 2.0 oder Magdalena und Co. Die Witwe als Role-Model in den Worten Jesu verk\u00f6rpert vielleicht das, was f\u00fcr Laichner ein \u201einnerweltlicher Aktionismus\u201c ist, das Einfordern von Barmherzigkeit, etwas, das in Laichners Worten mit \u201eBarmherzigkeitskeule\u201c geframt wird. Es ist jedoch ganz typisch f\u00fcr den Mann Jesus von Nazareth und seine eindeutigen Optionen, dass er einen Blick f\u00fcr die Menschen hatte, die strukturell Opfer der damaligen Gesellschaft waren. Das Umkehrmotiv, das Laichner so gerne bem\u00fcht, gilt in jesuanischer Logik in erster Linie jenen, die Herrschende sind, und bezieht sich auch auf die Systeme und Strukturen, von denen diese Herrschenden profitieren. Die Witwe passt so gut zu einer Greta Thunberg und ihrem Protest gegen die Zerst\u00f6rung der Welt, sie passt zur Kapit\u00e4nin Carola Rackete und ihrem Widerstand gegen eine gnadenlose Asylpolitik. Sie k\u00e4mpfen f\u00fcr die Rechte gegen ungerechte Richter, auch wenn sie damit rechnen m\u00fcssen, selbst wieder gedem\u00fctigt zu werden. In ihrem Reden und Handeln ist kein Platz f\u00fcr einen vertr\u00f6stenden postirdischen und jenseitigen Himmel.<\/p>\n<p><strong>In die Himmel geheilt an K\u00f6rper und Seele<\/strong><\/p>\n<p>Das trifft wohl auch f\u00fcr die Wundererz\u00e4hlung von der Heilung der 10 Auss\u00e4tzigen zu. (Lk 17,11-19) Was k\u00f6nnte wohl die Sinnspitze dieser Geschichte sein? Wieder geht es um eine Menschengruppe, die aus der Sicht von damals ausgegrenzt worden ist: Die Auss\u00e4tzigen und damit als unrein Geltenden. Sie werden durch die Heilung, welche von der Priesterklasse best\u00e4tigt wird, neu in die Gemeinschaft aufgenommen, worin wohl die eigentliche Heilung besteht. Als Kranker nicht mehr weggeschoben zu werden, sondern gepflegt zu werden, als Trauriger getr\u00f6stet zu werden. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Das Reich der Himmel, Gottes Herrschaft, ist angekommen, wie es so oft im Evangelium hei\u00dft. Unter den 10 Auss\u00e4tzigen wird eine Person besonders in den Blick genommen, die nicht nur wegen ihrer Krankheit stigmatisiert wird, sondern auch als Samariter und damit als der Fremde und Ungl\u00e4ubige. Dieser erf\u00e4hrt in der Geschichte ein mehrfache Heilung.<\/p>\n<p><strong>Spa\u00df als Himmelscode<\/strong><\/p>\n<p>Jugendliche reden gerne von \u201eSpa\u00df\u201c, wenn sie ausdr\u00fccken, dass es ihnen gut geht. Wer ihnen den Spa\u00df nimmt, raubt ihnen wohl auch Himmelserfahrungen, in denen ihnen g\u00f6ttliche N\u00e4he geschenkt wird. Spa\u00df und Himmel sind kein Widerspruch, wie von Laichner suggeriert wird. Der Auftrag der Kirche wiederum ist es wohl dazu beizutragen, dass es mehr Spa\u00df und Freude in diesem Leben gibt. Wer bei den Fridays-For-Future-Kundgebungen dabei war, konnte sp\u00fcren, wie dieser Spa\u00df auch mit dabei war, selbst wenn es um eine todernste Sache geht. Der \u201eHeiligungsdienst\u201c der Kirche, den Laichner nennt, zielt nicht nur auf das Seelenheil ab, sondern nimmt notwendigerweise all dies in den Blick, wo heute Menschen leiden und wo durch die Zerst\u00f6rung der Umwelt das Leben von Menschen mehr und mehr zerst\u00f6rt wird. Das \u201eendg\u00fcltige\u201c Leben, ist kein Leben im Dr\u00fcben, sondern ein befreites Leben im Hier und Heute. Die Witwe bekam jetzt schon ihr Recht, der Samariter wurde heute schon geheilt. Beide haben dann wohl auch ihren \u201eSpa\u00df\u201c dabei gehabt. Von den Eltern \u00fcberlieferte gesetzliche Reinheitsvorschriften spielten dabei keine Rolle mehr, wenn diese wie Spa\u00dfverderber sind. Die fordernde Witwe sprengt den vorgegebenen Rahmen und l\u00e4sst sich nicht mit Gesetzen abspeisen.<\/p>\n<p><strong>Die Wirkkraft des Gebetes<\/strong><\/p>\n<p>Die Parabel von der fordernden Witwe sagt uns auch viel \u00fcber die Wirkkraft des Gebetes. Die Witwe kommt zu ihrem Recht, nicht weil sie betend die H\u00e4nde in den Scho\u00df legt, sondern weil sie handelt und weil sie um ihre Rechte k\u00e4mpft.\u00a0Das ist rechtes Beten: nicht den Kopf in den Sand stecken und durchtauchen, bis eine \u00fcberirdische Kraft die gew\u00fcnschte L\u00f6sung bringt. Das Gebet der Witwe wird erh\u00f6rt, weil sie selbst dazu beitr\u00e4gt und in diesen Prozess auch die Umstimmung des Richters erreicht. Da braucht es also keine apokalyptischen Reiter, sondern tatkr\u00e4ftiges Tun und Aufbegehren, um ein Leben in F\u00fclle im Hier und Heute ein wenig zu erreichen \u2013 f\u00fcr sich und f\u00fcr andere.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, 21.10.2019, <a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\">www.klaus-heidegger.at<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abgerichtet wird Die Evangelienkommentare im Monat Oktober von Johannes Laichner, die sich in den west\u00f6sterreichischen Kirchenzeitungen fanden, passen zu jener Zeit, als die kirchliche Verk\u00fcndigung gepr\u00e4gt war von den jenseitigen Bildern von Gericht-Himmel-H\u00f6lle-Fegefeuer. Es geht dabei um einen Himmel, so der Pfarrer aus dem Tiroler Oberland, den man sich \u201everdienen\u201c m\u00fcsse. Folgt man diesem Narrativ,&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[183],"tags":[558,557],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4297"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4297"}],"version-history":[{"count":8,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4297\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12118,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4297\/revisions\/12118"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4297"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4297"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4297"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}