{"id":4580,"date":"2020-01-11T17:24:01","date_gmt":"2020-01-11T17:24:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=4580"},"modified":"2022-08-22T07:38:34","modified_gmt":"2022-08-22T07:38:34","slug":"franz-jaegerstaetter-und-die-frage-des-pazifismus-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=4580","title":{"rendered":"Franz J\u00e4gerst\u00e4tter und die Frage des Pazifismus"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich die \u00d6sterreichische Bundeshymne mit \u201eHeimat bist du gro\u00dfer S\u00f6hne\u201c h\u00f6re, dann muss ich an einen ganz bestimmten Mann denken: an den Innviertler Bauern Franz J\u00e4gerst\u00e4tter. In den vergangenen Jahren ist seine Bedeutung mehr und mehr gewachsen. In kirchlich-friedensbewegten Kreisen ist J\u00e4gerst\u00e4tter weit \u00fcber das Land hinaus zu einer Ikone des katholischen Protests gegen das Hitler-Regime und einer religi\u00f6s motivierten Verweigerung des Kriegsdienstes geworden. Die Zahl jener, die sich jeden 9. August zu einem Treffen im Gedenken an J\u00e4gerst\u00e4tter in Ostermiething und St. Radegund treffen, ist kontinuierlich gewachsen und eint Bischof mit kirchenkritischen FriedensaktivistInnen. Manfred Scheuer, Bischof von Linz und Pr\u00e4sident der \u00f6kumenischen Friedensbewegung Pax Christi, hatte das Seligsprechungsverfahren von J\u00e4gerst\u00e4tter eingeleitet. 2007 erfolgte seine Seligsprechung. Der 21. Mai gilt seither als kirchlicher Gedenktag. Kirchenleitung und friedensbewegte Basis sind sich in diesem Punkt einig. J\u00e4gerst\u00e4tter ist ein Vorbild. Doch welches Vorbild?<\/p>\n<p>Die Eckdaten seines Lebens kann ich weitgehend als bekannt voraussetzen:<\/p>\n<p>Seine Heimat ist das Innviertel. Sein Heimatort St. Radegund. Dort ist er 1907 geboren. Der Widerspruch k\u00f6nnte kaum gr\u00f6\u00dfer sein. Auch Adolf Hitler ist geb\u00fcrtiger Innviertler. Braunau und St. Radegund sind nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Hitler geht als gr\u00f6\u00dfter Verbrecher in die Geschichte der Menschheit ein, J\u00e4gerst\u00e4tter steht f\u00fcr das ganz Andere: Den religi\u00f6s motivierten Widerstand gegen das Unmenschliche, der katholisch gepr\u00e4gten Verweigerung des Kriegsdienstes. Er war ein tiefreligi\u00f6ser Mensch. Seine Frau Franziska J\u00e4gerst\u00e4tter hatte ma\u00dfgeblichen Anteil daran. Zusammen haben sie drei Kinder. Die J\u00e4gerst\u00e4tters sind Bauern. Franz ist auch Messner. Es kommt die Zeit der Schreckensherrschaft. J\u00e4gerst\u00e4tter verweigert von Anfang an jede Zusammenarbeit oder Unterst\u00fctzung mit den Nationalsozialisten. 1940 wird er zum Milit\u00e4rdienst einberufen, auf Betreiben der Heimatgemeinde aber zweimal als unabk\u00f6mmlich gestellt. Einer weiteren Einberufung will er nicht mehr Folge leisten. Viele, darunter auch Priester, versuchen ihn umzustimmen. Wegen Wehrkraftzersetzung wird Franz J\u00e4gerst\u00e4tter zum Tod verurteilt und am 9. August 1943 in Brandenburg enthauptet.<\/p>\n<p>J\u00e4gerst\u00e4tter war ein Opfer der NS-Blutjustiz. \u00dcber 46.000 Todesurteile sind von der NS-Justiz ausgesprochen worden. Das Landgericht Berlin hatte erst vor wenigen Jahren das Todesurteil der NS-Terrorjustiz gegen Franz J\u00e4gerst\u00e4tter aufgehoben. Er ist damit einer der ersten aus der gro\u00dfen Gruppe der \u201eWehrkraftzersetzer\u201c, der eine Rehabilitierung erfuhr.<\/p>\n<p>Wie sieht die kirchliche &#8222;Rehabilitierung&#8220; aus &#8211; sollte eine solche notwendig sein? Der Sachverhalt ist widerspr\u00fcchlich: Einerseits hat die offizielle Kirche J\u00e4gerst\u00e4tter lange im Sturm und Regen milit\u00e4rischer Werthaltungen und obrigkeitsstaatlichen Denkens stehen gelassen. J\u00e4gerst\u00e4tter selbst wurde zu seiner Zeit vom Heimatbischof und von einem gro\u00dfen Teil des Klerus wegen seiner Verweigerung kritisiert. Ereignisse, wie die unselige Erkl\u00e4rung des \u00f6sterreichischen Episkopats, mussten J\u00e4gerst\u00e4tter verunsichern. Andererseits gab es aber auch einige wenige aus dem Klerus, die J\u00e4gerst\u00e4tter ermutigten. Die kirchliche Entdeckung J\u00e4gerst\u00e4tters kam zuerst von au\u00dferhalb. Der US-amerikanische Soziologe Gene Sharp schrieb die erste grundlegende Biographie \u00fcber J\u00e4gerst\u00e4tter. Im Jahre 1965 verwies Erzbischof Thomas D. Roberts\u00a0 bei der Arbeit an der Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils in einer schriftlichen Eingabe auf die einsame Gewissensentscheidung Franz J\u00e4gerst\u00e4tters. Sein Vorbild wurde somit ein Beitrag zu einer neuen kirchenamtlichen Sicht von Wehr- und Zivildienst, die die Gewissensfreiheit und in gewisser Hinsicht damit auch eine Gleichrangigkeit beider Dienste betonte. Eine prinzipielle Infragestellung milit\u00e4rischer Dienste, wie dies in der j\u00fcdisch-christlichen Tradition als Grundhaltung anzutreffen ist, war damit jedoch noch nicht gegeben.<\/p>\n<p>1995 wurde von Vertretern des \u00f6sterreichischen Milit\u00e4rs \u00fcberlegt, eine Kaserne in Ober\u00f6sterreich nach Franz J\u00e4gerst\u00e4tter zu benennen. In diesem Kontext wird \u00f6fters betont, dass der Kriegsdienstverweigerer aus St. Radegund kein Pazifist gewesen sei. Es wird behauptet, dass er zwar den Dienst in der Deutschen Wehrmacht unter Hitler abgelehnt habe, jedoch mit einem Fahneneid auf das \u00f6sterreichische Bundesheer heute keine Schwierigkeiten h\u00e4tte. Er sei daher kein Pazifist gewesen. Manche wollen ihn gar als <em>\u201eheiligen Soldaten\u201c<\/em> sehen.<\/p>\n<p>Ist die Gestalt von Franz J\u00e4gerst\u00e4tter also keine Anfrage an den milit\u00e4rischen Dienst, keine Infragestellung milit\u00e4rischer Gewalt und keine Provokation f\u00fcr milit\u00e4rische Konfliktl\u00f6sung? Ist seine Verweigerung wirklich nur ein Nein zu Hitler und der Deutschen Wehrmacht gewesen oder nicht vielmehr auch ein Nein zu jeglicher kriegerischer Gewalt? Aus kirchen(politischer) Sicht gesprochen: Stellt Franz J\u00e4gerst\u00e4tter nicht auch eine Anfrage an die Institution des Milit\u00e4rordinariats dar, das unter den Milit\u00e4rbisch\u00f6fen Kostelecky, Werner und Freist\u00e4tter stets als offene Legitimation f\u00fcr das Milit\u00e4rische diente?<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte an dieser Stelle nicht auf die Argumente eingehen, die eine J\u00e4gerst\u00e4tter als Mann charakterisieren, der nicht den Kriegsdienst an sich abgelehnt h\u00e4tte, sondern den Dienst in einem ungerechten Krieg.\u00a0 Die konsequente und mutige Verweigerung des Bauers und Messners aus St. Radegund w\u00e4re um nichts geringer, h\u00e4tte er diese Entscheidung nur aufgrund seiner Ablehnung des Hitlerregimes getroffen. Sein Vorbild und seine Einstellungen jedoch &#8211; so m\u00f6chte ich hier argumentieren &#8211; tendieren in eine Richtung, die auch f\u00fcr die heutigen Fragen von Kriegsdienstverweigerung relevant sind. Franz J\u00e4gerst\u00e4tter ist nicht nur ein bedeutsames Vorbild des Widerstands gegen ein totalit\u00e4res und menschenfeindliches Regime, sondern auch gegen ein Denken und eine Haltung, die Konflikte mit milit\u00e4rischen Instrumenten zu l\u00f6sen versuchen.<\/p>\n<p>Kann J\u00e4gerst\u00e4tter als Pazifist bezeichnet werden? Unter Pazifismus verstehe ich eine Lebensorientierung, in der sich eine Person innerlich verpflichtet f\u00fchlt und sich dazu entscheidet, milit\u00e4rische Gewalt als Mittel der Konfliktl\u00f6sung abzulehnen. Ein Pazifist bzw. eine Pazifistin verweigert somit den Kriegsdienst und die Beteiligung an Kriegen in jedweder Form. Weder Krieg noch milit\u00e4rische Verteidigung oder milit\u00e4rische Intervention werden als richtiger bzw. sinnvoller Weg gesehen und prinzipiell und kompromisslos abgelehnt. Aktuelle Ereignisse signalisieren, dass auf nationaler und internationaler Ebene pazifistische Positionen an den Rand und militaristische Optionen in die Mitte ger\u00fcckt werden. Hand in Hand mit dem Erstarken rechter Positionen findet in europ\u00e4ischen L\u00e4ndern \u2013 und auch in \u00d6sterreich \u2013 eine milit\u00e4rische Aufr\u00fcstung statt. Ob Fl\u00fcchtlingsabwehr oder Terrorbek\u00e4mpfung \u2013 die herrschende Politik setzt auf das Milit\u00e4r.<\/p>\n<p>Die biografischen Daten Franz J\u00e4gerst\u00e4tters zeigen, dass er &#8211; wie eine Vielzahl gro\u00dfer Pazifisten &#8211; nicht schon als Pazifist auf die Welt gekommen ist. Erna Putz nennt ihn <em>einen &#8222;geistig Suchenden&#8220;.<\/em> Manfred Scheuer schreibt von einem &#8222;Lernprozess&#8220;, einem Leben, das wie bei vielen Heiligen, keine reine Erfolgsgeschichte oder ein Heldenepos oder keine gerade Fahrt auf einer Autobahn sei. Die Jahre vor seiner Hinrichtung waren gekennzeichnet von einer deutlichen Entwicklung. Sie reichte von seinem widerwilligen Soldateneid (Fahneneid auf den F\u00fchrer) und sechsmonatigem Dienst bei der Deutschen Wehrmacht 1940\/41 bis zu seinem kompromisslosen Nein zum Milit\u00e4rdienst. Die Konfrontation mit dem Milit\u00e4r und den Milit\u00e4rgerichten hatte J\u00e4gerst\u00e4tter gezeigt, dass die deutsche Hitlerwehrmacht nicht nur einen ungerechten Krieg f\u00fchrte, sondern dass er aufgrund seiner Orientierung am Evangelium dem kriegerischen Dienst \u00fcberhaupt ablehnend gegen\u00fcberstand. Der NS-Staat hat letztlich die Tat J\u00e4gerst\u00e4tters als milit\u00e4rische Verweigerung verstanden. Er wurde vom Reichskriegsgericht f\u00fcr \u201ewehrunw\u00fcrdig\u201c und wegen \u201eWehrkraftzersetzung\u201c zum Tode verurteilt. Die offizielle Anklage galt also nicht J\u00e4gerst\u00e4tters Ablehnung des Hitler-Regimes, sondern seiner milit\u00e4rischen Verweigerung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf der ganzen Welt machen Menschen, die sich den Fragen von Milit\u00e4r und Krieg pl\u00f6tzlich gegen\u00fcbergestellt sehen, \u00e4hnliche Erfahrungen. Da sind in \u00d6sterreich beispielsweise Pr\u00e4senzdiener, die erst im Laufe ihrer Dienstzeit erkennen, dass die Anwendung milit\u00e4rischer Waffengewalt zutiefst ihrer \u00dcberzeugung widerspricht. M. a. W.: Die Gr\u00fcnde und Motive einer Kriegsdienstverweigerung kommen vielfach erst nach einer Einberufung &#8211; das ist zugleich dann, wenn es zumeist keine legalen Verweigerungsm\u00f6glichkeiten mehr gibt.<\/p>\n<p>Auf die geistige Entwicklung J\u00e4gerst\u00e4tters, die von einer Ablehnung des Hitlerregimes \u00fcber eine kritische Haltung gegen\u00fcber der Wehrmacht bis hin zu pazifistisch-christlichen Grunds\u00e4tzen reicht, wird in der Literatur \u00fcber J\u00e4gerst\u00e4tter nur wenig hingewiesen. Die Gef\u00e4ngnisbriefe J\u00e4gerst\u00e4tters dokumentieren jedoch, wie er zunehmend klarer seine Verweigerung als Verweigerung eines Dienstes im milit\u00e4rischen Apparat verstand. J\u00e4gerst\u00e4tter bem\u00fchte sich freilich, seine Argumente je nach Gespr\u00e4chskontext anzupassen. So konnte er gegen\u00fcber den Kirchenoberen durch und durch mit den klassischen Richtlinien des Gerechten Krieges argumentieren, w\u00e4hrend er zugleich &#8211; vor allem in den Briefen an seine Frau &#8211; Argumente verwendete, die als typisch pazifistisch gewertet werden k\u00f6nnen und prim\u00e4r ihre Basis in einer Orientierung an der Bibel orientieren.<\/p>\n<p>Ein religi\u00f6ser Mensch wei\u00df sich in erster Linie an Gott gebunden. Angesichts solcher Priorit\u00e4t sind staatliche Verpflichtungen sekund\u00e4r \u2013 sozusagen ein anarchistischer Grundzug jedes Gl\u00e4ubigen. Immer wieder dachte der ober\u00f6sterreichische Bauer \u00fcber den Charakter von Verpflichtungen nach und kam zu einer sehr klaren Sicht: Er lehnte das vorherrschende Denken ab, dass ein Soldat nur den Befehlen zu gehorchen h\u00e4tte und die Verantwortung den Obrigkeiten \u00fcberlassen k\u00f6nne. Oberstes Prinzip war f\u00fcr J\u00e4gerst\u00e4tter der Gehorsam gegen\u00fcber dem eigenen Gewissen. F\u00fcr J\u00e4gerst\u00e4tter bedeutete dies freilich in keiner Weise ein Handeln nach individueller Beliebigkeit. Im Gegenteil: Auch das Gewissen hat sich zu orientieren<em>. &#8222;Man soll nicht immer fragen oder sich fragen, bin ich \u00fcber dies verantwortlich oder nicht, sondern ist es Gott auch wohlgef\u00e4llig, was ich tue.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Franz J\u00e4gerst\u00e4tter litt darunter, dass die \u00f6sterreichische Kirchenleitung eine h\u00f6chst ungl\u00fcckliche Erkl\u00e4rung zum Anschluss abgegeben hatte. Noch mehr hatte er als gl\u00e4ubiger Katholik damit zu k\u00e4mpfen, dass sein Entschluss zur Wehrdienstverweigerung von seinem Heimatbischof nicht entsprechend unterst\u00fctzt worden ist. J\u00e4gerst\u00e4tters Schicksal ist sinnbildlich f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis von Kirche und Milit\u00e4r. Christliche Pazifisten und Pazifistinnen wurden seit der Konstantinischen Wende stets von den Gro\u00dfkirchen verdr\u00e4ngt, blieben von einem Gro\u00dfteil der Hierarchen unverstanden und konnten in kirchenamtlichen Texten kaum Unterst\u00fctzung f\u00fcr ihr Tun finden. Franz J\u00e4gerst\u00e4tter stand in der pazifistischen Tradition der katholischen Kirche.<\/p>\n<p>Mit diesen Gedankeng\u00e4ngen soll Franz J\u00e4gerst\u00e4tter nicht zum Parade-Pazifisten stilisiert werden. Das w\u00fcrde seiner Person nicht gerecht werden. Gewiss muss seine Kriegsdienstverweigerung prim\u00e4r im Zusammenhang mit seiner Ablehnung des Hitlerfaschismus gesehen werden. Zugleich jedoch sollte klargeworden sein, dass pazifistische Grundeinstellungen in J\u00e4gerst\u00e4tters Gestalt durch und durch zu finden sind. Demnach kann er von den Ideologen des \u201eGerechten Krieges\u201c und den heimischen Milit\u00e4rbef\u00fcrwortern nicht vereinnahmt werden. Sehr wohl jedoch ist er eine Ermutigung f\u00fcr Pazifistinnen und Pazifisten, die an die prinzipielle \u00dcberlegenheit der Gewaltfreiheit glauben.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, zum J\u00e4gerst\u00e4ttergedenktag, 21.5.2017<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich die \u00d6sterreichische Bundeshymne mit \u201eHeimat bist du gro\u00dfer S\u00f6hne\u201c h\u00f6re, dann muss ich an einen ganz bestimmten Mann denken: an den Innviertler Bauern Franz J\u00e4gerst\u00e4tter. In den vergangenen Jahren ist seine Bedeutung mehr und mehr gewachsen. 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