{"id":4631,"date":"2020-02-01T15:34:39","date_gmt":"2020-02-01T15:34:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=4631"},"modified":"2022-08-22T07:38:34","modified_gmt":"2022-08-22T07:38:34","slug":"franz-jaegerstaetter-ein-pazifist","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=4631","title":{"rendered":"Franz J\u00e4gerst\u00e4tter \u2013 ein Pazifist?"},"content":{"rendered":"<p><strong><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4637\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/J\u00e4gerst\u00e4ter-Bild-3.jpg\" alt=\"\" width=\"402\" height=\"529\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/J\u00e4gerst\u00e4ter-Bild-3.jpg 402w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/J\u00e4gerst\u00e4ter-Bild-3-228x300.jpg 228w\" sizes=\"(max-width: 402px) 100vw, 402px\" \/>\u201eEin verborgenes Leben\u201c \u2013 ein verborgener Pazifismus<\/strong><\/p>\n<p>Ende J\u00e4nner 2020 ist der Film von Terrence Malick, \u201eEin verborgenes Leben\u201c, in den \u00f6sterreichischen Kinos angelaufen. Das Echo war gro\u00df. Weder im Film noch in den Filmkritiken und Filmbesprechungen taucht jene Frage explizit auf, die mir in meiner Friedensarbeit oft begegnete. War Franz J\u00e4gerst\u00e4tter auch ein Pazifist, ein Mann, der wohl\u00fcberlegt gegen jede milit\u00e4rische Gewalt \u2013 also nicht nur gegen einen Dienst f\u00fcr Hitler \u2013 argumentiert hatte? Diese Frage begegnete mir schon vor mehr als 30 Jahren: Damals beriet ich als Vorsitzender der Selbstorganisation der Zivildiener (SORG) Wehrpflichtige, bevor sie ihre \u201eGewissensgr\u00fcnde\u201c vor einer Zivildienstkommission beweisen mussten. Wenn einer der Wehrdienstverweigerer das Vorbild J\u00e4gerst\u00e4tter nannte, dann bekam er von dem Vorsitzenden einer Zivildienstkommission zu h\u00f6ren: J\u00e4gerst\u00e4tter h\u00e4tte ja nie und nimmer einen Dienst beim Bundesheer verweigert, sondern sein Nein bezog sich nur auf einen Dienst in der Hitlerarmee. Mit dem ersten Biographen J\u00e4gerst\u00e4tters, Gordon Zahn, konnte ich im Rahmen meines Auslandsjahres an der Harvard University 1994 mehrere Gespr\u00e4che \u00fcber die Frage des Pazifismus von Franz J\u00e4gerst\u00e4tter f\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Kriegsdienstverweigerung im Kontext der katholischen Kirche<\/strong><\/p>\n<p>Der \u201eFall J\u00e4gerst\u00e4tter\u201c verdeutlicht exemplarisch den Anspruch und die Wirklichkeit kirchlicher Friedensarbeit in \u00d6sterreich in Geschichte und Gegenwart; sie zeigt die Widerspr\u00fcche, Machtverh\u00e4ltnisse und Trennlinien auf, die sich in der kirchlichen Besch\u00e4ftigung mit Friedensthemen im Speziellen und dem Thema Milit\u00e4r bzw. Wehrdienstverweigerung im Besonderen immer wieder ergeben haben. Vor allem aber ist Franz J\u00e4gerst\u00e4tter eine Quelle der Ermutigung f\u00fcr Menschen, die aus dem christlichen Glauben und der Einbindung in die katholische Kirche Friedensarbeit leisten.<\/p>\n<p><strong>Biographische Skizze zu J\u00e4gerst\u00e4tter<\/strong><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Seine Heimat ist das Innviertel. Sein Heimatort St. Radegund. Dort ist er 1907 geboren. Der Widerspruch k\u00f6nnte kaum gr\u00f6\u00dfer sein. Auch Adolf Hitler ist geb\u00fcrtiger Innviertler. Braunau und St. Radegund sind nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Hitler geht als gr\u00f6\u00dfter Verbrecher in die Geschichte der Menschheit ein, J\u00e4gerst\u00e4tter steht f\u00fcr das ganz Andere: Den religi\u00f6s motivierten Widerstand gegen das Unmenschliche, der katholisch gepr\u00e4gten Verweigerung des Kriegsdienstes. J\u00e4gerst\u00e4tter war ein tiefreligi\u00f6ser Mensch. Seine Frau, Franziska J\u00e4gerst\u00e4tter, hatte ma\u00dfgeblichen Anteil daran. Zusammen haben sie drei Kinder. Die J\u00e4gerst\u00e4tters sind Bauern. Franz ist auch Mesner. Es kommt die Zeit der Schreckensherrschaft. J\u00e4gerst\u00e4tter verweigert von Anfang an jede Zusammenarbeit oder Unterst\u00fctzung mit den Nationalsozialisten. 1940 wird er zum Milit\u00e4rdienst einberufen, auf Betreiben der Heimatgemeinde aber zweimal als unabk\u00f6mmlich gestellt. Einer weiteren Einberufung will er nicht mehr Folge leisten. Viele, darunter auch Priester, versuchen ihn umzustimmen. Wegen Wehrkraftzersetzung wird Franz J\u00e4gerst\u00e4tter zum Tod verurteilt und am 9. August 1943 in Brandenburg enthauptet.<\/p>\n<p><strong>Rehabilitierung J\u00e4gerst\u00e4tters staatlich und kirchlich<\/strong><\/p>\n<p>J\u00e4gerst\u00e4tter war ein Opfer der NS-Blutjustiz. \u00dcber 46.000 Todesurteile sind von der NS-Justiz ausgesprochen worden. Tausende Opfer und Verwandte der NS-Milit\u00e4rgerichtsbarkeit warteten jahrzehntelang auf die offizielle Rehabilitierung. Das Landgericht Berlin hatte erst Anfang Mai 1997das Todesurteil der NS-Terrorjustiz vom 6. Juli 1943 gegen Franz J\u00e4gerst\u00e4tter aufgehoben. Die Berliner Richter gaben dem beschleunigten Antragsverfahren der Witwe Franziska J\u00e4gerst\u00e4tter und ihrer drei Kinder statt. J\u00e4gerst\u00e4tter ist damit einer der ersten aus der gro\u00dfen Gruppe der \u201eWehrkraftzersetzer\u201c, der eine Rehabilitierung erfuhr.<\/p>\n<p>Wie sieht die kirchliche &#8222;Rehabilitierung&#8220; aus, sollte eine solche notwendig sein? Der Sachverhalt ist widerspr\u00fcchlich: Einerseits hat die offizielle Kirche J\u00e4gerst\u00e4tter lange im Sturm und Regen milit\u00e4rischer Werthaltungen und obrigkeitsstaatlichen Denkens stehen gelassen. J\u00e4gerst\u00e4tter selbst wurde damals einerseits vom Heimatbischof und von einem gro\u00dfen Teil des Klerus wegen seiner Verweigerung kritisiert. Ereignisse wie die unselige Erkl\u00e4rung des \u00f6sterreichischen Episkopats zur Volksabstimmung 1938 mussten J\u00e4gerst\u00e4tter verunsichern. Andererseits gab es aber auch einige wenige aus dem Klerus, die J\u00e4gerst\u00e4tter ermutigten. Die kirchliche Entdeckung J\u00e4gerst\u00e4tters war zuerst eine, die von au\u00dferhalb \u00d6sterreichs kam. Der US-amerikanische Soziologe Gene Sharp schrieb die erste grundlegende Biographie \u00fcber J\u00e4gerst\u00e4tter.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Im Jahre 1965 verwies Erzbischof Thomas D. Roberts SJ bei der Arbeit an der Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils in einer schriftlichen Eingabe auf die einsame Gewissensentscheidung Franz J\u00e4gerst\u00e4tters.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Das Vorbild J\u00e4gerst\u00e4tters war somit ein Beitrag zu einer neuen kirchenamtlichen Sicht von Wehr- und Zivildienst, die die Gewissensfreiheit und in gewisser Hinsicht damit auch eine Gleichrangigkeit beider Dienste betonte. Eine prinzipielle Infragestellung milit\u00e4rischer Dienste, wie dies in der j\u00fcdisch-christlichen Tradition als Grundhaltung anzutreffen ist, war damit jedoch noch nicht gegeben.<\/p>\n<p><strong>\u201eEin heiliger Soldat\u201c?<\/strong><\/p>\n<p>1995 wurde von Vertretern des \u00f6sterreichischen Milit\u00e4rs \u00fcberlegt, eine Kaserne in Ober\u00f6sterreich nach Franz J\u00e4gerst\u00e4tter zu benennen. In diesem Kontext wird \u00f6fters betont, dass der Kriegsdienstverweigerer aus dem kleinen Dorf St. Radegund im Innviertel kein Pazifist gewesen sei. Es wird behauptet, dass er zwar den Dienst in der Deutschen Wehrmacht unter Hitler abgelehnt habe, jedoch mit einem Fahneneid auf das \u00f6sterreichische Bundesheer heute keine Schwierigkeiten h\u00e4tte. Er sei daher kein Pazifist gewesen. Manche wollen ihn gar als <em>\u201eheiligen Soldaten\u201c<\/em> sehen.<\/p>\n<p>In diesem Sinne ist beispielsweise eine umfangreiche Brosch\u00fcre von Johann Berger, der als Theologe und Ethiker im Dienste der Landesverteidigungsakademie steht. Ist die Gestalt von Franz J\u00e4gerst\u00e4tter also keine Anfrage an den milit\u00e4rischen Dienst, keine Infragestellung milit\u00e4rischer Gewalt und keine Provokation f\u00fcr milit\u00e4rische Konfliktl\u00f6sung? Ist seine Verweigerung wirklich nur ein Nein zu Hitler und der Deutschen Wehrmacht gewesen oder nicht vielmehr auch ein Nein zu jeglicher kriegerischer Gewalt? Aus kirchen(politischer) Sicht gesprochen: Stellt Franz J\u00e4gerst\u00e4tter nicht auch eine Anfrage an die Institution des Milit\u00e4rordinariats dar, das unter den Milit\u00e4rbisch\u00f6fen stets als offene Legitimation f\u00fcr das Milit\u00e4rische diente?<\/p>\n<p>In etlichen Darstellungen wird zumeist der Eindruck erweckt, als w\u00e4re die Kriegsdienstverweigerung J\u00e4gerst\u00e4tters rein aus seiner ablehnenden Haltung zum Nationalsozialismus herleitbar. <em>\u201eMan wei\u00df\u201c<\/em>, schreiben beispielsweise Alfons Riedl und Josef Schwabeneder in dem von ihnen herausgegebenen und aus Anlass des 90. Geburtstags erschienen Sammelbandes \u00fcber J\u00e4gerst\u00e4tter, <em>\u201edass er &#8211; bei aller Problematisierung kriegerischer Gewalt unter den Menschen &#8211; den Dienst der milit\u00e4rischen Verteidigung nicht grunds\u00e4tzlich und generell ausgeschlossen hat.\u201c<\/em><a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> J\u00e4gerst\u00e4tters Bereitschaft, sich der Grundausbildung<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> zu unterziehen, sowie sp\u00e4ter seine Bitte, zum Sanit\u00e4tsdienst zugewiesen zu werden, um den Konsequenzen der Verweigerung entgehen zu k\u00f6nnen, dienen dieser Interpretation als wichtigste Argumente. J\u00e4gerst\u00e4tter h\u00e4tte, so meint Alois Wolkinger, die n\u00f6tige Differenzierung vorgenommen zwischen <em>\u201eeinem ethisch verpflichtenden Wehrdienst zur Abwendung der h\u00f6chsten Not der Allgemeinheit und einem ethisch verwerflichen Kriegsdienst, den eine zwar legal an die Macht gekommene Regierung fordert, der aber unternommen wird von einer religions- und kirchenfeindlichen Ideologie\u201c<\/em><a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a>. Wolfgang Palaver wiederum weist darauf hin, dass J\u00e4gerst\u00e4tter sich auf die traditionelle Lehre vom \u201egerechten Krieg\u201c berufen habe.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Demnach lehnte er den konkreten Dienst in der Wehrmacht ab, weil sie an einem \u201eEroberungskrieg\u201c beteiligt gewesen sei, der den katholischen Standards f\u00fcr einen gerechten Krieg nicht entsprochen h\u00e4tte. \u00c4hnlich hei\u00dft es auch bei Josef Schwabeneder, dass f\u00fcr \u201eJ\u00e4gerst\u00e4tter nur ein \u2018gerechter Krieg\u2019 in der Tradition katholischen Verst\u00e4ndnisses\u201c legitim gewesen sei.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Eine solche Klassifikation J\u00e4gerst\u00e4tters als Mann, der nicht den Kriegsdienst an sich abgelehnt h\u00e4tte, sondern den Dienst in einem ungerechten Krieg, ist Balsam f\u00fcr die Milit\u00e4rs, die jeweils glauben, ihr Dienst sei immer eine gerechte Sache. Damit wird J\u00e4gerst\u00e4tter als Vorbild f\u00fcr einen Soldaten, der den Dienst in einem ungerechten Krieg verweigert, nicht aber f\u00fcr einen Wehrdienstverweigerer, der aus prinzipieller \u00dcberzeugung Krieg und milit\u00e4rische Gewalt als Mittel der Konfliktbew\u00e4ltigung ablehnt. Von einer antimilit\u00e4rischen Provokation bleibt zumindest implizit eine Bef\u00fcrwortung von angeblich gerechten Milit\u00e4rdiensten \u00fcbrig.<\/p>\n<p><strong>Kritische Positionierung zu Milit\u00e4r und Krieg per se<\/strong><\/p>\n<p>Die konsequente und mutige Verweigerung des Bauers und Mesners aus St. Radegund w\u00e4re um nichts geringer, h\u00e4tte er diese Entscheidung nur aufgrund seiner Ablehnung des Hitlerregimes getroffen. Sein Vorbild und seine Einstellungen jedoch, so m\u00f6chte ich hier argumentieren, tendieren in eine Richtung, die auch f\u00fcr die heutigen Fragen von Kriegsdienstverweigerung relevant sind. Franz J\u00e4gerst\u00e4tter ist nicht nur ein bedeutsames Vorbild des Widerstands gegen ein totalit\u00e4res und menschenfeindliches Regime, sondern auch gegen ein Denken und eine Haltung, die Konflikte mit milit\u00e4rischen Instrumenten zu l\u00f6sen versuchen. Daraus folgt: Ein Schulterschluss von katholischer Kirchenleitung und milit\u00e4rischem Establishment ist aus den Gedankeng\u00e4ngen von J\u00e4gerst\u00e4tter nicht ableitbar.<\/p>\n<p><strong>Pazifistische Orientierung<\/strong><\/p>\n<p>Kann J\u00e4gerst\u00e4tter als Pazifist bezeichnet werden? Ich beginne mit einer notwendigen Definition. Unter Pazifismus verstehe ich eine Lebensorientierung, in der sich eine Person innerlich verpflichtet f\u00fchlt und sich dazu entscheidet, milit\u00e4rische Gewalt als Mittel der Konfliktl\u00f6sung abzulehnen. Ein Pazifist bzw. eine Pazifistin verweigert somit den Kriegsdienst und die Beteiligung an Kriegen in jedweder Form. Weder Krieg noch milit\u00e4rische Verteidigung oder milit\u00e4rische Intervention werden als richtiger bzw. sinnvoller Weg gesehen und prinzipiell und kompromisslos abgelehnt.<\/p>\n<p>Aktuelle Ereignisse signalisieren, dass auf nationaler und internationaler Ebene pazifistische Positionen an den Rand und militaristische Optionen in die Mitte ger\u00fcckt werden: Die Hinwendung zu milit\u00e4rischem Interventionismus und die Umorientierung der nationalen Streitkr\u00e4fte und Milit\u00e4rdoktrinen transnationaler Pakte auf schnelles Eingreifen sind Indikatoren, dass militaristische Gesinnung die Politik der Herrschenden pr\u00e4gt. Eine Partei, die noch vor einigen Jahren \u201e\u00d6sterreich-ohne-Armee\u201c-Positionen vertrat, ist heute in der Regierungsverantwortung. Ein gr\u00fcner Bundespr\u00e4sident schreitet heute die Ehrenkompanie des Bundesheeres ab.<\/p>\n<p><strong>Franz J\u00e4gerst\u00e4tter in pazifistischer Gesellschaft<\/strong><\/p>\n<p><em>&#8222;Nicht zuf\u00e4llig findet sich auf einem Kalender mit wichtigen Tagen der US-Friedensbewegung Pax Christi Franz J\u00e4gerst\u00e4tter in einer Reihe mit Martin L. King, Oscar Romero, Franz von Assisi oder Gandhi.&#8220;<\/em> Dies meint Erna Putz, die ihr Lebenswerk in die historisch-wissenschaftliche sowie spirituelle Aufarbeitung des Lebens von Franz J\u00e4gerst\u00e4tter gestellt hat. Es ist wahrlich kein Zufall, dass Franz J\u00e4gerst\u00e4tter so m\u00fchelos mit den gro\u00dfen Pazifisten in einem Atemzug gedacht und genannt wird. Viele Parallelen zwischen seinem Schicksal und seinem Denken und jenem anderer Pazifisten und Pazifistinnen lassen sich nennen.<\/p>\n<p><strong>Zum Pazifisten geworden <\/strong><\/p>\n<p>Die biografischen Daten Franz J\u00e4gerst\u00e4tters zeigen, dass er wie eine Vielzahl gro\u00dfer pazifistisch denkender Personen nicht schon als Pazifist auf die Welt gekommen ist. Erna Putz nennt ihn <em>einen &#8222;geistig Suchenden&#8220;<\/em><a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><em>.<\/em> Manfred Scheuer schreibt von einem &#8222;Lernprozess&#8220;, einem Leben, das wie bei vielen Heiligen, keine reine Erfolgsgeschichte oder ein Heldenepos oder keine gerade Fahrt auf einer Autobahn sei.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Die Jahre vor seiner Hinrichtung waren gekennzeichnet von einer deutlichen Entwicklung. Sie reichte von seinem widerwilligen Soldateneid (Fahneneid auf den F\u00fchrer) und sechsmonatigem Dienst bei der Deutschen Wehrmacht 1940\/41 bis zu seinem kompromisslosen Nein zum Milit\u00e4rdienst. Die Konfrontation mit dem Milit\u00e4r und den Milit\u00e4rgerichten hatte J\u00e4gerst\u00e4tter gezeigt, dass die deutsche Hitlerwehrmacht nicht nur einen ungerechten Krieg f\u00fchrte, sondern dass er aufgrund seiner Orientierung am Evangelium dem kriegerischen Dienst \u00fcberhaupt ablehnend gegen\u00fcberstand.<\/p>\n<p>Der NS-Staat hat letztlich die Tat J\u00e4gerst\u00e4tters als milit\u00e4rische Verweigerung verstanden. Er wurde vom Reichskriegsgericht f\u00fcr \u201ewehrunw\u00fcrdig\u201c und wegen \u201eWehrkraftzersetzung\u201c zum Tode verurteilt. Die offizielle Anklage galt also nicht J\u00e4gerst\u00e4tters Ablehnung des Hitler-Regimes, sondern seiner milit\u00e4rischen Verweigerung.<\/p>\n<p>Im Todesurteil wird die geistige Entwicklung J\u00e4gerst\u00e4tters angesprochen. Es hei\u00dft dort: <em>&#8222;Er sei erst im Laufe des letzten Jahres zu der \u00dcberzeugung gelangt, dass er als gl\u00e4ubiger Katholik keinen Wehrdienst leisten d\u00fcrfe.&#8220;<\/em><a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a>Und weiters: <em>&#8222;Wenn er den fr\u00fcheren Einberufungsbefehlen Folge geleistet habe, so habe er es getan, weil er es damals f\u00fcr S\u00fcnde angesehen habe, den Befehlen des Staates nicht zu gehorchen; jetzt habe Gott ihm den Gedanken gegeben, dass es keine S\u00fcnde sei, den Dienst mit der Waffe zu verweigern; es gebe Dinge, wo man Gott mehr gehorchen m\u00fcsse als den Menschen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Auf der ganzen Welt machen Menschen, die sich den Fragen von Milit\u00e4r und Krieg pl\u00f6tzlich gegen\u00fcbergestellt sehen, \u00e4hnliche Erfahrungen. Da sind in \u00d6sterreich beispielsweise Pr\u00e4senzdiener, die erst im Laufe ihrer Dienstzeit erkennen, dass die Anwendung milit\u00e4rischer Waffengewalt zutiefst ihrer \u00dcberzeugung widerspricht. M.a.W.: Die Gr\u00fcnde und Motive einer Kriegsdienstverweigerung kommen vielfach erst nach einer Einberufung, also zu einem Zeitpunkt, an dem es keine legalen Verweigerungsm\u00f6glichkeiten mehr gibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf die geistige Entwicklung J\u00e4gerst\u00e4tters, die von einer Ablehnung des Hitlerregimes \u00fcber eine kritische Haltung gegen\u00fcber der Wehrmacht bis hin zu pazifistisch-christlichen Grunds\u00e4tzen reicht, wird in der Literatur zu wenig hingewiesen. Die Gef\u00e4ngnisbriefe J\u00e4gerst\u00e4tters dokumentieren jedoch, wie er zunehmend klarer seine Verweigerung als Verweigerung eines Dienstes im milit\u00e4rischen Apparat verstand. J\u00e4gerst\u00e4tter bem\u00fchte sich freilich, seine Argumente je nach Gespr\u00e4chskontext anzupassen. So konnte er gegen\u00fcber den Kichenoberen durch und durch mit den klassischen Richtlinien des Gerechten Krieges argumentieren, w\u00e4hrend er zugleich, vor allem in den Briefen an seine Frau, Argumente verwendete, die als typisch pazifistisch verstanden werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p><strong>Ein religi\u00f6ser Pazifist <\/strong><\/p>\n<p>Franz J\u00e4gerst\u00e4tter steht in der Tradition des religi\u00f6sen Pazifismus, wie er die fr\u00fche Kirche vor der Konstantinischen Wende<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> pr\u00e4gte und im Laufe der zweitausendj\u00e4hrigen Geschichte des Christentums viele kirchliche Gruppen und Gemeinschaften bestimmte, beispielsweise die Hutterer, Mennoniten oder Qu\u00e4ker. Vergleichbar ist J\u00e4gerst\u00e4tter mit katholischen Pazifisten wie Dorothee Day oder Thomas Merton.<\/p>\n<p>Die Gef\u00e4ngnisbriefe und Aufzeichnungen und sein Leben spiegeln seine tiefreligi\u00f6se Bindung und Orientierung wider, auf der seine Wehrdienstverweigerung gr\u00fcndet. Nicht von ungef\u00e4hr trat J\u00e4gerst\u00e4tter einer Ordensgemeinschaft bei, dem Dritten Orden des Franz von Assisi. F\u00fcr Mitglieder dieser Gemeinschaft galt in der Geschichte ein Verbot des Waffentragens und der Eidesleistung und der Auftrag zu sozialpolitischem Verhalten.<\/p>\n<p>F\u00fcr J\u00e4gerst\u00e4tter war vor allem die Heilige Schrift &#8211; insbesondere das Neue Testament &#8211; die geistige Grundlage f\u00fcr seinen pers\u00f6nlichen Widerstand gegen das Nazi-Regime und die Deutsche Wehrmacht. Von verschiedener Seite wurde er daher als &#8222;Bibelforscher&#8220;<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> diffamiert. Hildegard Goss-Mayr nennt J\u00e4gerst\u00e4tter ein <em>&#8222;Vorbild radikaler evangelischer Nachfolge&#8220;<\/em><a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><em>.<\/em> In der Tat: Weit mehr als an katholischer Morallehre orientierte sich J\u00e4gerst\u00e4tter am Evangelium. Immer wieder scheint in seinem Leben die zentrale Bedeutung der Bibel auf, relativ untypisch f\u00fcr die volkskatholische Mentalit\u00e4t seiner Zeit. Die Bergpredigt d\u00fcrfte der Lieblingstext von J\u00e4gerst\u00e4tter gewesen sein. Auch in diesem Punkt ist J\u00e4gerst\u00e4tter in prominenter Gesellschaft von M. L. King, Leo Tolstoj oder Mahatma Gandhi, die die Kapitel 5 bis 7 des Matth\u00e4usevangeliums als bedeutungsvollste Texte der Heiligen Schrift erachteten.<\/p>\n<p>Zugleich war J\u00e4gerst\u00e4tters biblische Orientierung eingebettet in eine gereifte katholische Identit\u00e4t. Er verwendete Bibelzitate nicht in fundamentalistischer Manier, sondern verstand sie als Ausdruck einer religi\u00f6sen Grundhaltung. Damit unterschied er sich deutlich von der Art und Weise, wie die Zeugen Jehovas die Bibel interpretierten.<\/p>\n<p><strong>Priorit\u00e4t individueller Gewissensentscheidung <\/strong><\/p>\n<p>Ein religi\u00f6ser Mensch wei\u00df sich in erster Linie an Gott gebunden. Angesichts solcher Priorit\u00e4t sind staatliche Verpflichtungen sekund\u00e4r. Immer wieder dachte der ober\u00f6sterreichische Bauer \u00fcber den Charakter von Verpflichtungen nach und kam zu einer sehr klaren Sicht: Er lehnte das vorherrschende Denken ab, dass ein Soldat nur den Befehlen zu gehorchen h\u00e4tte und die Verantwortung den Obrigkeiten \u00fcberlassen k\u00f6nnte. Oberstes Prinzip war f\u00fcr J\u00e4gerst\u00e4tter der Gehorsam gegen\u00fcber dem eigenen Gewissen. F\u00fcr J\u00e4gerst\u00e4tter bedeutete dies freilich in keiner Weise ein Handeln nach individueller Beliebigkeit. Im Gegenteil: Auch das Gewissen hat sich zu orientieren<em>. &#8222;Man soll nicht immer fragen oder sich fragen, bin ich \u00fcber dies verantwortlich oder nicht, sondern ist es Gott auch wohlgef\u00e4llig, was ich tue.&#8220;<\/em> Laut dieser Aussage von J\u00e4gerst\u00e4tter ist die oberste Richtschnur der im Evangelium grundgelegte Wille Gottes.<\/p>\n<p><strong>Einheit von Wort und Tat, von Verantwortung und Gesinnung <\/strong><\/p>\n<p>Pazifisten wie Franz J\u00e4gerst\u00e4tter oder Mahatma Gandhi fl\u00fcchten nicht in die unseligen Dichotomien von Verantwortungsethik und Gesinnungsethik; sie lehnen jene gern verwendete Diktion der Herrschenden ab, man m\u00fcsse aus Verantwortung immer wieder auch gegen seine eigene \u00dcberzeugungen handeln. Franz J\u00e4gerst\u00e4tter wies die entschiedenen Ratschl\u00e4ge ihm nahestehender Personen von sich, er solle doch aus Verantwortung seiner Familie gegen\u00fcber den Wehrdienst nicht verweigern. Was J\u00e4gerst\u00e4tter tat, entsprach durch und durch seiner Gesinnung. Zugleich wies er oftmals darauf hin, wie sehr sein Verhalten auch im Sinne einer Verantwortung f\u00fcr Staat und Kirche zu werten sei. Sein einsamer Widerstand sollte zu einer Ver\u00e4nderung der Dinge beitragen und nicht nur seiner Gewissensnot entgegenkommen. <em>&#8222;Christus fordert eine Religion der Gesinnung und Tat&#8220;<\/em>, schreibt J\u00e4gerst\u00e4tter. Oder: <em>&#8222;Wir sollten nicht blo\u00df Katholiken des Gebetes, sondern auch der Tat sein.&#8220;<\/em> J\u00e4gerst\u00e4tter konnte sich nicht aufspalten in ein Herz, das bei der Familie blieb, in einen Leib, der f\u00fcr Hitler k\u00e4mpfte und in eine Seele, die f\u00fcr Gott und die Kirche lebte.<\/p>\n<p><strong>Bereitschaft zu pers\u00f6nlichem Leiden <\/strong><\/p>\n<p>Als J\u00e4gerst\u00e4tter sich entschied, seinem Einberufungsbefehl nicht mehr Folge zu leisten, war er sich der Konsequenzen sehr bewusst. Lieber entschied er sich f\u00fcr das Martyrium als sein Gewissen zu verraten. Kraft f\u00fcr solches Tun zog er wiederum aus der Orientierung an der Leidensgeschichte Jesu Christi. Allerdings kann J\u00e4gerst\u00e4tter genauso wenig wie andere Pazifisten, die aufgrund ihrer \u00dcberzeugungen hingerichtet wurden, unterstellt werden, er h\u00e4tte freiwillig das Leiden gesucht. Der Gedanke eines S\u00fchneleidens war J\u00e4gerst\u00e4tter fremd. Das Leiden war die unvermeidbare Konsequenz seines politischen Widerstands. Josef Schwabeneder nennt ihn daher einen \u201epolitischen M\u00e4rtyrer\u201c.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/p>\n<p><strong>Gewaltfreie Spiritualit\u00e4t <\/strong><\/p>\n<p>Die Ablehnung des Milit\u00e4rischen fu\u00dft bei Franz J\u00e4gerst\u00e4tter auf einer fundamentalen Entscheidung zu gewaltfreiem Handeln. Es ist die Entscheidung, B\u00f6ses nicht mit B\u00f6sem zu beantworten. J\u00e4gerst\u00e4tter: <em>&#8222;&#8230; nach menschlichem Denken und F\u00fchlen w\u00e4re es uns halt immer viel wohler, in manchen Sachen sich ein wenig zu r\u00e4chen, aber nach christlichem Sinn ist es uns nicht erlaubt, wir m\u00fcssen B\u00f6ses mit Gutem vergelten.&#8220; <\/em>J\u00e4gerst\u00e4tter war stets ohne Hass und Polemik gegen\u00fcber seinen &#8222;Gegnern&#8220;. Er enthielt sich jeglicher Verurteilungen von Menschen. Er hielt sich hingegen bis zuletzt an das Gebot der Bergpredigt: &#8222;Liebe deine Feinde!&#8220; Einfach und eindrucksvoll formulierte es J\u00e4gerst\u00e4tter wie folgt:<em> &#8222;Wenn ich auch jetzt fest gegen den Nationalsozialismus losgeh\u00e4mmert habe, so ist es uns doch nicht erlaubt, \u00fcber die Nationalsozialisten zu schimpfen. Weil es gegen das Gebot der N\u00e4chstenliebe ist. Wir d\u00fcrfen verurteilen die nationalsozialistische Idee oder Gesinnung, aber nicht den Menschen selbst, der solche Gesinnung hat, denn es steht nur Gott allein zu, \u00fcber den Menschen zu richten und ihn zu verurteilen, vor Gott sind wir eben alle Br\u00fcder und Schwestern.&#8220; <\/em>Selbst seinen Peinigern konnte J\u00e4gerst\u00e4tter verzeihen: <em>&#8222;Wenn man gegen niemanden Rachegedanken hat und allen Menschen verzeihen kann, wenn auch manchmal einem ein hartes Wort zugeworfen wird, so bleibt das Herz in Frieden und was gibt es Sch\u00f6neres auf dieser Welt als den Frieden, &#8230;&#8220;<\/em><a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a><\/p>\n<p>Ein grundlegender Aspekt gewaltfreier Spiritualit\u00e4t ist der innere Frieden, den eine Person erlangt hat. Wer im Herzen Frieden hat kann gegen\u00fcber den N\u00e4chsten ohne Groll sein. Voraussetzung ist weiters eine Haltung der Furchtlosigkeit. Wer sich in Gott geborgen wei\u00df, der kann letztlich seine irdischen \u00c4ngste relativieren und selbst in schlimmsten Zeiten Sicherheit und Ruhe ausstrahlen. Mehrmals kritisierte J\u00e4gerst\u00e4tter die Menschenfurcht. Er schrieb: <em>&#8222;Was sind doch wir Katholiken oft f\u00fcr Feiglinge. Wir sind oft gar nicht mehr wert, diesen sch\u00f6nen Namen R\u00f6misch katholisch zu tragen. Wir leben und benehmen uns oft wirklich, als w\u00e4ren einmal die Menschen unsre Richter, sehr viele Menschen w\u00fcrden oft weit christlicher leben, wenn nicht diese elende Menschenfurcht w\u00e4re, &#8230;&#8220;<\/em><a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a><em> &#8222;&#8230;wenn die Menschenfurcht nicht w\u00e4re, dann w\u00fcrde es, glaube ich, zahlreiche Heilige geben auf dieser Welt? Und wo ist der Mensch, der nicht ein wenig an dieser Schwachheit zu leiden h\u00e4tte?&#8220;<\/em><a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a><\/p>\n<p><strong>Widerspruch zur vorherrschenden offiziell-kirchlichen Praxis<\/strong><\/p>\n<p>Franz J\u00e4gerst\u00e4tter litt darunter, dass die \u00f6sterreichische Kirchenleitung im M\u00e4rz 1938 eine h\u00f6chst ungl\u00fcckliche Erkl\u00e4rung zum Anschluss an Hitlerdeutschland abgegeben hatte. Noch mehr hatte er als gl\u00e4ubiger Katholik damit zu k\u00e4mpfen, dass sein Entschluss zur Wehrdienstverweigerung von seinem Heimatbischof nicht entsprechend unterst\u00fctzt worden ist.<\/p>\n<p>J\u00e4gerst\u00e4tters Schicksal ist sinnbildlich f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis von Kirche und Milit\u00e4r. Christliche Pazifisten und Pazifistinnen wurden seit der Konstantinischen Wende stets von den Gro\u00dfkirchen verdr\u00e4ngt, blieben von einem Gro\u00dfteil der Hierarchen unverstanden und konnten in kirchenamtlichen Texten kaum Unterst\u00fctzung f\u00fcr ihr Tun finden. Franz J\u00e4gerst\u00e4tter stand in der pazifistischen Tradition der katholischen Kirche &#8211; jener\u00a0 Tradition, die es seit Jesus Christus \u00fcber die Kirchenv\u00e4ter, Waldenser, Franz von Assisi, Jakob Hutter und andere Heilige bis zu Oscar Romero gibt. In den J\u00e4gerst\u00e4tter-Biographien wird stets betont, wie wichtig ihm Heiligen-Geschichten als Lebensvorbilder waren. Unter diesen Heiligen war beispielsweise auch der Schweizer Friedensheilige Klaus von der Fl\u00fce, meinem Namenspatron. Wahrscheinlich hat J\u00e4gerst\u00e4tter auch die \u00c4u\u00dferungen von Kirchenlehrern der fr\u00fchen Kirche gekannt, zumindest weist er in seinen Schriften auf die fr\u00fche Christenheit und argumentiert sein Nichtbefolgen des Einberufungsbefehles mit den christlichen Verweigerern zur Zeit der Christenverfolgung: <em>&#8222;Wie konnte man fr\u00fcher so viele Christen heiligsprechen, die ihr Leben so leicht aufs Spiel gesetzt, nat\u00fcrlich ihres Glaubens wegen, die meisten von denen h\u00e4tten keine so schrecklichen Befehle ausf\u00fchren gebraucht, als jetzt von uns verlangt wird.&#8220; <\/em>J\u00e4gerst\u00e4tter steht in der Tradition des Kirchenlehrers Lactantius, der zu Beginn des 4. Jahrhunderts schrieb: <em>&#8222;Wer den Weg der Gerechtigkeit einhalten will, kann nicht an diesem kollektiven Mord teilnehmen. Wenn Gott uns zu t\u00f6ten verbietet, dann untersagt er uns nicht nur, Stra\u00dfenraub zu begehen &#8211; was nicht einmal durch die \u00f6ffentlichen Gesetze gestattet ist -, sondern er mahnt uns, auch das nicht zu tun, was bei den Menschen f\u00fcr erlaubt gehalten wird. So ist es dem Gerechten auch nicht erlaubt, Kriegsdienst zu leisten, da sein Kriegsdienst die Gerechtigkeit ist. &#8230; Daher darf es in diesem Gebot Gottes keinerlei Ausnahme geben, weil es immer ein Verbrechen ist, einen Menschen zu t\u00f6ten, den Gott doch als ein unantastbares Lebewesen gewollt hat.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>J\u00e4gerst\u00e4tter als Ermutigung und Herausforderung f\u00fcr kirchliche Friedensarbeit in \u00d6sterreich<\/strong><\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte Franz J\u00e4gerst\u00e4tter nicht zum Parade-Pazifisten stilisieren. Das w\u00fcrde seiner Person nicht gerecht werden. Gewiss muss seine Kriegsdienstverweigerung prim\u00e4r im Zusammenhang mit seiner Ablehnung des Hitlerfaschismus gesehen werden. Zugleich zeigt ein Blick auf die Vita J\u00e4gerst\u00e4tters unter pazifistischen Blickwinkeln, dass pazifistische Grundeinstellungen in J\u00e4gerst\u00e4tters Gestalt durch und durch zu finden sind. Dies ist bedeutsam f\u00fcr eine Zeit, in der in \u00d6sterreich pazfistische und antimilitaristische Positionen von anderen Entwicklungen verdr\u00e4ngt werden.<\/p>\n<p>Im Jahr 2020 wird an einer Versch\u00e4rfung der Wehrpflichtbedingungen gearbeitet. Die Milit\u00e4rdienstzeit soll ausgebaut werden und Befreiungen wegen Untauglichkeit soll es nur mehr in seltenen F\u00e4llen geben. R\u00fcstungsbeschaffungen in einem Ausma\u00df von 16 Milliarden Euro sind geplant. Die Integration im Rahmen der EU-Verteidigungsarchitektur, beispielsweise unter dem Namen PESCO, geht weiter.<\/p>\n<p>Franz J\u00e4gerst\u00e4tter ist eine Ermutigung f\u00fcr Menschen und Organisationen, die sich f\u00fcr die Sache des Friedens engagieren. Als \u201eSeliger\u201c ist er offiziell ein Vorbild f\u00fcr alle Gl\u00e4ubigen.<\/p>\n<p>Er ist keinesfalls ein &#8222;heiliger Soldat&#8220;, sondern vielmehr ein radikaler Kritiker des Soldatentums an sich. Um es nochmals zu sagen: J\u00e4gerst\u00e4tter hat nicht nur den Krieg in der Deutschen Wehrmacht abgelehnt,<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a> sondern tritt f\u00fcr das Prinzip der Gewaltfreiheit ein, das nicht als Anspruch an ein elit\u00e4res Christentum gesehen werden kann, sondern f\u00fcr jeden Christen und jede Christin G\u00fcltigkeit besitzt.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, 1. Februar 2020, <a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\">www.klaus-heidegger.at<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Zum Leben des Franz J\u00e4gerst\u00e4tters siehe u.a. folgende Literatur: Benesch Kurt (1993): Die Suche nach J\u00e4gerst\u00e4tter. Ein Biographischer Roman, Graz &#8211; Wien &#8211; K\u00f6ln; Bergmann Georg (1988): Franz J\u00e4gerst\u00e4tter. Ein Leben vom Gewissen entschieden, Stein a. Rhein 1988; Putz Erna (1985): Franz J\u00e4gerst\u00e4tter. &#8230; besser die H\u00e4nde als der Wille gefesselt &#8230; Linz 1985.<\/p>\n<p>Putz Erna (1987): Gef\u00e4ngnisbriefe und Aufzeichnungen. Franz J\u00e4gerst\u00e4tter verweigert 1943 den Wehrdienst. Linz 1987.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Zahn Gordon (1964): In Solitary Witness. The Life and Death of Franz J\u00e4gerst\u00e4tter, Springfield, Illinois, 1964.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Es hei\u00dft darin: &#8222;M\u00e4rtyrer wie J\u00e4gerst\u00e4tter sollen nie das Gef\u00fchl haben, dass sie allein sind.&#8220;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Riedl Alfons, Schwabeneder Josef (Hg.) (1997): Franz J\u00e4gerst\u00e4tter. Christlicher Glaube und politisches Gewissen, Thaur 1997, 11.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> J\u00e4gerst\u00e4tter absolvierte seine Grundausbildung in der deutschen Wehrmacht von Oktober 1940 bis April 1941, wurde dann auf Betreiben seines B\u00fcrgermeisters als \u201eunabk\u00f6mmlich\u201c befreit und durfte auf seinen Hof zur\u00fcckkehren.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Wolkinger Alois, Christ, Staat und Krieg. Die Lehre der katholischen (Moral-)Theologie im Vorfeld des Nationalsozialismus, in: Riedl, 131.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a>[7] Palaver Wolfgang: Franz J\u00e4gerst\u00e4tter und die Entwicklung der katholischen Friedensethik nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Riedl, 239ff. Wobei Wolfgang Palaver durchaus auch das Unterscheidende benennt, n\u00e4mlich die Betonung individueller Gewissensentscheidung zur Stellung des Krieges und die Orientierung am Evangelium als oberster Ma\u00dfstab.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Schwabeneder Josef: Franz J\u00e4gerst\u00e4tter &#8211; ein \u2018politischer M\u00e4rtyrer\u2019, in: Riedl, 305.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Putz Erna: Franz J\u00e4gerst\u00e4tter &#8211; besser die H\u00e4nde gefesselt als der Wille, 30.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Scheuer Manfred, Trost und gef\u00e4hrliche Erinnerung. Zur Theologie der Heiligkeit und des Martyriums am Beispiel Franz J\u00e4gerst\u00e4tter, in: Pax Christi Ober\u00f6sterreich (Hg.): Franz J\u00e4gerst\u00e4tter. Zur Erinnerung seines Zeugnisses, Linz 2000, 135.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Feldurteil gegen Franz J\u00e4gerst\u00e4tter, zit. in: Putz Erna: Franz J\u00e4gerst\u00e4tter verweigert den Milit\u00e4rdienst. Gr\u00fcnde &#8211; Reichskriegsgericht &#8211; Sanit\u00e4tsdienst, in: Riedl, 40.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Nach drei Jahrhunderten der Verfolgung wird das Christentum 313 unter Kaiser Konstantin zur Staatsreligion.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Das war in dieser Zeit die volkst\u00fcmliche Bezeichnung f\u00fcr die Zeugen Jehovas.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Goss-Mayr Hildegard: Inspiration Franz J\u00e4gerst\u00e4tter, in: Erinnerung, 85.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Vgl.: Schwabeneder Josef: Franz J\u00e4gerst\u00e4tter &#8211; ein politischer M\u00e4rtyrer, in: Riedl, 277ff!<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Putz Erna: Gef\u00e4ngnisbriefe, 48.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Putz Erna: Gef\u00e4ngnisbriefe, 104.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Putz Erna: Gef\u00e4ngnisbriefe. Linz 1987,19. Ebenso schrieb J\u00e4gerst\u00e4tter 1941: &#8222;Wir haben manchmal eine sehr dumme Angst, denn so lange wir Gott nicht beleidigen, brauchen wir uns ja nicht zu f\u00fcrchten, denn das Sterben bleibt uns nie erspart, ob es jetzt etwas fr\u00fcher ist oder sp\u00e4ter.&#8220; In: Putz Erna: Gef\u00e4ngnisbriefe, 21.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> In den Darstellungen von kirchen-offizieller Stelle wird der prinzipiell milit\u00e4rkritische Stachel entfernt. So hei\u00dft es beispielsweise in der Novene zu Franz J\u00e4gerst\u00e4tter, hrsg. von der Di\u00f6zese Linz, Linz 2000,41: &#8222;Franz J\u00e4gerst\u00e4tter will den Milit\u00e4rdienst verweigern, weil er den damaligen Krieg als Unrecht und Raubzug ansieht.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/J\u00e4gerst\u00e4ter-Bild-3.jpg' class='thumbnail' \/>\u201eEin verborgenes Leben\u201c \u2013 ein verborgener Pazifismus Ende J\u00e4nner 2020 ist der Film von Terrence Malick, \u201eEin verborgenes Leben\u201c, in den \u00f6sterreichischen Kinos angelaufen. Das Echo war gro\u00df. Weder im Film noch in den Filmkritiken und Filmbesprechungen taucht jene Frage explizit auf, die mir in meiner Friedensarbeit oft begegnete. 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