{"id":4662,"date":"2020-02-13T18:27:46","date_gmt":"2020-02-13T18:27:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=4662"},"modified":"2022-08-22T07:38:34","modified_gmt":"2022-08-22T07:38:34","slug":"vision-von-einer-kirche-jenseits-des-klerikalismus-es-liegt-an-uns","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=4662","title":{"rendered":"Vision von einer Kirche jenseits des Klerikalismus. Es liegt an uns!"},"content":{"rendered":"<p><strong><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4663\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/querida.jpg\" alt=\"\" width=\"444\" height=\"307\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/querida.jpg 444w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/querida-300x207.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 444px) 100vw, 444px\" \/>Die politische Dimension des postsynodalen Rundschreibens<\/strong><\/p>\n<p>Eines vorweg: So wie viele Menschen, die sich eine politische Kirche w\u00fcnschen, die konsequent auf Seiten der Armen und Verarmten steht und daher auch auf Seiten der Umwelt, m\u00f6chte ich Papst Franziskus voll in diesem Anliegen unterst\u00fctzen. Das betrifft die politischen Aspekte des nachsynodalen Schreibens. Da haben uns das Schlussdokument der Amazonien-Synode und jetzt das nachsynodale Schreiben des Papstes ein anspruchsvolles Aufgabenheft vorgelegt, das sich bis in die kleinen allt\u00e4glichen Entscheidungen hin durchbuchstabieren l\u00e4sst. Es braucht eine neue Weltordnung, die nicht massenhaft weiterhin Arme produziert und die Umwelt zerst\u00f6rt. Es braucht eine Kapitalismuskritik und eine Abkehr von den bisherigen Ausbeutungsverh\u00e4ltnissen.<\/p>\n<p>Ich h\u00f6re nun sofort das Argument, dass die gesellschafts- und kapitalismuskritischen T\u00f6ne in der postsynodalen Exhortation &#8222;Querida Amazonia&#8220; (geliebtes Amazonien) so wichtig seien, dass wir in puncto Kirchenreform einfach zur\u00fcck stecken sollten.<\/p>\n<p>In meiner Arbeit als Lehrer mit jungen Menschen merke ich allerdings tagt\u00e4glich den Zusammenhang zwischen beiden Bereichen, der politischen Dimension der Kirche einerseits und ihrer inneren Verfasstheit andererseits. In meinen kirchlichen T\u00e4tigkeitsfeldern erlebe ich, wie sehr aufgrund fehlender Kirchenreformen die Gemeinden krank geschrumpft werden, wie viele Frauen die Kirche verlassen und wie sehr oft Seelsorgerinnen und Seelsorger an kirchenstrukturellen Ungereimtheiten leiden. Nur eine Kirche, die auch als Institution glaubw\u00fcrdig erscheint und f\u00fcr die Menschen authentisch wirkt, wird sich auch voll f\u00fcr Menschen und Umwelt einsetzen k\u00f6nnen. Die Kirche ist immer zugleich Zeichen (signum) und Werkzeug (instrumentum) in dieser Welt. Je besser die Kirche strukturiert ist, desto mehr wird sie die \u201esoziale\u201c und \u201epolitische Vision\u201c verwirklichen k\u00f6nnen, von denen der Papst schreibt.<\/p>\n<p><strong>Sowohl strukturelle Kirchenreform als auch politisch-\u00f6kologisches Engagement<\/strong><\/p>\n<p>Papst Franziskus hat Recht, wenn er vor einer Klerikalisierung der Kirche durch ge\u00e4nderte Zulassungsbedingungen warnt. Doch letztlich geht es bei der Bef\u00fcrwortung des Pflichtz\u00f6libats und damit in Konsequenz auch bei einer Ablehnung von \u201eviri probati\u201c sowie bei dem Nein zur Ordination von Frauen nicht wirklich um dieses Argument. Es wird am Z\u00f6libat festgehalten mit der Begr\u00fcndung, dass diese Lebensform eben f\u00fcr einen Priesterberuf geeignet sei, um ganz in den Dienst Christi treten zu k\u00f6nnen. Es wird am Ausschluss der Frauen vom Priesteramt mit dem Argument festgehalten, dass nur ein Mann Jesus Christus repr\u00e4sentieren k\u00f6nne, weil eben Jesus auch ein Mann gewesen sei. Hinter dem strukturellen Festhalten am Pflichtz\u00f6libat sowie dem Nein zur Frauenordination steht also zun\u00e4chst nicht die Klerikalismus-Angst. Dann n\u00e4mlich d\u00fcrfte es ja auch keine m\u00e4nnlichen und unverheirateten Kleriker geben. Dann m\u00fcsste die Kirche \u00fcberhaupt eine andere Vision verfolgen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte den Papst mit seinem Amazonien-Papier in diese Richtung interpretieren. Zugleich bin ich schon davon \u00fcberzeugt, dass wir sowohl jetzt schon an einer \u00dcberwindung einer Klerus-Kirche arbeiten k\u00f6nnen durch das Ernstnehmen der vielf\u00e4ltigen Dienste, die es in dieser Kirche gibt, zugleich aber k\u00f6nnte es bei diesem \u00dcbergang aber auch gleicheitig eine Aufhebung des Pflichtz\u00f6libats und der Exklusion von Frauen von den Weihe\u00e4mter geben.<\/p>\n<p>Eine Kirche, die im Dienst der Menschen und der Sch\u00f6pfung stehen will, braucht auch eine entsprechende glaubw\u00fcrdige Gestalt und funktionsf\u00e4hige Struktur. Ich finde es nicht richtig, wenn kirchliche Strukturreformer st\u00e4ndig zu h\u00f6ren bekommen, sie w\u00fcrden blind sein f\u00fcr die eigentlichen Anliegen von Querida Amazonia, die doch \u00f6kologisch-sozial seien. Meine Erfahrung zeigt, dass es gerade oft die strukturkritischen Menschen sind, die auch h\u00f6chst politisch denken und agieren. Die Befreiungstheologie, wie beispielsweise verk\u00f6rpert bei Leonardo Boff, zeigt den Zusammenhang von kirchlicher Strukturkritik einerseits und Kapitalismuskritik andererseits. Auch hierzulande sind es gerade die restaurativen kirchlichen Kr\u00e4fte, die sich am meisten mit den politisch-herrschenden Kr\u00e4ften verbunden haben.<\/p>\n<p><strong>Keine \u00c4nderungen bei den Zulassungsbedingungen zur Weihe<\/strong><\/p>\n<p>Entt\u00e4uschend ist, dass in der Frage der Zulassungsbestimmungen zu den Weihe\u00e4mtern keine \u00c4nderungen vorgeschlagen werden. Hier mangelt es an der zitierten \u201ekirchlichen Vision\u201c. Weder sieht das Papstschreiben eine \u00d6ffnung in Richtung viri probati (verheiratete M\u00e4nner, die sich in den Gemeinden bereits bew\u00e4hrt hatten und f\u00e4hig w\u00e4ren zur Leitung von Gemeinden) vor noch in der Frage der Zulassung von Frauen zu den Weihe\u00e4mtern wie Diakonat oder Priesteramt. Autoritativ und lehramtlich hat der Papst damit etwas nicht aufgegriffen, wof\u00fcr sich die Synodenteilnehmer im Oktober letzten Jahres mehrheitlich durchgerungen hatten. Jetzt zu argumentieren, der Papst h\u00e4tte mit seinem Nichtaufgreifen dieser Themen \u2013 das Wort Z\u00f6libat kommt gar nicht vor \u2013 selbst nicht gegen die Weihe von Verheirateten und Frauen ausgesprochen, ist wohl eine euphemistische Interpretation. Das Nichtaufgreifen dieser Themen bedeutet, einen Entscheid zu treffen, ohne dar\u00fcber zu reden. Letztlich bleibt so der Status quo einzementiert. Die Konservativen habe erstmals gewonnen. In der Vision der Kirche bleibt das Schreiben des Papstes in puncto \u00c4mterfrage vage. Eine \u201elebendige Kirche\u201c, die sich der Papst zurecht w\u00fcnscht, ist immer auch verkn\u00fcpft mit der \u00c4mter- und Leitungsfrage.<\/p>\n<p><strong>Vision einer anderen Kirche<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht ist durch dieses Schreiben nun endg\u00fcltig der Zug in eine andere Richtung abgefahren, in eine Zukunft, in der Seelsorgerinnen und Seelsorger in den Gemeinden sowie in den kategorialen Bereichen ihr \u201eTaufgeweihtsein\u201c in einer Weise leben, dass sie sakramentale Vollz\u00fcge praktizieren \u2013 wie eucharistische Feiern \u2013 die nicht mehr an einen klerikalen Weiheritus gebunden sind. Vielleicht d\u00fcrfen wir den Papst in dieser Weise interpretieren: Die Vision einer Kirche, die sich nicht um klerikale Leitungstr\u00e4gerinnen dreht, sondern das Taufgeweihtsein aller Gl\u00e4ubigen ernst nimmt. Dann wird es in den Gemeinden Seelsorgerinnen und Seelsorger geben, die auch ohne Weihe nicht nur die Gemeinden leiten, sondern jene priesterlichen Funktionen \u00fcbernehmen, die heute einseitig nur Klerikern vorbehalten bleiben. In diesem Sinne ist es gut, wenn der Papst nicht einerseits verheirateten M\u00e4nnern den Zugang zum Priesteramt erm\u00f6glichen w\u00fcrde, andererseits aber in der Frage der Frauenordination mauern w\u00fcrde. Dies h\u00e4tte nur die Ungleichbehandlung von M\u00e4nnern und Frauen in meiner Kirche verst\u00e4rkt.<\/p>\n<p><strong>Frauenordination bleibt vorne drau\u00dfen<\/strong><\/p>\n<p>Aus der Perspektive der Frauen bleibt das nachsynodale Schreiben weit hinter dem zur\u00fcck, was heute not t\u00e4te. Einerseits lobt der Papst die zentrale Rolle, die Frauen in der Kirche Amazoniens leisten, nennt dabei ausdr\u00fccklich auch die Taufen, zugleich bleibt eine strukturelle Ungerechtigkeit, wenn Frauen in der \u00c4mterfrage nicht gleichberechtigt mit M\u00e4nnern sind. Vom Frauendiakonat ist im Rundschreiben keine Rede. Es muss weiters hinterfragt werden, dass im Kapitel \u00fcber die Frauen Maria stereotyp als Leitmodell f\u00fcr Frauen vorgestellt wird, die eine andere Funktion als Christus erf\u00fclle, dessen Repr\u00e4sentanten die Priester seien, und dass der Papst zur Frage der Frauenordination auf die \u201eKraft und Z\u00e4rtlichkeit\u201c als Tugenden von Frauen hinweist. Dies k\u00f6nnte all zu leicht wieder als Rechtfertigung patriarchaler Rollenmodelle ben\u00fctzt werden. Wenn der Papst zurecht vor der Gefahr einer Klerikalisierung in Zusammenhang mit der Frauenordination warnt, so gilt dies wohl auch f\u00fcr M\u00e4nner. Und auch die Rolle von M\u00e4nnern in der Seelsorge sollte mit Blick auf Josef eine Empfangende und von \u201eKraft und Z\u00e4rtlichkeit\u201c erf\u00fcllte sein.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, 13. Februar 2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/querida.jpg' class='thumbnail' \/>Die politische Dimension des postsynodalen Rundschreibens Eines vorweg: So wie viele Menschen, die sich eine politische Kirche w\u00fcnschen, die konsequent auf Seiten der Armen und Verarmten steht und daher auch auf Seiten der Umwelt, m\u00f6chte ich Papst Franziskus voll in diesem Anliegen unterst\u00fctzen. Das betrifft die politischen Aspekte des nachsynodalen Schreibens. 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