{"id":4764,"date":"2020-03-16T05:44:59","date_gmt":"2020-03-16T05:44:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=4764"},"modified":"2022-08-22T07:38:19","modified_gmt":"2022-08-22T07:38:19","slug":"corona-und-die-frage-nach-dem-lieben-gott","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=4764","title":{"rendered":"Corona und die Frage nach dem \u201elieben Gott\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4765\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/corona2_body.5927809.jpg\" alt=\"\" width=\"472\" height=\"629\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/corona2_body.5927809.jpg 472w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/corona2_body.5927809-225x300.jpg 225w\" sizes=\"(max-width: 472px) 100vw, 472px\" \/>Wo ist Gott im Leid und in Bedrohung zu finden?<\/strong><\/p>\n<p>Europa im M\u00e4rz 2020. Ein Virus hat einige L\u00e4nder Europas mehr als anderes zuvor ver\u00e4ndert. \u201eSchau auf dich, schau auf mich \u2026\u201c wird hierzulande wohl zum Spruch des Jahres. Es ist die s\u00e4kulare Corona-Variante jenes Grundgebotes, das wir bereits im Buch Leviticus der Bibel finden und das von Jesus in seinem Reden und Tun bekr\u00e4ftigt worden ist: \u201eDu sollst deinen N\u00e4chsten lieben wie dich selbst!\u201c<\/p>\n<p>Alle, wirklich alle sind hierzulande in ihrem Tun radikal abgebremst worden. Wir k\u00f6nnen sehr viel Solidarit\u00e4t entdecken. Manche sprechen schon von einer \u201eSolidarit\u00e4tswelle\u201c, die st\u00e4rker ist als die Angst und das Erschrecken. In den Stadtwohnungen isolierte Menschen musizieren von den Balkonen. Nachbarschaftshilfe entsprechend der Vorsichtsma\u00dfnahmen werden angeboten. Es herrscht keine Panik, sondern Zuversicht, weil es das Gef\u00fchl gibt, dass die Gesellschaft zusammenh\u00e4lt.<\/p>\n<p>In einer Krise \u2013 sei es im privaten wie in einer Gesellschaft \u2013 taucht die Frage nach Gott besonders auf. \u201eWie kann Gott so etwas zulassen?\u201c \u201eWo ist Gott angesichts von Ungl\u00fcck, Bedrohung und Leid?\u201c<\/p>\n<p><strong>Die Theodizeefrage<\/strong><\/p>\n<p>\u201eTheodizee\u201c bedeutet die Rechtfertigung Gottes angesichts der Existenz von \u00dcbel und Leid. Es ist eine Frage, die sich vor allem junge Menschen immer wieder stellen und die im Religionsunterricht ausf\u00fchrlich zur Sprache kommt. In einer Krise wird gefragt: Kann es \u00fcberhaupt einen Gott geben, wenn es so viel Leid und \u00dcbel gibt?<\/p>\n<p>Die Rechtfertigung Gottes ist deswegen notwendig, weil drei traditionelle religi\u00f6se Behauptungen miteinander logisch unvereinbar zu sein scheinen: 1.: Gott ist allm\u00e4chtig. 2.: Gott ist g\u00fctig. 3.: Es gibt Leid. Ein allm\u00e4chtiger Gott m\u00fcsste doch das Leid seiner Gesch\u00f6pfe verhindern k\u00f6nnen und ein g\u00fctiger Gott w\u00fcrde dies auch. G\u00e4be es somit einen g\u00fctigen und allm\u00e4chtigen Gott, dann d\u00fcrfte es kein Leid auf dieser Welt geben. Da es aber das Leid gibt, gibt es offensichtlich einen solchen Gott nicht, lautet eine Schlussfolgerung.<\/p>\n<p><strong>Gott gibt es nicht<\/strong><\/p>\n<p>Auch im Kontext Schule h\u00f6re ich immer wieder das atheistische Argument: Es kann keinen Gott geben, weil es so viel Leid gibt. Georg B\u00fcchner bezeichnete daher das ungel\u00f6ste Theodizee-Problem als \u201eFels des Atheismus\u201c. Wer als Atheistin oder Atheist davon ausgeht, dass es Gott nicht gebe, f\u00fcr die stellt sich auch nicht mehr das Problem der Theodizee, sondern nur mehr das Problem des Leids bzw. des Umgangs damit.<\/p>\n<p><strong>Gott ist nicht nur g\u00fctig, sondern auch strafend<\/strong><\/p>\n<p>Die Aufgabe der Pr\u00e4misse von der G\u00fcte Gottes widerspr\u00e4che genauso dem biblischen Verst\u00e4ndnis Gottes wie auch dem Gottesverst\u00e4ndnis im Islam, wo Allah immer wieder mit Barmherzigkeit identifiziert wird. Gott kann also kein Gott sein, der mit Covid-19 straft oder r\u00e4cht. Gott ist ganz barmherzig, kein strafend-r\u00e4chender Gott!<\/p>\n<p><strong>Gott ist nicht allm\u00e4chtig<\/strong><\/p>\n<p>Ein Denken, dass Gott eben nicht allm\u00e4chtig sei, gab es bereits in philosophischen Str\u00f6mungen zur Zeit Jesu, vor allem im Manich\u00e4ismus. Diese philosophische Denkschule behauptete, dass ein guter Gott im kosmischen Kampf gegen einen b\u00f6sen Antipoden stehe. Der gute Gott verf\u00fcge aber nicht \u00fcber die Macht, die Kr\u00e4fte des B\u00f6sen einfach zu eliminieren, auch wenn es eine Hoffnung auf einen endg\u00fcltigen Sieg des Guten gibt. Der Theologe Marcion aus dem 2. Jahrhundert behauptete, es gebe einen Antagonismus zwischen dem b\u00f6sen Sch\u00f6pfergott und dem guten Erl\u00f6sergott. \u00c4hnliche dualistische Vorstellungen tauchten immer auch mit dem christlichen Teufelsgauben auf.<\/p>\n<p>Eine andere Richtung, die die Allmacht Gottes begrenzt, ist die Sicht von Gott als Demiurgen, der die Welt zwar geschaffen hat, sie aber dann in die Eigenst\u00e4ndigkeit entl\u00e4sst. Gott habe keinerlei M\u00f6glichkeit mehr, zwingend auf die Materie einzuwirken, doch unter Gottes inspirierender Einwirkung verm\u00f6ge sie sich zu organisieren und dabei allm\u00e4hlich immer h\u00f6here und komplexere Existenzformen anzunehmen.<\/p>\n<p><strong>Leid als Folge des freien Willens<\/strong><\/p>\n<p>Die sogenannte \u201eFree-Will-Defence\u201c-Argumentation lautet wie folgt: Wenn Gott freie Wesen erschafft, dann muss er in Kauf nehmen, dass diese sich freiwillig zu sittlich b\u00f6sen Handlungen entscheiden. Wollte Gott eine Entscheidung zum B\u00f6sen jedes Mal verhindern, was er aufgrund seiner Allmacht k\u00f6nnte, dann w\u00e4re die Freiheit des Menschen erheblich eingeschr\u00e4nkt, ja als sittlich relevante Freiheit aufgehoben.<\/p>\n<p><strong>Gott ist keine theoretisch abstrakte Gr\u00f6\u00dfe, sondern subjektiv erfahrbar<\/strong><\/p>\n<p>Die Theodizeefrage f\u00fchrt letztlich immer zur Frage, wer und wie Gott ist. Gott ist zun\u00e4chst keine Theorie, ist zun\u00e4chst auch keine objektivierbare Gr\u00f6\u00dfe und kein abstraktes Konstrukt. Gott ist zuallererst eine unmittelbare subjektive Erfahrung. Ich erfahre Gott: solche Erfahrung bedingt meinen Glauben. Gott begegnet mir, Gott ergreift mich, Gott stellt sich mir: das ist ein subjektives Erleben. Rein spekulativ wird mir Gott nicht begegnen.<\/p>\n<p>Ich bin mit dieser Erfahrung jedoch nicht allein. Viele Menschen machen diese gleiche Erfahrung. Gotteserfahrung wird objektivierbar. Das ganze Volk Israel machte als Volk die Erfahrung eines Gottes, der befreiend in die Geschichte einwirkt. Wieder ist es keine Theorie. Die Erfahrung der Unterdr\u00fcckung im &#8222;Sklavenhaus \u00c4gyptens&#8220; war real \u2013 genau so wie die Erfahrung des Auszugs. Gott wird als ein Gott, der erfahrbar ist, zugleich beweisbar: Die Wirkungen Gottes sind greifbar, fassbar, belegbar. Ich kann Gott \u201eertasten\u201c, wie es der Apostel Paulus in seiner Areopagrede formuliert hatte.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns Christinnen und Christen ist der erste Schl\u00fcssel zur L\u00f6sung der Theodizeefrage der Blick auf die Jesusgeschichte: In Jesus und seiner Bewegung wird ein Gott erfahrbar, der das Leid der Menschen sieht, annimmt und zur \u00dcberwindung beitr\u00e4gt. Jesus wird als Heiland erfahren, der sich gerade jenen Menschen zuwendet, die in Not sind: den Kranken, den Bettlern oder den Auss\u00e4tzigen.<\/p>\n<p>Im Evangelium Lukas 13,1-9 steht, wie Jesus auf die Erz\u00e4hlungen der \u201eLeute\u201c reagiert, die von zwei Ereignissen zutiefst betroffen sind. Erstens gab es ein Massaker an Galil\u00e4ern, das vom Despoten Pilatus angeordnet worden war. Einmal mehr wird in dieser historischen Angabe die ganze Brutalit\u00e4t des r\u00f6mischen Statthalters deutlich. Das Blut der Galil\u00e4er soll sich sogar mit dem Opferblut der Tiere vermischt haben. Zweitens st\u00fcrzte in der Ortschaft Schiloach ein Turm ein und 18 Menschen wurden erschlagen. K\u00f6nnen diese Ereignisse als Strafe Gottes gesehen werden? Jesus weist solche Interpretationen klar zur\u00fcck. Leid ist weder Wille Gottes und schon gar nicht eine g\u00f6ttliche Strafsanktion.<\/p>\n<p>Die biblischen Erfahrungen zeigen, dass Gott Menschen bef\u00e4higt, gegen das Leid anzuk\u00e4mpfen: Jahwe gab den Hebammen Schiphra und Pua, Mirjam, Aaron und Mose die Kraft, das versklavte Volk in die Befreiung zu f\u00fchren. In Jesus wird wieder ein Gott erfahrbar, von dem es bereits zu Beginn des Buches Exodus hei\u00dft: &#8222;Ich habe das Schreien meines Volkes geh\u00f6rt.&#8220;<\/p>\n<p>Das j\u00fcdische Volk erlitt in der Shoah das schlimmste Schicksal in der ganzen Menschheitsgeschichte. Die Frage, wo Gott in Auschwitz war, hat Elie Wiesel mit einer Geschichte auf den Punkt gebracht, als ein KZ-Aufseher einen Knaben an den Galgen brachte, der dann langsam qualvoll erstickte. Am Galgen, so Elie Wiesel, sei Gott gewesen.<\/p>\n<p><strong>Gott will das Leid nicht<\/strong><\/p>\n<p>Der Schweizer Dichter und Theologe Kurt Marti brachte mit wenigen Worten zum Ausdruck, wie heute die Theodizeefrage gel\u00f6st werden muss. Er dichtete:<\/p>\n<p><em>&#8222;dem Herrn unserem Gott hat es ganz und gar nicht gefallen, dass gustav e. lips durch einen Verkehrsunfall starb\/<br \/>\nerstens war er zu jung, zweitens seiner Frau ein z\u00e4rtlicher Mann, drittens zwei Kindern ein lustiger Vater, viertens den Freunden ein guter Freund, f\u00fcnftens erf\u00fcllt von vielen Ideen\/<br \/>\ndem Herrn unserem Gott hat es ganz und gar nicht gefallen, dass einige von euch dachten, es habe ihm solches gefallen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Dieses Narrativ wird in der Bibel zentral in der Gestalt des Ijob entfaltet. Von ihm k\u00f6nnen wir lernen, dass Gott auch des Menschen Protest gegen das Leid respektiert. Zugleich manifestiert sich Gott als sein Sch\u00f6pfer , der ihn vom Leid erl\u00f6st.<\/p>\n<p>Das Handeln Gottes gerade in den Erfahrungen des Leids geht immer durch uns Menschen. Gott ist allm\u00e4chtig in der Art und Weise, wie Menschen a) sich aktiv gegen das Leid einsetzen, b) einander st\u00fctzen und st\u00e4rken, wo Menschen Leid erfahren. Gott erweist sich letztlich nicht als launisch-apathischer Willk\u00fcrgott, sondern als ein Gott der rettenden Liebe, die sich im Tun und Handeln der Menschen manifestiert.<\/p>\n<p><strong>Schlussfolgerungen in Corona-Zeiten<\/strong><\/p>\n<p>Gott ist keine allm\u00e4chtige Macht, die weder SARS-C0V-2 geschaffen hat, noch damit Menschen bestraft oder dieses Virus mirakul\u00f6s stoppen k\u00f6nnte, wenn &#8222;ER&#8220; &#8211; im Sinne eines patrirarchalen M\u00e4nnergottes &#8211;\u00a0 m\u00f6chte. Wenn Kardinal Sch\u00f6nborn zum Thema &#8222;Corona&#8220; meinte, dass &#8222;Gott alles lenkt&#8220;, so versteht auch er dies nicht im Sinne eines allm\u00e4chtigen Lenkergottes. So pr\u00e4zisierte er das Zitat von Klemens Maria Hofbauer: &#8222;Gott linkt, aber nicht ohne uns.&#8220; (Zit. in: Kronenzeitung, 22.3.2020) Gott ist allerdings eine Wirkkraft, die Menschen bekr\u00e4ftigt, in einer Krise zusammen zu stehen. Gott wird dort sp\u00fcrbar, wo Menschen aufpassen, andere nicht zu infizieren, selbst wenn sie keine Angst davor haben, durch das Coronavirus zu erkranken. Gott erweist seine Kraft in den rettenden und heilenden H\u00e4nden von \u00c4rztinnen und \u00c4rzten und von Pflegekr\u00e4ften. Gott wird sp\u00fcrbar in dem Dienst der Handelsangestellten, die in den Lebensmittelgesch\u00e4ften die Regale wieder voll r\u00e4umen. Von den Balkonen wird eine religi\u00f6se Melodie h\u00f6rbar. In dieser Zeit l\u00e4sst sich neu entdecken, wer und vor allem wie Gott wirklich ist. Gott wird so begreifbar in den vielen helfenden H\u00e4nden und in jedem vern\u00fcnftigen Handeln von uns Menschen, das nicht von Egoismus, sondern von Solidarit\u00e4t gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<p>In diesem Sinne ist auch das Gebet zu verstehen, das uns zum einen \u00f6ffnet f\u00fcr die N\u00f6te von anderen Menschen, das uns zugleich sensibel macht, f\u00fcr ein achtsames Verhalten mit Blick auf die Schwachen, das uns weiteres st\u00e4rkt, Ruhe und einen k\u00fchlen Kopf zu bewahren.<\/p>\n<p><em>Klaus Heidegger<\/em>, 16.3.2020<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/corona2_body.5927809.jpg' class='thumbnail' \/>Wo ist Gott im Leid und in Bedrohung zu finden? Europa im M\u00e4rz 2020. Ein Virus hat einige L\u00e4nder Europas mehr als anderes zuvor ver\u00e4ndert. \u201eSchau auf dich, schau auf mich \u2026\u201c wird hierzulande wohl zum Spruch des Jahres. 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