{"id":4779,"date":"2020-03-19T11:33:50","date_gmt":"2020-03-19T11:33:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=4779"},"modified":"2022-08-22T07:38:19","modified_gmt":"2022-08-22T07:38:19","slug":"heiliger-josef-zaertlicher-rebell","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=4779","title":{"rendered":"Heiliger Josef: z\u00e4rtlicher Rebell"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4780\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Josef-Syrien-Ikone.jpg\" alt=\"\" width=\"715\" height=\"960\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Josef-Syrien-Ikone.jpg 715w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Josef-Syrien-Ikone-223x300.jpg 223w\" sizes=\"(max-width: 715px) 100vw, 715px\" \/>Die Verehrung des Hl. Josef spielt in der r\u00f6misch-katholischen Kirche sowie auch in \u00d6sterreich eine zentrale Rolle. So ist Josef nicht nur der Gesamtpatron der Kirche, sondern auch Landespatron in vier \u00f6sterreichischen Bundesl\u00e4ndern. Die Josefsgestalt ist pr\u00e4gend f\u00fcr Kirche und Gesellschaft. Als Mann und Vater sowie auch als Mitglied der Katholischen M\u00e4nnerbewegung m\u00f6chte ich Josef von den Alt\u00e4ren holen, um ihn mir in dreifacher Weise zum Begleiter zu machen.<\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\"><strong>1) Josef als f\u00fcrsorglicher \u201eN\u00e4hrvater\u201c und im \u201ePapamonat\u201c<\/strong><\/span><\/p>\n<p>In Tirol gibt es wohl kaum ein \u00e4lteres Kirchengeb\u00e4ude,\u00a0 in der es nicht eine Josefsstatue oder Josefsdarstellung g\u00e4be. Als Kommunionhelfer darf ich in meiner Heimatgemeinde vor dem Josefsaltar die Kommunion spenden. Meist wird Josef in den traditionellen Darstellungen als \u201eN\u00e4hrvater Jesu\u201c dargestellt. So sehe ich ihn in dem Bild am Josefsaltar in meiner Heimatpfarre: Sein Kopf ist dem\u00fctig zur Seite geneigt.<\/p>\n<p>Josef bekommt eine Rolle zugeteilt, die sich wie folgt darstellen l\u00e4sst: Dem\u00fctig die Herausforderungen annehmend, nicht aktiv, sondern durch \u201eUnterlassungen\u201c, durch \u201eNicht-Handeln\u201c \u2013 so Josef Quitterer, Dekan der Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Innsbruck in einem Beitrag zum Josefstag. Dazu passt die Titelseite im Sonntagsblatt der Di\u00f6zese Innsbruck aus dem Jahr 2018 mit dem Titel: \u201eDer Windel-Josef\u201c. Josef sei derjenige, der \u201edie zweite Geige spielt\u201c, der die Windeln des Jesus w\u00e4scht. Heute w\u00fcrden manche b\u00f6sartig formulieren: Er ist derjenige, der daheim &#8222;nicht die Hosen anhat&#8220;. \u00c4hnliche bildhafte Interpretationen vom f\u00fcrsorglich sich um den Neugeborenen K\u00fcmmernden gibt es in zahlreichen gotischen Wandgem\u00e4lden in den Kirchen Nord- und S\u00fcdtirols. Sie zeigen Josef, der nach der Geburt an einer Feuerstelle sitzt und f\u00fcr seine junge Familie eine Suppe kocht. Der h\u00e4usliche Josef ist im Vergleich zu Maria eine Hintergrundfigur:\u00a0 Windeln waschend, liebevoll das Kind schaukelnd, Suppe kochend. Der Dogmatikprofessor Jozef Niewiadomski weist ebenfalls zum Josefstag auf diese z\u00e4rtliche Seite seines Namenspatrons hin. Eine syrische Ikone \u00fcber die Geburt Jesu zeigt Josef, der sich liebevoll um Jesus k\u00fcmmert und ihm ein Schlaflied vorsingt. Niewiadomski dazu: Der biblische Josef habe nur eine \u201eNebenrolle\u201c gespielt, zur\u00fcckhaltend, weg vom Rampenlicht.<\/p>\n<p>In solchen Darstellungen und Interpretationen wird ein M\u00e4nnerbild vermittelt, das tats\u00e4chlich ein wichtiger Kontrapunkt zu patriarchalen Rollenzuweisungen ist, in der zu oft M\u00e4nner aktiv au\u00dfer Haus gesehen werden, fern der Kinder- und Hausarbeit. Es ist gut, in Josef ein Vorbild f\u00fcr ein neues M\u00e4nnerbild zu haben. Es braucht die M\u00e4nner, die sprichw\u00f6rtlich die &#8222;Windeln waschen&#8220;, Suppen kochen, Kinder z\u00e4rtlich in den Armen wiegen und ihnen Schlaflieder singen. Es braucht die Papas, die Papakarenz in Anspruch nehmen. Solche M\u00e4nner werden durch den h\u00e4uslich-z\u00e4rtlich-dem\u00fctigen Josef ermutigt. Diese Josefsperspektive f\u00f6rdert die notwendige Sichtweise, in der patriarchale Rollen dekonstruiert und gendergerechte Lebensweisen konstruiert werden.<\/p>\n<p>In \u00d6sterreich ist es immer noch ein kleiner Prozentsatz der V\u00e4ter, die eine Karenzzeit oder die V\u00e4terfr\u00fchkarenz (Papamonat) f\u00fcr ihre Kinder in Anspruch nehmen. Das Mindset hierzulande ist immer noch, den Frauen die Hauptverantwortung f\u00fcr ihre Neugeborenen zuzuschieben. R\u00fcckblickend auf mein Leben bin ich dankbar, dass ich selbst f\u00fcr meine Kinder solche Zeiten in Anspruch genommen habe.<\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\"><strong>2) Josef als z\u00e4rtlicher Liebhaber und Ehemann Marias<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck vergilbt ein anderes Bild des Josef. In barocken Gem\u00e4lden war es Tradition, Josef als \u201ealten Mann\u201c darzustellen, der wie ein greiser Opa das Jesuskind hegt, neben ihm die jugendliche Maria, die in Bezug auf den dargestellten Altersunterschied seine Tochter sein k\u00f6nnte. In den von der Gnosis beeinflussten apokryphen Texten des zweiten Jahrhunderts \u2013 beispielsweise dem Proto-Evangelium des Jakobus \u2013 wurde diese Interpretation erfunden. Das passt zur gnostischen und manich\u00e4ischen Tendenz, aus der Jesusgeschichte die Sexualit\u00e4t zu verbannen und gedanklich Maria in ihrer biologischen Jungfr\u00e4ulichkeit festzuschreiben. Dabei wird selbst in den Evangelien davon geschrieben, dass Josef mit Maria noch weitere Kinder hatte.<\/p>\n<p>In der erosfeindlichen Tradition des Jakobusevangeliums wurde auch die sogenannte \u201eJosefsehe\u201c erfunden. Josef soll mit Maria asexuell gelebt haben, dass sie also geschlechtlich nicht miteinander verkehrten. Dieses Muster, in dem aus der Beziehung zwischen Maria und Josef die Sexualit\u00e4t und der Eros entfernt wurden, passt zu einer sexualfeindlichen Tradition im Christentum und bedarf einer Reversion. Die Josefsgestalt darf nicht mehr dazu dienen, um \u00fcberholte Kirchengesetze wie das Z\u00f6libat oder gar eine repressive Sexualmoral zu legitimieren.<\/p>\n<p>Eros und Sexualit\u00e4t sind auch mit Blick auf Maria und Josef Kr\u00e4fte, die ein St\u00fcck des Himmels auf Erden sp\u00fcrbar werden lassen k\u00f6nnen in Freundschaften und Beziehungen. Eine \u201eJosefsehe\u201c im Sinne von sexueller Enthaltsamkeit entspricht wohl nicht der hohen Wertsch\u00e4tzung der Sexualit\u00e4t in der j\u00fcdisch-christlichen Religion, beginnend mit der Sch\u00f6pfungsgeschichte bis zur heilenden und befreienden Praxis Jesu.<\/p>\n<p>Ich stelle mir Josef heute vor als jemand, der in Mirjam verliebt war, der sie so ganz lieben konnte, wie sonst h\u00e4tte er \u2013 so auch die Botschaft der Evangelien \u2013 selbst in der \u00e4u\u00dferst schwierigen Situation einer ungeplanten und au\u00dferhalb der Konventionen erfolgten Schwangerschaft seine Verlobte unterst\u00fctzen k\u00f6nnen. Ich stelle mir Josef vor, wie er davon getr\u00e4umt hat, mit Mirjam eine gl\u00fcckliche Ehe zu f\u00fchren, in der sie mit ihren Kindern frei von den r\u00f6mischen Bedrohungen und ihren Kollaborateuren und frei von der Angst, in Schuldknechtschaft zu fallen und Hunger zu haben, leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #ff0000;\">3) Josef, Rebell und Widerstandsk\u00e4mpfer \u2013 die historisch-kritische Verortung der Josefs-Geschichte<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Die neutestamentlichen Hinweise auf Josef zeigen uns, dass wir ihn uns nicht nur mit Windeln und Kochtopf und Tischlerwinkel vorstellen d\u00fcrfen. Programmatisch wird er in beiden Kindheitsgeschichten bei Matth\u00e4us und Lukas als Davidide, als Nachfolger des K\u00f6nigs Davids bezeichnet. Das ist eine hochpolitische Ansage. Wer in der damaligen Besatzungswirklichkeit mit K\u00f6nig David in Verbindung gebracht wurde \u2013 damit ist nicht so sehr eine Blutsverwandtschaft gemeint \u2013, stand in Opposition zum Kaiser in Rom und seinen brutalen Stellvertretern im besetzten Pal\u00e4stina. Nachfolger Davids zu sein bedeutete, im Widerstand zu sein. Historisch gesehen wird diese Tatsache mehrfach unterstrichen, wenn die Codes der Kindheitsgeschichten ernst genommen werden. Josef wird ausdr\u00fccklich als jemand geschildert, der aus Nazareth in Galil\u00e4a stammt. Mit Galil\u00e4a verband man die Gegend des politischen Widerstands. Es war die Peripherie, in der Zeloten und Sikarier mit Guerillaangriffen den r\u00f6mischen Besatzungssoldaten das Leben schwer machten. Umso brutaler waren wiederum die r\u00f6mischen Repressionen. Idealtypisch wird die politische Dimension in den Kindheitsgeschichten nach Matth\u00e4us und Lukas geschildert: Josef, der mit Maria von Galil\u00e4a nach Betlehem zieht. Hier wird der politische Faden zwischen den Aufst\u00e4ndischen im Norden des Landes und der Stadt Davids gekn\u00fcpft. Josef, der mit Maria und ihrem Neugeborenen nach \u00c4gypten flieht und damit in jenes Land, wo die Wiege des politischen Aufbruchs des Volkes Israel liegt. Josef, der zur\u00fcck nach Nazareth in Galil\u00e4a geht und damit den Exodusfaden wieder aufnimmt. Die bildhafte Interpretation stellt dabei Josef als \u201eReisegef\u00e4hrt\u201c stets einen Esel zur Seite \u2013 jenes messianische Reittier, auf dem sp\u00e4ter \u201esein\u201c Sohn den Triumphzug in Jerusalem machen wird.<\/p>\n<p>Warum taucht Josef im sp\u00e4teren Leben von Jesus laut Evangelien nicht mehr auf? Vielleicht war er auch einer der M\u00e4nner, die als Widerstandsk\u00e4mpfer von den r\u00f6mischen Soldaten umgebracht wurden. Josef, der als Bauhandwerker so viel Leid in der Bev\u00f6lkerung sehen musste, so viel an Ausbeutung, an Gewalt \u2013 vor allem gegen\u00fcber Frauen: es w\u00e4re verst\u00e4ndlich gewesen, w\u00e4re er auch wie viele andere im offenen Widerstand gewesen und deswegen umgebracht worden. Der Heimatort Jesu, die kleine Stadt Nazareth, war nur wenig entfernt von Sepphoris, einer gro\u00dfen r\u00f6mischen Garnisonsstadt. Besatzungssoldaten vergewaltigten Frauen und t\u00f6teten die j\u00fcdischen M\u00e4nner. Im ganzen r\u00f6mischen Reich war vor allem das j\u00fcdische Volk aufgrund seiner Religion und Geschichte am wenigsten bereit, sich unterjochen zu lassen.<\/p>\n<p>Der Jude und Davidide Josef: Ein politischer Widerstandsk\u00e4mpfer, der sich in die H\u00f6hlen von Galil\u00e4a zur\u00fcckgezogen hatte und mehr dem Idealtypus eines sozialistischen Arbeiterf\u00fchrers entspricht, der nicht als greiser Mann im Bett stirbt, sondern die r\u00f6mische Macht herausgefordert hatte. Von ihm hat dann Jesus nicht nur das Zimmerhandwerk gelernt, sondern zugleich den Widerstandsgeist geerbt.<\/p>\n<p>Widerst\u00e4ndisch war Josef auch angesichts der Tatsache, dass Maria bereits w\u00e4hrend der Verlobung schwanger geworden ist. Das j\u00fcdische Gesetz h\u00e4tte es verlangt, seine Verlobte zu verlassen. F\u00fcr Maria h\u00e4tte es sogar das Todesurteil bedeuten k\u00f6nnen. Josef, weil er \u201egerecht\u201c war, h\u00e4lt sich nicht an den Buchstaben des Gesetzes. \u201eSein\u201c Sohn wird dann sp\u00e4ter zum Rabbi, der jedes Gesetz unter der Perspektive des barmherzigen Abba-Gottes interpretiert. In diesem Sinne wiederum war Josef ein guter Vater, der Jesus liebevoll z\u00e4rtlich aufzog, ihm die widerst\u00e4ndischen Geschichten des j\u00fcdischen Volkes erz\u00e4hlte \u2013 die Makkab\u00e4eraufst\u00e4nde d\u00fcrften wohl auch nicht zu kurz gekommen sein, mit ihm daheim und in der Synagoge betete, ihm das Handwerk lehrte aber auch die Art und Weise, politisch widerst\u00e4ndisch zu sein. Der Holz- und Steinarbeiter Josef legte ihm wohl den Traum vom Reich Gottes in die Wiege.<\/p>\n<p>Josef verorte ich daher nicht nur mit Windeln und Kochtopf, sondern ich sehe ihn wie einen Mann im legend\u00e4ren Gem\u00e4lde von Novecento. Neben ihm k\u00f6nnte Maria mit dem Jesuskind sein. Josef nicht nur mit Windeln, sondern ein Mann, der eine Greenpeace-Fahne auf dem K\u00fchlturm eines Atommeilers entrollt, der mit versteckter Kamera in die Massentierhaltungsfabriken eindringt, der auf einem NGO-Schiff Fl\u00fcchtlinge im Mittelmeer vor dem Ertrinken rettet oder als indigener Umweltaktivist den Kampf gegen die Abholzung der Regenw\u00e4lder f\u00fcr Palm\u00f6lplantagen f\u00fchrt, ein Pal\u00e4stinenser, der mit einer Spraydose auf die Unrechtsmauer des israelischen Staates \u201eFree Palestine\u201c spr\u00fcht oder eine Person, die sich einfach jeden Tag neu bem\u00fcht, gegen\u00fcber den ungerechten Systembedingungen nicht willf\u00e4hrig zu sein.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, zum Josefitag 2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Josef-Syrien-Ikone.jpg' class='thumbnail' \/>Die Verehrung des Hl. 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