{"id":4810,"date":"2020-03-23T15:54:40","date_gmt":"2020-03-23T15:54:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=4810"},"modified":"2022-08-22T07:38:18","modified_gmt":"2022-08-22T07:38:18","slug":"das-gleichnis-vom-barmherzigen-samariter-als-ermutigung-in-zeiten-der-corona-pandemie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=4810","title":{"rendered":"Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter als Ermutigung in Zeiten der Corona-Pandemie"},"content":{"rendered":"<p>Online-Materialen f\u00fcr den Religionsunterricht in Zeiten der Corona-Krise<\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\"><strong>Eine Bildinterpretation: Vincent van Gogh, Der barmherzige Samariter (1889)<\/strong><\/span><br \/>\n<img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-4811\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Barmherzige-Samariter-2.jpg\" alt=\"\" width=\"690\" height=\"866\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Barmherzige-Samariter-2.jpg 690w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Barmherzige-Samariter-2-239x300.jpg 239w\" sizes=\"(max-width: 690px) 100vw, 690px\" \/><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\"><strong>Der Maler und die Entstehung des Bildes<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Vincent van Gogh hat dieses Bild 1889 zwei Monate vor seinem Tod gemalt. Er war damals in einem psychiatrischen Krankenhaus in der Provence. Van Gogh hat dazu eine 40 Jahre alte Vorlage eines sehr bekannten Bildes von Eug\u00e8ne Delacroi verwendet und dieses Bild dann auf seine Weise neu interpretiert. Das Bild l\u00e4sst sich in die Kunstepoche des Impressionismus einordnen, die von 1860 bis 1920 dauerte.<\/p>\n<p>Dieses Bild stellt daher auch so etwas wie ein Verm\u00e4chtnis des Malers dar, ein letzter Wille sozusagen. Auch Van Gogh war bekannt f\u00fcr sein soziales Handeln und tr\u00e4gt die Z\u00fcge des barmherzigen Samariters. Gogh selbst war sehr religi\u00f6s und wollte ganz in der Nachfolge Christi leben.<\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #0000ff;\">Die Darstellung<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Der Ort, in dem Van Gogh die Szene malt, k\u00f6nnte die Wadi-Kelt-Schlucht von Jerusalem nach Jericho sein, dort, wo laut Lukasevangelium das Gleichnis verortet sein k\u00f6nnte. Es zeigt zum einen den ausgeraubten und verwundeten Juden, seine aufgebrochene Schatztruhe, den vorbeigehenden Priester und Leviten und den Samariter bei der entscheidenden Szene \u2013 er hebt m\u00fchsam den Verletzten auf sein Pferd. Die aufrichtende Kraft und die erschlaffende Last des Verletzten kontrastieren in der Mitte des Bildes.<\/p>\n<p>Van Gogh stellt also den Samariter zusammen mit dem Verletzten und dem Pferd in den Mittelpunkt des Geschehens, die zusammen eine Art Kreis bilden. Typisch f\u00fcr Gogh sind die geschwungenen Linien, die so viel Dynamik und Dramatik in das Bild bringen. Die Linien finden wir als Umrisse f\u00fcr das Gebirge, den Weg und die Wiese und sie lenken den Blick auf das Bildzentrum. Dieses wurde von Gogh gro\u00dffl\u00e4chig gemalt \u2013 sowohl das Gewand des Samariters und des Opfers sowie das Pferd. Auch dies ist ein Stilmittel, um die Aufmerksamkeit auf das Zentrum zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Der Maler verwendete vor allem helle Blau- und Gelbt\u00f6ne. Erstere wirken kalt und die Gelbt\u00f6ne eher warm. Auffallend ist also, dass das Gewand des Samariters goldgelb ist, der Weg wiederum korn-gelb. Die ge\u00f6ffnete Kiste im Hintergrund ist etwas gr\u00fcn-blau durchsetzt. Der Samariter und der verwundete Mann haben dieselbe blaue Hosenfarbe an. Der Priester und der Levit sind in Grau gehalten.<\/p>\n<p>Am wichtigsten ist aber sicherlich die K\u00f6rpersprache des Samariters. Er wird als sehr kr\u00e4ftig dargestellt. Er hebt den Verwundeten auf sein Pferd. Beim Hochheben fasst er ihn mit seiner rechten Hand an dessen linken Unterarm. Der Samariter dreht sein Gesicht dem Opfer zu, der seine Augen geschlossen hat. Der Verwundete h\u00e4ngt halb auf dem Pferd. Er st\u00fctzt sich an der Schulter des Samariters, schlingt den rechten Arm um dessen Hals, um zus\u00e4tzlich Halt zu finden, und krallt die Finger in dessen rechte Schulter. Das Gesicht des Verwundeten ist knapp vor dem des Helfers.<\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #0000ff;\">Das Bild und die Corona-Pandemie<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Van Goghs Bild \u201eBarmherziger Samariter\u201c \u00a0kann f\u00fcr uns heute eine Antwort auf die Situation zur Zeit der Corona-Pandemie sein. Der Barmherzige Samariter k\u00f6nnte ein Arzt sein, der einen an Covida-19-Erkrankten in der Intensivstation in einer Klinik in Bergamo versorgt. Aber es k\u00f6nnten noch viele andere sein: die Pflegekr\u00e4fte in den Spit\u00e4lern genauso wie die Menschen, die f\u00fcr die Versorgung mit Lebensmitteln zust\u00e4ndig sind, Mitglieder von Rettungsorganisationen oder jenen, die in den Bereichen der Gesellschaft aktiv sind, ohne die das System zusammenbrechen w\u00fcrde. Letztlich aber k\u00f6nnen wir alle in vielen Situation \u201ebarmherziger Samariter\u201c oder \u201ebarmherzige Samariterin\u201c sein \u2013 auch dort, wo wir daheim sind. Das w\u00fcrde bedeuten zu erkennen, wo braucht mich jemand, wie kann ich dort tr\u00f6sten, wo jemand weint, dort heilen, wo es eine Verwundung gibt, dort Mut zusprechen, wo sich Mutlosigkeit eingeschlichen hat.<\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #ff0000;\">Textinterpretation \u201eDer barmherzige Samariter\u201c aus dem Evangelium<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\">\u00dcberlieferung<\/span><\/p>\n<p>Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist eine der bekanntesten Erz\u00e4hlungen Jesu im Neuen Testament. Es wird nur beim Evangelisten Lukas (Lk 10,25\u201337) \u00fcberliefert. Es geh\u00f6rt also zu seinem \u201eSondergut\u201c \u2013 jener Quelle, aus der Lukas Texte bringt, die sonst kein anderer Evangelist hat.<\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\">Formale Einordnung<\/span><\/p>\n<p>Genau genommen ist es in formaler Hinsicht kein Gleichnis, sondern eine Beispielerz\u00e4hlung, weil sie eine nicht allt\u00e4gliche Begebenheit darstellt.<\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\">Kontext<\/span><\/p>\n<p>Zu Beginn dieser Erz\u00e4hlung wird von einem Schriftgelehrten an Jesus die Frage gestellt, was wichtig sei, damit das Leben gelingt. Jesus fragte zun\u00e4chst nach, was dazu in der Tora stehe. Der Schriftgelehrte zitiert das Schma Jisrael. Das ist das zentrale j\u00fcdische Glaubensbekenntnis (Dtn 6,5, Lev 19,18). Jesus betont die untrennbare Verbindung von Gottes- und N\u00e4chstenliebe, wie sie in der Tora \u00fcberliefert wird:<\/p>\n<p><em>\u201eH\u00f6re Israel, der Ewige ist Gott, der Ewige ist einzig. Gepriesen sei Gottes ruhmreiche Herrschaft immer und ewig! Darum sollst du den Ewigen, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.\u201c (Dtn 6,5)<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eDu sollst dich nicht r\u00e4chen, auch nicht Zorn halten gegen die Kinder deines Volkes. Liebe deinen N\u00e4chsten, wie du dich selbst liebst. Ich, der Ewige.\u201c (Lev 19,18)<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eDu sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen N\u00e4chsten sollst du lieben wie dich selbst.\u201c (Lk 10,27)<\/em><\/p>\n<p>Nach diesem Schriftverweis fragt der Schriftgelehrte Jesus, wer denn sein N\u00e4chster sei. Daraufhin entfaltet Jesus die Beispielerz\u00e4hlung:<\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\">Nacherz\u00e4hlung<\/span><\/p>\n<p>Ein Mann geht durch die W\u00fcste von Jerusalem nach Jericho hinunter. Dabei ger\u00e4t er unter die R\u00e4uber, die ihn auspl\u00fcndern und schwer verletzt liegen lassen. Sowohl der vor\u00fcberkommende Priester als auch der sp\u00e4ter kommende Levit ignorieren ihn. Schlie\u00dflich aber kommt der Samariter, sieht den Verletzten und erbarmt sich seiner. Er versorgt seine Wunden und transportiert ihn auf dem Reittier zur Herberge. Dort gibt er ihn in die Obhut des Wirtes. Dieser bekommt vom Samariter auch einen entsprechenden Lohn.<\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\">Der N\u00e4chste<\/span><\/p>\n<p>In der Erz\u00e4hlung geschieht ein sehr bezeichnender Perspektivenwechsel. Der Schriftgelehrte bzw. Gesetzeslehrer fragt Jesus, wer der N\u00e4chste sei. Jesus erz\u00e4hlt das Gleichnis und fragt dann aus einem anderen Blickwinkel, wer von den dreien dem \u00dcberfallenen der N\u00e4chste gewesen sei. Der Schriftgelehrte vollzieht diesen Blickwinkel und erkl\u00e4rt, dass es der Samariter gewesen sei. Der Helfende (Samariter) wird dem Bed\u00fcrftigen zum N\u00e4chsten.<\/p>\n<p>Allerdings k\u00f6nnte man auch sagen, dass der \u00dcberfallene f\u00fcr den Samariter der N\u00e4chste ist. Beide sind sich zu N\u00e4chsten geworden.<\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\">Hinweise zur Deutung<\/span><\/p>\n<p>Die besondere Pointe liegt in den 6 Personen bzw. sozialen Rollen, die in dieser Erz\u00e4hlung vorkommen. Sie repr\u00e4sentieren ganz unterschiedliche soziale und religi\u00f6se Rollen, die es zur Zeit Jesu in Pal\u00e4stina gab, die wir aber auch heute noch in unserem Leben bzw. in der Gesellschaft wiederfinden.<\/p>\n<ol>\n<li>Da ist erstens die Rolle der Priester. F\u00fcr sie galten bestimmte Reinheitsvorschriften (Gesetze). So durften sie beispielsweise nicht eine Leiche angreifen. W\u00e4re der Mann tot gewesen, so h\u00e4tte sich der Priester entweiht.\n<p>Der Priester fragt also zun\u00e4chst danach, was das Gesetz ihm sagt: Er sieht zwar die Not des \u00dcberfallenen, denkt aber daran, dass eine Hilfe nicht zum Buchstaben eines bestimmten Reinheitsgesetzes passen w\u00fcrde. So geht er vorbei.<\/li>\n<li>\u00c4hnliches galt f\u00fcr den Leviten, der auf dem Weg zum Tempel war. Auch er h\u00e4tte dann nicht mehr im Tempel dienen d\u00fcrfen, wenn er etwas Unreines angegriffen h\u00e4tte.\n<p>Auch der Levit denkt an das, was ihm wichtig ist, nicht aber an den Halbtotgeschlagenen, sein Beruf, seine Karriere \u2013 all dies steht im Vordergrund.<\/li>\n<li>\u00dcberraschenderweise ist es dann aber gerade ein Samariter, der dem \u00dcberfallenen liebevoll hilft. Samaritaner galten im j\u00fcdischen Volk selbst als Au\u00dfenseiter.\n<p>Der Samariter denkt zun\u00e4chst nicht an sich. Er fragt sich nicht, ob er vielleicht selbst durch die R\u00e4uber gef\u00e4hrdet werden k\u00f6nnte, wenn er nun helfend einschreitet. Er engagiert sich liebevoll. Bis ins Detail schildert Jesus seine Hilfe. Der Samariter handelt uneigenn\u00fctzig \u2013 aus reiner Liebe.<\/li>\n<li>Die vierte Rolle hat das Da spielt es in der Erz\u00e4hlung keine Rolle, ob das Opfer ein Jude ist oder von einer anderen Volksgruppe stammt. Ihm gilt das ganze Interesse.<\/li>\n<li>Die f\u00fcnfte Rolle hat der Wirt, der f\u00fcr die Pflege des Verletzten nun verantwortlich gemacht wird.\n<p>Wer hilft, braucht auch die Unterst\u00fctzung einer gr\u00f6\u00dferen Gemeinschaft, f\u00fcr die stellvertretend der Wirt steht. In dessen \u201eHaus\u201c wird das Opfer wieder zu Kr\u00e4ften kommen k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Nur genannt wird die sechste Gruppe von Menschen. Es sind die R\u00e4uber, die mit Gewalt einen Mann ausgeraubt und schwer verletzt haben, die Leben gef\u00e4hrden und Lebensm\u00f6glichkeiten stehlen.<\/li>\n<\/ol>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\">Gesetz und N\u00e4chstenliebe<\/span><\/p>\n<p>Jesu weist uns in diesem Gleichnis also daraufhin, wie wir handeln sollen: Es gilt, unabh\u00e4ngig von Herkunft und Nation zu sehen, wer in Not ist, wer Hilfe braucht. In diesem Sinne ist auch das Gesetz zu interpretieren. Die Rechte von Notleidenden stehen \u00fcber gesetzlichen Bestimmungen. Mit dem Hinweis, dass es gerade die Vertreter des Gesetzes und der religi\u00f6sen Elite sind, die gegen die N\u00e4chstenliebe handeln, wird die Herrschaftskritik Jesu deutlich.<\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\">Anwendung auf heutige Situation angesichts von Corona \u201eSchau auf dich, schau auf mich\u201c<\/span><\/p>\n<p>In einer Krise wie der Corona-Pandemie k\u00f6nnen wir darauf achten, wo und wie die sechs Akteure vorkommen, die in der Beispielerz\u00e4hlung vom Barmherzigen Samariter protoypisch erw\u00e4hnt werden. Die Rolle des Priesters und des Leviten, die wegschauen und vorbeigehen? Die Rolle des Samariters, der uneigenn\u00fctzig hilft? Die Rolle des Wirten, der diese Hilfe weiterf\u00fchrt? Oder die Rolle der R\u00e4uber, die Leben gef\u00e4hrden und nehmen. Wo die N\u00e4chstenliebe liegt, ist in dieser Situation von Corona leicht zu beantworten.<\/p>\n<p><strong>Klaus Heidegger, Online-Materialen f\u00fcr den Religionsunterricht in Zeiten der Corona-Krise, <a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\">www.klaus-heidegger.at<\/a>, <a href=\"mailto:klaus.heidegger@aon.at\">klaus.heidegger@aon.at<\/a>, 23.3.2020<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Barmherzige-Samariter-2.jpg' class='thumbnail' \/>Online-Materialen f\u00fcr den Religionsunterricht in Zeiten der Corona-Krise Eine Bildinterpretation: Vincent van Gogh, Der barmherzige Samariter (1889) Der Maler und die Entstehung des Bildes Vincent van Gogh hat dieses Bild 1889 zwei Monate vor seinem Tod gemalt. Er war damals in einem psychiatrischen Krankenhaus in der Provence. 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