{"id":5181,"date":"2020-05-25T08:46:47","date_gmt":"2020-05-25T08:46:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=5181"},"modified":"2022-08-22T07:38:17","modified_gmt":"2022-08-22T07:38:17","slug":"pfingsten-als-konkrete-eutopie-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=5181","title":{"rendered":"Pfingsten als konkrete Eutopie"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-5185\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Nolde-Pfingsten-1.png\" alt=\"\" width=\"532\" height=\"292\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Nolde-Pfingsten-1.png 532w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Nolde-Pfingsten-1-300x165.png 300w\" sizes=\"(max-width: 532px) 100vw, 532px\" \/><\/p>\n<p>Eine historisch-kritische und materialistische Exegese der biblischen Pfingsttexte und ihre Anwendung auf das Hier und Heute (Apostelgeschichte 2,1-11 und Johannes 20,19-33).<\/p>\n<p><strong>Das Pfingstwunder in der Bibel<\/strong><\/p>\n<p>Unglaubliches, Unfassbares ist geschehen. In der Hauptstadt Jud\u00e4as. In Jerusalem. Zur Zeit der Weltherrschaft des Kaisers Tiberius, etwas mehr als 50 Tage, nachdem Jesus von Nazareth als Rebell und Aufr\u00fchrer auf grausame Weise hingerichtet worden war, 50 Tage, nachdem Christus erstmals seinen J\u00fcngerinnen und J\u00fcngern als Auferstandener begegnet war. Was ist geschehen?<\/p>\n<p>Immer noch geschockt von den Ereignissen sitzen die Personen, die in der griechischen Sprache des Neuen Testaments \u201emathetoi\u201c, n\u00e4mlich Lernende, genannt wurden, hinter verschlossenen T\u00fcren zusammen. Sie wissen, weil sie es selbst erfahren haben: Jesus ist auferstanden. Jesus ist ihnen auch schon erschienen. Auferstanden in ihren K\u00f6pfen und Herzen, in ihrem gemeinsamen Mahlhalten, im Einstehen f\u00fcreinander. Ihre Angst ist damit nicht gewichen. Der Schock \u00fcber Jesu Hinrichtung sitzt ihnen tief in den Knochen. Die Exekution war von \u00e4u\u00dferster Brutalit\u00e4t, typisch f\u00fcr die r\u00f6mischen Besatzungstruppen, die das Land mit solchen Ma\u00dfnahmen unter Kontrolle hielten. Abertausende sind von den r\u00f6mischen Soldaten gekreuzigt worden; j\u00fcdische M\u00e4dchen und Frauen sind missbraucht oder als Sklavinnen verkauft worden. Jene, die mit Jesus gezogen sind, waren auch am Tag des j\u00fcdischen Erntedankfestes h\u00f6chst gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p>Da hocken sie nun in einem armseligen Haus in Jerusalem zusammen. Wir kennen einige ihrer Namen. Es sind durchwegs Leute der Unterschicht. Da ist Bartim\u00e4us. Als blinder Bettler hatte ihn Jesus in die Nachfolge berufen. Weit unter dem Existenzminimum hatte er gelebt. Ein Marginalisierter. Da \u00a0sind der Bruder von Jesus, Jakobus, sowie die S\u00f6hne des Zebed\u00e4us, und nat\u00fcrlich Petrus und Andreas, ehemals Fischer aus dem Norden des Landes. Und nat\u00fcrlich sind da auch die Frauen, die Galil\u00e4erin Maria von Magdala, eine besondere Gef\u00e4hrtin von Jesus, und da sind Maria und Martha aus Betanien, Maria, die Mutter Jesu, und noch viele andere. Sie alle waren ohne Sozialprestige, ohne gesellschaftliches Ansehen, ohne materielle Sicherheiten. Sie kannten die Not in Pal\u00e4stina aus eigener Erfahrung und als Betroffene. Sie wussten von der groben Ungerechtigkeit. Die Botschaft ihres Meisters \u00f6ffnete ihnen die Augen, um die Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse zu durchschauen. Sie tr\u00e4umten zugleich von einem messianischen Gottesreich, in dem \u2013 wie es Maria so wunderbar besang \u2013 die Herrschenden vom Thron gest\u00fcrzt, die Habenichtse aber emporgehoben w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Wer solche Tr\u00e4ume und politischen Ziele hatte, galt als gef\u00e4hrlich. Jeden Moment mussten sie damit rechnen, dass sie ebenfalls wie Jesus als \u201eRevoluzzer\u201c und Unruhestifter verurteilt werden k\u00f6nnten. Kein Wunder also, dass sie vorsichtig waren und sich nicht hinauswagten.<\/p>\n<p><strong>Pfingsten als Mut zum Aufbruch<\/strong><\/p>\n<p>Da aber geschieht das Unerwartete. Da ereignet sich Pfingsten, in diese Situation von Verzagtheit und Angst und Furcht hinein. Verzagtheit wird durch Mut ersetzt, Angst durch Zuversicht und Furcht durch Furchtlosigkeit abgel\u00f6st. Das ist Pfingsten. Das ist die Gabe des Geistes. Die Konsequenzen sind un\u00fcbersehbar. So pl\u00f6tzlich streifen die J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger ihre \u00c4ngste ab. Sie haben ihre Furcht vergessen. Die einfachen B\u00e4uerinnen und Bauern aus Galil\u00e4a, die von der Jerusalemer Stadtbev\u00f6lkerung absch\u00e4tzig als ungebildet, als dumm, als unzivilisiert, als unrein betrachtet wurden, kaum w\u00fcrdig f\u00fcr das Wort Gottes, diese Menschen entwickeln pl\u00f6tzlich ein enormes Selbstvertrauen. Weit machen sie nun die T\u00fcren auf. Furchtlos treten sie vor die anderen Menschen, die wegen des Festes so zahlreich in Jerusalem waren. Diese M\u00e4nner und Frauen aus der Unterschicht Pal\u00e4stinas wagen den Aufbruch. Stellvertretend f\u00fcr die anderen, so k\u00f6nnten wir jetzt in der Apostelgeschichte weiterlesen, tritt dann Petrus unerschrocken vor die Menge. Er wagt es sogar, sich auf den Propheten Joel zu beziehen, und spricht vom Anbruch des messianischen Reiches, das ist nichts weniger als eine soziale und politische Revolution, die die Verh\u00e4ltnisse v\u00f6llig umgestaltet.<\/p>\n<p><strong>Pfingsten als konkrete Eutopie<\/strong><\/p>\n<p>Alles blo\u00df eine Utopie? Eine charismatische Schw\u00e4rmerei? Sind die J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger da blo\u00df ausgeflippt? Wir m\u00fcssen in der Apostelgeschichte weiter lesen, dann erfahren wir die unmittelbaren Auswirkungen von Pfingsten. Die handgreiflichen Wirkungen.<\/p>\n<p>Der Geist Jesu bewirkt, dass Menschen Mut bekommen und die Nachfolge Jesu wagen k\u00f6nnen und so die enorme Zuversicht erfahren, in die Fu\u00dfstapfen Jesu zu treten. Der Geist Jesu bewirkt, dass sich die einzelnen zugleich in Gemeinschaften zusammentun. Deswegen ist Pfingsten der Geburtstag der Kirche und aller Widerstandsgemeinschaften f\u00fcr gelebte Utopien. Der Geist Jesu bestimmt weiters die Art und Weise, wie die ersten Christinnen und Christen ihr Gemeindeleben gestalten: Diese Menschen in den urchristlichen Gemeinden, so schreibt Lukas, waren \u201eein Herz und eine Seele\u201c. In die Kirche gehen, Christ oder Christin sein, das war nicht eine blo\u00df geistige Sache, ein sch\u00f6nes Wort, ein positives Feeling. Es war f\u00fcr sie\u00a0 durch und durch handfest. Das hatte praktische materielle Konsequenzen.<\/p>\n<p>So sind das Pfingstwunder und die Gabe des Geistes: Menschen werden bef\u00e4higt zur G\u00fctergemeinschaft. Sie haben alles gemeinsam. Manche sprechen auch von einem \u201eUrkommunismus\u201c. Das Wunder dieser \u00f6konomischen Ordnung stellt sich sofort ein, wie wir in der Apostelgeschichte nachlesen k\u00f6nnten: Niemand unter ihnen litt Not, jeder und jede hatte das, was er und sie n\u00f6tig hatte. Es ereignet sich ein sozialpolitisches Pfingstwunder. So erweist sich Pfingsten als soziale Revolution. Gerade in einer extremen Notsituation, in der die ersten christlichen Gemeinden waren, wiederholt sich das, was Jesus bereits in den Brotwundern zeigte: In Gemeinschaften, die sich am Prinzip des Teilens orientieren, werden die sozialen Spannungen aufgehoben. Das bedeutet, dass es keine Menschen mehr gibt, denen die Grundbed\u00fcrfnisse versagt bleiben. Die Gabe des Geistes ist daher die F\u00e4higkeit, eine Gesellschaft und eine Wirtschaft so zu gestalten, dass niemand mehr Not leidet und die Grundbed\u00fcrfnisse aller Menschen erf\u00fcllt werden.<\/p>\n<p><strong>Pfingstwunder im Heute<\/strong><\/p>\n<p>Weit sind wir heute von solcher pfingstlicher Utopie entfernt! Im Gefolge der Corona-Krise sind noch nie so viele Menschen in Arbeitslosigkeit geraten wie heute. Pfingstliches Teilen w\u00e4re auch ein Teilen von Erwerbsarbeitszeit. Die Zahl jener Menschen, die in prek\u00e4re Lebenssituationen geraten sind, hat zugenommen. Organisationen warnen mit Blick auf die L\u00e4nder des S\u00fcdens vor einem massenhaften Ansteigen der extremen Armut. Hunderttausende Fl\u00fcchtlinge vegetieren in Fl\u00fcchtlingslagern. Zugleich steigen die Ausgaben f\u00fcr milit\u00e4rische G\u00fcter und Ma\u00dfnahmen. Pfingstwunder w\u00e4re, wenn sich Regierungsvertreter nicht stolz Seite an Seite mit Soldaten vor geschlossenen Grenzen f\u00fcr Imagefotos positionieren w\u00fcrden, sondern pfingstlich die T\u00fcren f\u00fcr Schutzbed\u00fcrftige ge\u00f6ffnet w\u00fcrden. Pfingstwunder im globalen Dorf w\u00e4re eine Abkehr von den destruktiven Kr\u00e4ften des Kapitalismus.<\/p>\n<p>Daher der pfingstliche Himmelsruf: M\u00f6ge die Geistkraft wie ein Wirbelwind die zerst\u00f6rerischen Mechanismen unserer Wirtschaftsordnung ver\u00e4ndern. M\u00f6ge die Geistkraft wie ein sanfter Windhauch uns zum Teilen bef\u00e4higen. M\u00f6ge der g\u00f6ttliche Beistand uns mit Feuerzungen Mut zu Visionen geben, damit wir unsere Furcht und Angst \u00fcberwinden k\u00f6nnen. M\u00f6ge der Geist uns zu Geschwistern machen. M\u00f6ge uns der pfingstliche Geist die Furcht nehmen, so dass Feindschaften in Freundschaften verwandelt werden.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\">Aufgaben f\u00fcr meine Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler:<\/span><\/p>\n<ol>\n<li><span style=\"color: #ff0000;\">Lies genau diesen Text &#8211; unterstreiche dabei ein paar Dinge &#8211; maximal 10 &#8211; die dir wesentlich sind. Fasse einige wesentliche Punkte zusammen.<\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #ff0000;\">Beschreibe\u00a0die Situation der ersten J\u00fcnger und J\u00fcngerinnen nach dem Tod Jesu.<\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #ff0000;\">Zeige auf, welche Ver\u00e4nderungen bei ihnen durch das Pfingstwunder eingetreten sind.<\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #ff0000;\">Erkl\u00e4re, wodurch\u00a0 das Pfingstwunder handgreiflich und sp\u00fcrbar wird.<\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #ff0000;\">Nimm Stellung zur Frage, wo und wie heute ein Pfingstwunder geschehen k\u00f6nnte.<\/span><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Nolde-Pfingsten-1.png' class='thumbnail' \/>&nbsp; Eine historisch-kritische und materialistische Exegese der biblischen Pfingsttexte und ihre Anwendung auf das Hier und Heute (Apostelgeschichte 2,1-11 und Johannes 20,19-33). 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